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14/04/2015

MICHAL KOSAKOWSKI ÜBER DAS FILMPOLSKA-FESTIVAL UND GERMAN ANGST

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Copyright: A. Wunstorf

Anlässlich des vom 22.–29.04. in Berlin stattfindenden filmPOLSKA-Festivals, das dieses Jahr eine eigene polnische Horrorreihe präsentiert, haben wir uns mit dem polnischstämmigen, in Berlin lebenden GERMAN ANGST-Regisseur Michal Kosakowski über Wurzeln und Zugehörigkeit, Vergangenheit und Gegenwart unterhalten.
Mehr Infos über das Festival und das Programm findet ihr hier:

www.filmpolska.de

https://www.facebook.com/filmpolska.berlin

 

DEADLINE: Hallo Michal. Du bist ja gerade sehr viel auf Tournee mit deinem Film GERMAN ANGST, über den wir schon so ausführlich berichtet haben, dass wir es bei dieser Gelegenheit einfach mal bei einem Hinweis belassen. Du hast polnische Wurzeln, und auch deine Geschichte dreht sich wortwörtlich um Polen. Was bedeutet es für dich, mit diesem Film auf einem ganz dem polnischen Film gewidmeten Festival zu sein?

 

Michal: Es ist spannend, auf einem polnischen Filmfestival in Berlin dabei zu sein, da ja GERMAN ANGST fast zur Gänze in Berlin (und ein Teil meiner Episode MAKE A WISH im Warschauer Nationalpark) gedreht wurde. Ich selbst bin polnischer Staatsbürger, bin aber während meines 10. Lebensjahrs nach Wien gezogen und sehe diese Stadt mehr oder weniger als den Ort an, an dem ich meine ersten Filmerfahrungen als Regisseur und Produzent gesammelt habe. Nun, heute lebe ich seit mehr als 10 Jahren in Deutschland und nun seit mehr als 4 Jahren in Berlin, und durch die Nähe zu meiner Heimatstadt Szczecin (Stettin), ungefähr 120 km von Berlin entfernt, und aufgrund der aufregenden und historisch gesehen einmaligen Geschichte dieser Stadt fühle ich mich sehr wohl. Kulturell genauso wie in meinem Arbeitsumfeld.

Was meine Episode betrifft, da bin ich schon sehr froh, dass ich die besondere Möglichkeit habe, beim filmPOLSKA dabei zu sein. Auch aus dem Grund, dass hier in Berlin eine große polnische Community existiert. Es geht ja auch in meiner Episode, um es jetzt banal auszudrücken, um das deutsch-polnische Verhältnis, wie ich es sehe und welche historischen Ereignisse diese beiden Länder unweigerlich miteinander verbindet und welche Probleme aus meiner Sicht nach wie vor zwischen den beiden Ländern existieren. Wie die polnische Community diesen Film aufnehmen wird, darauf freue ich mich sehr.
Die Möglichkeit, das Thema der Fremdenfeindlichkeit/des Nationalsozialismus mit einem Anthologie-Horrorfilm zu verbinden, war mir wichtig. Auch aus dem Grund, dass bekannterweise in der NS-Zeit jegliche Horrorfilmproduktionen verboten wurden. Denn man darf nicht vergessen, dass die Pioniere des Horrorfilms aus den 20er-Jahren aus Deutschland kamen. Ich wollte einen Bezug zu dieser Zeit aufbauen und meine Aussage und Sichtweise in dieses Genre verpacken. Im Zusammenhang mit den beiden anderen Episoden von Jörg Buttgereit und Andreas Marschall ist MAKE A WISH auch eine schöne Variante meiner polnischen Sichtweise auf den Begriff GERMAN ANGST, die stark durch meine Sozialisierung in Österreich und Deutschland gekennzeichnet ist.

 

DEADLINE: Und wie wohl fühlst du dich mit GERMAN ANGST in der Umgebung anderer ausschließlich polnischer Filme, die auch alle im weitesten Sinne dem Horrorgenre zugehörig sind?

 

Michal: Das ist natürlich toll. Polen als Filmland hat viele meiner Lieblingsfilme hervorgebracht (fast alle Kieslowski-Filme, Polanski-Filme und natürlich die wunderbaren Genrefilme von Piotr Szulkin (O-BI, O-BA, KONIEC CYWILIZACJI, WOJNA SWIATOW oder GA, GA CHWALA BOHATEROM)). Obwohl viele Filme von Polanski, Kieslowski oder Zulawski im Ausland gedreht wurden, tragen sie den polnischen Zeitgeist in sich wie keine anderen Filme. Das Horrorgenre in Polen ist vielleicht nicht vielen bekannt, auch den Polen selbst nicht, aber dafür sind einige dieser wenigen Werke würdige Vertreter ihrer Zeit. GERMAN ANGST ist sozusagen so ein Exil-Werk von mir. In Deutschland gedreht, aber mit polnischer Seele und Standhaftigkeit. :)

Plakat filmPOLSKA

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DEADLINE: Auch dein Erstlingswerk ZERO KILLED wird gezeigt, das ja eigentlich eine Doku ist. Wo siehst du die Schnittstelle zum sonst eindeutig fiktionalen Schwerpunkt der Festivalreihe?

 

Michal: ZERO KILLED entstand aus der Videoinstallation FORTYNINE, die ich gemeinsam mit Künstlerin und Kuratorin Uli Aigner in der Städtischen Kunsthalle München Lothringer 13 im Jahr 2007 uraufgeführt habe. Darin habe ich 49 Kurzfilme präsentiert, die ich seit 1996 mit über 160 Personen realisiert habe. Ich habe Menschen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und Ländern nach ihren Mordfantasien befragt und dann diese Fantasien mit den befragten Personen selbst als Täter- oder Opferdarsteller in Form von Kurzfilmen umgesetzt. Also der Banker, der einmal einen Massenmord begehen wollte, oder eine Schullehrerin, die mal erforschen wollte, wie ein Auftragsmord durchgeführt wird. Diese 49 Kurzfilme wurden dann in der Videoinstallation in einem komplett verspiegelten Kubus gleichzeitig gezeigt. Somit konnte der Zuschauer diese Filme gleichzeitig und sich sozusagen selbst integriert in das Filmgeschehen als Spiegelbild betrachten. Ich wollte aber mit diesem Projekt weiter experimentieren, und von 2007 bis 2011 bat ich die befragten Personen wieder vor die Kamera, und ich führte ausführliche Interviews zu unterschiedlichen Themen wie Todesstrafe, häusliche Gewalt, Selbstmord, Terrorismus, Krieg, Folter usw. Aus insgesamt 70 Stunden Interviewmaterial gemischt mit den zuvor gedrehten Kurzfilmen entstand der Film ZERO KILLED. Somit ist der Film im Grunde eine Mischform aus Dokumentar- und Spielfilm, in dem den von den befragten Personen durchgespielten Morden ihren eigenen Reflexionen zum Thema Gewalt gegenübergestellt werden. Die Schnittstelle zur Fiktion ergibt sich aus dem experimentellen Charakter des Films und kann auf unterschiedliche Art und Weise interpretiert werden. Dadurch werden die Sehgewohnheiten des Zuschauers auf die Probe gestellt, und man bekommt die Möglichkeit, sich mit dem Thema Fiktion und Realität in Bezug auf die heute mediale Bildwahrnehmung auseinanderzusetzen.

 

DEADLINE: Kennst du alle auf dem Festival laufenden Beiträge? Gab es darunter einen, der dich womöglich als Kind geprägt hat?

 

Michal: Ich kenne LOKIS und natürlich POSSESSION, den ich aber erst Anfang 2000 zum ersten Mal gesehen habe. Als Kind wurde ich eher geprägt durch die japanischen Godzilla- und Gamerafilme, die ich gemeinsam mit meinem Bruder und meiner Mutter während der Sonntags-Matineen im ältesten noch bespielten Kino der Welt (!!!!), “Kino Pioneer” in Stettin, in den 80er-Jahren gesehen habe. (Anm.: http://de.wikipedia.org/wiki/Kino_Pionier_1909)

 

DEADLINE: Unter den Festivalbeiträgen finden sich viele unvergessene Klassiker. Wie bedeutsam ist dieses Kulturgut noch für den polnischen Genrefilm, der schon lange nichts mehr von sich hat hören lassen?

 

Michal: Die Bedeutung dieser wenigen Klassiker ist sicherlich heute stärker im Bewusstsein der Polen verankert, als es noch vor dem Zusammensturz des Kommunismus der Fall war. Heute werden viele dieser Klassiker liebevoll und oft restauriert auf DVD/Blu-ray herausgebracht (https://www.inbook.pl/p/s/318906/filmy/inne/horrory-zestaw-3-filmow?lkst=29993&rdir=we), und der Zuschauer hat die uneingeschränkte Möglichkeit, herauszufinden, welche tollen Genreperlen damals in Polen produziert wurden und vor allem unter welchen Bedingungen diese Filme entstanden sind. Oft waren die Filme wie z.B. die von Piotr Szulkin so geschickt konstruiert, dass es für die polnische Zensur sehr schwierig war, die versteckten Messages, die gegen das kommunistische Regime in Polen gerichtet waren, zu dechiffrieren. Auch die aktuelleren Produktionen aus Polen sind wahre Meisterwerke. Filme wie der kürzlich mit dem Auslands-Oscar prämierte Film IDA zeigen, welches Potenzial in der polnischen Filmkunst steckt und dass die polnische Gesellschaft sich langsam an die eigenen Tabuthemen heranwagt und einen Diskurs darüber beginnt.

 

DEADLINE: Worauf freust du dich besonders auf dem Festival?

 

Michal: Auf den Film MEDIUM von Jacek Koprowicz von 1985, weil dieser Film einfach auf der großen Leinwand gesehen werden muss. Ein absoluter Geheimtipp.

 

Das Interview führte Yazid Benfeghoul.