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08/11/2017

DEADLINE PRÄSENTIERT DEN NETZKINO FILM DES MONATS: CALVAIRE

Calvaire Header

Auf www.netzkino.de und dem Netzkino Youtube Channel könnt ihr Spielfilme, Serien und TV-Filme in voller Länge anschauen. Gemeinsam präsentieren wir euch im November mit CALVAIRE eine Allegorie der Folter und des Psychoterrors.

 

Über den Link gelangt ihr direkt zum Film:
CALVAIRE auf netzkino.de anschauen

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MARTYRIUM
(OT: CALVAIRE –TORTUR DES WAHNSINNS / THE ORDEAL)
Regie: Fabrice du Welz / Frankreich 2004 / 88 Min.
Darsteller: Laurent Lucas, Jackie Berroyer, Philippe Nahon, Jean-Luc Couchard, Brigitte Lahaie
Produktion: Michael Gentile, Eddy Géradon-Luyckx, Vincent Tavier

 

Kritiker als auch Fans sind sich einig: MARTYRIUM aka CALVAIRE ist in jeder Hinsicht verstörend. Dieses Werk ist für jeden Anhänger des kontroversen Kinos Pflicht, egal welchen Eindruck der Erstling von Regisseur Fabrice du Welz am Ende hinterlässt. Sicher ist jedoch, dass er definitiv einen hinterlassen wird. 2004 veröffentlicht, wurde CALVAIRE oft in einem Atemzug mit HIGH TENSION als typischer Vertreter des europäischen Terrorkinos genannt. Bezüglich Intention, Inszenierung, Verlauf und Bildästhetik sind beide Streifen jedoch zunächst einmal grundverschieden. 

 

CALVAIRE nimmt sich Zeit, um seine Kraft zu entfalten, und obwohl es dann mächtig und kompromisslos zur Sache geht, ist es kein Film der blutigen Special Effects und eindimensionalen Gewaltdarstellung. Du Welz zitiert seine Einflüsse wie Hitchcock und Tobe Hooper ausführlich und unmissverständlich, mit vielschichtigen, ungewöhnlichen Bildern und Einstellungen, die zum Interpretieren einladen. Auch formale Kuriositäten wie satte Farbfilter, das Fehlen eines Soundtracks oder eher verwirrende als auflösende Plottwists fordern in einer sehr unkonventionellen Art und Weise. 
 

Beginnend mit einer an WRONG TURN angelegten Backwoods-Szenerie manipuliert der Film den Zuschauer immer unbarmherziger und zwingender in eine Allegorie der Folter und des Psychoterrors, die eben nicht mit plakativer Brutalität daherpoltert. Die Umwandlung und Züchtigung des sympathischen Hauptcharakters Laurent Lucas durch den nicht minder faszinierend-beängstigenden Jacky Berroyer zum Objekt seiner wahnsinnigen Begierde inmitten einer Umgebung belgischer Rednecks, die mit ihrem Verhalten aber auch jede erwartete Klischeehandlung ab absurdum führen, erinnert an die Gemälde von Hieronymus Bosch. Da wird sodomiert, irre getanzt und besessen nach dem nicht mehr Existenten gesucht – welches vielleicht niemals existiert hat. Stetig kulminiert das Motiv der leisen Suspense bis zur religiösen Thematik der Passion Christi mit dem Leiden, der Entmenschlichung durch körperliche Veränderung und Verstümmelung bis hin zur Kreuzigung.

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Ein Kalvarienberg in den belgischen Wäldern. Aber jeden sich jetzt die Lippen leckenden Torture-Porn-Freak muss ich enttäuschen: Es gibt keine Gelegenheit für spektakuläre Aufschreie ob der gängigen pseudograusamen Umsetzung des eben Beschriebenen oder brutale Rachetaten des bis ans Äußerste gepeinigten „Helden“, und genau das ist das Perfide. Fabrice du Welz sucht sich mit seiner Geschichte einen unauffälligen Weg in das Unterbewusstsein von uns und zündet dort seine gut kaschierten emotionalen Splittergranaten, und die lassen die vielen kleinen Wunden erst im Nachhinein wehtun. Im Endeffekt bleibt dieses Werk so undurchdringlich wie das zu Anfang gespiegelte Geäst der belgischen Wälder auf Laurents Windschutzscheibe seines versagenden Vehikels; dort wird er sich mit dem Betrachter verlieren, in einem Labyrinth aus vielen Möglichkeiten, die alle irgendwo hinführen können. Ein Film, der kompromisslos auf die Wirkung der außergewöhnlich in Szene gesetzten Bilder und die damit verbundenen furchtbaren Assoziationen des Einzelnen setzt. Er heizt die dunkle Fantasie in uns allen an und bietet keine gängige versöhnende Auflösung.  Sehr ungewohnt und deshalb so kontrovers diskutiert. Eine wertvolle schaurige Erfahrung, der man sich mit vielen Ansätzen stellen darf – wie man es bei einem dornengekrönten Kunstwerk tun sollte. (Frank Karsten Scheidt)

 

Herausragend