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24/12/2016

ASSASSIN`S CREED

Regie: Justin Kurzel / USA, Frankreich, UK, Hongkong 2016 / 108 Min.

Darsteller: Michael Fassbender, Marion Cotillard, Jeremy Irons, Brendan Gleeson, Khalid Abdalla, Michael K. Williams, Ariane Label, Octavia-Selena Alexandru

Produktion: Arnon Milchan, Frank Marshall, Jean-Julien Baronen, Didier Kupfer, Michael Fassbender, Conor McCaughan, Pat Crowley

Freigabe: FSK 16

Verleih: 20th Century Fox

Kinostart: 27.12.2016

 

Mit der Action-Adventure-Serie ASSASSIN’S CREED haben die Ubisoft-Studios seit 2007 mit zahlreichen Hauptspielen und Ablegern einen eindrucksvollen Computerspielkosmos erschaffen. In den offenen Welten der einzelnen Ausgaben taucht der Spieler in gigantische, detailreiche Landschaften historischer Schauplätze verschiedener Jahrhunderte ein: das Heilige Land zur Zeit des Dritten Kreuzzugs, die italienische Renaissance, den Siebenjährigen Krieg in Nordamerika, die Karibik im 18. Jahrhundert, die Französische Revolution in Paris, das viktorianische Zeitalter in London oder zuletzt die Oktoberrevolution in Russland. Die Erzählungen und Wege durch all diese stundenlangen Abenteuer bieten bereits Stoff für unzählige Filme unterschiedlicher Genres. Auch wenn man sich diesen historischen Sci-Fi-Reisen nicht selbst mit einem Controller in der Hand hingeben möchte, so vermitteln die vielen kommentierten Let’s Plays im Netz einen Eindruck davon, welchen Sog das gewaltige ASSASSIN’S CREED-Universum nicht nur für den aktiven Gamer, sondern auch für den passiven Zuschauer entfalten kann. Die Herausforderung einer jeden Computerspieladaption besteht nun immer schon darin, für diese umfassende, unbeschreibliche Spielerfahrung eine möglichst adäquate Form zu finden, welche in der verhältnismäßig unzureichend kurzen Dauer eines Spielfilms bestenfalls sowohl die Erwartungen der spielenden wie der nicht spielenden Kinogänger erfüllt.

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Die erste filmische Adaption von ASSASSIN’S CREED setzt für diesen gemeinsamen Nenner bei einer sehr grundlegenden Geschichte an. Wenn dieser Film der Beginn einer Reihe von Sequels ist, dann wird sich der Plot für viele Fans der Serie sicherlich wie eine Art Tutorial anfühlen, das in den ewigen Hauptkonflikt zwischen Assassinen und Templern einführt.

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Der Film startet in den 1980er-Jahren. Der junge Callum Lynch (Angus Brown) wird durch eine unklare Bedrohung von seinen Eltern getrennt und muss sich als Waise durchs Leben schlagen. Dreißig Jahre später sitzt der erwachsene Callum (Michael Fassbender) aufgrund seiner gewalttätigen, kriminellen Karriere in unserer Gegenwart im Gefängnis und soll durch eine Todesspritze hingerichtet werden. Als er jedoch nach der eigentlich letalen Injektion wieder erwacht, bekommt er von der Wissenschaftlerin Sofia (Marion Cotillard) mitgeteilt, dass er sich in einer hochmodernen Forschungseinrichtung von Abstergo Industries in Madrid befindet. Sofia und ihr Vater Rikkin (Jeremy Irons), die dem Templerorden angehören, zwingen Callum zur Teilnahme am Animus-Projekt, in welchem durch Zugriff auf sein Erbgut das Leben seines Vorfahren Aguilar de Nerha (Michael Fassbender) als virtuelle Projektion visualisiert werden kann.

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Dies gelingt duch ein futuristisches Computersystem mit einem in alle Richtungen beweglichen Greifarm, durch welchen die genetischen Erinnerungen Callums direkt am Hinterkopf angezapft werden. Auf diese Weise kann Callums Gehirn mit dem Körper des Assassinen Aguilar synchronisiert werden, wodurch der Nachfahre in actiongeladene Ereignisse zur Zeit der Spanischen Inquisition im Andalusien des 15. Jahrhunderts eintaucht. Als Auftragsmörder versuchte Aguilar einst an den sogenannten Edenapfel zu gelangen, der den genetischen Code für den freien Willen enthält; ein mächtiges Artefakt, das dem Besitzer die Kontrolle über den Willen der Menschheit und somit über Gewalt und Frieden erlaubt – und an dessen unbekannten Aufenthaltsort Sofia und ihr Vater Rikkin zum Wohle des Templerordens brennend interessiert sind.

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Der Animus der ASSASSIN’S CREED-Serie (der im Spiel in einer anderen Form auftaucht) ist zweifellos eine sehr geistreiche Erfindung, spiegelt sich in dieser Maschine doch die grundlegende Situation des Computerspielers wider, der sich in eine Aneinanderreihung von Handlungen und Gesten begibt, die er oft trotz der weiten, offenen Welten nicht wirklich beinflussen und nur nacherleben kann und mit denen er sich bestmöglich synchronisieren muss, um Missionen und Level erfolgreich zu beenden. Diese Möglichkeiten bzw. Unmöglichkeiten von freien Entscheidungen des Gamers hat das Spiel THE STANLEY PARABLE (2013) auf beengende wie humorvolle Weise reflektiert, und so steht der Protagonist Callum letztlich auch vor der Aufgabe, trotz der Unumkehrbarkeit der geschichtlichen Begebenheiten seines DNA-Gedächtnisses seinen eigenen Willen zu entdecken, um der Gefangenschaft zu entkommen.

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Dem Film tat es sicherlich gut, dass Regisseur Justin Kurzel und Schauspieler-Produzent Michael Fassbender, die bereits mit MACBETH (2015) eine sehenswerte Shakespeare-Verfilmung vorgelegt haben, von den Ubisoft-Studios die Erlaubnis erhielten, ihre freien Willen und persönliche ästhetische Vorstellungen zu verwirklichen. Kurzels eigener Stil ist im spanischen Setting sehr prägnant und zeichnet sich durch stimmungsvoll ausgearbeitete Schauplätze aus, die texturreich von Licht, Rauch oder Feuer durchzogen werden und auch in 3D eine sehenswerte Atmosphäre entstehen lassen. Höhepunkte (im Sinne des Wortes) sind neben den aus dem Spiel bekannten Ansichten aus der Adlerperspektive vor allem die rasanten Verfolgungsjagden über die Dächer und Türme Madrids, bei denen Parkour-Fans wie Liebhaber des Ubisoft-Todessprungs gewiss nicht enttäuscht werden.

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Bei all dem Klettern, Zeitreisen und Erdolchen fühlt man sich zeitweise an eine vorhergehende Verfilmung eines Ubisoft-Spiels erinnert: PRINCE OF PERSIA: THE SANDS OF TIME (Mike Newell, 2010). Doch während diese Dolch-Sand-Legende eher wie die Adaption einer Geschichte eines Computerspiels anmutet, scheint ASSASSIN’S CREED eine entschlossenere Spielverfilmung, da sich Kurzel überwiegend auf fesselnde wie fließende Kampfchoreografien konzentriert hat, die zeigen, dass der durchtrainierte Fassbender nicht nur ein guter Charakterdarsteller ist, sondern auch durch eine athletische Körperlichkeit überzeugen kann.

Letzlich hält der Film alle narrativen Optionen für ein Sequel offen. Und so darf man gespannt sein, in welcher genetischen Vergangenheit, in welchem Land und in welchem Jahrhundert der Assassin Cullum sich das nächste Mal in die Tiefen stürzen wird. Das Motto der Assassinen ist auch der Slogan für die kommenden Filme: Nichts ist wahr, alles ist erlaubt.

(Martin Martin Schlesinger)

 

 

Unterhaltsame und ästhetisch ansprechende Computerspiel-Adaption, die sich nicht unter ihrer kennzeichnenden Kapuze verstecken muss