28/06/2014

ZWISCHEN DEN WÄNDEN – Im Gespräch mit Paul Hyett

Mit THE SEASONING HOUSE wird eine Kriegstrilogie in völlig neuem Maßstab eröffnet. Das Erstlingswerk Paul Hyetts, der bisher für die Special-Make-up-Effekte in etwa sechzig Horror-, Splatter- und Actionfilmen (u.a. THE DESCENT, DOOMSDAY, UNKNOWN IDENTITY etc.) verantwortlich zeichnete, beschäftigt sich auf radikale Weise mit dem Thema Menschenhandel. Als Hauptdarstellerin und taubstumme Überlebenskämpferin steht ihm dabei die zum Zeitpunkt des Drehs erst siebzehnjährige Rosie Day zur Seite.

 Paul Hyett Interview

 

DEADLINE:

Bezogen auf das Thema Menschenhandel, Zwangsprostitution und wie du in THE SEASONING HOUSE damit umgehst, hast du unterschiedliche Reaktionen männlicher und weiblicher Zuschauer beobachten können?

 

 

PAUL HYETT:

Was ich mit dem Film vor allem erreichen wollte, war eine positive Reaktion vom weiblichen Publikum. Bei den Festivals, auf denen mein Film gezeigt wurde, meinten dann zwar einige, dass ich auch nichts anderes täte, als Frauen auszubeuten, der Großteil der Frauen und Mädchen war aber wirklich begeistert. Es sei ein echter feministischer Survival-Film, der zeigt, wie stark Frauen sein können, und zwar ohne ihre Körper auf billige Weise auszustellen. Es war einfach nicht notwendig, die Mädchen ständig nackt zu zeigen, weil es nicht unbedingt das ist, was die meisten Zuschauer sehen wollen. Im Zusammenhang mit diesem sensiblen Thema hätte ich eine solche Inszenierung auch als sehr gewalttätig empfunden. Für die Liebhaber von Action und spannenden Kämpfen gibt es trotzdem noch genug Material, mir war es aber wichtig, nicht einen weiteren Kriegsfilm zu machen, bei dem man nur sieht, wie Männer in den Krieg ziehen und erschossen werden. Auch Frauen leiden im Krieg und an seinen Folgen.

 

 

DEADLINE:

Obwohl es in deinem Film sehr viel Blut und Gewalt gibt, spürt man diese spezielle Intelligenz, die hinter allem liegt und es auch ermöglicht, übliche Genrenormen und -grenzen zu überschreiten. Ich musste dabei vor allem an französische Filme wie etwa IN MY SKIN oder TROUBLE EVERY DAY denken, die ja auch völlig anders mit Nacktheit und Gewalt umgehen. Hatten solche Filme auch Einfluss auf deine Arbeit?

 

 

PAUL HYETT:

Ja, das hatten sie absolut. Filme wie MARTYRS, FRONTIERS, INSIDE oder PAN’S LABYRINTH sind brutal und sehr herausfordernd, regen aber gleichzeitig zum Nachdenken an. Man könnte sie durchaus zum Horrorgenre zählen, was mich aber besonders an ihnen interessiert, ist, wie sie sich mit dem Thema Vergänglichkeit und den Graubereichen des menschlichen Verhaltens beschäftigen. Natürlich funktionieren in dieser Art Genre auch vier Teenager in einer Hütte im Wald, die von irgendeinem unheimlichen Monster angegriffen werden, trotzdem hatte ich das Gefühl, dass ein Film wie PAN’S LABYRINTH viel besser zu der Geschichte passt, die ich erzählen wollte. THE SEASONING HOUSE sollte ganz normale Menschen in außergewöhnlichen Umständen zeigen und wie sie körperlich und emotional damit umgehen. Dabei wollte ich auch die Zuschauer dazu bringen, sich wirklich intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen. Man ist schockiert darüber, was diese jungen Mädchen alles durchmachen müssen und dass sie für die Männer nichts anderes als Waren sind, mit denen ebenso gehandelt wird wie mit Waffen oder Drogen. Zugleich erfährt man aber auch etwas über den Hintergrund ebendieser Männer und welche Auswirkungen ein Krieg auf Menschen und das alltägliche Leben haben kann.

seasoning houseDEADLINE:

Viktor, der Bordellbesitzer, und Goran, der Armeeführer, der ihm die Mädchen liefert, sind beide sehr subtil gezeichnete Charaktere. Wie sehr war es deine Absicht, über ihre Figuren einen großen Teil der Geschichte und die Konsequenzen des Krieges zu transportieren?

 

 

PAUL HYETT:

Was mich dabei besonders interessierte, war, herauszufinden, was einem Menschen zustoßen muss, um so völlig desensibilisiert zu werden, dass er fähig ist, anderen Lebewesen derart grauenvolle Dinge anzutun. Viktor (Kevin Howarth) ist ein Opportunist, der niemals ein solches Bordell betreiben wollte, und es ist auch entscheidend zu verstehen, dass es ihm keinerlei Vergnügen bereitet, die Mädchen zu foltern oder umzubringen. Er sieht es vielmehr als eine unumgängliche Notwendigkeit, um sich Respekt zu verschaffen und seinen Standpunkt klarzumachen. Wir mussten also in sein Denken eindringen, um zu zeigen, wie sehr ihn der Krieg verändert hat, bis zu einem Punkt, wo es nicht mehr möglich war, umzukehren und einen anderen Weg einzuschlagen. Im Gegensatz zu ihm wurde Goran (Sean Pertwee) regelrecht eingetrichtert, dass es seine Bestimmung wäre, sein Land zu verteidigen und vom Feind zu befreien. Er kämpft gegen eine Art Chaos an, bei dem Menschen, denen du früher vertraut hast, die vielleicht sogar deine Nachbarn waren, auf einmal beginnen, sich gegenseitig umzubringen. Es gibt da diese eine Szene, wo Viktor und Goran ein Gespräch über Listen und spezielle Vereinbarungen führen, während man im Hintergrund hört, wie Mädchen in den Räumen über ihnen vergewaltigt und misshandelt werden. Im Gegensatz zu jedem anderen „normalen“ Typen von der Straße, der sofort fragen würde, was da vor sich geht, oder versuchen würde, den Mädchen zu helfen, bleiben die beiden vollkommen ungerührt und lassen sich nicht von ihrer Unterhaltung ablenken. So ein Verhalten ist die Folge von etwas viel Größerem und nicht bloß ein Schalter, den man umlegen muss, und plötzlich hat man die Fähigkeit, anderen Menschen große Schmerzen und Leid zuzufügen.

 

 

DEADLINE:

War der Kriegshintergrund für dich entscheidend, um das Thema Menschenhandel und Zwangsprostitution zu bearbeiten? Schließlich geschehen solche schrecklichen Dinge jeden Tag, auch in Ländern, wo derzeit kein Kriegszustand herrscht.

 

 

PAUL HYETT:

Ich denke, dass es heute kaum mehr ein Land gibt, das in seiner Geschichte nicht irgendwann einen Krieg zu verzeichnen hätte. Wenn dann auch noch die Infrastruktur zusammenbricht und die Polizei oder das Rechtssystem an Einfluss verliert, können auf diese Weise ganze Dörfer oder Ortschaften zerstört werden. In Kriegsgebieten übernimmt dann meist das Militär die Kontrolle und versucht mit dem ganzen Chaos und Tod zurechtzukommen. Das ist kein einfacher Job, und oft geschehen fürchterliche Dinge aus einer Überforderung der Zuständigkeiten heraus. Junge Mädchen, die verletzt oder misshandelt werden, sieht man dabei eher als ein Randproblem, das einfach unter den Teppich gekehrt wird.

 

 

DEADLINE:

Gerade deshalb ist es so enorm wichtig, dieses prekäre Thema in die fiktionale Welt des Spielfilms zu bringen und sich damit nicht nur in Dokumentationen oder Berichten auseinanderzusetzen, die nur ein geringes oder sehr bestimmtes Publikum erreichen.

 

 

PAUL HYETT:

Absolut. Hat man einen Zeitungsbericht oder eine Fernsehreportage über das Thema Menschenhandel, überfliegen die meisten Leute den Artikel und blättern dann einfach weiter oder wechseln den Sender. Viele wissen auch einfach gar nicht, was auf der Welt alles passiert, und wenn man gewissermaßen gezwungen ist, zwei Stunden lang der Geschichte eines Spielfilms zu folgen, bekommt das Ganze eine völlig andere Kraft und Energie. Sehr viele Zuschauer, sowohl männliche als auch weibliche, kamen später auf mich zu und meinten, sie hätten sich nach dem Film tagelang mit der Thematik beschäftigt und im Internet alle möglichen Informationen darüber zusammengesammelt. Genau das war es, was ich erreichen wollte, weil ich, als ich mit meiner Recherche begonnen habe, selbst fassungslos darüber war, dass das alles hier und heute im 21. Jahrhundert geschieht.

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DEADLINE:

Das erinnert mich auch an die Arbeiter, die beim großen Showdown zwischen Angel und Goran die Fabrik verlassen, als er ihnen die Anweisung dazu gibt. Sie kümmern sich nicht weiter darum, was mit diesem kleinen, unschuldigen Mädchen passieren wird, und man fragt sich unweigerlich, was diese Männer durchmachen mussten, um derart abgestumpft und hörig zu werden.

 

 

PAUL HYETT:

Sie haben wahrscheinlich selbst mit ansehen müssen, wie ihre eigenen Töchter, Familienmitglieder oder Freunde umgebracht wurden. Angel ist einfach nur irgendein weiteres Mädchen, dem Schreckliches angetan werden wird. Es ist natürlich unglaublich traurig, wenn man die Männer dabei beobachtet, wie resigniert sie weggehen, ohne sich noch einmal umzudrehen. Das waren wahrscheinlich mal alles richtig gute Kerle, aber jetzt gibt es nichts mehr, was sie tun könnten, um irgendetwas zu verändern. So ähnlich ging es mir auch mit den Soldaten. Viele von ihnen sind noch wahnsinnig jung, und trotzdem fahren sie mit dem Lastwagen durch Dörfer, rotten ganze Familien aus, um dann ihre Töchter einzusammeln, sie in eines von diesen Bordellen zu bringen und dort einem grauenhaften Schicksal zu überlassen. Was mich dabei interessiert, ist, warum diese Soldaten nicht absolut schockiert sind von dem, was da vor sich geht, aber auch von ihrem eigenen Verhalten.

 

 

DEADLINE:

Wie und wo hast du denn die Recherche zu deinem Film betrieben und die ganzen Informationen gefunden?

 

 

PAUL HYETT:

Das Drehbuch habe ich zusammen mit Conal Palmer, einem guten Freund von mir, geschrieben. Als Co-Autorin hatten wir außerdem Helen Solomon, die auch die Grundidee zu der Geschichte und bereits einen Großteil der Recherche im Vorfeld betrieben hatte. Sie konnte sogar mit einigen Mädchen in Kontakt treten, die selbst durch diese Hölle gehen mussten. Nur sehr wenige können diesen schrecklichen Umständen entkommen, und die paar, die es schaffen, verlieren sich oft in der Vergangenheit und den grauenhaften Dingen, die sie erlebt haben. Viele Ärzte, die solche Mädchen nach ihrer Gefangenschaft behandeln, meinen, dass auch jahrelange Therapie und Rehabilitation diese jungen Frauen nicht zurückbringen können. Sie haben sich von dieser Welt verabschiedet, und oft sehen sie Selbstmord als einzigen Ausweg. Es gibt einfach nur ein bestimmtes Maß an Qualen, das ein menschlicher Geist und Körper ertragen kann, und diese Mädchen werden etwa zwanzigmal am Tag vergewaltigt, verprügelt und gefoltert, ihre ungefähre Lebenserwartung liegt dabei zwischen vier und acht Wochen. Wir hatten wirklich eine Unmenge solcher Informationen, und oft konnten wir es gar nicht ertragen, diese vielen schrecklichen und traurigen Geschichten der Mädchen zu hören.

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WEITER

DEADLINE:

Ich habe gelesen, du hättest dem Schauspieler Kevin Howarth die Rolle von Viktor, die er mehr als würdig ausgefüllt hat, speziell auf den Leib geschrieben. Die Art, wie er gesprochen hat, der Akzent und dann diese kleinen, aber äußerst präzisen Momente, in denen man spürt, wie sehr er von Goran unterdrückt wird, obwohl er selbst so ein starker und Furcht einflößender Mann ist.

 

 

PAUL HYETT:

Ich habe sehr viel Zeit mit Kevin und Sean verbracht, und gemeinsam haben wir versucht, die Vielschichtigkeit ihre Charaktere so gut wie möglich herauszuarbeiten. Es musste Einigkeit darüber herrschen, was mit den beiden passiert, wenn Goran in Viktors Welt eintritt, weil diese Szene, in der Goran im Bordell ankommt, für den weiteren Verlauf der Geschehnisse unglaublich entscheidend ist. Viktor denkt, das ist meine Welt, das sind meine Mädchen, ich bin hier für alles verantwortlich. Aber auf einmal spürt er diese Gefahr, die von Goran und seinen Männern ausgeht, und er versucht alles, um seine Angst vor ihnen zu verbergen, doch der neue Anführer lässt sich nicht so leicht täuschen. Es war also nicht nur entscheidend, eine gewisse Balance für den Zuschauer zu halten, auch die Wahrnehmung des jeweils anderen war ausschlaggebend für ihr Verhalten. Für Viktor sind sie beide ebenbürtig, während er in Gorans Augen nichts anderes als ein Stück Dreck ist. Dementsprechend muss er, als Gorans erster Mann stirbt und die Ereignisse aus dem Ruder zu laufen beginnen, relativ schnell seine bis dahin unantastbare Autorität einbüßen. Man hat ständig das Gefühl, dass Viktor selbst nicht so genau weiß, was er tun soll, und als er die Gelegenheit ergreift, einen von Gorans Männern zu töten, ist das die denkbar schlechteste Entscheidung, die er treffen konnte. Im Gegensatz dazu ist Gorans Charakter um sehr vieles klarer und einfacher, auch in der Art und Weise, wie er seine Entscheidungen trifft.

 

 

DEADLINE:

Ihr habt die Charaktere der beiden auch außerhalb der für die Zuschauer sichtbaren Szenen stark ausgebaut. Wie seid ihr dabei vorgegangen?

 

 

PAUL HYETT:

Wir drei haben versucht, Viktor und Goran eine sehr persönliche Geschichte und Vergangenheit zu geben. Beide haben beim Militär gedient, doch dann hat Viktor begonnen, Zigaretten und Waffen an die Einheimischen zu verkaufen. Er ist so ein Charakter, der sogar mit dem Feind Geschäfte machen würde, nur um an ein bisschen Kohle zu kommen, wohingegen Goran sich niemals zu so etwas herablassen würde. Jeder von ihnen lebt in seiner eigenen Welt, in der ganz bestimmte Regeln gelten, um im Chaos des Krieges eine gewisse Ordnung aufrechtzuerhalten und letzten Endes zu überleben. Das Paradoxe an Viktors Figur ist, dass, obwohl der Zuschauer ihn zunächst für einen unglaublich brutalen und fürchterlichen Kerl hält, man ihn ab einem bestimmten Punkt der Geschichte zu mögen beginnt, ob man will oder nicht. Viktor ist einfach eine Verkäufernatur, und wäre dieser Krieg nicht gewesen, er wäre wahrscheinlich Autohändler oder Ähnliches geworden. Vor diesem schrecklichen Hintergrund hätten es genauso gut Waffen oder Drogen sein können, aber seine Ware sind eben Mädchen. Goran hingegen hat wahrscheinlich Frau und Kinder in einer Welt zurückgelassen, die mittlerweile völlig verschieden ist von der, in der er jeden Tag sein Land zu verteidigen und zu befreien versucht. Abgesehen von Angels zerbrechlichen und komplexen Charakter war es also großartig, diese zwei aggressiven Typen zu erarbeiten, in denen so viel Geschichte steckt und deren Persönlichkeit derart interessant und vielschichtig ist.

 

 

DEADLINE:

Rosie Day, die im Film das taubstumme Mädchen Angel spielt, hat ja beinahe alle Stunts selbst gemacht. Gleichzeitig soll es aber oft sehr schwer für sie gewesen sein, während des Drehs nicht auf irgendwelche Geräusche oder Töne in ihrer Umgebung zu reagieren. Wie war denn die Zusammenarbeit mit ihr?

 

 

PAUL HYETT:

Ganz außergewöhnlich! Es gab natürlich Momente, in denen sie körperlich müde, wirklich übel zugerichtet und auch emotional extrem mitgenommen war, aber für ein siebzehnjähriges Mädchen, das noch nie vorher einen Horrorfilm gesehen oder eine solche Rolle übernommen hatte, war das wirklich eine unglaubliche Leistung. Rosie und ich hatten schon im Vorfeld sehr viel über ihren äußerst komplexen Charakter und die Entwicklung, die sie während ihrer Zeit im „Season House“ durchmacht, gesprochen. Da wir keinen bestimmten Zeit- oder Sequenzplan eingehalten haben, war es sehr wichtig, sie bei den ständig wechselnden seelischen Gefühlszuständen und körperlichen Anstrengungen, die sie durchmachen musste, so gut wie möglich zu unterstützen. Sie zog sich ja auch ständig irgendwo Schnitt- oder Schürfwunden zu, einmal setzte sie sogar ihre Haare in Brand, und es passierte auch, dass wir den Dreh unterbrechen mussten, um sie daran zu erinnern, dass sie dieses oder jenes Geräusch gar nicht hören kann. (lacht) Einen Film ohne Rosie könnte ich mir absolut nicht vorstellen, überhaupt hatten wir wirklich wahnsinniges Glück mit diesem tollen Cast. Auch Vanyas (Dominique Provost-Chalkley) Figur und die besondere Freundschaft, die sich in dieser grauenhaften, nihilistischen Welt zwischen ihr und Angel entwickelt, war unglaublich wichtig. Ohne sie wäre der Film bestimmt sehr kalt und gefühllos geworden.

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DEADLINE:

Obwohl Angel sich von den anderen Mädchen so sehr abkapselt, scheint sie zu Vanya starkes Vertrauen zu fassen. In solchen sensiblen und äußerst emotionsgeladenen Momenten wird auch diese Mischung aus Fantasy- und Realitätselementen deutlich erkennbar.

 

 

PAUL HYETT:

Ja, das stimmt. Als wir die Szene gedreht haben, in der Viktor einem der neuen Mädchen die Kehle durchschneidet, um den übrigen klarzumachen, was mit ihnen geschehen wird, wenn sie ihm nicht gehorchen, habe ich Rosie die Anweisung gegeben, auf keinen Fall zu weinen. Für mich war klar, nachdem Angel mit ansehen musste, wie ihre Mutter, die so eine unglaublich wichtige Bezugsperson für sie war, vor ihren Augen erschossen wurde, kann sie so etwas nicht mehr völlig aus der Fassung bringen. Für Angel gibt es nichts Schlimmeres mehr, was ihr zustoßen könnte, und als sie von Viktor ausgewählt wird, um sich um die anderen Mädchen im Haus zu kümmern – ihnen vor jedem Freier Drogen zu injizieren, sie zu waschen und zurechtzumachen –, erledigt sie diese Arbeiten emotional taub und völlig ausgehöhlt. Mehr oder weniger unbewusst sieht sie ihre einzige Möglichkeit zu überleben darin, sich von den anderen Mädchen zu distanzieren und keinerlei Gefühle zuzulassen. Aber dann trifft sie auf Vanya, die Gebärdensprache beherrscht, und auf einmal merkt man, wie stark Angels Bedürfnis nach Freundschaft und Zuneigung ist. Als sie vor einem Freier mit einem kleinen Stückchen Schokolade als Liebesbeweis in Vanyas Zimmer kommt, wird ihr sehr bald klar, dass dieser Zufluchtsort nicht mehr viel länger existieren wird. Vanya braucht die Drogen, um weiterleben zu können, und da erwacht in Angel diese unglaubliche Stärke und der Wille zu überleben.

 

 

DEADLINE:

Ich habe gehört, dass du Rosie in diese Leichengrube hast werfen lassen, in der es vor Maden nur so wimmelte, obwohl du dich selbst unglaublich vor ihnen fürchtest. Welche Dinge bereiten dir denn noch so eine panische Angst?

 

 

PAUL HYETT:

Oh Gott. (lacht) Also Maden sind schon wirklich schlimm, und ich habe auch zu Rosie gesagt: „Rosie, ich würde niemals einen Schauspieler darum bitten, etwas zu tun, wozu ich nicht auch selbst bereit wäre, aber ich werde mich auf gar keinen Fall in diese Maden legen.“ Auch als wir in THE DESCENT ein paar Maden auf den toten Elch drapieren mussten, habe ich die Typen, mit denen ich zusammengearbeitet habe, gebeten, das für mich zu tun. Ich konnte es einfach nicht. Eine andere Sache, die mir wirklich große Angst bereitet, ist sehr tiefes, schwarzes Wasser um mich herum, so ähnlich wie in THE ABYSS. Obwohl ich diesen Film wirklich liebe, hatte ich bei einigen Szenen wahnsinnige Angst. Mit so typischen Horrorfilmen habe ich da eher weniger Probleme. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, etwas verpasst zu haben, wenn ich höre, wie sehr sich die anderen gefürchtet haben. Das finde ich dann richtig traurig.

 

 

DEADLINE:

Ja, das kenne ich. Es ist ein wenig so, als hätte man beim Achterbahnfahren einen Teil verpasst. Alle anderen flippen total aus, haben Angst, und man selber denkt, okay und wann fahren wir jetzt los?

 

 

PAUL HYETT:

Genau. (lacht) Deswegen mag ich auch besonders Filme, bei denen es mehr um solche Themen wie Rache oder Heimsuchung geht. FRONTIERS, INSIDE oder MARTYRS sind zum Beispiel drei Filme, die ich wirklich liebe. Aber nicht, weil sie mir Angst machen, es ist mehr diese schleichende Beklemmung, die dich langsam packt und auf eine ganz spezielle Reise mitnimmt. Schon als ich noch sehr jung war, habe ich versucht, wirklich jeden Horrorfilm zu sehen, den ich in die Finger bekommen konnte, und irgendwann habe ich, glaube ich, die Fähigkeit verloren, mich zu fürchten. Was mich dann zu beschäftigen begonnen hat, sind die Dinge, die in der realen Welt passieren können. Die Monster, die in manchen Menschen stecken, oder zu welchen grauenhaften Dingen scheinbar ganz normale Personen fähig sind. Ich sehe sehr viele Gefängnisdokumentationen, amerikanische, russische, englische, und was sie alle gemeinsam haben, ist, dass die Häftlinge sich auf gewisse Weise in Tiere verwandeln und auch nur als solche überleben können. Da drinnen heißt es fressen oder gefressen werden. Typen, die wegen kleinerer krimineller Vergehen einsitzen, sind oft dazu gezwungen, ihren ersten Mord zu begehen, nur um sich innerhalb dieser Mauern Respekt und Sicherheit zu verschaffen. Das sind die Charaktere, die mich wirklich interessieren, und nicht irre Killer, bei denen von Geburt an im Gehirn etwas falsch verkabelt ist. Typen wie der amerikanische Serienmörder Jeffrey Dahmer, der mindestens siebzehn Männer und Jugendliche umgebracht hat. Soweit man weiß, hatte er eine vollkommen normale Kindheit, nette Eltern, wurde nie schikaniert oder musste sonst irgendwelche schlimmen Dinge ertragen. Eines Tages hat er dann damit begonnen, Tiere zu quälen und zu töten, und ist dann einfach zu Menschen übergegangen. Es geht mir dabei weniger um die begangenen Gewalttaten als darum zu zeigen, welche Umstände einen ganz gewöhnlichen Menschen dazu bringen, seinen Charakter oder sein gesamtes System zu verändern. Manche von ihnen mussten vielleicht einen Krieg durchmachen, unfreiwillig Menschen töten, irgendetwas, das eine Art Auslöser für ihr weiteres brutales Verhalten war.

Seasoning House

DEADLINE:

Zunächst hattest du ja einen Film geplant, der sich, ähnlich wie JACOB’S LADDER, mit den Auswirkungen des Krieges und der Militärprogramme auf Soldaten beschäftigt. Nun ist THE SEASONING HOUSE der Auftakt zu einer Kriegstrilogie geworden. Was fasziniert dich so an dieser Thematik?

 

 

PAUL HYETT:

Heute hört man immer häufiger von Soldaten, die für einen Krieg eingezogen werden und dann einfach unfähig sind zu töten oder körperlich und nervlich völlig zusammenbrechen, weil sie die Erlebnisse nicht verarbeiten können. Auch die Dinge, die das Militär in den Siebzigerjahren zu verantworten hatte, wo die Regierung in Programme investierte, die normale Menschen in Killermaschinen verwandeln sollten. Über solche Themen wird viel zu selten gesprochen, aber mindestens vierunddreißig Prozent der Soldaten, die aus einem Krieg zurückkommen, haben mit Posttraumatischen Belastungsstörungen und Angstzuständen zu kämpfen, brechen auf einmal zusammen, schreien, weinen oder machen nachts ins Bett. Alles aus einer ganz normalen und menschlichen Reaktion heraus, Angst zu haben, wenn der eigene Charakter einem solchen brutalen Verhalten nicht entspricht. Eine der Strategien, die das Militär im Auftrag der Regierung bei der Ausbildung ihrer Rekruten angewandt hatten, war, Dummies für Schießübungen einzusetzen, die nicht wie Zielscheiben, sondern praktisch wie Menschen aussahen. Damit sollte sichergestellt werden, dass es den Soldaten später leichterfallen würde, Menschen zu töten. Das alles sind Umstände, die am Ende dazu führen können, die Persönlichkeit zu brechen, und das ist es auch, womit sich THE SEASONING HOUSE auseinandersetzt. Normale Männer, die in den Krieg ziehen und dadurch so verändert werden, dass sie danach fähig sind, Mädchen oder Frauen zu schlagen, zu vergewaltigen und umzubringen. Auf welche Weise sich die Wege mancher Menschen kreuzen, welche Richtungen sie einschlagen oder welche Entscheidungen sie bereit sind zu treffen, das ist es, was mich wirklich interessiert, und nicht vier Jugendliche in einer Waldhütte, die von einem Monster angegriffen werden, damit kann ich mich einfach nicht besonders lange beschäftigen.

 

 

DEADLINE:

Vielen Dank für dieses großartige Gespräch.

 

 

Interview geführt von Raffaela Schöbitz