28/06/2014

Wenn eine Intimrasur das Gedächtnis ankurbelt – Im Gespräch mit Danny Boyle

Mit TRANCE schafft der Regisseur und Virtuose des Rhythmus Danny Boyle einen Film, in dem nichts so ist, wie es zu sein scheint. Angefangen mit einem scheinbar harmlosen und unterhaltsamen Gemälderaub, gleitet der Film ab in eine düstere Hommage an Film-noir-Bildwelten, um sich durch einen Sumpf aus falschen Erinnerungen, menschlichen Dämonen, Hypnose und den Verlust der eigenen Identität zu wälzen. DEADLINE – DAS FILMMAGAZIN sprach mit dem für seinen SLUMDOG MILLIONÄR mit dem Oscar ausgezeichneten Regisseur über seine Vision von TRANCE, die Arbeit mit der Queen bei den Olympischen Spielen und über die Intelligenz in Hollywood.

Lesen Sie online das ungekürzte Interview aus der aktuellen DEADLINE – DAS FILMMAGAZIN Ausgabe Nr. 40, die ab heute überall erhältlich ist.

 

 

DEADLINE:

Können wir gleich mit einer typisch englischen Frage beginnen?

 

 

DANNY BOYLE:

Ja, unbedingt. Leg los.

 

 

DEADLINE:

Bei den Aufnahmen für die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in London 2012 konntest du dir die Queen gewissermaßen als Bond-Girl neben Daniel Craig sichern. Bist du darüber nicht auch in Verzweiflung geraten, weil man, speziell als Engländer, beinahe nichts Größeres mehr erreichen kann? Der höchste Berg ist sozusagen bestiegen.

 

 

DANNY BOYLE:

Ach nein, das war wirklich ein perfekter Zufall. Es wird doch sowieso immer wieder nach einem Regisseur gesucht, der einen neuen James Bond dreht, und jetzt kann ich dieses Angebot mit absolut gutem Gewissen ablehnen. Es ist also alles ganz optimal verlaufen und hat zudem auch noch riesigen Spaß gemacht.

 

Danny Boyle

DEADLINE:

Gab es denn irgendwelche Reaktionen der Queen, nachdem sie das Material gesehen hatte?

 

 

DANNY BOYLE:

Es war sehr interessant. Zunächst hatten wir die Idee zu dem, was wir vorhatten, ja nur auf Papier und mussten dafür auch erst eine Bestätigung einholen. Wir waren vollkommen sicher, dass sie uns eine Absage erteilen würden, und begannen schon nach einem Double für die Queen und einem Ort zu suchen, der dem Buckingham Palace so nahe wie möglich kommen würde. Wir hätten einfach alles inszeniert, uns in gewisser Weise der Magie des Kinos bedient. Aber dann bekamen wir die Antwort, dass wir alles so machen konnten, wie wir es uns vorgestellt hatten, und die Queen sogar selbst ihre Rolle übernehmen würde. Ich denke einfach, sie hat sehr gut verstanden, worum es bei der ganzen Sache ging, außerdem ist sie, was viele oft zu vergessen scheinen, eine professionelle Performerin. Das bedeutet, sie hat ein gutes Gefühl für Rhythmus und wusste auch, dass sie hierfür etwas spielerischer vorgehen konnte als für die traditionelleren Zeremonien. Dieses Phänomen konnte man ja mehr oder weniger zeitgleich beobachten, da kurz vorher das diamantene Jubiläum zu ihrer sechzigjährigen Amtszeit als Queen Elizabeth II. stattfand, wo die ganze Feier sehr formal und steif ausfiel. Außerdem wollte sie ihrem Team, das ständig um sie herum ist und mehr oder weniger pausenlos arbeitet, die Möglichkeit geben, einen Tag mit einem echten Filmstar zu verbringen. Es haben sich also alle, inklusive der Queen höchstpersönlich, voller Begeisterung mit Daniel Craig als James Bond fotografieren lassen. Danach haben sie die Bilder wahrscheinlich gleich auf „Royal Facebook“ gepostet. Alles in allem war es also wirklich eine schöne Arbeitsatmosphäre.

 

 

DEADLINE:

In deinem neuen Film TRANCE kann man sich nie sicher sein, welcher Figur man folgen soll oder wem man vertrauen kann. Auf was muss man besonders achten, wenn man so einen Film macht?

 

 

DANNY BOYLE:

Ich denke, dass wir alle süchtig danach sind, ganz genau wissen zu wollen, welcher Figur wir im Film folgen können. Das finde ich eigentlich ziemlich enttäuschend, und eine natürliche Konsequenz daraus lässt sich gerade im zeitgenössischen Kino beobachten. Da beginnt sich ein äußerst erfolgreiches Fortsetzungsverfahren einzuspielen, bei dem das Publikum immer wieder auf eine bekannte Geschichte und dasselbe Figurenpersonal trifft. Das macht die Filme so vorhersehbar und Überraschungen beinahe unmöglich. Wohingegen ich die Vorstellung liebe, dass die Zuschauer eben nicht wissen, wo sie sich gerade befinden oder welcher Figur sie vertrauen können. Nicht, dass ich etwas an diesen Fortsetzungsreihen auszusetzen hätte, aber den Weg durch einen Film zu finden kann ein unglaubliches Abenteuer sein, und das sollte auch als Qualität des Kinos erhalten bleiben. In TRANCE haben wir deshalb einen Trick angewandt, um den Zuschauer von Anfang an auf eine falsche Fährte zu locken. Wir betonen die Jungenhaftigkeit und das sympathische Auftreten James McAvoys, der im Film den Auktionator Simon spielt, indem wir ihm ein Voice-over geben und ihn seinen schottischen Dialekt, der ein wenig an Ewan McGregor erinnert, behalten lassen. Jeder denkt also, dass er der kleine Held sein muss, dem die Geschichte folgt, und man wird wütend, als die bösen Gangster ihn zu foltern beginnen und ihm unter Höllenqualen seine Fingernägel ausreißen. Im weiteren Verlauf des Films aber merkt man, dass dieser vermeintlich nette Kerl noch viel schlimmer ist als alle anderen brutalen Verbrecher zusammen oder zumindest dazu fähig ist, furchtbare und gewalttätige Dinge zu tun. Wo die anderen noch eine Entschuldigung für ihr grausames Verhalten haben, weil sie eben nur ihrer Profession folgen, ist er einfach ein gestörter Kontrollfreak, der Elizabeth (Rosario Dawson) immens unter Druck setzt, um sie als Abbild seiner eigenen Vorstellungen zu formen. Diese Wendungen sind es, die ich an TRANCE besonders schätze, die aber für das Publikum eine große Herausforderung darstellen. Jede Figur im Film durchläuft große charakterliche Veränderungen. Elizabeth wird zunächst als unschuldige, gleichzeitig aber äußerst professionelle und kompetente Therapeutin eingeführt, und am Ende kristallisiert sie sich als Architektin der gesamten filmischen Erzählung heraus. Im Gegensatz dazu Franck (Vincent Cassel), dem der Zuschauer sehr schnell die Rolle des knallharten Kriminellen abnimmt, obwohl er sich als total unentschlossene Persönlichkeit herausstellt. Einmal ist er in Elizabeth verliebt, dann wieder nicht, und plötzlich ist er zu gar keiner Entscheidung mehr fähig. Es trifft also tatsächlich auf alle Charaktere des Films zu, dass man sich als Zuschauer nicht darauf verlassen kann, was sie zu sein vorgeben. Ich finde, es sollte jedes Jahr zumindest einen solchen Film geben. Bitte! (lacht)

Danny Boyle Interview

DEADLINE:

Denkst du, dass Hollywood die Intelligenz seines Publikums unterschätzt?

 

 

DANNY BOYLE:

Ich glaube nicht, dass das die richtige Frage ist. Es ist einfach so, dass Hollywood dem folgt, von dem sie denken, dass es am meisten Geld abwerfen wird. Nehmen wir nur einmal THE FAST AND THE FURIOUS. Gerade ist der sechste Teil herausgekommen, der immer noch das gleiche Figurenpersonal und mehr oder weniger dieselbe Geschichte hat. Trotzdem aber wurde damit mehr Geld eingespielt und eine höhere filmische Qualität erzielt als mit allen anderen Teilen davor. Im Vergleich dazu JAWS, der ungefähr zu der Zeit in die Kinos kam, als ich begonnen hatte, Filme zu drehen. Egal um welches Genre es dabei geht – SAW 2, IRON MAN 4 –, Hollywoods Rechnung scheint aufzugehen. Natürlich ist auch die ganze CGI-Industrie für diesen Umstand maßgeblich mitverantwortlich, da dadurch im Produktionsprozess eines Films Dinge möglich sind, die zu JAWS-Zeiten noch undenkbar waren. Und das alles tut Hollywood in Wahrheit nur deshalb, um mit den neuesten Computerspielen mithalten zu können. Man braucht also nur die immer gleichen Charaktere mit ein wenig unterschiedlichen Inhalten und Höhepunkten zu kombinieren, und heraus kommt das Erfolgsrezept der Hollywood-Fortsetzungsindustrie.

 

 

DEADLINE:

Alles in allem könnte man also durchaus sagen, dass die Kinofilmindustrie abbaut?

 

 

DANNY BOYLE:

Naja, einige der Filme sind ja wirklich ganz großartig gemacht, weil es genug Leute mit Talent in dieser Branche gibt. Aber es gibt auch andere, die ebenfalls äußerst begabt und auch etwas unabhängiger orientiert sind, und die findet man dann heutzutage beim Fernsehen. Das Kabelfernsehen macht überhaupt gerade eine sehr überraschende Entwicklung durch, denk nur einmal an solche Serien wie BREAKING BAD. In keinem Kinofilm kann man eine derartige Entwicklung eines Charakters beobachten.

 

 

DEADLINE:

Neben den komplexen Charakteren des Films lässt eine Art allgegenwärtige Kamerapräsenz vermuten, dass es da noch jemanden gibt, der alles beobachtet und weiß. War das deine Intention, oder ist das eher zufällig im Verlauf des Filmens passiert?

 

 

DANNY BOYLE:

Das finde ich sehr interessant. Das Merkwürdige am Entstehungsprozess eines Films ist nämlich, dass man gewisse Dinge darüber erst viel später herausfindet. Etwa wenn man, so wie ich jetzt, mit dem Promoten beschäftigt ist. Natürlich ist dieses permanente Sprechen über einen erst kürzlich abgeschlossenen Film manchmal auch ermüdend, aber generell empfinde ich es als eine Art Bereicherung. Ich denke nämlich, dass es einen als Filmemacher auch behindern kann, wenn man zu selbstbewusst mit seiner Arbeit umgeht, ohne dabei kritisch zu hinterfragen, warum man gewisse Dinge tut oder sich gegen andere entscheidet. Oft stecken hinter den Szenen, die das Publikum zu Tränen rühren sollen, einfach nur sehr viele technische Spielereien und Tricks. Man setzt dann eine bestimmte Musik ein oder lässt den Schauspieler laut schluchzen, so was alles. Vor ein paar Jahren kam ich dann einmal in die ungewöhnliche Situation, dass jemand zu mir meinte, ich würde immer wieder die gleichen Filme machen, wo sich jemandem scheinbar unüberwindliche Hindernisse in den Weg stellen, die er zu bewältigen versucht. Was auch der Grund dafür wäre, dass meine Charaktere oft so kompliziert, gemein und habgierig sind, man dann am Ende des Films aber doch eine gewisse kathartische Reinigung empfindet. Ich habe sehr lange darüber nachgedacht und gemerkt, dass das absolut richtig ist: SLUMDOG MILLIONÄR funktioniert nach diesem Prinzip, 127 HOURS auch. Alle meine Filme verfolgen in etwa dieselbe Geschichte. Nun ist TRANCE aber insofern anders, als dass sich die Konzentration auf den Hauptcharakter dreht und es plötzlich Elizabeth ist, die mit immensen Schwierigkeiten konfrontiert wird. Da der Film keinem chronologischen Erzählstrang folgt, ist es nicht einfach, darüber nachzudenken. Was der Zuschauer aber bald erfährt, ist, dass es einen gewalttätigen Mann in ihrem Leben gibt, den sie zwar liebt, der sie aber zerstören wird, wenn sie nichts dagegen tut. Sie schafft es, im richtigen Moment zu reagieren und sich ihm zu entziehen, doch als er Jahre später auf einmal wieder mit diesem glasigen, getriebenen Blick und vier weiteren gewalttätigen Männern in ihr Leben tritt, steht sie erneut vor einer großen Herausforderung. Am Ende überwältigt sie aber nicht nur alle ihre Peiniger, sondern behält auch noch das Gemälde, als ein Symbol ihrer Vergangenheit, die sie auf ihre eigene Art und Weise erzählt. Was ich damit sagen will, ist, dass es manchmal ganz gut ist, nicht zu wissen, was man tut. Das ist nichts Schlechtes, und es ist auch nicht weniger wahr, aber es ist interessant, was man herausfindet, wenn man mit anderen über seine Arbeit spricht.

Danny Boyle Interview

DEADLINE:

Dein Kameramann (Anthony Dod Mantle) hat auch schon mit einigen Dogma-95-Regisseuren (Vinterberg, von Trier) zusammengearbeitet. Denkst du, dass dieser Umstand Einfluss auf die düstere Noir-Atmosphäre des Films hatte?

 

 

DANNY BOYLE:

Ja, ich glaube schon. Die Sache ist die, dass diese Regisseure irgendwann beschlossen haben, digitale Kameras für ihre Filme zu verwenden, und kurz darauf habe ich Anthony kennengelernt, und wir haben zusammen 28 DAYS LATER gedreht. Das war auch der erste massentaugliche Digitalfilm, der herausgekommen ist und der durch die Arbeit mit diesen Kameras die klassische Natur des Filmemachens verändert hat. Sie beeinträchtigen den filmischen Aufnahmeprozess in seinen Grundfesten, indem man beispielsweise an Plätzen filmen kann, die vorher komplett unzugänglich waren, und das mit einem Minimum an personellem Aufwand. Zusätzlich ermöglichen digitale Kameras dem Film, eine gewisse Persönlichkeit zu entwickeln, indem sie unter die Oberfläche tauchen und den ganzen Prozess in kleinere Einzelteile zerlegen, bei denen der Zuschauer sich nachher fragen kann, warum etwas so oder so gefilmt wurde. Inwieweit Anthonys Art zu arbeiten da letztlich mit hineingespielt hat, kann ich wirklich nicht sagen, aber wie jeder Kameramann, und er ist wirklich der Beste, den ich kenne, liebt er Situationen, die durch ein bestimmtes Licht entstehen und wie sich darin der Schauspieler auf eine ganz besondere Weise inszenieren lässt. Das ist das Außergewöhnliche an seiner Arbeit. Denn in der Postproduktion kann heutzutage beinahe alles verändert und angeglichen werden, aber seine neugierige Art, wie die Kamera dem Schauspieler folgt, ist sehr eigenständig und hat unglaublich viel Kraft. Manchmal verfolgt er weite, ausufernde Bewegungen, und ein anderes Mal konzentriert er sich auf Mikroausdrücke im Gesicht. Diese Feinheiten sind es, die ich an Anthonys Arbeit bewundere.




WEITER

DEADLINE:

Ja, man hat das Gefühl, den Schauspielern die ganze Zeit über sehr nahe zu sein.

 

 

DANNY BOYLE:

Das stimmt, und speziell in diesem Fall wollten wir, dass die Zuschauer das Gefühl bekommen, buchstäblich in McAvoys Kopf zu stecken oder zumindest bis zu einem gewissen Grad in sein Bewusstsein zu dringen. Dazu kommen noch die Luftaufnahmen der Straßen von London, die einen sofort an ein Gehirn denken lassen, mit all seinen Synapsen und Neuronen, die als kleine Autoscheinwerfer durch die Gegend feuern. Die Idee dazu kam mir, als ich die Arbeiten eines Londoner Fotografen gesehen habe, der genau solche Aufnahmen der Stadt gemacht hat.

 

 

DEADLINE:

Welche Unterschiede siehst du zwischen der ursprünglich 2001 für das Fernsehen produzierten Version des Drehbuchs und deinem Film?

 

 

DANNY BOYLE:

Als ich gerade an SHALLOW GRAVE arbeitete, hat mir Joe Ahearne sein Drehbuch geschickt, das TRANCE hieß und dessen Geschichte mir sehr gut gefiel. Weil ich grundsätzlich ein sehr impulsiver Charakter bin, habe ich sofort zugesagt, einen Film daraus zu machen. Das war aber überhaupt nicht das, was er wollte. Seine Intention war es, selbst Regie zu führen, obwohl er so etwas noch nie vorher gemacht hatte. Da ich schon einige Produktionen für das Fernsehen realisiert hatte, habe ich ihm zu großer Vorsicht geraten, weil es vor allem viele finanzielle Faktoren und Einflüsse gibt, an die man vorher nicht denkt oder die man sehr lange außer Acht lässt, bis es zu spät ist. Leider ist Ahearne genau das passiert, als die Programmdirektoren ihn dazu gezwungen haben, bestimmte Dinge zu verändern und Einsparungen vorzunehmen, die letztendlich großen Einfluss auf das Ergebnis hatten. Eine deiner Aufgaben als Regisseur ist es eben auch, die Produzenten glauben zu machen, dass sie das Sagen haben. Denn im Prinzip sind ja sie es, die dir die finanziellen Mittel zur Verfügung stellen, während du in Wahrheit nur das Herz deines Films zu schützen versuchst. Es ist wie ein Tanz oder ein Ballett, eine fein ausgeklügelte Choreografie, der man zu folgen hat.

 

 

DEADLINE:

Aber der grundsätzliche Inhalt der Geschichte war derselbe?

 

 

DANNY BOYLE:

Nicht unbedingt. Das Hinzuziehen einer Hypnotherapeutin und die Idee eines gestohlenen Gemäldes war dieselbe, alles Übrige ist aber erst in der Zusammenarbeit mit unserem Drehbuchautor John Hodge (SHALLOW GRAVE, TRAINSPOTTING) entstanden. Ich konnte die Geschichte seit damals nicht vergessen, schon alleine deshalb, weil die Vorstellung einer Frau, die im absoluten Kern des Films agiert, so schön und unglaublich selten ist. Außerdem ist TRANCE ein Film, dem, bei all seiner Komplexität, ein starker Vorwärtsdrang innewohnt, weshalb er auch für ein breites Massenpublikum zugänglich ist.

Interview Danny Boyöe

DEADLINE:

Hast du je daran gedacht, deine Schauspieler während des Drehs hypnotisiert spielen zu lassen?

 

 

DANNY BOYLE:

Wir haben so etwas in die Richtung versucht und sogar einen professionellen Hypnotherapeuten engagiert, der mit Rosario, James und Vincent solche Sitzungen absolviert hat. Aber wenn ich ehrlich sein soll, war es wirklich unglaublich langweilig. Zu Beginn wird schon alleine zwanzig Minuten lang nur leise gesprochen, damit sich der Proband Schritt für Schritt entspannen kann, wodurch das Ganze natürlich etwas sehr Statisches bekommt. Irgendwann dachte ich dann, verdammt, jetzt haben wir es wirklich versaut. Das wird ein unglaublich langweiliger Film. Zum Glück gibt es aber, so wie wir es auch im Film erklären, diese speziellen 5 – 10% der Menschheit, die stark beeinflussbar sind und für die Hypnose zu einem äußerst mächtigen Werkzeug werden kann. Auch Personen, die, aus welchen Gründen auch immer, sich selbst oder einen Umstand in ihrem Leben verändern wollen, können sich total im Zustand der Trance verlieren.

 

 

DEADLINE:

Gab es neben dem bereits existierenden Drehbuch noch andere Gründe dafür, die Idee der Hypnotherapie und das Thema der Identität oder vielmehr des Identitätsverlusts mit einem Kunstraub zu verbinden?

 

 

DANNY BOYLE:

Zunächst einmal denke ich, dass jeder Zuschauer einen ausgeklügelten Diebstahl unterhaltsam findet, und einen Film mit einem solchen Kunstraub beginnen zu lassen, ist doch gut. Bei einem gestohlenen Gemälde kann man sich zudem immer fragen, warum es geraubt wurde, was als Nächstes damit passiert, wohin oder an wen es verkauft wird, wer daran Geld verdient, alle diese Eventualitäten sind faszinierend und machen sowohl uns als auch dem Publikum großen Spaß. Damit kommen wir zu dem Thema der Erinnerung und den Fähigkeiten des Gedächtnisses. Das war wirklich interessant, denn als ich mit John Hodge am Drehbuch zu arbeiten begonnen hatte, beschäftigten wir uns sehr eindringlich mit Fragen der Identität. Philosophisch gesehen ließe sich darüber endlos diskutieren, aber vom medizinischen Standpunkt aus betrachtet ist Identität, so wie es Elizabeth auch im Film erklärt, eine Kette aus Erinnerungen, und wir alle kreieren unsere eigene kleine, vollkommen unzuverlässige Version davon. Sollte diese Kette gebrochen werden, würden wir natürlich immer noch genauso aussehen wie vorher, aber unsere bisherigen Persönlichkeit wäre durch diesen Identitätsverlust gewissermaßen verschwunden. Genau diesen Gedanken haben wir mit TRANCE zu verfolgen versucht. Wir wollten herausfinden, was passiert, wenn es zu einer Beschädigung dieser Kette kommt und die fehlenden Glieder mit neuen Erinnerungen verbunden oder ersetzt werden. Damit geht es auf einmal nicht mehr um ein gestohlenes Gemälde, sondern um gestohlene Erinnerungen. Was uns zu Elizabeth und ihrer Reise durch die Erzählung führt. Ihre Figur war uns besonders wichtig und dass sie nicht der klassischen Rolle der unnahbaren, blonden Femme fatale entspricht, sondern sich aus den ihr ureigenen Gründen für diesen Part entscheidet. Elizabeth sollte eine starke Frau sein, die nur das männliche Konstrukt einer Femme fatale spielt, um ihre eigene Geschichte von Gewalt und Kontrollverlust zu überwinden, ihr Leben zu retten, ohne vor der Gefahr zu fliehen, und letztendlich, um nicht ein weiteres Mal als Opfer die Waffen zu strecken.

 

 

DEADLINE:

Aber speziell die Szene, in der Elizabeth sich für Simon ihre Scham rasiert, dekonstruiert doch diese Theorie. Denn genau dann ist sie besonders verwundbar und entspricht zudem absolut einer männlichen Fantasievorstellung.

 

 

DANNY BOYLE:

Ja, natürlich könnte man auf diese Weise argumentieren. Uns war es aber wichtig, dass es für die Entwicklung der filmischen Erzählung ein intimes Geheimnis gab, das niemand außer Simon und Elizabeth wissen konnte. Es hat ebenfalls etwas mit Goya zu tun, der zuerst „Die nackte Maja“ malte und damit das erste Bild der natürlichen weiblichen Form und des behaarten Geschlechts schuf, das nicht mehr die Reinheit und Perfektion in den Vordergrund stellte, die der Klassizismus noch verfolgt hatte. Dieser Umstand wurde damals als derart kontrovers empfunden, dass er danach „Die angezogene Maja“ malen musste. Es stimmt also in gewisser Weise, dass sich das von der männlichen Vorstellung geprägte Bild der Frau so nicht dekonstruieren lässt. Simon ist ein gewalttätiger Kontrollfreak, der Elizabeth davon zu überzeugen versucht, sich zu rasieren, weil er sie als seine Idealvorstellung verwirklicht sehen möchte. In vielen Fällen häuslicher Gewalt geht es um diese Form der Kontrolle: Ich will, dass du so aussiehst oder dich so verhältst. Im Verlauf des Films führt Elizabeth ihn durch verschiedene Ebenen der Entspannung, um sein Wohlbefinden und sein Bedürfnis nach Macht zu stärken. Etwa die Szene, in der sie Simon in die französische Kirche bringt, wo er all diesen verschollenen Gemälden begegnet. Rembrandts „Sturm auf dem See Genezareth“ verkörpert für einen jungen Kunsthistoriker, wie er einer ist, gewissermaßen den Heiligen Gral. Das wäre, als fänden wir einen bis dahin unbekannten Orson-Welles-Film oder einen neuen, absolut perfekten und fertiggestellten Hitchcock. Diese Begegnung mit den alten Meistern flößt ihm das Gefühl großer Macht ein, und als absoluten Höhepunkt enthüllt sie mit ihrer Intimrasur das private Geheimnis, das sie beide in der Vergangenheit geteilt haben. Es handelt sich dabei also sehr wohl um eine männliche Fantasie. Das Besondere daran ist aber, dass Elizabeth ganz und gar in ihrer Rolle als Femme fatale agiert, die ihre Reize bewusst einsetzt, um Simon in der vorgegebenen Sicherheit totaler Kontrolle zu wiegen. Die Risiken, die sie damit eingeht, sind natürlich enorm, da er jederzeit wieder gewalttätig werden könnte. Aber sie kann nicht anders, als die Gefahr trotz allem auf sich zu nehmen, um dieses Spiel auf lange Sicht hin doch noch zu gewinnen, was sie ja auch tut. Das war die Idee dahinter.

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DEADLINE:

Hätte es statt des Goyas nicht auch ein Hockney oder Monet sein können?

 

 

DANNY BOYLE:

Ich denke nicht, dass es auf die gleiche Weise funktioniert hätte. Das Besondere an Goya ist nämlich, dass sich in der Kunstgeschichte gewissermaßen eine Zeit vor und nach seiner Schaffensperiode festmachen lässt. Er läutete einen unglaublichen Paradigmenwechsel in der Kunst ein. Denn im Gegensatz zu Hieronymus Bosch, der in seinen Werken ja ebenfalls die Dämonen des menschlichen Geistes darstellt, sind Goyas Ungeheuer auf eine Weise real, weil sie nicht die Intention haben, dem Betrachter mit religiösen Höllenvorstellungen oder Läuterungsgedanken Angst einzujagen. Sein Mut bestand darin, nicht zu verstehen und es den Betrachtern seiner Werke selbst zu überlassen, Sinn und Bedeutung darin zu finden. Es ist wie mit moderner Kunst, man kann sie auch nicht wirklich erklären, aber sie ist trotz allem da. Goya passte also wie angegossen. Außerdem ist sein „Hexenflug“ ein großartiges Gemälde, das wir von Beginn an mit McAvoy in Verbindung setzten. Er steckt unter dem weißen Leintuch, und obwohl er sich bewusst ist, dass um ihn herum etwas Merkwürdiges geschieht, kann er es nicht alles sehen und verstehen. Ist es Kannibalismus, eine Opferung oder Erlösung, und welchem Geschlecht gehören diese Hexen an? Alle diese Eventualitäten waren der Grund dafür, dass wir Goya gewählt haben.

 

 

Interview geführt von Raffaela Schöbitz