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07/10/2018

VENOM

Regie: Ruben Fleischer / USA 2018 / 113 Min.

Darsteller: Tom Hardy, Michelle Williams, Riz Ahmed

Produktion: Avi Arad, Amy Pascal

Freigabe: FSK 12

Vertrieb: Sony

Blu-ray: Ja

Cut: Nein

Start: 03.10.2018

 

 

VENOM erzählt die Geschichte des abgehängten Journalisten Eddie Brock, der mit investigativem Gespür kurz vor dem Durchbruch steht: Ein Unternehmen führt an Menschen tödliche Experimente durch. Mithilfe von außerirdischen Symbionten wird versucht, die ultimative Waffe zu erzeugen. Als Eddie Brock dann selbst mit diesem Symbionten in Kontakt gerät, überlebt er die Tortur zwar, streift fortan jedoch als bipolarer Antiheld durch die nächtlichen Straßen von San Francisco. Venom ist geboren.

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Sony erschuf, nachdem man sich die Rechte für einen Auftritt des Marvel-Wandkrabblers nicht sichern konnte, einfach seinen eigenen Superhelden. Dieser hat mit vielen anderen, wie Spider-Man oder dem Hulk, vor allem die Symbiose biologisch-wissenschaftlichen Ursprungs und übermenschlicher Stärke gemeinsam. Was ihn aber weitaus interessanter macht als die meisten anderen, ist seine zum Teil überaus sarkastisch-überzogene Gewalttätigkeit gegenüber seinen Widersachern. Venom will keinen retten – außer vielleicht sich selbst. Mit seinen Taten entfacht er vorrangig einen verrückten Feuersturm der Angst und bleibt auf tragische Weise in seiner dunklen Erscheinung gefangen. Dahinter zeigt sich dann die eigentliche Persönlichkeit Eddie Brocks, der ganz im Stile von Cronenbergs DIE FLIEGE eine Metamorphose durchläuft.

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Den Kampf zwischen der gepeinigten Seele und dem schrecklichen Äußeren entlehnt der Film Klassikern wie DER ELEFANTENMENSCH, PHANTOM DER OPER oder eben DIE FLIEGE. Gerade mit Letzterem hat Venom viel gemeinsam, aber dann muss man auch schon zu Ruben Fleischers Inszenierungsstil springen, um nicht die Essenz zu verpassen. Was sich bereits in ZOMBIELAND etabliert hat, wird hier erfolgreich umgemünzt auf eine großstadttaugliche Heldenfigur: VENOM ist trashig und total verrückt. Zugleich ist er mäßig spannend, immerhin zeitlich straff organisiert. Indem Brock immer in eine muskulös-böse Gestalt schlüpfen kann, spielt dieser Film noch stärker mit der Identitätsfrage des (Super-)Helden.

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Durch diese für den Film spezifischen, oft unkonventionell umgesetzten Spielregeln macht das Hinsehen durchaus Spaß. Und am Schluss blickt einem dann plötzlich das Gesicht von Woody Harrelson entgegen – noch bevor er sich endlich als Nemesis Carnage dann dem Antihelden stellen darf. Sequels gehören mittlerweile nicht mehr zum guten Ton, sondern enervieren als Konzept-Perversionen.

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Damals, in Raimis drittem SPIDER-MAN-Film, wurde der titelgebende Held noch – ganz getreu der Vorlage – von einer klebrigen, schwarzen Substanz außerirdischen Ursprungs bedrängt, die sich an seinen Anzug heftet und diesen schwarz verfärbt. Damit einher gingen neue, interessante Kräfte und ein inneres Hochgefühl, aber auch eine bedenkliche Charakterveränderung – aus dem unverrückbar netten Kerl wurde auf einmal ein leicht sinistrer Typ, der im Privatleben auf einmal so verruchte Dinge tat wie Besuche in Jazzclubs und das Einkaufen schicker Klamotten. Beruflich, also im Spinnenkostüm, wurde er aggressiver und nicht nur äußerlich etwas finsterer. Der Held entdeckte also seine dunkle Seite, er erlag den Verlockungen des Bösen und machte sich, das liegt in der Natur des Genres, natürlich auch wieder frei von ihnen. Nun, das variiert im Grunde auch die Themen dieses Films, der jedoch auf die Spinne, das eigentliche Symbol Venoms, verzichten muss – aus Rechtegründen.

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Die Zeiten haben sich geändert, und von heute aus denkt man sich, ach, was waren die anfänglichen Superhelden-Filmzeiten doch sonnig, da gab es keine echten Probleme und alles war lustig. Heute ist alles irgendwie schrecklich, dunkel, und selbst im an sich eskapistischen Superheldenfilm sind die Probleme gigantisch: Eddie Brocks dunkles Alter Ego.

Ist zumindest der Beginn des Films noch in sich stimmig und atmosphärisch, so scheinen Ruben Fleischer dann im zweiten Drittel die Fäden etwas entglitten zu sein: VENOM ist eine gute halbe Stunde zu lang, zu durcheinander und ohne ein gutes, zentrales Thema, an dem man einen Film aufhängen könnte. Er hat so ein Thema schon, nämlich die dunkle Seite, aber die wird höchst lustlos eingeführt, weicht dann einer Action-Orgie mittels mediokrer CGI-Effekte und mündet in ein Finale, das keines ist. Immerhin spielt Tom Hardy diesen Venom mit Inbrunst und Lust am Absurden, man fragt sich nur: Warum eigentlich? (Andreas Potulski) 

 

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