03/09/2014

UND AB GING DIE LUCY – LUC BESSON IM INTERVIEW

 Luc Besson - Lucy

LUCY ist der Überraschungserfolg des Jahres. Einer der wichtigsten Männer in der Filmwirtschaft ist und bleibt Luc Besson, der ständig Projekte, Produktionen und Filme von hoher Qualität herauspeitscht. Das Angebot, mit ihm nach dem Kinostart ein Interview zu führen, ließen wir uns nicht entgehen. Und man lese und staune in den folgenden Zeilen: Nach dem Film LUCY, an dem er Jahre arbeitete, hat er keine weiteren Pläne. Was ist los, Monsieur Besson?

Ein Review von LUCY könnt ihr hier http://www.deadline-magazin.de/lucy/  nachlesen.

 

 

DEADLINE:

LUCY ist dein zweitbester Start ever in Deutschland. Auch in anderen Ländern läuft der Film sehr gut. Hast du zu irgendeinem Zeitpunkt des Produktionsprozesses geahnt, dass LUCY so erfolgreich werden könnte?

 

Luc Besson:

Nein, natürlich nicht. So etwas weiß man vorher nie so genau. Das Einzige, was du vorher einschätzen kannst, ist, wie viel Lust und Arbeit du in dein Projekt gesteckt hast. Danach kann man lediglich hoffen, dass irgendjemand den Film sehen möchte, den du da gerade fertiggestellt hast. (lacht)

 

DEADLINE:

Warst du dieses Mal nervöser als sonst? Du hast an LUCY ja viele Jahre gearbeitet …

 

Besson:

Ja, der Produktionsprozess hat sehr lange gedauert, aber das liegt daran, dass es ein Film über Intelligenz ist. Vielleicht fühlte ich mich nicht intelligent genug, um in einem schnelleren Tempo an LUCY zu arbeiten. Ich habe mir schlichtweg die Zeit genommen, die ich brauchte, da es im Film um ein sehr seriöses, ernstes und anspruchsvolles Thema geht. Ich habe immer ein wenig an LUCY gearbeitet, dann das Projekt zur Seite gelegt und dann wieder die Arbeit daran aufgenommen. Zudem habe ich mich mit vielen Professoren unterhalten, um deren Meinung mit ins Drehbuch integrieren zu können.

 

DEADLINE:

Was hat dein Interesse an dem Projekt über all die Jahre aufrechterhalten?

 

Besson:

Der Film ist wie eine hübsche, attraktive Frau, die dir nie aus dem Kopf geht. Du weißt, sie ist da, und du weißt, sie ist gut, aber du willst dir die Sache mit deiner Übermotivation nicht kaputt machen. Ich musste auf den richtigen Zeitpunkt warten, um den Film zu machen. Ich denke, vor wenigen Jahren war ich noch nicht dazu bereit, LUCY zu drehen. Es ist ein wirklich kompliziert zu machender Film, weil man so viele Genres bzw. Themen miteinander mixt: Philosophie, Sci-Fi, Action usw. Es ist schwierig, da eine ausgewogene Mischung zu finden.

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DEADLINE:

Würdest du meiner Beschreibung zustimmen, dass LUCY eine Mischung aus NIKITA und MATRIX ist?

 

Besson:

Ich finde es witzig, dass alle Journalisten versuchen, zwischen NIKITA und LUCY eine Verbindung herzustellen. Aber okay, das ist natürlich euer Job. (lacht) Ich persönlich sehe keinerlei Verbindung zwischen diesen beiden Werken. Denn ein Film ist wie ein Mensch – jeder ist einzigartig und steht für sich. Vielleicht gibt es einen kleinen Beigeschmack von anderen Sachen, aber die größten Einflüsse auf LUCY waren sicherlich meine ganzen Treffen mit den Wissenschaftlern, und nicht MATRIX oder NIKITA.

 

DEADLINE:

Für mich gibt es da schon Gemeinsamkeiten, weil es beide Male um starke Frauen geht, die zupacken können und ziemlich intensiv mit Drogen zu tun haben. An MATRIX fühlte ich mich vor allem optisch und hinsichtlich des metaphysischen Ansatzes erinnert.

 

Besson:

Wenn wir zum Beispiel NIKITA nehmen: Die Frau ist bereits von Anfang an eine sehr außergewöhnliche Frau, da sie unter Drogeneinfluss einen Cop tötet. Lucy hingegen ist eine ganz gewöhnliche, fast schon langweilige Person. Sie ist ein Kind der Straße und nicht unbedingt die Intelligenteste. Sie hat um nichts gebeten und nichts wirklich falsch gemacht. Insofern sind die beiden Charaktere zu Beginn des Filmes extrem unterschiedlich, so wie Schwarz und Weiß.

 

DEADLINE:

Du sagtest ja bereits, dass du mit vielen Professoren wegen LUCY gesprochen hast. Das Ding, dass Menschen nur 10 % ihres Gehirns nutzen würden, ist ja aber ein Fake. Welche wissenschaftlichen Aussagen im Film sind also korrekt?

 

Besson:

Lasst uns bitte nicht vergessen, dass es sich bei LUCY um einen Film handelt. Denn ich habe bereits mehrfach lesen müssen, dass sich einige deiner Kollegen massiv darüber aufregen, dass die Sache mit der Nutzung der Hirnkapazität „noch nicht mal wahr“ sei. Dazu kann ich nur sagen: Ja klar, es ist ja auch ein Sci-Fi-Film! Und selbst im Film sagen wir ja, dass das nur grobe Einschätzungen seien, also nicht wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse. Darüber hinaus gibt es aber viele wissenschaftliche Fakten im Film, die echt sind. Beispielsweise das PH4 ist echt, abgesehen davon, dass wir uns einen neuen Namen dafür ausgedacht haben. Auch die Moleküle, die Frauen nach sechs Wochen Schwangerschaft bilden, stimmen. Ebenso der Fakt, dass jede Zelle unseres Körpers über 1.000 Nachrichten pro Sekunde an eine andere Zelle verschickt. Insofern mixen wir echte und unechte Fakten zu einem großen Ganzen, das viele Menschen am Ende für wahr halten. Das ist die Magie des Kinos.

 

DEADLINE:

Die Erforschung des menschlichen Gehirns scheint dir ja generell sehr wichtig zu sein. Du bist ja Mitbegründer des ICM (L’Institut du Cerveau et de la Moelle Épinière).

 

Besson:

Stimmt, das war vor 6 oder 7 Jahren mit Michael Schumacher und Jean Todt sowie noch einigen weiteren brillanten Leuten. Was mich da momentan besonders berührt, ist die Tatsache, dass Michael da so viel Energie und Geld in dieses Institut gesteckt hat und genau dieses nun Michael dabei hilft, wieder komplett gesund zu werden, und dabei exakt die Forschung genutzt wird, die er selbst gefördert hat. An diesem Beispiel merkt man, wie merkwürdig das Leben manchmal ist.

 

DEADLINE:

Stehst du noch immer mit dem Institut in Verbindung? Welche Aufgaben hast du derzeit?

 

Besson:

Ich bin noch nie ein Professor gewesen und werde auch nie einer sein. Insofern gibt es in der wissenschaftlichen Arbeit selbst nichts, das ich machen kann. Aber ich bin dafür da, mit meinem bekannten Namen dabei zu helfen, Gelder für das Institut zu akquirieren bzw. dieses überhaupt erst in der Welt bekannt zu machen. Auch wenn es darum geht, mit Regierungen zu sprechen, bin ich mit von der Partie und versuche zu helfen. Wenn außerdem ein kleiner Film gemacht werden muss, zum Beispiel zu Werbezwecken, bin auch ich es, der da bereitsteht.

 

DEADLINE:

Du schreibst ja wesentlich mehr Drehbücher, als du Filme inszenierst. Nach welchen Kriterien entscheidest du, ob du ein von dir verfasstes Skript verfilmst oder an junge Talente weitergibst?

 

Besson:

Wenn ich das Gefühl habe, dass es einen Regisseur gibt, der mein Skript besser umsetzen kann als ich, dann gebe ich es weiter. Wenn ich hingegen glaube, selbst etwas mit einbringen zu können, aufgrund meiner Erfahrung als Regisseur oder einfach nur wegen meiner Lebenserfahrung oder meines Interesses, dann mache ich es selbst. An LUCY arbeite ich seit 9 Jahren, da gab es beispielsweise keine andere Möglichkeit, als dass ich selbst den Film drehe.

 

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WEITER

 

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DEADLINE:

Vor einigen Jahren hast du ja mal gesagt, dass du keine Filme mehr drehen willst und dich stattdessen um Kinder in den Banlieues kümmern willst. Was hat deine Meinung geändert?

 

Besson:

Zunächst muss ich sagen, dass ich ja kein Politiker bin und deshalb die Erlaubnis habe, von meinem Rücktritt zurückzutreten. (lacht) Zu der damaligen Zeit habe ich diesen Spruch aber tatsächlich ernst gemeint. Ich war das Filmgeschäft leid. Ich habe mit 19 meinen ersten Film gemacht, dann war ich 45. Da kann es schon mal vorkommen, dass man etwas müde und ausgebrannt ist. Daraufhin habe ich mein Arbeitstempo extrem gedrosselt, aber noch weiter Drehbücher geschrieben. Ich habe darauf gewartet, ob meine Lust, Filme zu machen, wiederkommt. Ich hatte aber keine Angst davor, falls dies nicht geschehen würde. Wenn die Lust nicht zurückgekommen wäre, wäre das für mich in Ordnung gewesen.

 

DEADLINE:

Ist es trotz deines Umdenkens zum Engagement für die Kinder gekommen?

 

Besson:

Da ich, wie gesagt, mittlerweile etwas langsamer beim Filmemachen vorgehe, habe ich glücklicherweise etwas mehr private Zeit. Ich habe vor einigen Jahren eine Schule gegründet, welche für die jungen Leute nichts kostet. Es ist eine Filmschule für junge Leute, die kein Geld haben und in einer schlimmen Umgebung leben. Die Schule wurde vor drei Jahren eröffnet und läuft bis heute sehr gut, wir haben ungefähr 50 Schüler pro Jahr. Sie heißt l’Ecole de la Cité, und wenn einer deiner Leser gerne spenden möchte, ist er dazu herzlich eingeladen. Ist ja vielleicht auch eine passende Alternative zur Ice Bucket Challenge. (lacht)

 

DEADLINE:

Hat sich dein Blick als Filmemacher im Laufe der Jahre verändert?

 

Besson:

Ich weiß, dass ich mich als Mensch verändert habe. Mit 20 bist du nicht derselbe wie mit 30 oder 40. Man sammelt Erfahrungen, hat eventuell Kinder. Dein Leben und deine Vision davon verändert sich, und damit einhergehend dann auch deine Art, den Beruf auszuüben, den du ausübst. Was meine Ansichten über das Filmgeschäft angeht, bin ich mir aber nicht sicher, wie sich dieser Bereich entwickelt hat. Was das Filmgeschäft angeht, bin ich nicht gerade sehr leidenschaftlich. Ich verfolge das nicht so. Mich beschäftigen die Filme, die ich eventuell machen will, viel mehr als das Business selbst.

 

DEADLINE:

Dazu passt auch meine nächste Frage. Wann ist für dich selbst ein Film ein erfolgreicher Film? Was das Box Office und die Kritiker angeht, hast du ja insbesondere mit IM RAUSCH DER TIEFE sehr prägende Erfahrungen gesammelt.

 

Besson:

Ein Film, den ich mache, ist für mich dann erfolgreich, wenn meine Vision, die ich von dem Film zu Beginn hatte, als ich das erste Mal von meinem Projekt geträumt habe, am Ende mit dem fertigen Werk zu 90–95 % übereinstimmt. Also ganz unabhängig davon, ob der Film selbst dann überhaupt gut ist oder an den Kinokassen erfolgreich wird. Ich bin zum Beispiel sehr stolz auf ANGEL-A, den ich in Schwarz-Weiß gedreht habe. Ich wusste aber von Beginn an, dass es kein überschwänglicher Erfolg werden wird. Aber das ist für mich egal, ich bin sehr zufrieden mit ihm, auch weil er sehr persönlich ist.

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DEADLINE:

Wenn du sagst, 90–95 % sind für dich ein Erfolg, was ist dann in etwa der Durchschnitt bei deinen bisherigen Filmen, bzw. wie sieht’s bei LUCY aus?

 

Besson:

Am Anfang meiner Karriere, als ich DER LETZTE KAMPF, IM RAUSCH DER TIEFE und SUBWAY gemacht habe, lag ich wahrscheinlich so bei 65–70 %. Aber je mehr ich als Regisseur Erfahrungen sammelte, desto erfolgreicher bin ich vermutlich. LUCY würde ich sogar bei 97 % im Vergleich zu meiner Originalvorstellung einstufen. Geholfen hat sicherlich, mich daran zu erinnern, welche Fehler ich bei früheren Werken gemacht habe.

 

DEADLINE:

Kannst du uns ein besonders markantes Beispiel nennen?

 

Besson:

So etwas lässt sich gar nicht so einfach benennen. Es dreht sich immer um meine konkrete Arbeit, und es sind meist sehr technische Dinge. Es geht um Szenen, die ich eventuell etwas zügiger oder aus einem anderen Winkel hätte drehen sollen. Auch wenn man wie ich schon lange dabei ist, ist man nicht vor Fehlern gefeit. So passiert es manchmal, dass ich im Schneideraum sitze, mir ein Fehler auffällt und ich denke: Wie konntest du das übersehen? Wie konnte dir das nach all den Jahren passieren? Aber Fehler gehören zum Geschäft.

 

DEADLINE:

Bemerkt das Publikum die Fehler, die aus deiner Sicht Fehler sind?

 

Besson:

Nein. Es gibt ja sehr viele Menschen, die NIKITA lieben. Für mich hingegen ist das der Film, den ich von meinen eigenen mit Abstand am wenigsten mag – und zwar aufgrund der eben angesprochenen Fehler. Als wir den Film drehten, realisierte ich, dass das Ende des Films nicht so gut ist. Ich unterbrach daraufhin die Dreharbeiten, um das Skript umzuschreiben und das Ende neu zu drehen. So etwas macht dich als Regisseur nicht sehr glücklich. Selbst wenn die Katze sicher auf ihren Pfoten landet, heißt das nicht automatisch, dass auch das Fallen schön anzusehen ist. Ich war nicht stolz auf meine geleistete Arbeit bei NIKITA. Am Ende fand ich den Film ganz in Ordnung, aber der finale Film hat nur zu geringer Prozentzahl meiner Ursprungsvorstellung entsprochen. Wenn du am Ende der Dreharbeiten 20 Minuten eines Films in die Tonne schmeißt, weil er ansonsten zu lahm ist, dann hast du als Regisseur vorher einen Fehler gemacht. Bei LUCY sind hingegen höchstens zwei Minuten der Schere zum Opfer gefallen.

 

DEADLINE:

Welche Projekte stehen bei dir als Nächstes an?

 

Besson:

(überlegt lange) Nein, ganz aktuell habe ich noch kein neues Projekt in Aussicht, das ich bald verfolgen werde.

 

DEADLINE:

Vielen Dank für das Interview!

 

 

Interview geführt von Heiko Thiele

 

Bildmaterial © Universal Pictures

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