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13/02/2019

THE MULE

Regie: Clint Eastwood / USA 2018 / 116 Min.

Darsteller: Clint Eastwood, Bradley Cooper, Dianne Wiest, Alison Eastwood, Taissa Farmiga, Laurence Fishburne, Andy Garcia, Michael Peña

Produktion: Clint Eastwood, Dan Friedkin, Jessica Meier, Tim Moore, Kristina Rivera, Bradley Thomas

Freigabe: FSK 12

Verleih: Warner Bros.

Start: Bereits gestartet

 

 

Familie ist das Wichtigste

Eastwood macht aus einer mal wieder wahren Geschichte einen typischen Eastwood. Earl Stone (innerlich wie äußerlich versteinert? Die reale Figur hieß anders!) ist ein alter Gärtner, der seine Familie vernachlässigt hat. Nun ist seine Gärtnerei dicht, die Familie will kaum mehr von ihm wissen, und durch Zufall heuert er als Drogenkurier, als „mule“, an (natürlich ist er auch „stubborn as a mule“). Er bewährt sich, kann mit den Entlohnungen den Wandel der Welt etwas aufhalten (indem er z. B. seine Gärtnerei und eine Veteranenkneipe vor dem Ruin rettet). Aber wird er sich am Ende an die Anweisungen des Kartells halten oder seine sterbende Ex-Frau (Dianne Wiest) besuchen?

Es gibt hier viele in Stein gemeißelte Eastwood-Sprüche. „Familie ist das Wichtigste“, sagt Earl zu Agent Bates (Bradley Cooper). Eastwood’sche Parallelmontagen: Falls eine von zwei Hauptfiguren nicht komplett im Verborgenen agiert (ABSOLUTE POWER, 1997), sind die wenigen Begegnungen Höhepunkte. Hier gibt’s zwei. Zunächst unterhalten sich die beiden, ohne dass Bates weiß, dass er mit dem Gesuchten redet. Sie schätzen einander, der Alte gibt dem Jungen (und, wie oft bei Eastwood, sich selbst) Lebensratschläge wie den zitierten. Die Wiederbegegnung wird ein Musterbeispiel an herausgezögerter Inszenierung des Erkennens, wen Bates vor sich hat.

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Eastwood steht für „amerikanische“ Dinge. Der Film ist von sympathischem Konservatismus wie Idealismus. Family Values. Beständigkeit. Ein nostalgischer Soundtrack sowie nur moderate Dissonanzen (Arturo Sandoval in Kontinuität des Stammkomponisten Lennie Niehaus). Unbehagen gegenüber neuen Medien (die auch Earls Gärtnerei ruiniert haben). Der Glaube, seines eigenen Glückes Schmied zu sein (nur nicht vom Tellerwäscher zum Millionär, sondern vom Gärtner zum Drogenkurier). Alles mit viel trockenem Humor. Allein wie Earl einen Choleriker ärgert und austrickst, dessen Blick am Handy klebt, muss man gesehen haben.

Die Kamera zeigt Americana – Wide Open Spaces, Wüste, Diners, Musikkneipen, Motels und Garagen an Ausfallstraßen, so wie das nur Eastwood kann (sogar im harten Kriegsfilm FLAGS OF OUR FATHERS, 2006). Die Kurierfahrten führen durch diverse Landschaften, aber so viel Earl auch herumkommt, ist da nicht nur nostalgische Schönheit, sondern auch Melancholie des Unwiederbringlichen. Die Wüsten und Ausfallstraßen sind karg, das Grün der Wälder und Wiesen ist wenig satt. Kameramann Yves Bélanger bleicht nicht so stark aus wie Vorgänger Tom Stern, aber es ist bemerkbar. Oder der Verzicht darauf. Earl züchtet Taglilien, sie haben beim Erblühen satte Farben, nur einen Tag lang, nach langem Warten. Auch Earl ist ein Spätblüher, der in der Tretmühle und ohne Familie gelebt hatte. Die Blüten tauchen im Anfangs- und Schlussbild auf. Ein Kreis schließt sich; Earl ist wieder bei sich. Bélanger ist nur dafür zu kritisieren, dass er die Kamera bei einer Party des Kartellbosses (Andy Garcia!) penetrant auf leicht bekleidete Frauenpopos richtet.

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Eastwood-Figuren sind oft schuldbeladen und bekommen eine ungewöhnliche Chance der Wiedergutmachung. Oft geht es um den weiblichen Teil der Familie. Ihm und damit auch sich selbst fügt der Eastwood-Charakter Wunden zu. Schon in DER WOLF HETZT DIE MEUTE (1984) drohte er ähnlichen Perversionen zu erliegen wie ein Serienmörder und war der Draht zur Tochter gestört. In EIN WAHRES VERBRECHEN (1999) konnte eine gute Tat die Ehe nicht mehr kitten. In GRAN TORINO (2008) blieb nur noch der Tod. Ein Endpunkt? Nein! Dort bestand die Familie aus tumben Aasgeiern. Hier ist sie älter und weiter. Eastwoods Filmfrau ist alt (insoweit hatte sich der reale wie der filmische Eastwood zuvor ein paar Eitelkeiten gegönnt …). Die Filmtochter (Alison Eastwood, *1972) sieht nicht jünger aus, als sie ist. Die Enkelin (Taissa Farmiga) ist erwachsen. Entsprechend die Charaktere: Hier regt sich niemand mehr auf, wie die Gattin in EIN WAHRES VERBRECHEN, hier haben alle bis auf die Enkelin das schon hinter sich und meiden Earl. Das Kind ist in den Brunnen gefallen. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Am Ende scheint Earl – was bei seinem Schicksal erstaunlich ist – frei. Was Denzel Washington in FLIGHT (2012, Regie: R. Zemeckis) gesagt hat, muss Eastwood nur zeigen.

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Zudem macht er Political-Incorrectness-Witze, die Alltagsrassismus nicht nur augenzwinkernd aufgreifen. „Also helfe ich heut mal den N*gern.“ Bitte? Das angesprochene Pärchen merkt sofort, dass Earl das nicht so meint; er ist steinalt, und früher sagte man das halt. Fies ist nur ein rassistischer Provinzbulle, was Eastwood mit bedrohlichem Blick wie Ansprache zeigt. „Was macht ihr in MEINER Stadt?“ Und Earl weiß, warum ihn und seine Latino-Aufpasser alle anstarren: „Zwei Bohnenfresser sitzen mit ‘nem Weißbrot zusammen.“ Solche ironischen Töne hätte man vom realen Eastwood auch gern gehört, der das nicht nur in GRAN TORINO (2008), sondern schon in BIRD (1988) und WEISSER JÄGER, SCHWARZES HERZ (1990) gemacht hat, inklusive Blackfacing und Bezeichnungen wie I**igs und N**gger. Aber – ehrlich! – immer auf der Seite der Gemeinten.

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Der Film zieht den (nie verherrlichten) Drogenhandel also mitunter dem normalen Wahnsinn vor. Bates und sein Partner (Michael Peña) sind im Unter-Druck-Setzen eines V-Mannes den Methoden der Drogenbosse recht ähnlich. Zudem stellen sie sich manchmal doof an. Dass Bates darüber nicht zur Pappfigur verkommt, ist Film wie Cooper hoch anzurechnen. Und auch in der Anfangsphase findet sich schon das Thema Familie, wenn Bates etwa seinen Partner fragt, wie er den Job mit fünf (!) Kindern vereinbare. „Man macht es einfach.“ Also das, was Earl nicht konnte. So sind getrennte Handlungsstränge bis zu scheinbar banalen Details miteinander verwoben. Unausgegoren aber ist der Laurence-Fishburne-Part als Bates‘ Vorgesetzter mit typischen „Ich will Festnahmen“-Reden.

Somit hat der Film wie Eastwood Ecken und Kanten, ein paar Macken, aber wer sich drauf einlässt, wird reichlich belohnt.

 

(Prof. Dr. Tonio Klein)

 

WER DEN MULI NICHT EHRT, IST EINER HANDVOLL DOLLAR NICHT WERT