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17/05/2019

/SLASH EINHALB IN WIEN – DIE RÜCKSCHAU

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Das wichtigste österreichische Festival für den fantastischen Film ging mit seiner halbjährlichen Mini-Ausgabe, dem /slash einhalb, vom 3. bis 5. Mai 2019 in die sechste Runde und bot damit einen Vorgeschmack auf das /slash Filmfestival im September. Zwei kompakte Spieltage, an denen der Fokus erneut vermehrt auf europäischen Produktionen lag, versammelten Genrefans aus allen Ecken des fantastischen Films und ließen das Wiener Filmcasino aus allen Nähten platzen.

 

Eröffnet wurde dabei mit dem exzentrischen und experimentellen Kunsthorrorstück KOKO-DI KOKO-DA des schwedischen Regisseurs Johannes Nyholm (THE GIANT). Elin (Ylva Gallon) und Tobias (Leif Edlund Johansson) waren einmal ein glückliches Paar, doch zu viel ist passiert und noch mehr verloren gegangen. Ein gemeinsamer Zelturlaub mit ihrer Tochter Maja (Katarina Jacobson) soll die Familie wieder näher zusammenbringen und ein letzter Rettungsversuch für die Beziehung sein. Aber schon in der ersten Nacht werden sie von einem grotesken Trio aus dem umliegenden Finsterwald attackiert, das fröhlich das dem Film seinen Namen gebende Kinderlied „Koko-di Koko-da“ vor sich hin trällert. Bereits der Beginn des Films, der beim diesjährigen Sundance Film Festival Premiere feierte, verströmt ein derart unmittelbares und beeindruckendes Gefühl für feine Nuancen und diffizilen Genremix, dass es einem schwerfällt, den Film zu kategorisieren; besser, man lässt sich einfach voll auf die eineinhalb Stunden ein, die einen unter anderem durch Animationssequenzen, Anklänge von Torture Porn und nicht zuletzt auch düstere Slapstick-Comedy tragen.

KOKO DI KOKO DA
KOKO-DI-KOKO-DA

 

Weiter ging es mit dem Fast-Ein-Mann-Stück ARCTIC des Videokünstlers Joe Penna, der vor allem für seine YouTube-Videos (THE PUZZLE) bekannt wurde. Mads Mikkelsen, der bereits in Nicolas Winding Refns Fantasy-Abenteuer VALLHALLA RISING bewies, dass er sehr gut damit klarkommt, sich mehr oder weniger solo über die Leinwand zu arbeiten, lässt einem in diesem puren und puristischen Survivalthriller kalte Schauer über den Rücken wandern. Ohne dass man seine Geschichte oder die Hintergründe für den Absturz kennt, sieht man einem offensichtlich Gestrandeten in der Arktis beim Überleben zu. Routinierte Tätigkeiten, getaktet von der Alarm-Uhr am eiskalten Handgelenk, strukturieren die immer gleichen Tage und versuchen, eine Sinnhaftigkeit zu stiften, die in der Eiswüste schon einmal schnell verloren gehen kann. Als er aber auf eine weitere, jedoch äußerst schwer verwundete Überlebende (Maria Thelma Smáradóttir) trifft, intensiviert sich der Drang, einen Ausweg aus der Situation zu finden, und ein letzter Kampf, die alles beherrschende Natur zu bezwingen, beginnt.

 

ARCTIC
ARCTIC

Den Abschluss des ersten Mini-Festival-Tages bildet die Österreichpremiere von S. Craig Zahlers DRAGGED ACROSS CONCRETE, mit dem Zahler einen paradox inszenierten Versuch zu starten scheint, Mel Gibson auf die Bildfläche zurückzuholen. Gibson, der in der Vergangenheit durch seine zahlreichen homo- und xenophoben Äußerungen mehrmals auf die Strafbank des Filmgeschäfts verbannt wurde und mit seinen letzten Comeback-Versuchen scheiterte, spielt in DRAGGED ACROSS CONCRETE einen rassistischen Hardboiled-Cop, der gemeinsam mit seinem Partner (Vince Vaughn) vom Dienst suspendiert wird, nachdem ein Video viral geht, in dem die beiden einen lateinamerikanischen Kriminellen schikanieren. Um einen Ausweg aus ihrer Situation zu finden und gleichzeitig auch Selbstjustiz am System zu üben, beschließen die beiden, sich mit einem Jobangebot aus dem Untergrund (Udo Kier als Kontaktmann Friedrich) die Taschen zu füllen. Lange und langsame Szenen, die die Charaktere jeweils in einer Art kammerspielartigem Ensemble vereinen, werden immer wieder von brutalen und beinharten Actionszenen kontrastiert. Alles in allem schafft S. Craig Zahler wie auch schon mit seinem Erstlingswerk BONE TOMAHAWK einen hochspannenden Thriller mit Luxus-Besetzung und die perfekte Nachahmung einer längst vergangenen Film-Ära.

 

DRAGGED ACROSS CONCRETE
DRAGGED ACROSS CONCRETE

Nur wenige Tage nachdem dieser das Crossing Europe Filmfestival in Linz eröffnet hatte, ließ /slash einhalb seinen zweiten Mini-Festival-Tag mit dem dänischen Politthriller SONS OF DENMARK (Regie: Ulaa Salim) starten. In der nahen Zukunft im Jahr 2025, ein Jahr nach einem terroristischen Bombenanschlag in Kopenhagen, ist die extrem rechtspopulistische Partei National Movement zur führenden politischen Kraft im Land geworden, und die Radikalisierung hat entsprechend erschreckende Ausmaße angenommen. Rassistische Übergriffe häufen sich, und der ultranationalistische Politiker Martin Nordahl (Rasmus Bjerg) hofft, nach den anstehenden Parlamentswahlen das Amt des Premierministers zu übernehmen. In diesem aufgeheizten Klima lässt sich der 19-jährige Zakaria (Mohammed Ismail Mohammed) von Hassan (Imad Abul-Foul), dem Anführer einer Terrorzelle, rekrutieren, um anschließend vor der schwerwiegenden Entscheidung zu stehen, den Amtsanwärter zu liquidieren. SONS OF DENMARK ist ein äußerst unangenehmer, akuter, bestürzender und wichtiger Politthriller, der seiner sensiblen Thematik mit viel emotionaler Intelligenz begegnet.

 

SONS OF DENMARK
SONS OF DENMARK

 

Runner-up war die Österreichpremiere von Joe Berlingers EXTREMELY WICKED, SHOCKINGLY EVIL AND VILE, der auch in unseren Breitengraden bald auf Netflix und Blu-ray und DVD erscheinen soll. Der Film erzählt die Zeit zwischen 1974 und 1978, in der der Serienmörder Ted Bundy mehr als dreißig Frauen ermordete. Nachdem Berlinger sich bereits für die ausgezeichnete True-Crime-Dokumentationsserie CONVERSATIONS WITH A KILLER: THE TED BUNDY TAPES (ebenfalls auf Netflix erschienen) verantwortlich zeigte, scheint sein Spielfilm eher eine Art weiteres Puzzleteil in einem Gesamtwerk mit dem Thema Ted Bundy als ein eigenständiges, reflektiertes Stück filmische Erzählung zu sein.

 

Ohne die Serie gesehen zu haben, dürfte es schwer sein, die Beweggründe für das Vorgehen einzelner Figuren zu durchschauen und wie sich die Ereignisse genau abgespielt haben. Das soll allerdings keine Kritik an der Qualität des Films selbst sein, denn diese ist ausgezeichnet, ebenso wie die darstellerische Leistung Zac Efrons als Ted Bundy (eine spannende und ungewöhnliche Wahl Berlingers, die sich eindeutig bezahlt gemacht hat) und Lily Collins‘ als dessen Ehefrau. Doch gerade da es sich um einen Serienmörder handelt, der derart narzisstisch veranlagt war und für den die Medien und das im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit Stehen ungemein essenziell waren, ist es schwierig, einen Film zu rechtfertigen, der, anstatt die Verbrechen zu reflektieren oder die Ereignisse aus einer ungewöhnlichen Perspektive zu schildern, erneut Bundy in den Fokus der Aufmerksamkeit stellt und auf weiten Strecken lediglich das Bild reproduziert, das er ohnehin der Öffentlichkeit präsentieren wollte.

 

EXTREMELY WICKED, SHOCKINGLY EVIL AND VILE
EXTREMELY WICKED, SHOCKINGLY EVIL AND VILE

Mit KNIFE + HEART (orig.: UNE COUTEAU DANS LE COEUR) präsentierte das /slash einhalb dem Publikum einen famosen Neo-Giallo als Liebesbrief an die abenteuerlustige (Porno-)Filmkultur der späten Siebziger, ganz im Stil eines frühen Brian-De-Palma-Thrillers. 2018 für die Goldene Palme beim Cannes-Filmfestival nominiert, öffnet der französische Regisseur Yann Gonzalez ein Fenster in das Paris des Sommers 1979. Pornoregisseurin Anne (Vanessa Paradis) wird von ihrer Freundin Loïs (Kate Moran) verlassen, während zeitgleich ein Serienmörder (mit einem Switchblade-Dildo!) sein Unwesen in der homoerotischen Pornoszene treibt. Inspiriert von seinen grässlichen Taten, versinkt Anne in der Arbeit an ihrem Opus Magnum „Homocidal“. Doch sie hat die Rechnung ohne den Killer gemacht, der es ausschließlich auf ihre Schauspieler abgesehen zu haben scheint. Wer ist er? Warum mordet er? Und was verbindet ihn mit Anne? Diesen Fragen versucht die Regisseurin auf eigene Faust auf den Grund zu gehen und verstrickt sich dabei zusehends in ein Netz aus Neonlichtern, weichgezeichneten Waldwiesen-Picknicken und fantastischen Sonderlingen. Ein aus der Zeit gefallenes, wildes, brutales und geiles Stück Film.

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KNIFE + HEART

 Der letzte Film des Abends war gleichzeitig auch der erste „richtige“ Horrorthriller des Mini-Festivals: Lee Cronins THE HOLE IN THE GROUND. Sarah (Seána Kerslake) und ihr junger Sohn (James Quinn Markey) ziehen nach der Trennung vom Kindsvater in ein altes Haus am Rande eines großen, düsteren irischen Waldstücks, in dessen Mitte ein riesiges Sinkloch klafft (wobei den gesamten Film hindurch weder auf dessen Bestehen noch auf die Umstände seines Entstehens eingegangen wird). Eines Nachts verschwindet der Junge zwischen den Bäumen und taucht erst Stunden später wieder auf.

HOLE IN THE GROUND
HOLE IN THE GROUND

Schon bald keimen in Sarah die ersten Zweifel, ob das Kind, mit dem sie seither abgeschieden von der Stadt lebt, tatsächlich ihr Sohn ist. Das Beeindruckende an Lee Cronins Spielfilmdebüt (siehe hier unser Interview) ist die wirklich bedrückende Atmosphäre, die sich um das Mutter-Sohn-Ensemble aufbaut, ebenso wie die reduzierte und dadurch umso wirkungsvollere Inszenierung des „Bösen“, das der Junge nach seinem Ausflug in den Wald ausstrahlt, unterstützt von den Visionen der Mutter. Ein Film, der die Heimfahrt alleine durch die Nacht schwer macht.

 

Richard France (c) /slash Festival
Richard France (c) /slash Festival

Seinen richtigen Abschluss und eigentlichen Höhepunkt aber feierte das /slash einhalb erst am Sonntagabend mit dem Screening von George A. Romeros Zombieklassiker DAWN OF THE DEAD und dem anschließenden Publikumsgespräch mit dem Ehrengast Richard France, der kurz zuvor noch als augenklappentragender Wissenschaftler die Bevölkerung über den korrekten Umgang mit Zombies instruierte.

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Jetzt bleibt uns nichts weiter, als uns auf die Langversion des /slash Filmfestivals im September zu freuen, um in kuscheligen Kinositzen wieder Abartiges und Außergewöhnliches, Bildgewaltiges und Blutrünstiges, Schmerzhaftes und Schreckliches zu durchleben.

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Infos und Vorschauen zum /slash Festival im September gibt es hier: www.slashfilmfestival.com.

(Raffaela Schöbitz)