15/01/2018

SHIVERS Film Festival in Konstanz

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Germaine Paulus und Sebastian Selig sprechen darüber, was sie am letzten November-Wochenende beim SHIVERS Filmfestival im Zebra Kino in Konstanz erlebt haben.

 

 

SELIG: Germaine, lass uns noch einmal Revue passieren, wie es dazu kam, dass wir Seite an Seite in einem Zombiefilm aus Uganda mitgespielt haben, wegen eines Kunstfehlers verdammt kunstvoll verflucht wurden, einem Hund ins Totenreich gefolgt sind, und all das war ja nur die Spitze des Eisbergs.

 

PAULUS: Also eigentlich hatte mich dein Bericht über das SHIVERS vom letzten Jahr schon sehr neugierig auf dieses kleine, freundliche Festival gemacht. Ich hätte jedenfalls nicht gedacht, dass es mich schon so bald dorthin verschlägt, aber dann kam der Anruf von Stefan Schimek, einem der Veranstalter – und zack, war ich in der Jury, um den besten Kurzfilm zu küren. Dass das alles auch beinhalten würde, dass wir während einer Live-Schalte nach New York in der ersten Sitzreihe blöde mit den Armen fuchteln und so trashig es geht aus dem Leben scheiden sollten … das hätte ich echt nicht erwartet. Da unten, im beschaulichen Konstanz. Aber hey, wenn einem zur Matinee schon LIFEFORCE bzw. STARSHIP TROOPERS und ein Gläschen Sekt kredenzt werden, ist alles möglich!

star ship troopers 

SELIG: LIFEFORCE war ein ganz besonders magischer Kinomoment. Auf keinen Film hatte ich mich wohl mehr gefreut, aber weil der große Kinogott hier ja immer wieder auch meint, einen den Verzicht lehren zu müssen, kam es ja dann anders. Wir waren zu spät, erlebten dann aber das gefühlte 30 Minuten währende Finale des Films als nonstop die Eingangstür des Zebra Kinos vibrieren lassendes höllisches Kreischkonzert, durchsetzt von gigantischen Explosionen. Der Film, den wir nur spüren, aber nicht sehen konnten, wirkte so nochmals mehr wie der allergrößte Wahnsinn überhaupt. Wurde in unseren Köpfen an diesem Abend zu einem Mythos, der uns dann immer wieder durch das verbliebene Festival verfolgt hat.

lifeforceKeine Stunde später haben wir dann erlebt, wie einer sich aus Pappe in seinem Wohnzimmer eine Höhle gebaut hat, aus der wir dann alle kaum mehr herausgefunden hätten.

 

PAULUS: Ja, DAVE MADE A MACE waren 80 wunderbar schrullige Minuten Kino. Und dann kam kurz vor Mitternacht die gut gelaunte Abrissbirne BAD BLACK. Low-Budget-Action und fucking proud of it! Ein Vorzeigestück aus Wakaliwood, skurril, schräg, trotz allem mit kritischen Momenten durchsetzt – und mit diesem unglaublich eigenartigen Humor. Ugandapower! Bad Black! Godzilla Woman! Und das alles gedreht in den Slums von Kampala. Mit extra fürs SHIVERS produzierten Einblendungen. Glaubst du erst, wenn du’s gesehen hast. Für mich die Überraschung des Festivals.

shivers_bad blackAber … trotz allem war der große, der wuchtige, der unfassbar wütend machende und dich gleichzeitig hilflos in den Sessel drückende Moment THE KILLING OF A SACRED DEER.

 

SELIG: Hach … THE KILLING OF A SACRED DEER, das ist wirklich unaufhaltsames Kino. Kino, das du noch Wochen später tief in dir drin vibrieren spürst. Ein eiskalt bei Sonnenschein auf deine Seele geklatschtes Schuld-und-Sühne-Werk von bestechender Konsequenz. Gleichzeitig trotz oder auch wegen der Kälte unendlich sexy und romantisch. In den Film habe ich mich echt verknallt.

killing of a sacred deerWir müssen aber unbedingt noch über die Kurzfilme reden, die hier in zwei Wellen über uns gebrandet sind. Uns aus tief verschneiter Landschaft anstarrende Wesen mit aus Brot geformten Masken, sich bis unter die Haut liebende Aliens, delirierender Cyberpunk aus Japan, Friseurtermine mit Zombies und dann natürlich immer wieder Hunde, Hunde, Hunde …

 

PAULUS: Wie zum Beispiel der bezaubernde alt gewordene Mischling in THURSDAY NIGHT, einem Short, „der zunächst als tierisches Suspense-Drama fesselt und einem am Ende ein klein wenig das Herz bricht, berührend, mysteriös, schön“, wie mein Jury-Kollege Christian sagte.

ThursdayNight01Und natürlich unser Platz 1 dieses SHIVERS-Jahrgangs, ROAD 13. Klaustrophobisch inszenierte sieben Minuten im Stau, die mit dem Tod enden – und der Erkenntnis, wie sehr man sich daran gewöhnt hat, ihn in fremde Hände abzugeben. ROAD 13 ist ein verdammt eindringliches Stück Kurzfilm. Und dann ist da ja auch noch der schön-trotzige Märchen-Bastard NOVEMBER, mein Festival-Highlight. Und das Zebra Kino an sich, das Drumherum, die Menschen …

 

SELIG: Es gibt wenig Kinos in Deutschland, in denen die Liebe zum Kino derart vibriert, wie sie es hier im Zebra Kino in Konstanz tut. Dort wird wirklich mit ungebändigtem Wagemut und ungekünstelter Freude zu neuen Ufern aufgebrochen. Spürt man natürlich auch beim SHIVERS Filmfestival, welche große Entdeckerfreude hier am Werk ist. Das Programm wird nicht gemacht, um Schubladen zu füllen, sondern diese zu sprengen. Hier wird ein Kino gefeiert, dass Überraschungen liebt. Es geht eben nicht darum immer wieder nur langweilig Erwartungen zu erfüllen, sondern aufzubrechen und Dich mitzunehmen. Ich bin wirklich über beide Ohren verliebt in dieses Kino.

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PAULUS: Schon allein das Gebäude, in dem es ist. Eine alte Kaserne. Das Kino dann im ersten Stock. Du erwartest alles mögliche, wenn du die Treppen raufsteigst, aber nicht so ein liebevoll betriebenes Ein-Saal-Land. Dass das Publikum überwiegend sehr jung war, fand ich auch toll. Keine Berührungsängste, Lust auf Filme im O-Ton, Lust auf Experimente und Neues – und wie du schon sagtest, das Programm, auch für die kommenden Wochen, war schon sehr besonders zusammengestellt. Würd ich da wohnen, wär ich Stammgast. Es war schön zu sehen, dass bei den Centerpieces wie THE KILLING OF A SACRED DEER der Saal bis auf den letzten Platz ausgebucht war. Und es war echt schade, dass wir den letzten Tag nicht mehr da waren, HOW TO TALK TO GIRLS AT PARTIES, den hätte ich wirklich gern noch mitgenommen, bevor wir uns durch den verschneiten Schwarzwald auf den Heimweg gemacht haben.

 

 

 

 

 




WEITER

 

SELIG: In Estland war es noch dieser ganz besonders nasskalte, magisch dampfende Spätherbst gewesen, der das zwischen den hohen Märchentannen hing. Auf NOVEMBER haben wir uns, glaube ich, alle ganz besonders gefreut.

 

PAULUS: Oh ja. Und wir wurden nicht enttäuscht. Weite, ganz wunderbar komponierte Bilder, bestechend unwirkliches und gleichzeitig messerscharfes Schwarz-Weiß, das durch den Einsatz von Infrarot noch eine Spur entrückter wirkte – und das alles um eine knorrige Geschichte gewickelt, die von unerfüllter Liebe, der Pest, einer mürrisch-verschworenen Dorfgemeinschaft, deren Obrigkeit und einer Menge volkstümlicher Magie handelt. Mittendrin: Ein herrlich versponnen aufspielender Dieter Laser, der als Baron seine Manierismen in ungeahnte Höhen schraubt. Ganz groß und zum drin versinken. Wenn man sich auf die eigenwillige Erzählstruktur einlässt. Die Märchen aus dem Norden, das ist ja oft eher derber Stoff, bis hin ins Absurde. Und wenn bei NOVEMBER gleich zu Beginn einer der Bauern einen „Kratt“ aus Schrott, einem Tierschädel und Magie bastelt, um eine Kuh zu stehlen, und das unheilige Ding sich knatternd und pfeifend und scheißend auf den Weg macht …

novemberDa weiß man, dass man hier nicht das üblich Liebliche geboten bekommt. NOVEMBER ist für mich einer der wunderbarsten Filme 2017.

 

SELIG: Joe D’Amato, Michele Soavi, der späte Dario Argento … mir ist eigentlich erst in den letzten Jahren so richtig bewusst geworden, welcher ganz besondere Zauber über dem ausklingenden italienischen Genrekino der frühen 90er Jahre liegt. Die Kunst der Fuge. Unnachahmliches Nach-der-ganz-großen-Party-Kino. Die Melancholie tapfer runtergeschluckt mit festem Schritt durch das schreitend, was die Glanzzeiten der 60er, 70er und 80er an Architektur zurückgelassen haben. Triste Messeflure durch die sich grau-braune Teppichböden schlängeln, herrlich hässlich verchromte Treppengeländer, Fake-Marmor, Plastikblumen vor verklingender Popart. Genau diesen flüchtigen Moment in der Kinogeschichte jetzt noch einmal mit ganz viel Liebe aufgegriffen zu sehen, hat mich wirklich tief gerührt. HOUSEWIFE, nach BASKIN der zweite Film von Can Evrenol bringt insbesondere in seiner furiosen ersten Hälfte genau diese trist-glamouröse Zwischenzeit noch einmal intensiv auf den Punkt.

housewifeIm Zentrum eine dieser tapfer zwischen Kunst und Trauma taumelnden Argento-Heldinnen. Eine herrlich theatralische Sekte gibt es natürlich auch und ganz viel dunkles Rot. Zielstrebig in die Hysterie taumelnd. Schön.

 

PAULUS: Und, noch mal zu betonen: Das Kurzfilmprogramm. Zwei Blöcke an zwei Abenden, gut besucht und von durchgängig guter Qualität. Die Top 3 zusammen zu stellen, das fiel Christian, Daniel und mir echt verdammt schwer – vor allem, was den dritten Platz anging, den wir dann an GREAT CHOICE vergeben haben. Daniel sagte in unserer Jurybegründung: „Genuss, Gewalt, Grenzenlosigkeit und Gegenwehr – aufgeteilt auf drei oder sogar 4 Ebenen. Ein stilsicherer Albtraum, ein verdienter Gewinner.“ Die fiese 90er-Jahre-Werbedauerschleife, die sich dann als ganz spezieller Höllentrip herausstellt, war ja auch beim Publikum echt beliebt.

shivers_great choiceAber auch in den jeweils zum Hauptfilm ausgesuchten Vorfilmen gab’s viel zu entdecken, zum Beispiel das neueste Werk des großartigen Robert Morgan, BELIAL’S DREAM. Da steckte schon ‘ne Menge BOBBY YEAH-Echo drin, und auch eine gute Prise BASKET CASE. Morgan, der Meister der ekligen Knete. Ich verbeuge mich jedes Mal.

 

SELIG: Wer mich kennt weiß, wie sehr ich Winterfilme liebe. In dem nasskalten Kurzfilm LOST FACE geraten wir mit ein paar Trappern in die Hände von Indianern. Während teilnahmslos Schneeschollen den Fluss hinuntertreiben, wird ein Bärenfelljäger nach dem anderen grausamst massakriert. Nur einer versteht wortgewandt alles noch einmal in ein neues Licht zu rücken. Mir hat wirklich das Herz geblutet, dass ich danach bereits schon wieder abreisen musste und somit den letzten Festivaltag leider verpasst habe. Tatsächlich fing es dann aber genau in dem Moment an zu schneien, als wir aus dem Kino traten. Schnee als Ausklang. Perfekt.

 

PAULUS: Ja. Perfekt. Ich denke, dass wir uns Ende des Jahres wieder dort treffen werden.

 

SELIG: Unbedingt. Dieses Festival rockt.

 

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