29/06/2016

MISSIONAR, RITTER, PLATTFUSS, NILPFERD und letztlich HIMMELHUND …

Zum Tode von Carlo Pedersoli/Bud Spencer * 31.10.1929 – † 27.06.2016

 BUD SPENCER - IN ACHTZIG JAHREN UM DIE WELT - Bildteil I - 00I-01 - © Karl May Archiv, Göttingen -Verwendung nur im Rahmen einer Buchvorstellung - highres

1978. Tresen einer Kneipe, Montagabend, Sohn, Vater und dessen Arbeitskollege; der kommentiert herablassend süffisant den gerade besuchten Film: „Gekämpft haben sie, mit Laserschwertern … paaah … ich brauch Action, da muss es ordentlich knallen, Bud Spencer, das ist Kino!“ Der neunjährige Knirps, der endlich Luke und Han im Kino begegnet war, ließ sich das natürlich nicht madig machen, verstand aber trotz dieser Blasphemie, was Papas Kumpel meinte. Wenn Buddy seinen Dampfhammer auspackte, das war einfach eine unwiderstehliche Schau, bei der man sich kringeln konnte, und wer weiß, was passiert wäre, wenn er Lord Vader mal ordentlich eine vor den Helm gedonnert hätte … Ein paar Monate später war er dann DER GROSSE MIT SEINEM AUSSERIRDISCHEN KLEINEN und kämpfte gegen Aliens und auch wieder gegen den fiesen Raimund Harmstorf, der wollte anscheinend nicht lernen, dass Buddy nicht zu schlagen war, hatte er doch schon in SIE NANNTEN IHN MÜCKE den Frack ordentlichst voll bekommen … Jedenfalls war Herr Harmstorf bei Wim Thoelke im GROSSEN PREIS zu Gast, selbstredend mit ein paar Ausschnitten, und verriet, dass Mr. Spencer ob seiner Kurzsichtigkeit bei manch einer Szene unabsichtlich auch mal richtig hinlangte, was niemandem mehr wehtat und niemanden mehr schockierte als ihn selbst. Man wusste viel über dieses bärbeißige Idol, die BRAVO hatte z. B. verraten, dass er gebürtig aus Italien stammte (was er selber nicht hören wollte – er war mit Leib und Seele Neapolitaner!), auf den Namen Carlo Pedersoli hörte und vor seiner Filmkarriere ein begnadeter Schwimmer war, der zweimal an Olympischen Spielen teilgenommen hatte (was auch erklärt, warum in Schwäbisch Gmünd das Bud-Spencer-Bad existiert …). Eifrig an einem normal gesitteten Leben bastelnd, probierte er so einiges aus, bis ihn sein Schwiegervater mit dem Filmgeschäft in Berührung brachte. Nach einigen kleinen Rollen (u. a. in QUO VADIS?) castete ihn Giuseppe Colizzi trotz einer utopischen Gagenforderung für DIO PERDONA … IO NO? (Gott vergibt … Django/wir beide nie!), einen harten, genretypischen Italowestern (der auf dem Höhepunkt der Erfolgswelle Jahre später komplett entschärft umgeschnitten und blödel-synchronisiert als ZWEI VOM AFFEN GEBISSEN erneut in die Kinos kam), an seiner Seite ein gewisser Mario Girotti aka Terence Hill, das genaue Gegenteil von Pedersoli, ein stahlblauäugiger Schlaks mit dem Schalk im Nacken. Unter Colizzi sollten beide noch etliche Filme drehen, und obwohl man das Haudrauf-Duo immer in einem Atemzug nennt, so hat Spencer doch mehr Filme solo gedreht. Sei es als Kommissar „Plattfuß“ Rizzo oder der schon erwähnte Mücke, BANANA JOE oder später in TV-Produktionen als Jack Clementi oder Jack „Extralarge“ Costello, Spencer definierte sich selbst nie als Schauspieler, sondern als Charakter (einziger früher Ausflug in ein anderes Genre: Argentos VIER FLIEGEN AUF GRAUEM SAMT). Dieser einfachst gestrickte Aufräumer für die gute Sache, der seine Gegner realitätsfern unblutig mit diesem einzigartigen Punch-Geräusch wieder und wieder verdrosch, doppel-maulschellte, durch Decke und Boden schlug und auch ungespitzt in denselben rammte, das war Buddy, und niemand anderes konnte es sein oder wird es jemals sein. Entwickelte sich deshalb dieser Kult um ihn aus dem anspruchslosen, klamottenhaften Brachialfaust-Klamauk heraus? Spencer(/Hill), das sind ja in dem Sinne keine Actionkomödien, es geht ums nonsens-choreografierte, herrlich blöde und gleichzeitig harmlose Verkloppen, etwas, mit dem sich die Kritik gar nicht erst abgab und aus dem sich im Grunde ja auch keine popkulturelle, nerdige Affinität bilden konnte. Dennoch ist Spencer als Figur seines Charakters überirdisch, die Kopfnüsse verteilende Dampframme, ein massig fleischgewordener Wunschtraum der in den Siebziger- und Achtzigerjahren aufgewachsenen Generation, ein eindimensionales Vorbild der Jungs und auch derer, die es im gestandenen Alter immer noch sein wollen. Spencer selbst konnte mit der fortschreitenden vergötternden Ikonisierung seiner Figur wenig anfangen; zu Gast im deutschen Fernsehen präsentiert ein Zuschauer ihm einmal ein riesiges Spencer-Tattoo auf seinem Körper; dem Abgebildeten war es sichtlich peinlich, und er attestierte dem Herrn alles andere als mentale Gesundheit – allerdings auf seine leise, humorvolle und niemals verletzende sanftmütige Art. Der Mensch Spencer war interessiert, gebildet, umtriebig, erfinderisch (er sicherte sich einige Patente, u. a. den Spazierstock mit integrierter Sitzgelegenheit) und kompromisslos flexibel – sein Lebensmotto lautete Futtetènne (frei: sch**ß drauf, also immer weiter, egal was passiert), was er auch musikalisch umsetzte – auch dieses Metier war ihm nicht fremd, u. a. war er Mitkomponist des Hits „Flying Through The Air“, des Titelsongs aus ZWEI HIMMELHUNDE AUF DEM WEG ZUR HÖLLE, umgesetzt wie so viele Soundtracks der Spencer/Hill-Filme von den Oliver Onions – und für den Autor dieser Zeilen hat niemand Buddy so treffend wie hier beschrieben:

 

You can see a mountain here comes Bulldozer

you can see a cloud of fists and dust

he won’t be the first one to look for glory

but when he’s involved he won’t deny

where’s he coming from

no one knows

and nobody would ask such a thing

 

But for a man he’s just a good boy

just a good boy with a heart of gold

who likes to go his own way

stay far away from the world

you can see a mountain here comes Bulldozer …

but for a man he’s just a good boy …

you can see a mountain here comes Bulldozer …

 

(„Bulldozer“ – OLIVER ONIONS – Titelsong aus SIE NANNTEN IHN MÜCKE)

 

 

Frank Karsten Scheidt

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(c) Sebastian Wotschke

EIN JUGENDHELD ANTWORTET

 

Im Gespräch mit Gott – der per Zufall Bud Spencer ähnelt. (Interview vom 30. März 2012)

 

 

 

 

Braucht man an dieser Stelle noch großartig Worte über Bud Spencer zu verlieren? Die Antwort darauf kann eigentlich nur »Nein« lauten. Fast ein jeder DEADLINE-Leser wird Bud Spencer als einen Helden seiner Jugend verehren. Seine Filme – egal ob mit oder ohne Terence Hill – sind Kult und gehören zur filmischen Allgemeinbildung. Mit seinem Buch „Bud Spencer: Mein Leben, meine Filme“ gewährte Carlo Pedersoli – so der bürgerliche Name von Bud Spencer – 2011 einen Einblick in sein Leben und landete damit einen Verkaufsschlager.

Bud Spencer - In achtzig Jahren um die Welt - 2D-Cover - Highres

Mit „Bud Spencer: In achtzig Jahren um die Welt“ von Schwarzkopf & Schwarzkopf  folgt nun der zweite Teil seiner Autobiografie, mit welcher er dem vielfach geäußerten Wunsch der Fans, noch mehr aus seinem Leben zu erzählen, gewohnt lesenswert nachkommt. Im Zuge einer PR-Rundreise durch Deutschland lud Bud Spencer am 30. März 2012 in Kaiserslautern zu einem Roundtable-Gespräch mit der Presse. Wir vom DEADLINE ließen es uns nicht nehmen, ihm ebenfalls voller Ehrfurcht ein paar Fragen zu stellen.

 

DEADLINE: Mit Ihren beiden Büchern zeigen Sie der Welt, dass Bud Spencer mehr ist als nur Komödie und Essgelage. Sie zeichnen von sich selbst ein Bild eines philosophieinteressierten und auch sehr bescheidenen Menschen, der bodenständig mit seinem Ruf als Filmlegende umgeht. Hatten Sie in der Vergangenheit manchmal das Gefühl, dass Ihre Fans und die Welt ein falsches Bild von Ihrer Persönlichkeit haben, oder wieso haben Sie sich dazu entschieden, zwei Bücher über Ihr Leben zu verfassen?

 

Bud Spencer: Vielleicht um begreiflich zu machen, dass hinter Bud Spencer nichts steckt, was nur im entferntesten einer Ikone oder einem Helden ähnelt. Ich möchte mitteilen, dass ich ein ganz normales Leben führe als der ganz normale Mann, der ich nun mal auch bin. Als Bud Spencer »geboren« wurde, da war ich bereits 37 Jahre alt – das war im Jahr 1967. Bud Spencer ist aus einem Zufall entstanden, wollte ich in meinem Leben doch nie Schauspieler werden. Ich habe damals die Tochter des größten italienischen Filmproduzenten geheiratet. Die Hochzeit erfolgte vor 54 Jahren, und dass die Ehe bis heute hält, ist im Filmgeschäft doch ziemlich selten. Was ich sagen möchte, ist, dass es in den ersten 37 Jahren nur Carlo Pedersoli gab, ein Ergebnis meiner Mutter.

Ich wog bei der Geburt 6 kg – arme Mama.

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(c) Sebastian Wotschke

DEADLINE: Sie erwähnen in Ihrem zweiten Buch ein Drehbuch zu einem Film namens DER OPA VON JESUS, welches Sie geschrieben haben, noch gerne verfilmen würden und welches Ihnen nach eigener Aussage sehr am Herzen liegt. Sie gehen im Buch jedoch nicht weiter auf den Film ein. Können Sie dies an dieser Stelle nachholen?

 

Bud Spencer: Ich habe diese Idee vor zwei Jahren vollständig in einem Drehbuch umgesetzt. Über das Leben von Jesus gibt es bereits zahlreiche Filme. Ich habe mir gedacht, dass ich die Geschichte dieser Religion – der ich auch folge – auf eine andere Art und Weise erzählen könnte. Darum habe ich mir für Jesus einen Opa ausgedacht, den es so gar nicht gibt. Lass mich dir in kurzen Worten erklären, wie dieser Film aussehen soll: Die Geschichte wird nicht mit der Geburt von Jesus oder dem Besuch der drei Weisen aus dem Morgenland eröffnet. Die Figur, welche ich in dieser Geschichte spiele, trifft zu Beginn einen kleinen, siebenjährigen Jungen, der auf den Namen Jesus hört. Der kleine Junge ist fasziniert von dem alten Mann, der ein Gaukler, ein Feuerschlucker und ein Betrüger ist, wie sie im Zirkus auftreten. Der Junge offenbart dem alten Mann gegenüber eine überragende Intelligenz, die ganz anders ist, als man sienormalerweise bei Kindern antrifft. Der Film enthält verschiedene Episoden und Begebenheiten aus dem Leben von Jesus und dem alten Mann. So saß meine Figur seit der Besetzung von Jerusalem durch die Römer schon mehrere Male im Gefängnis, und Jesus besucht mich ebenfalls einmal im Gefängnis. Der Schluss des Filmes spielt in einem Tempel, wo mich Jesus verlässt und ich etwas Merkwürdiges in diesem Kind spüre. Erst dann erkenne ich, dass der Junge etwas Spezielles ist, und ich knie vor ihm nieder, um ihn zu fragen: »Wer bist du?«. Somit endet der Film, der eine andere Art der Jesus-Geschichte erzählt.

 

 

DEADLINE: Ebenfalls in Ihrem zweiten Buch schreiben Sie, dass Ihre Frau gewisse Filme von Ihnen hasst …

 

Bud Spencer: Das ist falsch. Es stimmt nicht, dass meine Frau meine Filme hasst.

 

 

DEADLINE: Dann gefallen ihr gewisse Filme von Ihnen einfach nicht?

Bud Spencer: Auch so kann man das nicht sagen. Wenn in einer Woche mehrfach im TV meine Filme ausgestrahlt werden, dann ist es ganz natürlich, dass man sagt: »Ich habe die Filme nun schon 6000-mal gesehen, schalt doch bitte um«. Wenn man einen Film noch nicht kennt, ist das noch was Interessantes. Wenn man den Film jedoch kennt, ihn schon unzählige Male gesehen hat, dann möchte man ihn sich nicht mehr ansehen. Das ist doch ganz normal, oder? (Er blickt mich mit dem typischen Bud-Spencer-Lächeln an.)

 

DEADLINE: (Ein wenig eingeschüchtert) Selbstverständlich. Kann ich absolut verstehen.

Bud Spencer: Meine Frau hat nichts gegen meine Filme, sondern kann sie einfach nicht mehr sehen – weil sie die Filme alle auswendig kennt. Genau gleich verhält es sich auch mit meinen Kindern, die kennen ebenfalls jeden meiner Filme und jeden Dialog, der darin gesprochen wird.

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(c) Sebastian Wotschke

 

DEADLINE: Wenn Sie heute nochmals als junger Mann von vorne anfangen könnten, denken Sie, dass Ihnen in der heutigen Welt und der heutigen Filmindustrie abermals solch eine Karriere beim Film gelingen würde?

 

Bud Spencer: Nein, heute ist alles anders. Heute würde meine Karriere sicherlich anders verlaufen. Ich möchte zuerst mal erwähnen: Ich habe an drei Universitäten, in drei verschiedenen Fächern – Chemie, Jura und Soziologie – studiert. In keinem der drei Fächer habe ich es zum Abschluss gebracht. Ich besitze keinen Universitätsabschluss. Der Grund dafür ist, dass ich die Wahl hatte zwischen einem Studium und der Karriere als Sportler. Jeder in meiner Situation hätte sich wohl gleich entschieden und der Karriere als Sportler und dem Reisen in ferne Länder den Vorrang gegeben. Wenn ich heute nochmals die Chance hätte, gewisse Dinge anders zu machen, dann würde ich den jungen Leuten vor allem eines vermitteln wollen: Macht euch keinen zu starren Plan. Ihr könnt euch jedes Ziel setzen, egal welches, aber haltet nicht zu starr daran fest. Seid flexibel und schränkt euch nicht selbst ein. Dies bringt mich zu etwas sehr Wichtigem, was ich allen jungen Leuten gern noch mitteilen möchte. Ich bin kein gebildeter Mensch, und meine Bildung reicht nicht aus, um jemandem – egal ob jung oder alt – eine Verhaltenslehre zu erteilen. Was ich jedoch sagen kann, ist, dass die Jugend von heute eine umfassende Kultur und so viele Möglichkeiten besitzt, von denen wir früher nicht mal zu träumen gewagt haben. Geht weiter diesen Weg, passt jedoch auf die Schlaglöcher auf, die sich auftun. Diese Schlaglöcher kann man mit einem Wort zusammenfassen: Drogen. Passt auf vor Drogen, haltet euch davon fern. Wir – die alte Generation – warnen schon lange davor, doch wie wir heute sehen, hören viele einfach nicht zu. Ich werde deswegen im September durch viele Schulen in Italien reisen, um die Kinder dort vor Drogen zu warnen. Drogen zerstören alles, jeden noch so gut gemeinten Vorsatz. Ich selbst mag kein Heiliger gewesen sein, doch Drogen habe ich nie genommen. Es würde mich sehr freuen, wenn diese Nachricht von mir an die Jugend auch publiziert wird – sie ist meiner Meinung nach sehr wichtig.

 

Interview geführt von Nando Rohner