15/03/2016

MARVEL´S DAREDEVIL -SEASON 2 AB 18. MÄRZ BEI NETFLIX

DDS2_Keyart_LastJudgement_GERMAN

Regie: Phil Abraham, Marc Jobst u. a.
USA 2016 / ca. 780 Min.
Darsteller: Charlie Cox, Deborah Ann Woll, Elden Henson, Jon Bernthal, Élodie Yung, Rosario Dawson, Stephen Rider
Produktion: Marco Ramirez, Doug Petrie, Jeph Loeb
Freigabe: FSK 18
Vertrieb: Netflix
Start: 18.03.2016

 

Noch nicht einmal ein Jahr ist es her, dass der Streaming-Gigant Netflix seine erste Zusammenarbeit mit dem Comicfilm-Marktführer Marvel in Form von DAREDEVIL auf die Kundschaft losließ und damit zwischen Fans und Kritikern einen regelrechten Überbietungskrieg der zum Ausdruck gebrachten Entzückung in Gang gesetzt hat, an dem auch dieses Magazin nicht ganz unbeteiligt war. Die mit einigem Selbstbewusstsein in unmittelbarer Nähe des US-Starttermins des um Aufmerksamkeit konkurrierenden Kinogroßereignisses BATMAN V SUPERMAN: DAWN OF JUSTICE Premiere feiernde Staffel 2 der Erfolgsserie verspricht von allem noch ein bisschen mehr, was bei einem derzeitigen Rotten-Tomatos-Rating von stolzen 98 % für Season 1 erst einmal wie eine kühne Ansage erscheint. DEADLINE – DAS FILMMAGAZIN hatte bereits die Gelegenheit, die ersten sieben Folgen zu sehen, und die machen ganz den Eindruck, als sei das keine Übertreibung.
Als gleichzeitiger Testballon der Marvel/Netflix-Kooperation und erzählerischer Grundstein eines bodenständigeren Ablegers des Marvel Cinematic Universe im Exklusivprogramm des erfolgreich selbst produzierenden Streamingdiensts hatte die erste Staffel von DAREDEVIL einiges an Extragewicht zu schleppen. Zwar haben die bereits früh verlautbarten Pläne einer Zusammenarbeit nicht nur für ein, sondern gleich mehrere Netflix Originals auf der Grundlage von Marvel-Charakteren erahnen lassen, dass die Möglichkeit des Scheiterns einer solchen Unternehmung wohl als verschwindend gering erachtet wurde – kein Wunder, bedenkt man, dass das MCU derzeit das erfolgreichste Franchise der Filmgeschichte ist. Und tatsächlich erlebte der seit der 2003er-Verfilmung von Mark Stephen Johnson etwas in Ungnade gefallene „Devil of Hell’s Kitchen“ eine Wiedergeburt, die die – zugegebenermaßen oft nicht hohen – Erwartungen nicht nur voll erfüllte, sondern größtenteils übertraf, und der mit JESSICA JONES mittlerweile eine weitere, nicht minder hochklassige Serie nachgefolgt ist.

DAREDEVIL_S2_still_7

Ein Teil des Erfolgs der ersten Staffel kann sicherlich auf die erzählerische Bodenhaftung geschoben werden, die DAREDEVIL als düsteres, gewalttätiges Procedural gefühlte Lichtjahre entfernt von den exzessiven CGI-Gewittern des Kino-MCU in Stellung gebracht hat. Genau dort setzt Staffel 2 an, drückt aber bereits ab der ersten Folge das Gaspedal gehörig durch. Nachdem Wilson Fisk hinter Gitter gewandert ist, streiten einige Parteien der New Yorker Unterwelt um dessen Nachfolge, während die Anwälte Matt Murdock (Charlie Cox) und Foggy Nelson (Elden Henson) wieder dazu übergegangen sind, sich für das Erstreiten von Arbeitserlaubnissen und das Schlichten von Nachbarkeitsstreitereien in Naturalien bezahlen zu lassen, und ihre Kanzlei kurz vor dem finanziellen Aus steht. Die Dinge geraten sehr schnell in erneute Bewegung, als sämtliche Mitglieder einer irischen Gangsterorganisation mit militärischer Präzision geradezu hingerichtet werden und der einzige Überlebende den Anwälten versichert, dass dieses keineswegs das Resultat eines Gangkrieges war, sondern das Werk eines einzelnen Mannes.
Auf dessen Konto, so stellt sich bald heraus, gehen ebenfalls ein Chapter einer Bikergang und die New Yorker Filiale eines mexikanischen Drogenkartells, und die Staatsanwaltschaft, die von Nelson und Murdock die unverzügliche Übergabe ihres Klienten fordert, hat ihm sogar schon einen passenden Spitznamen verpasst: der Punisher. Dass der keinesfalls zu unterschätzen ist, muss Matt als Daredevil bereits bei seiner ersten Begegnung mit diesem auf die ganz harte Tour lernen. Wesentlich schlimmer noch als die Tatsache, dass er es hier mit einem mindestens ebenbürtigen Widersacher zu tun hat, ist, dass Matt sich fragen muss, ob er mit seiner nächtlichen Selbstjustiz vielleicht nicht nur Gutes bewirkt, sondern auch einen mörderischen Vigilanten dazu inspiriert hat, einen Berg von Leichen aufzutürmen. Auch Murdocks Privatleben droht sich entschieden zu verkomplizieren. Nachdem sich zunächst seine Assistentin Karen Page (Deborah Ann Woll) und er näher kommen, als Kollegen das tun sollten, platzt völlig unvermittelt Murdocks Collegeliebschaft Elektra Natchios (Élodie Yung) wieder in dessen Leben und stellt es so sehr auf den Kopf, dass er akut Gefahr läuft, den seiner Kanzlei anvertrauten Fall des Jahrhunderts zu versenken.

DAREDEVIL_S2_still_6

Dass DAREDEVIL das Kunststück zu vollbringen mag, die nach Staffel 1 weit oben liegende Latte tatsächlich zu überflügeln, hat viele Gründe. Der offensichtlichste liegt in der unglaublich gut gelungenen Einführung des Punishers in das Marvel-Universum, dessen Potenzial durch seine Einführung als Nebenfigur bzw. Antagonist ironischerweise um ein Vielfaches mehr ausgeschöpft wird, als es die drei bisher erschienenen Standalone-Filme von Mark Goldblatt (1989), Jonathan Hensleigh (2004) und Lexi Alexander (2008) vermochten. Statt sich mit einer erneuten Origin-Story abzumühen, schickt man dem Marvel-Vigilanten seinen eigenen Mythos vorweg und baut ihn in einer Weise auf, wie es für eine im Handlunsgsfokus stehende Titelfigur schwer bis gar nicht möglich wäre. Die Präsenz von Jon Bernthal (THE WALKING DEAD) als Frank Castle/Punisher, der die ersten beiden Folgen über fast ausschließlich mit präziser Mimik und Körpersprache arbeitet und kein Wort zu viel verliert, verleiht der Figur die Gravitas, die ihr bislang in jeder der drei – wenn auch grundsätzlich nicht schlechten – Leinwandadaptionen gefehlt hat.

DAREDEVIL_S2_still_1

 

 

 




WEITER

DAREDEVIL_S2_still_5

Auf der anderen Seite steht Elodie Yung als Elektra, deren 2005 als DAREDEVIL-Spin-off erschienener Solofilm (ebenfalls von Mark Stephen Johnson) vielerorts als Tiefpunkt der prä-MCU erschienenen Marvel-Filme gilt. Anders als die im Film von Jennifer Garner verkörperte ist Yungs Elektra ein echter Problemfall und hat einen Heidenspaß daran, den emotional eh schon auf der Kippe wandelnden Murdock ein ums andere Mal in seinen eigenen Abgrund zu ziehen und mit seinen dunkelsten Seiten zu konfrontieren. Sich im Boxring liebevoll blutig zu schlagen ist da nur das Vorspiel. Damit bedient sich die Serie erneut bei Frank Millers Ausformulierung dieser Femme fatale in dem Comic-Meilenstein THE MAN WITHOUT FEAR, dessen Geist bereits die erste Staffel mehr als deutlich beflügelt hat.

DAREDEVIL_S2_still_4
Auch was die Inszenierung der sowohl an Drama als auch an Action deutlich zulegenden zweiten Staffel angeht, wurde der eingeschlagene Weg konsequent weiterverfolgt, wobei das Stichwort eindeutig „Überbietung“ lautet. Waren die brutalen, von OLD BOY und THE RAID inspirierten Fistfights in Staffel 1 schon nichts weniger als spektakulär, finden diese nun mitunter gerne auch im Kugelhagel statt. Der viel diskutierte Trackingshot, in der die Kamera Daredevil in einer langen, ununterbrochenen Einstellung durch einen engen Korridor folgt, während dieser mit bloßen Fäusten eine vollzählige Kidnapperbande außer Gefecht setzt, zählte zweifellos zu den inszenatorischen Highlights von Staffel 1, mit denen es in Staffel 2 mindestens mitzuhalten gilt. Und auch wenn sich die Wucht des Erlebens eines solchen Moments sicherlich nur schwerlich wiederholen lässt, gelingt DAREDEVIL der Geniestreich, an diese inzwischen legendäre Szene auf eine Art anzuknüpfen, die tatsächlich noch einmal zu überraschen und erstaunen weiß.

DAREDEVIL_S2_still_2
Ein weiterer Schlüsselfaktor des Erfolgs von DAREDEVIL ist die geschickt austarierte Balance zwischen Crime Drama und Superheldenshow, und auch dies wird in der Fortführung konsequent weiterentwickelt. Nach den Procedurals sind es nun die Courtroom Shows, die das Genregerüst der zweiten Staffel liefern, während die um Nelson/Murdock und Daredevil entwickelten Handlungsstränge dieses Mal in deutlich drastischerer Weise aufeinander einwirken. Ebenso weiß DAREDEVIL die in der spezifischen Form des Netflix-Originals liegenden Stärken erneut exzellent zu nutzen, wenn beispielsweise eine ganze Folge lang fast nur geredet wird und Handlungsstränge sich in einer Weise entfalten können, wie es nun mal über eine Gesamtlaufzeit von maximal zweieinhalb Stunden einfach nicht machbar ist.
Was sich anhand der ersten sieben Folgen mit Sicherheit sagen lässt, ist, dass DAREDEVIL vom Besetzungswechsel hinter den Kulissen – als Showrunner fungieren nun die Season-1-Co-Autoren Doug Petrie und Marco Ramirez anstelle von Steven S. DeKnight und Drew Goddard, Letzterer ist jedoch noch als Berater an Bord – nur profitiert hat. Gerüchten zufolge sollen die Verantwortlichen insbesondere von Jon Bernthals Darstellung des Punishers so begeistert gewesen sein, dass dessen Spin-off in Form einer weiteren Serie bereits beschlossene Sache sein soll. Dass Élodie Yung jedoch in mindestens gleichem Maß dazu in der Lage wäre, eine eigene ELEKTRA-Serie zu tragen, daran besteht schon nach wenigen Folgen überhaupt kein Zweifel mehr – und der jüngste Erfolg von JESSICA JONES zeigt doch ziemlich deutlich, dass die Zeit für weibliche Marvel-Antihelden anscheinend gerade sehr günstig ist.

NETFLIX Hosts Season 2 Premiere of Original Series Marvel's "Daredevil"
Jon Bernthal, Elodie Yung, Deborah Ann Woll, Charlie Cox (v.l.n.r.)

Da nicht ernsthaft damit zu rechnen ist, dass der bis zur Staffelmitte etablierte Qualitätsstandard über den Verlauf der zweiten Hälfte der insgesamt 13 im Schnitt knapp einstündigen Folgen überraschend kippt, kann vorausschauend festgehalten werden, dass DAREDEVIL in der zweiten Staffel unerwartet zulegt, grandiose Nebenfiguren auffährt, die Stärken der Serie gekonnt weiterentwickelt und auch in puncto perfekt choreografierter Actionszenen erneut Maßstäbe setzt. Größtenteils düster und geerdet, aber auch nicht durchgehend todernst, bildet sich der Netflix-Arm des MCU damit mehr und mehr zu einem angenehmen Gegengewicht zu den visuellen Exzessen der Marvel-Kinofilme aus. Insofern kann fast von einem Riesenglück gesprochen werden, dass BATMAN V SUPERMAN hierzulande erst fast eine Woche nach dem 18.03.2016 startet und damit noch ausreichend Zeit bleibt, es sich in aller Ruhe mit der fantastischen zweiten Staffel von DAREDEVIL auf der Couch bequem zu machen. (Peter Vignold)

netflix