08/04/2015

MARVEL’S DAREDEVIL JETZT AUF NETFLIX – DAS REVIEW!

 

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Regie: Drew Goddard, Steven S. DeKnight, Phil Abraham, Brad Turner u.a. / USA 2015 / ca. 780 Min.
Darsteller: Charlie Cox, Deborah Ann Woll, Elden Henson, Rosario Dawson, Vincent D’Onofrio, Vondie Curtis-Hall
Produktion: Kati Johnston, Steven S. DeKnight, Alan Fine, Drew Goddard, Stan Lee, Jeph Loeb, Joe Quesada
Start: 10.04.2014

 

Den 10. April haben sich Marvel-Fans schon vor einer Weile dick im Kalender angestrichen, denn dann erscheint auf dem Streamingdienst Netflix auf einen Schlag die komplette erste Staffel von MARVEL’S DAREDEVIL. Wir haben die ersten fünf der dreizehn Folgen gesehen und sprechen die folgende Empfehlung aus: Stellt die Energydrinks kühl, es wird eine lange Nacht!

 

Die Erfolgswelle der Marvel Studios rollt unaufhaltsam weiter. Nach der erfolgreichen Expansion aufs Fernsehen mit den AGENTS OF S.H.I.E.L.D. und dem THE FIRST AVENGER-Spin-off AGENT CARTER folgt nun mit der Produktion einer Serie in Kooperation mit dem Streamingservice Netflix der nächste logische Schritt. Und tatsächlich ist DAREDEVIL nicht einfach nur mehr vom selben auf einem anderen Kanal, sondern schlägt eine gänzlich andere Richtung ein, als man es von den ansonsten eher farbenfrohen Produkten des Comicgiganten gewohnt ist. War zuletzt James Gunns GUARDIANS OF THE GALAXY noch eine farbenfrohe Achterbahnfahrt, ist DAREDEVIL in allen Belangen düster, kompromisslos und brutal.

 

Dass ausgerechnet dem „Man without Fear“ die Ehre zuteilwurde, den neuen Zweig des expandierenden Marvel Cinematic Universe zu eröffnen, hat schon bei der ersten Ankündigung viel Staub aufgewirbelt, was nicht zuletzt daran gelegen hat, dass Mark Steven Johnsons erster Versuch, den blinden Superhelden auf die Leinwand zu bringen, alles andere als einen guten Ruf genießt – selbst Hauptdarsteller Ben Affleck hat sich im Zuge der Verkündung seiner Besetzung als Batman in Zack Snyders kommendem BATMAN V SUPERMAN – DAWN OF JUSTICE mittlerweile deutlich davon distanziert. Sorgsam portionierte Informationshäppchen ließen jedoch schnell darauf schließen, dass man sich dieser Probleme auch im Hause Marvel durchaus bewusst ist und dieses Mal alles besser werden soll. Wenn man nun von den vorab gezeigten fünf Folgen auf den Rest der Staffel schließen kann, ist dieses Vorhaben auf geradezu beeindruckende Weise gelungen.

 MARVEL'S DAREDEVIL

Um den platten Vergleich zu bemühen, könnte man anführen, dass die von Drew Goddard (CABIN IN THE WOODS) entwickelte und unter Showrunner Steven S. DeKnight (SPARTACUS) produzierte Serie um den blinden Anwalt Matt Murdock, der nachts als maskierter Vigilant die Unterwelt im New Yorker Bezirk Hell’s Kitchen aufmischt, am ehesten mit Christopher Nolans BATMAN-Trilogie vergleichbar wäre, und das ist sicherlich nicht falsch. „Dark and gritty“, wie man so schön sagt, um bodenständigen Realismus bemüht, komplex erzählt, exzellent besetzt und zentriert um einen Helden, der eigentlich gar keiner ist. Denn ähnlich wie der dunkle Ritter kann sich auch Murdock nicht auf Superkräfte verlassen, sondern ist das Resultat seines eigenen Trainings. Als Kind bei einem Unfall erblindet, hat er mit den Jahren nicht nur seine verbleibenden Sinne geschärft, sondern sich auch einen ziemlich effizienten Kampfstil zugelegt, den DAREDEVIL in langen Einstellungen ausstellt. So ist einer der zahlreichen Höhepunkte eine mehrminütige, ungebrochene Kamerafahrt, in der sich Murdock durch ein Versteck des russischen Mobs prügelt, die sich in Sachen Choreografie, Intensität und Körpereinsatz in keinem Moment hinter HAYWIRE oder THE RAID zu verstecken braucht.

 

Fast ebenso bemerkenswert ist, wie DAREDEVIL den narrativen Spagat vollbringt, Origin-Story und Exposition dermaßen kunstvoll zu verweben, dass Uninitiierte ebenso wie mit dem Stoff Vertraute schnell auf denselben Stand gebracht sind, ohne dass dies für eine der Parteien mit übermäßigen Redundanzen oder gar Langeweile verbunden wäre. Hier adaptiert Marvel im Wesentlichen seine patentierte Erfolgsformel, lotet dabei jedoch die Möglichkeiten aus, die sich bieten, wenn nicht alles Wichtige in maximal einer halben Stunde erzählt sein muss. So nimmt sich die Serie stattdessen zwei Folgen Zeit, um die Hintergründe ebenso auszuleuchten, wie sie ihre Figuren in präzisen Schritten für das große Spiel in Stellung bringt. Das Ergebnis ist mehr ein komplexes, urbanes Crime-Drama, als dass man hier noch wirklich von einer um sich selbst kreisenden Superheldengeschichte reden könnte.

 ÒMarvelÕs DaredevilÓ

 

 




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Die Geschichte steigt ein, wenn die zwei hoffnungsvollen Junganwälte, der blinde Matt Murdock (Charlie Cox, BOARDWALK EMPIRE) und sein Freund aus Jugendtagen, Foggy Nelson (Elden Henson, DIE TRIBUTE VON PANEM: MOCKINGJAY TEIL 1 & 2), ihre erste gemeinsame Anwaltskanzlei in Hell’s Kitchen eröffnen, wo sie beide ihre Kindheit verbracht haben. Bis zum ersten Fall dauert es auch nicht lang: Eine junge Frau namens Karen Page (Deborah Ann Woll, TRUE BLOOD) wird des Mordes verdächtigt, und so viel auch gegen sie zu sprechen scheint, so naheliegend scheint es Murdock bald, dass ihr das Verbrechen lediglich in die Schuhe geschoben werden soll, um sie mundtot zu machen. Murdocks Gerechtigkeitssinn kommt jedoch auch nach Feierabend nicht zum Erliegen, wenn er sich nachts in enger, schwarzer Montur und spartanisch maskiert auf die Straßen begibt, auf denen russische Gangster Angst und Schrecken verbreiten. Die wiederum haben noch ganz andere Sorgen, denn außer dass ihnen der maskierte Vigilant wiederholt dazwischenfunkt, stehen sie kurz vor einem Krieg mit dem ebenso enigmatischen wie skrupellosen Industriellen Wilson Fisk (Vincent D’Onofrio, CRIMINAL INTENT), der seine ganz eigenen Pläne mit Hell’s Kitchen hat.

“Marvel’s Daredevil”

Ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen, entfaltet DAREDEVIL aus diesen und weiteren Komponenten eine komplex erzählte Geschichte, in der knisternde Hochspannung, unerwartete emotionale Momente und explosive Action (ohne Explosionen) gleichermaßen ihren Platz finden. Insbesondere die von Matthew J. Lloyd (ROBOT & FRANK – ZWEI DIEBISCHE KOMPLIZEN) exzellent gefilmten Kampfszenen haben nichts außer enthusiastischem Lob verdient. Wenn Murdock sich mit seinen oft zahlenmäßig überlegenen Gegnern prügelt, ist das so anmutig wie brutal, dauert stets bis zur totalen Erschöpfung und resultiert regelmäßig darin, dass er sich von seiner freiwilligen Krankenschwester Claire (Rosario Dawson, DEATH PROOF) wieder zusammenflicken lassen muss. DAREDEVIL ist kein Superheld, er ist ein Mensch aus Fleisch und Blut, das kriegen wir immer wieder aufs Neue gezeigt. Damit lassen Goddard und DeKnight nicht nur Mark Steven Johnsons immer wieder kritisierte und zugegebenermaßen in den Sand gesetzte DAREDEVIL-Verfilmung aus dem Jahr 2003 in segensreiche Vergessenheit versinken, sondern zeigen gleichzeitig auch noch den Weg für eine andere Schlüsselfigur des Marvel-Universums auf, die bislang trotz dreier Versuche der Leinwandadaption nicht die Art Liebe gekriegt hat, die sie verdient: den PUNISHER.

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So muss man festhalten, dass die Zusammenarbeit von Marvel und Netflix kaum besser hätte starten können als mit DAREDEVIL und die ersten fünf Folgen nicht nur große Lust auf den Rest der Staffel machen, sondern fast ebenso auf die bereits angekündigten Serien, die im Laufe der nächsten zwei Jahre nachfolgen sollen. So steht A.K.A. JESSICA JONES (um eine Superheldin im Ruhestand) bereits für die zweite Jahreshälfte in den Startlöchern, IRON FIST und LUKE CAGE befinden sich in der Vorproduktion. In THE DEFENDERS sollen die vier Serien dann schließlich zu einer Team-up-Miniserie à la AVENGERS zusammengeführt und auf diese Weise ein „streetleveluniverse“ etabliert werden, das an das mittlerweile bis in die Weiten des Universums aufgeflockte MCU anschließen und dieses quasi erden soll. So gibt es auch in DAREDEVIL bereits Anspielungen auf beispielsweise die „Schlacht von New York“, wie weit das Tie-in jedoch einmal reichen wird, ist noch nicht richtig abzuschätzen. Mit Sicherheit sagen kann man jetzt jedoch schon, dass mit DAREDEVIL nicht nur das bislang ambitionierteste der vielen Marvel-Franchises eröffnet wurde, das sein Versprechen voll und ganz einlöst: Mit der Netflix-Ära beginnt für den Comicgiganten eine neue Zeitrechnung.

(Peter Vignold)
Nichts weniger als eine Sensation!

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