20/06/2014

Männer sind vom Mars, die Frau aus der Wildnis – Interview zu THE WOMAN

Im Gespräch mit den Machern von
THE WOMAN

 

 

Nicht genug damit, dass THE WOMAN bei seiner Weltpremiere in Sundance zu einem kleinen Skandal führte (ein aufgebrachter Zuschauer stand noch vor Ende des Abspanns auf, sprach dem Film jeglichen Wert ab und forderte schließlich, dass der Streifen zensiert und verbrannt werden solle) und damit schon in die Horrorfilm-Annalen einging, nicht genug damit, dass THE WOMAN inzwischen weltweit mit Festival-Preisen ausgezeichnet wurde, nicht genug damit, dass wir ihn in unserer letzten Printausgabe (unserer #30) als Meisterwerk priesen – jetzt wird der Film wohl auch noch als in der DEADLINE bestredaktierter Film aller Zeiten Geschichte schreiben. Denn nach unserem Interview mit Regisseur und Co-Autor Lucky McKee (ebenfalls nachzulesen in der Ausgabe #30) veröffentlichen wir hier unsere exzessive Interview-Session mit Hauptdarstellerin und Ex-Model Pollyanna McIntosh, Co-Autor Jack Ketchum und Produzent Andrew van den Houten, mit denen wir uns nicht nur über die Entstehungsgeschichte des Films und seinen feministischen Gehalt unterhielten, sondern auch über die Frage, wie man den Kannibalen in sich findet … Aber Vorsicht – SPOILER-Alarm an allen Ecken und Enden!!!!!

 

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THE WOMAN in Sitges: Co-Autor Jack Ketchum (2. von links), Regisseur Lucky McKee (3. von rechts), Hauptdarstellerin Pollyanna McIntosh (2. von rechts) und Andrew van den Houten (rechts außen).

 

DEADLINE:

Jack, in einem Interview hast du mal gesagt: „For me the victim makes the story“ – Das Opfer führt zur Story, ist die Story. Haben euch reale Geschehnisse und Opfer dazu bewogen, THE WOMAN zu schreiben? In den letzten Jahren gab’s ja in Österreich ein paar Fälle, in denen Männer über Jahre hinweg Frauen in Kellern eingesperrt hatten.

 

Jack Ketchum:

Es gibt eine Menge solcher Geschichten. Es scheint fast so, als käme alle paar Wochen eine neue ans Tageslicht. In diesem Fall aber war Pollyanna die Inspiration, weil sie in BEUTEGIER so gut war. Lucky, Andrew und ich haben uns gesagt: „Wir müssen ihr ihren eigenen Film geben. Es wäre einfach bescheuert, es nicht zu tun.“ Also haben wir es gemacht!


Andrew van den Houten:

Bei BEUTEGIER habe ich Regie geführt, und das Drehbuch stammte von Jack. Allerdings: In seiner Romanvorlage stirbt die Frau. Mein bester Freund Josh Klausner, ein Drehbuchautor, hat das Buch gelesen – ich gebe ihm alles, was ich mache, zum Lesen –, also fragte ich ihn, was er davon hält. Er sagte: „Toll. Aber für mich ist dieser eine Charakter, die Frau, das Beste am ganzen Buch. Ich finde, sie sollte am Ende des Buchs am Leben bleiben.“ Und ich sagte, das könnte ich absolut verstehen – im gesamten Genre hatte es noch keine Frau wie sie gegeben. Darüber habe ich dann weiter nachgedacht: Es gibt keine weibliche Horror-Ikone wie Freddy Krueger oder Jason. Und wenn man eine weibliche Horror-Ikone erschaffen will, mit wem im Genre könnte man das besser machen als mit Lucky McKee?! Nachdem ich MAY und SICK GIRL, seine MASTERS OF HORROR-Episode, gesehen habe, wusste ich, dass er sich sehr gut in die weibliche Perspektive reindenken kann und sich auf weibliche Charaktere versteht. Schon da wusste ich, dass ich mal mit ihm zusammenarbeiten wollte. Und nachdem ich die Arbeit an BEUTEGIER gerade beendet hatte, sprach ich mit Jack über alles, und er hatte kein Problem damit, die Frau am Leben zu lassen …


Jack:

… eigentlich hast du mich mit der Idee urplötzlich überfallen …


Andrew:

Habe ich das?


Jack:

Oh ja. Ich habe sie auch im Drehbuch, so wie im Roman, umgebracht. Aber ich habe sofort gesagt: „Wo du recht hast, hast du recht.“


Andrew:

Was nicht oft der Fall ist! Also war’s insgesamt gut, dass es passiert ist! Jedenfalls sagte ich damals zu ihm: „Lass uns mit Lucky reden. Ich würde ihm gerne BEUTEGIER zeigen.“ Und am Ende hing dann alles davon ab, ob Lucky Pollyannas Figur, die Frau, auch so wertvoll finden würde – und falls ja, ob Jack und Lucky Lust hätten, bei einem Film über die Frau zusammenzuarbeiten.


Jack:

Dafür musste man nicht mal das Gehirn anschalten …


Andrew:

Wir gingen dann noch essen mit William Miller, meinem Kameramann und Co-Produzenten von u.a. BEUTEGIER und JACK KETCHUM’S EVIL, er gab uns seinen Segen – und so wurde beschlossen, dass wir alle bei THE WOMAN zusammenarbeiten würden. Lucky und Jack kamen dann mit der tollen Grundidee für die Story an, und auch die Idee, gleichzeitig einen Roman und ein Drehbuch zu entwickeln, war ein interessantes Grundkonzept für den Schaffensprozess.


Jack:

Als wir über die Grundidee nachdachten, haben wir uns gefragt: „Was wäre, wenn der Jäger von der Beute gefangen wird?“ Das war der Grundgedanke, aus dem sich dann alles weiterentwickelt hat. Lucky und ich haben uns ständig hin- und hergemailt, bis alles stimmte – sowohl der Plot als auch die Charaktere. Um noch mal auf das Einstiegszitat mit dem Opfer zurückzukommen: Grundsätzlich glaube ich, das stimmt. Denn ich möchte, dass dem Zuschauer bzw. dem Leser das Opfer mehr am Herzen liegt als das Monster, der Schurke. Obwohl einem natürlich auch der Schurke etwas bedeuten muss, sonst wirkt alles nur eindimensional.

 

DEADLINE:

Und heraus kam eure Antwort auf CONAN – THE BARBARIAN, nämlich WOMAN – THE BARBARIAN …

 

Jack Ketchum:

Ein Teil dessen, was wir schaffen wollten, war, Pollyanna mehr Bewegungsfreiheit zu geben, mehr Tiefe, eine größere emotionale Palette als in BEUTEGIER. Da blitzt gelegentlich ihre Menschlichkeit auf, aber insgesamt ist ihr Hauptcharakterzug ihre Wildheit. In THE WOMAN wollten wir alles von Unterwerfung bis zu Zärtlichkeit im Zusammenspiel mit der Wildheit haben.

 

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Pollyanna McIntosh und Lucky McKee bei den Dreharbeiten.

 

DEADLINE:

Pollyanna, du wusstest ja, dass die Jungs an einem Drehbuch für dich bastelten. Als du es zum ersten Mal gelesen hast, war es so, wie du es dir vorgestellt hattest?

 

Pollyanna McIntosh:

Nein, es hat es völlig übertroffen. Und es hat mir mehr Angst eingejagt, als ich erwartet hatte. Ich war daran gewöhnt, Charaktere zu spielen, die die Lage unter Kontrolle hatten, und da schluckt man schon, wenn man sich vorstellt, dass man 90% eines Films festgekettet, in Fesseln verbringen wird. Aber Lucky und ich haben uns lang über den Look und den Vibe des Films unterhalten, und schon nach dem allerersten Gespräch, das wir führten, war ich zu allem bereit, und mir war klar, wie aufregend das werden könnte.


Jack:

Manchmal ist es ja so, dass man durch solche Einschränkungen erst merkt, wie stark man eigentlich ist.


Pollyanna:

Absolut. Ich habe mich in meiner Rolle nie eingeschränkt gefühlt, sondern die ganze Zeit wie jemand, der agiert und nicht nur reagiert: sowohl emotional als – eigentlich seltsam – auch physisch.

 

DEADLINE:

Eine Frage dazu, wie du dich in den Szenen bewegst, in denen du in Ketten gelegt und im Verlies eingesperrt bist. Hast du dir dafür angesehen, wie sich Tiere bewegen?

 

Pollyanna:

Ich bin in den Zoo gegangen und habe mir Affen, Wölfe und große Katzen angeschaut, dazu eine Menge Tierdokus von Wildhunden und Hyänen.

 

DEADLINE:

Gab es ein bestimmtes Tier, das du dir zum Vorbild genommen hast?

 

Pollyanna:

Nein, ein Tier ist ja kein Mensch. Es ging einfach darum sich vorzustellen, wie ein Mensch wie die Frau von ihren Eltern erzogen worden wäre, wie sie groß geworden wäre. Ich habe mir auch viele Dokus und Filme wie DER WOLFSJUNGE über Kinder, die in der Wildnis aufwachsen, angeschaut. Es gibt da zum Beispiel auch Aufnahmen von einem russischen Mädchen, das wie ein Hund zu laufen gelernt hat. Alles sehr interessant! Aber dann muss man sich freimachen von allen gesellschaftlichen Erwartungen, was Körper und Geist betrifft, und schauen, was passiert. Ich bin ja an sich schon kräftig gebaut und habe obendrein trainiert, um noch kräftiger zu werden – und das im Film bin ich, wenn ich mich in so einem Zustand befinde, und so sind wir wahrscheinlich alle dann.

 

DEADLINE:

Wie sah denn eigentlich das Casting aus? Haben Lucky und Andrew dir eine Leiche mit ins Zimmer gepackt und dich gebeten, da mal ein Stück rauszubeißen? Oder wollten sie nur, dass du Furcht einflößend knurrst …

 

Pollyanna:

Ehrlich gesagt habe ich für die Rolle nicht mal vorgesprochen.

 

DEADLINE:

Was?! Auch nicht für BEUTEGIER?

 

Pollyanna:

Nein. Ich hatte schon einen Film mit Andrew gedreht, HEADSPACE, und beim Vorsprechen dafür, für die Rolle von Stacy, ein ziemlicher Jesus-Freak, gab es diesen Moment, wo ich besessen spielen musste – und da habe ich so ziemlich alles gegeben. Daraufhin haben wir bei HEADSPACE zusammengearbeitet, und das Angebot für BEUTEGIER kam dadurch zustande, dass er mir den Roman schickte und sagte: „Was hältst du davon?“ Und ich hatte gar keine großen Fragen, ich las das Buch und fragte ihn: „Soll ich die Frau spielen? Wirklich? Sie? Ja?! Bitteeeeee!!!!!“


Andrew:

Als sie mir damals am Telefon von ihrer Agentin für HEADSPACE vorgeschlagen wurde, war ich erst mal skeptisch. Die Agentin war in dieser Model-Agentur dafür zuständig, die Ausbrüche der Models ins Schauspielfach klarzumachen. Und dann fiel mir beim Vorsprechen der Unterkiefer runter. Pollyanna war mir angekündigt worden als dieses Model aus dem Pirelli-Kalender 2005 – und dann kam sie rein und war nicht nur sexy, sondern auch sehr selbstsicher und talentiert und hatte obendrein schon lange im Theater gearbeitet, in England auch während ihres Theater-Studiums schon viel geschauspielert. Das war eine ziemliche Überraschung!

 

DEADLINE:

Plant ihr mit dem Film eigentlich ein Franchise? Erst gab’s BEUTEGIER, jetzt THE WOMAN, und am Ende des Films bahnt sich ja so was wie THE WOMAN – THE NEXT GENERATION an …

 

Jack:

Vielleicht. Andrew würde jedenfalls gern einen weiteren Film mit uns machen, und Lucky und ich haben auch schon darüber gesprochen. Aber wir denken, dass die Latte nach THE WOMAN ziemlich hoch liegt. Deswegen bräuchten wir das Gefühl, dass das, worüber wir schreiben, auch etwas ist, worüber es sich zu schreiben lohnt. In THE WOMAN haben wir ein paar Themen abgehandelt, und für das Sequel hätten wir gern die gleiche Tiefe und nicht nur einen lahmen Freddy-Krueger- oder Jason-Fortsetzungsaufguss.


Pollyanna:

Und dann einen WOMAN-Freizeitpark!

 

 

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Dad Chris Cleek (Sean Bridgers) bemerkt Kragenspeck auf Tochter Peggys (Lauren Ashley Carter) Jacke.

 

 

DEADLINE:

Jack, du hast mal gesagt: „Eine Menge von meinen Sachen sind wenig verschleierte Wünsche, dass Menschen, die mir am Herzen liegen, eine Stärkung ihrer Rechte und ihres Status erfahren.“ Das gilt dann wohl auch für THE WOMAN und die Rechte der Frauen?

 

Jack:

Ja, sicher. Lucky und ich waren uns während des Schreibens sehr klar darüber, dass es uns um bestimmte Themen ging, zu denen wir ein paar Aussagen machen wollten. Wir wollten etwas über die „nuclear family“, die Kleinfamilie an sich machen und über ihre Geheimnisse, ihre Beziehung zur restlichen Welt. Wir wollten etwas dazu sagen, wie Frauen mit Frauen in Beziehung stehen und wie Frauen mit Männern in Beziehung stehen, da passiert ja viel direkt unter der Oberfläche. Wir wollten keine Predigten halten, aber wir wollten all das in den Film packen, und ich denke, mit sehr viel davon haben wir es auch geschafft. Der Satz, den ihr zitiert habt, trifft zwar eher auf andere Bücher von mir zu als auf „The Woman“, aber ich wünsche mir wirklich, dass Menschen wie Sean Bridgers’ Filmfigur Chris verdammt noch mal verschwinden. Ich habe weit mehr Sympathie für Pollyannas Figur als für ihn! Weit mehr! Aber ich wünsche mir natürlich auch nicht, dass Kannibalen die Macht übernehmen …

 

DEADLINE:

Wie viele Männer wie diesen Film-Chris gibt’s denn da draußen?

 

Jack:

Keine Ahnung, aber ich denke, es gibt genug. Es leben Ungeheuer unter uns, und sie sehen aus wie wir. Ich persönlich glaube, dass diesen Leuten irgendwie ein Gen fehlt. Es fehlt ihnen sicherlich eine Idee Mitgefühl und der Sinn für Empathie. Es gibt eine Menge solche Leute, und viele davon leben ihr Leben unter dem Radar. Ich kannte einen Typen, einen Wall-Street-Banker, der hatte auch nicht den geringsten Funken Empathie für andere Menschen! Er hat niemanden umgebracht, soweit ich weiß, er hat nie sein Kind missbraucht, soweit ich weiß, aber er hat seine Frau missbraucht, das weiß ich, zumindest verbal. Und ich glaube, es gibt da draußen jede Menge solcher Typen, die nur „Ich! Ich! Ich! Fuck you!“ kennen.

Pollyanna:

Ich kannte ein paar.


Jack:

Ich denke, man kommt im Leben nicht darum herum, welche zu kennen.

 

DEADLINE:

Wir müssen gestehen: Wir hatten BEUTEGIER vor THE WOMAN nicht gesehen, und als wir erfuhren, dass die Frau eigentlich das letzte Mitglied eines Kannibalenstamms ist, da haben wir erst einmal überlegt, ob das unsere Interpretation in Frage stellt – davor dachten wir, die Frau steht für die Frau allgemein, also für einen Menschen, der vielleicht moralisch sogar völlig neutral ist. Aber da Chris, der Patriarch im Film, nicht weiß, wer sie ist, ist es eigentlich egal, wer oder was sie ist – er misshandelt die Frau, und damit steht die Kannibalin doch wieder für die Frau allgemein.

 

Pollyanna:

Das ist ja wunderbar, dass ihr nach dem Film all diese Gedanken hattet. Ich ermutige jeden, sich bei der Beantwortung der Frage, was was repräsentiert, seine eigene Meinung zu bilden. Das kann von Mensch zu Mensch verschieden sein. Ich denke, das ist der Punkt, an dem ein Kunstwerk sich verselbständigt und für sich selber steht – der Punkt, an dem jeder einzelne etwas für sich aus dem Film mitnimmt und entscheidet, wie er es interpretiert und worüber er weiter nachdenkt.




WEITER

DEADLINE:

Kann sein, dass es keine Absicht war, aber es gibt eine Menge Filme, in denen es um die Dichotomie Natur – Kultur/Zivilisation geht, und das Männliche steht dabei für die Kultur/Zivilisation und das Weibliche für die Natur – normalerweise ist die Zivilisation/der Mann dabei das/der Gute und die Natur das Böse, doch in eurem Film ist es genau andersrum.

 

Jack:

Weil es eine pervertierte Zivilisation ist. Es wäre nicht prinzipiell falsch, so einem Menschen in der Wildnis helfen zu wollen, aber in diesem Fall ist eine Gewissenlosigkeit im Spiel. Hier haben wir es mit einer Zivilisiertheit zu tun, die ganz klar von Feindschaft geprägt und unehrlich ist. Klar – die Natur, die dem gegenüber steht, ist … sagen wir, das ist nicht gerade der „edle Wilde“, aber trotzdem: Das mit der pervertierten Zivilisation, das steckt in dem Film.


Pollyanna:

Für mich ist das auch alles ganz klar – meine Figur ist in dem Film die Gute.


Jack:

Eben. Deine Figur rettet die beiden Mädchen …

 

DEADLINE:

.. und isst ihre Mutter auf …

 

Jack:

Sie hat ihre Wahl in diesem einen Moment im Keller getroffen. Wenn sie sich am Ende gegen ihren Mann auflehnt, passiert das zu spät.

 

DEADLINE:

Natürlich. Und von diesem Aufbegehren bekommt die Frau im Verlies ja nichts mit.

 

 

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Mom (Angela Bettis) und jüngste Tochter Darling (Shyla Molhusen) haben Kekse gebacken.

Pollyanna:

Um ehrlich zu sein: Meine Figur ist anders, tierischer – ich werde nicht von meiner Beurteilung der Moral dieser Menschen geleitet, sondern von der Überlegung, was diese Menschen für mich bedeuten bzw. in der Zukunft bedeuten könnten. Die Mutter kommt mir in diesem Moment als Essen gerade recht – und sie hat mich vorher ja auch ziemlich hängen gelassen. Ich persönlich sehe – ich spreche hier allerdings nicht für Lucky – diesen feministischen Zug, den der Film trägt. Aber für mich ist Feminismus etwas ganz Einfaches: Es geht darum, dass Frauen und Männer gleichwertig sind. Und ich glaube, dass der Film das gleiche Urteil über Belles Charakter fällt, das er über einen Mann fällen würde, der einfach nur dasteht und diese Dinge mit seiner Familie geschehen lässt. Ich persönlich denke, dass Frauen viel zu oft in die Opferrolle gedrängt werden, als sei eine von Gewalt geprägte Beziehung etwas, aus dem man nicht herauskommen kann, als könne man eine Vergewaltigung niemals hinter sich lassen. Ja, diese Dinge passieren, und ja, meistens manifestiert sich Gewalt gegen Frauen auf genau diese Art und Weise – aber die Opferrolle ist nicht die einzige Option. Man kann eine Vergewaltigung aufarbeiten, man kann der Gewalt in einer Beziehung Widerstand leisten und die Menschen um sich herum vor Missbrauch schützen, auch wenn man selbst missbraucht wird. Und das gefällt mir an dem Film, und es ist auch das Ungewöhnliche an dem Film: dass hier höhere Erwartungen an die Frau gestellt werden, obwohl sie in der Situation des Opfers ist und wirklich schwer getroffen. Aber ich glaube, das ist möglicherweise feministischer so! Der Film sagt: Lasst uns unsere Erwartungen an Frauen und Männer gleichermaßen erhöhen. Lass uns für mehr einstehen!


Jack:

Mir gefiel es, wie du ihr Handeln in Bezug setzt zu dem, was man möglicherweise von einem Mann erwarten würde – weil wir nicht das Gleiche von Frauen erwarten, es aber wahrscheinlich tun sollten.

 

DEADLINE:

Ein letzter Gedanke dazu, ob der Film das Weibliche mit der Natur gleichsetzt: Die kurze Animationssequenz nach dem Abspann will doch genau das aussagen, oder? Die jüngste Tochter, Darling, landet auf einer exotischen Insel und begegnet dem Tod, in dessen Angesicht sie die Erde zum Blühen bringt – das Weibliche als lebensspendende „Mutter Natur“.

 

Pollyanna:

So sehe ich das auch. Eigentlich war diese Sequenz für die Mitte des Films geplant, aber sie passte dort vom Stil her nicht hin. Deswegen wurde sie ans Ende gehängt, wo sie noch mal die Aussage verstärkt. Wie so oft: Manchmal passieren die besten Sachen durch Zufall.


Jack:

Der Animation lag eine Traumsequenz im Roman zugrunde, in der ich zeigen wollte, dass auch Darling schon von dieser Familie in Mitleidenschaft gezogen wird, dass auch sie schon ein böses Wesen in ihrem Leben hat. Oberflächlich sieht es so aus, als wäre sie okay. Doch Kinder sind sehr sensibel, und Darling kriegt ja mit, was ihre Schwester und ihre Mutter durchmachen, deswegen würde sie vielleicht verstörende Träume haben – und daher diese Sequenz.

 

 

DEADLINE:

Reden wir mal über das Mädchen, das am Ende überraschend auftaucht …

 

Jack:

Wir haben sie im Drehbuch „Socket“ genannt – „Augenhöhle“ –, weil sie keine Augen hat. Chris hält sie in einer Hundehütte. Denn das ist es, was für ihn seine Kinder sind: wie Hunde. Sie sind sein Spielzeug. Und über Socket sagt er zu seiner Frau: „Mit ihr hast du Schande über unsere Familie gebracht – du bist schuld an ihr, ich wollte sie nicht, dieses Ding, niemals.“ Und es ist auch ein weiteres Geheimnis, das er hütet, eine weitere Grausamkeit.

 

 

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Regisseur Lucky McKee und Alexa Marcigliano alias Socket bei den Dreharbeiten.

 

 

DEADLINE:

Socket hätte es vielleicht für die Aussage des Films nicht extra gebraucht, aber euch war die Figur wohl wichtig? Sozusagen das letzte Teil vom Puzzle, mit dem dann das Bild völlig klar erkennbar wird?

 

Jack:

Das kommt hin. Und wir liebten die Idee, sie der Frau mitzugeben und zu ihren Füßen davontrotten zu lassen.

 

DEADLINE:

Pollyanna, hast du dir je vorgestellt, was die Frau nach dieser letzten Szene in den nächsten Wochen so mit Darling und Socket anstellen würde? Sie Un-Zivilisation lehren?

 

Pollyanna:

Hm … Das Tolle am Schauspielen ist ja, dass man über das nachdenken muss, was vorher geschah, und über das, was währenddessen geschieht, aber nicht über das danach …

 

DEADLINE:

Was?! Du hast darüber nie nachgedacht?!

 

Pollyanna:

Ich musste es nicht! Ich weiß aber noch, dass ich mir – als ich die beiden unter meine Fittiche nehme – vorgestellt habe, für was sie nützlich wären, und dass ich sicher gedacht habe, damit gründe ich einen neuen Stamm. Und Darling, weil sie das Blut von meinem Finger geschmeckt hat, ist jemand, den ich zu einem Jäger wie mir ausbilden kann, sie kann stark sein, sie kann nützlich sein. Und das Gleiche gilt für Socket. Sie hat auch diesen Hunger. Hm. Ich müsste sicher mit ihr über ihre Disziplinprobleme reden … und müsste ihr eine verpassen, wenn sie Darling jagt … und sie ist laut! Das geht natürlich nicht. Im Wald müssen wir uns leise verhalten.

 

DEADLINE:

Würde die Frau versuchen, Socket aus diesem Hundezustand herauszuholen?

 

Pollyanna:

Nein, das ist nicht wichtig. So funktioniert sie am besten. Ich werde doch nicht versuchen, Socket zu zivilisieren, das wäre verrückt. Nein, nein, mich stört nur der Lärm, den sie macht, das Gebell.


Jack:

Lucky hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass jedes Mal, wenn man auf der Tonspur des Films die Hunde bellen hört, Socket mitbellt. Es ist so ein ganz hohes Fiepen. Mir ist das nicht aufgefallen, aber es ist vorhanden.


Andrew:

Das ist noch mal ein nettes zusätzliches Detail. Eine Menge vom Sounddesign dient dazu, den Boden zu bereiten für das, was storytechnisch später passiert. Daran haben sie ganz lange gebastelt, das richtige Maß dafür zu finden und alle Tonspuren übereinanderzulegen!

 

DEADLINE:

Pollyanna, was du stimmlich im Film machst, bist das wirklich nur du mit deiner Stimme?

 

Pollyanna:

Absolut.

 

DEADLINE:

Da war das Mikro aber manchmal ganz schön dicht an deiner Kehle dran, oder?

 

Pollyanna:

Nein, nicht näher als sonst.

 

DEADLINE:

Wow! Das war die Angst einflößendste Horrorfilm-Stimme, die ich je gehört habe!

 

Pollyanna:

Danke. Es ist zur Hälfte eine Monster-Stimme, die ich als Kind immer benutzt habe, und zur anderen Hälfte das Knurren einer Katze. Wie die knurren, ist in Wirklichkeit viel böser, als man es ihnen zutraut. Man denkt ja immer, die miauen eher so von oben herab, aber manchmal klingt das ganz schön fett.

 

DEADLINE:

Wie kam es zu dem ganz eigen eingesetzten rockigen, poppigen Soundtrack?

 

Pollyanna:

Das war Luckys Idee. In unseren frühen Gesprächen spielte er mir ein paar Songs vor, die ihm vorschwebten. Erst den Song für die Schlüsselszene, der während der Vergewaltigungsszene läuft, und dann den Song, der läuft, als Chris mich zum ersten Mal sieht. Das war sehr hilfreich, den Tonfall zu kennen, mit dem die Musik und der Wahnsinn sich gegenseitig konterkarieren würden. Die meiste Musik wurde aber vom Komponisten am Set geschrieben.

Andrew:

Oh, Jungs, wo wir dabei sind: Der Soundtrack wird sogar auf Vinyl veröffentlicht und kommt auch in Deutschland raus. Vielleicht könnt ihr das ja erwähnen.

[Lieber Andrew – hiermit geschehen! Unter uns: Wir finden den Soundtrack so gut, da hätte es dein Anschieben nicht mal gebraucht ...]


Jack:

Das war auch ein Teil des Spaßes und auch ungewöhnlich, dass all diese Leute am Set waren und ihr Können direkt beigesteuert haben: Der Cutter, der Komponist …


Andrew:

Ja. Der Komponist ist normalerweise nicht involviert, bevor das Filmmaterial fertig ist. Aus meiner Perspektive als Produzent: Je mehr Kreativität aus den verschiedensten Bereichen auf dem Set versammelt ist und je mehr Freiheit, kreativ zu sein, es gibt, umso weiter kann man kommen, umso mehr kann man erreichen. Dabei waren wir schon zu Beginn ziemlich weit: Eine Menge Leute der Crew, vom Kameraassistenten bis zur Produktionsabteilung, hatten schon öfters zusammengearbeitet und über ein, zwei, drei, ach, über neun Filme hinweg ein gutes Verhältnis zueinander aufgebaut. Auch dass Jack die ganze Zeit am Set war, hat einen enormen Unterschied gemacht.

 

DEADLINE:

Das ist ja schon eure dritte Zusammenarbeit. Jack, was gefällt dir denn so an Andrew?

 

Jack:

Dass er auf das achtet, was ich geschrieben habe. (lacht)

 

DEADLINE:

Du bist ja 1946 geboren und schon lange im Geschäft – wie ist das denn, wenn man bei so einem Film hauptsächlich mit Menschen zusammenarbeitet, die vom Alter her noch grün hinter den Ohren sind und die eigenen Kinder sein könnten?

 

Jack:

Genau das ist mit der Grund, warum die Leistungen so gut waren: weil jeder jung ist, hungrig, noch nicht ausgepowert, kein Hollywood-Slacker. Das führt zu einer Energie und einer Bereitschaft, noch ein bisschen mehr Gas zu geben, die man in einem großen Studio nie bekommt.

 

DEADLINE:

Wir fürchteten schon, dir fehlen die Freunde in deinem Alter …

 

Jack:

Scheiße, nein! Aber ich tendiere dazu, mich mit jungen Leuten zu umgeben.


Andrew:

Normalerweise sind sie grad mal dreizehn Jahre alt … Nein, nein, natürlich nur ein Scherz!

 

 

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Damenbesuch bei Robert Redford.

 

 

[Wer erst mal etwas mehr über den Eklat wissen will, der sich nach der Premiere von THE WOMAN ereignete, dem sei dieser Link zum Artikel des amerikanischen Filmkritikers Drew McWeeny empfohlen: http://www.hitfix.com/blogs/motion-captured/posts/sundance-review-lucky-mckees-the-woman-outrages-and-offends-with-surgical-skill-at-midnight]

 

DEADLINE:

War denn der Sundance-Zwischenfall der einzige seiner Art?

 

Jack:

Es gab ein paar dumme Kritiken.


Pollyanna:

Es gab zum Beispiel diese feministische Website, die einen Mann ins Kino geschickt hat, um eine Kritik für sie zu schreiben. Er ging nach der Hälfte des Films und schrieb eine schlechte Rezension.


Jack:

Ich weiß gar nicht, ob man das dann überhaupt eine Rezension nennen kann …


Andrew:

Also, von meiner Seite aus muss ich zu Sundance sagen: Ich wünsche mir echt, ich wäre intelligenter. Aus folgendem Grund: Wenn du als Produzent willst, dass die Leute über deinen Film reden, dann stehen dir dafür nicht unendlich viele Möglichkeiten zur Verfügung – und ich denke, ich werde von jetzt an immer versuchen, einen Typen zu finden, der so was wie in Sundance veranstaltet, und ihm jede Menge Kohle dafür in die Hand drücken – denn das war echt genial … Im Ernst: Was ich einfach nicht verstehe: Wenn man eine so extreme Meinung hat und auf einen Film so stark reagiert, warum meldet man sich dann nicht im Publikumsgespräch danach – das steht doch jedem offen, egal, was er zu sagen hat, das gilt besonders in Sundance. Aber so, wie er es gemacht hat, damit hat er sich ins Abseits manövriert. Mir hat’s für Lucky leidgetan. Er beendet nach langer Arbeit diesen Film, der wird sogar in Sundance gezeigt, Lucky fliegt extra von Oklahoma ein, und dann ist das Publikumsgespräch von so etwas überschattet. So gut es auch als Werbung für den Film war – für das Q&A war’s schade, weil die Atmosphäre danach wirklich unbehaglich war.


Pollyanna:

Der Typ war übrigens Politiker.


Andrew:

Kandidierte für die Kongress-Wahlen.


Pollyanna:

Die ersten Zuschauer, die im Publikumsgespräch zu Wort kamen, waren zwei ältere Damen aus Utah, die ihrer Kleidung nach direkt aus der Kirche ins Kino gekommen waren. Beide waren sich einig: „Wir möchten eigentlich nur sagen, dass das nicht die Art und Weise ist, wie sich ein Einwohner aus Utah normalerweise benimmt.“ Das war wirklich nett! Die zwei Damen sprachen im Namen des sehr konservativen Staats Utah dem Typen ab, dass er Manieren hätte. Und den Film fanden sie toll!

 

DEADLINE:

Dann wünschen wir euch, dass ihr mit THE WOMAN viele weitere so freundliche ältere Damen trefft! Und vielen, vielen Dank, dass ihr euch so viel Zeit für uns genommen habt!

 

Interview geführt von Sascha Eichholz, Florian Hoffmann, Rochus Wolff.