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11/11/2018

LOCARNO FILMFESTIVAL 2018 – EINE RÜCKSCHAU

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Die 71. Ausgabe des ältesten Schweizer Filmfestivals vom 1. bis zum 11. August war gleichzeitig die letzte des künstlerischen Leiters Carlo Chatrian, der zur Berlinale wechselt. Er zeichnete sich in den vergangenen sechs Jahren vor allem durch ein herausforderndes Filmprogramm aus, das sich nicht von Quoten diktieren ließ. So waren auch in diesem Jahr wieder einige unkonventionelle bis schwer verdauliche Bonbons dabei.

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Ab 2019 wird sich zeigen, in welche Richtung sich die Programmierung in Locarno unter der Ägide der Französin Lili Hinstin bewegen wird. Der Genrefilmfan freute sich erst mal über die diesjährige Ausgabe, die eine reichhaltige war. Viele gut gelaunte Stars reisten ins Tessin, um hier ihre Preise abzuholen und alte oder neue Filme zu präsentieren. Neben Meg Ryan (mit der mich persönlich mehr nostalgische 80er- und 90er-Jahre-RomCom-Gefühle verbinden – und der gleiche Geburtstag), die einen «Leopard Club Award» bekam, auch Antoine Fuqua und Ethan Hawke, der mit dem Schauspiel-Preis «Excellence Award» ausgezeichnet wurde (beides Highlights, weil ich sie interviewen konnte, siehe Boxen). Kyle Cooper, der Meister des Vorspanns, wurde mit dem «Vision Award» geehrt, und seine berühmten Titelsequenzen in mittlerweile schon Klassikern wie SPIDER-MAN oder SEVEN konnten nochmals auf der Leinwand bewundert werden. Letzterer sogar auf der ganz großen der Piazza Grande, zusammen mit dem Desktop-Thriller SEARCHING aus der virtuellen Timur-Bekmambetov-Produktionsschmiede und Spike Lees Cannes-Abräumer BLACKKKLANSMAN, der sich in Locarno den Publikumspreis sicherte. Und dann endete das Festival auch noch mit einem Paukenschlag, nämlich mit einem potenziellen DEADLINE-Film als großen Gewinner. A LAND IMAGINED von Regisseur Yeo Siew Hua aus Singapur wurde mit dem Pardo d’oro ausgezeichnet. Insgesamt 293 Filme zeigte das Festival in knapp zwei Wochen, darunter 18 unter freiem Himmel. Zahlreiche Besucherinnen und Besucher pilgerten tagtäglich in die einzelnen Säle. Trotz unermüdlich brutzelnder Sonne in der ersten Woche des Festivals und damit Temperaturen, die den Filmbesuch in manchen der Kinos zur finnischen Sauna machten. Und trotz heftiger Gewitter ab Woche zwei, die vor allem die Piazza Grande und ihre über 8.000 tapferen Besucherinnen und Besucher ziemlich verdonnerten und verregneten. Doch die Wetterfestigkeit lohnte sich – hier die filmische Ausbeute:

 Equalizer 2

EQUALIZIER 2

 

Denzel Washington kämpft als ehemaliger Geheimagent Robert McCall wieder für Gerechtigkeit. Dabei wollte er eigentlich gemütlich sein Taxi fahren und kluge Bücher lesen. Doch als seine alte CIA-Kollegin ermordet wird, räumt er sowohl in den Regierungsreihen wie auch bei der brutalen Fußtruppe auf. Unterhaltungskino, das ernste Themen wie Rassismus und Ungleichbehandlungen nicht ausspart, mit einem staubtrockenen Washington in bester Rachelaune. Ein bisschen Sonnenuntergangskitsch gegen Ende hätte dem Film aber auch nicht geschadet.

 Wintermaerchen

WINTERMÄRCHEN

 

Der durch und durch kompromisslose Film von Jan Bonny gibt dem hässlichen NSU-Trauma ein ebensolches Gesicht. Nicht ohne Grund flüchteten viele Besucherinnen und Besucher schon aus der ersten Vorstellung, auf die rund zweistündige radikale Sex- und Gewaltorgie waren sie nicht vorbereitet. Dabei denkt der Film nur eine Variante dessen, was sich abgespielt haben könnte. Ob alles so oder noch viel schlimmer gewesen ist, mag man sich nicht vorstellen. Schon so ist hier mehr Winter als Märchen, eine Tortur, deren Drastik und Kaltblütigkeit weit über die Morde hinaus lähmt.

Alles ist gut

ALLES IST GUT

 

Ein Klassentreffen erweist sich als fatale Begegnung zwischen Janne und Martin, denn nach der Party will Martin mehr und Janne nicht, was letztendlich zu einer Vergewaltigung führt. Das passiert so unspektakulär, dass selbst Janne davon überzeugt ist, gerade sei nichts Schlimmes geschehen, und so geht sie in der Folge damit um. Doch ihre unbedingter Wille, sich nicht als Opfer zu fühlen, führt erst recht in die Katastrophe. Der stark gespielte Film besticht mit seinen leisen Tönen und wurde in Locarno mit dem Preis für den besten Debütfilm bedacht.

 

 

A Land Imagined 

A LAND IMAGINED

 

Der Polizist Lok soll den chinesischen Gastarbeiter Wang suchen, der in Singapur nicht zur Arbeit erschien und seitdem verschwunden ist. Doch niemand vermisst hier einen Gastarbeiter. Dystopisch und düster wirkt hier, im Insel- und Stadtstaat, alles, unecht wie der importierte Sand. Träume und Realität verschwimmen – was genau passiert ist, bleibt ein Rätsel. Für die ungewöhnliche Mischung aus verwirrendem Thriller à la David Lynch und ambitioniertem regierungskritischem Doku-Drama gab es den Hauptpreis in Locarno – den Goldenen Leoparden.

 Chris the Swiss

CHRIS THE SWISS

 

Der junge Schweizer Journalist Christian Würtenberg will Anfang der 90er über die Balkankonflikte berichten. Irgendwann schließt er sich einer radikalen Söldnertruppe an und stirbt – mit 27 Jahren unter bis heute rätselhaften Umständen. Anja Kofmel erzählt in elegischem Schwarz-Weiß ein animiertes Dokudrama, das investigative Reportage-Elemente mit persönlichen Erinnerungen anreichert. Nach und nach wird dabei, auf fesselnde und poetisch-triste Weise, ein mutmaßlicher Mord rekonstruiert, der jedoch nie restlos bewiesen werden konnte.

 Blaze

 BLAZE

 

Ethan Hawke erzählt in seiner dritten Regiearbeit vom unruhigen Leben und dem gewaltsamen Tod des weitgehend unbekannten texanischen Country-Musikers Blaze Foley. Eigenwillig war er, träumte von der absoluten musikalischen wie persönlichen Unabhängigkeit und lebte in den 70ern in einem Baumhaus. 1989 wurde er im Haus eines Freundes von dessen Sohn erschossen. Die genauen Umstände, die zu seinem Tod führten, sind nie geklärt worden. Hawkes eindringliches Plädoyer für die Außenseiter und Verlierer, die den Blues nicht nur spielen, sondern die Blues sind.

 

AUSSCHNITT ETHAN HAWKE IM INTERVIEW

 

(c) Sarah Stutte
(c) Sarah Stutte

 

 In Locarno nahm Hawke nicht nur einen Preis für seine schauspielerischen Darbietungen der letzten vierzig Jahre entgegen, sondern plauderte auch über seinen neuen Film BLAZE. «Musikfilme sind meistens nur berühmten Künstlern gewidmet. Doch wer sagt denn, dass diejenigen, die nie den großen Sprung geschafft haben, weniger wichtig seien?» Seinen Film wollte er wahrhaftig wirken lassen: Einerseits was die Musik angeht, die zurück zu den Wurzeln des Country führt, andererseits wollte er auch den Blick schärfen für die wilde, in sonnenglänzenden Brauntönen eingefangene Schönheit der Südstaaten sowie für die Darsteller, die teils bekannte Musiker sind, teils Blaze Foleys damalige Lebens- und Weggefährten. Als Filmbiografie sieht Hawke seinen Blaze aber nicht, denn eine solche sei eigentlich eine Lüge. Weil es in einem Rückblick auf ein Leben nie nur um einen Menschen ginge. «Wir sind alle miteinander verbunden. Jeder trägt die Flamme in sich, die Blaze hatte, weshalb es auch jeder verdient, dass seine Geschichte erzählt wird», sagte er.

 

Von Sarah Stutte