11/02/2020

Joon-Ho Bong im Interview zu PARASITE

 

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(c) The Academy

 

Wir gratulieren Joon-Ho Bong  ganz herzlich zu den 4 Oscars zu seinem Wunderwerk PARASITE. Wir hatten den koreanischen Meisterregisseur zum Kinostart in der DEADLINE #77 im Interview.

Das Interview wollen wir euch nun hiermit online zugänglich machen.

PARASITE wird in etwa einem Monat in etlichen Versionen via Capelight Pictures und Koch Films erscheinen.

 

Ob SNOWPIERCER, THE HOST oder nun PARASITE: Joon-Ho Bong ist einer der erfolgreichsten und vielseitigsten Regisseure Asiens. Im Interview mit der DEADLINE spricht er nun unter anderem über die sozialen Probleme in Südkorea und erklärt, weshalb er seinen Film HUNDE, DIE BELLEN, BEISSEN NICHT nicht mehr leiden kann.

 

DEADLINE: Nach OKJA und SNOWPIERCER spielt mit PARASITE mal wieder ein Film von dir in Südkorea. Weshalb hast du dich dazu entschieden, den Film in deiner Heimat spielen zu lassen?

 

Joon-Ho Bong: Mein Film ist speziell für das südkoreanische Publikum gemacht und zeigt dessen Lebenswelt. Deshalb gab es gar keine andere Option, als PARASITE in Südkorea spielen zu lassen. Das dortige Publikum reagiert auf den Film noch aktiver als andere Zuschauer. Bevor sie beispielsweise überhaupt auf die Idee kommen, darüber zu diskutieren, welchem Genre mein Film zuzuordnen sei, riechen die Menschen plötzlich an sich, um sich selbst zu überprüfen. Die Südkoreaner schauen den Film an und wissen, dass ich selbst einmal in so einem Halbkellergeschoss gewohnt habe und daher weiß, wovon ich erzähle. Dies führt dazu, dass sie sich auf besondere Weise auf meinen Film einlassen. Sie wissen, dass ich jetzt zwar bekannt bin, aber selbst einmal in der gleichen finanziellen Situation war, wie es viele andere Südkoreaner aktuell sind.

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DEADLINE: Woher kam die Idee, Geruch als Kennzeichnung für eine soziale Klasse zu verwenden?

 

Bong: Es geht um die Situationen, in denen die Armen und die Reichen zusammenkommen. Menschen sprechen über vieles, über Geruch jedoch eher nicht. Selbst unter guten Bekannten und Verwandten ist dies selten. Aber es gibt nun einmal immer wieder Situationen, wo wir anderen sehr nah sind und diese eng an uns heranlassen müssen. Beispielsweise wenn die Armen die Reichen als Chauffeur, Nachhilfelehrer oder Küchenhilfe unterstützen. Erst durch diese Tätigkeiten haben die Armen die Möglichkeit, mal die Lebenswelt der Reichen kennenzulernen. Denn reiche und arme Menschen wohnen in der Regel in unterschiedlichen Gegenden und gehen woanders essen. Durch die genannten Tätigkeiten kommen sie dann doch in Berührung, und man stellt fest, dass sie unterschiedlich riechen. Bei meinen Filmen geht es prinzipiell nicht um Arm oder Reich an sich, sondern um die Situationen, wo deren unterschiedliche Lebenswelten aufeinanderprallen. Geruch ist auch etwas Entblößendes. Niemand kann das verstecken, und deshalb ist es manchmal auch ein wenig grausam und bizarr. Ich konnte es daher nicht vermeiden, Gerüche zu verwenden, um meine Szenen realistisch darzustellen.

 

DEADLINE: Was hat sich für dich nach dem Gewinn der Goldenen Palme in Cannes geändert?

 

Bong: Aktuell ist es relativ ruhig. Der Gewinn ist aber ja nun auch schon eine kleine Weile her. In der Woche nachdem ich die Auszeichnung erhalten hatte, war die Stimmung allerdings ein wenig überhitzt. Ich wurde behandelt, als hätte ich bei den olympischen Spielen gerade eine Goldmedaille gewonnen. Die Goldene Palme wurde ja von richtigen Politikern übergeben. Den Preis habe ich mit großer Dankbarkeit entgegengenommen, gleichzeitig habe ich dabei aber auch gedacht: Seit wann interessieren sich Politiker eigentlich für meine Filme?

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DEADLINE: Früher warst du noch nicht so bekannt. Wirst du heute von deinem privaten Umfeld anders beäugt?

 

Bong: Von Kindheitstagen an war ich nie jemand, der sich ein ganz großes Netz an Freunden aufgebaut hat. Ich habe auch heute noch wenige, dafür aber sehr enge Freunde und Bekanntschaften. Die Menschen, mit denen ich mich heute treffe, kenne ich schon sehr lange und habe ich auch schon früher getroffen. Das heißt, mein Bekanntenkreis hat sich im Laufe der Jahre nicht großartig geändert, und ich habe auch nicht den Eindruck, dass ich von meinen Freunden auf irgendeine Weise anders betrachtet oder behandelt werde als vor 20 Jahren. Auch gehe ich noch immer da essen, wo ich früher essen gegangen bin.

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DEADLINE: Wenn es in PARASITE gewalttätig wird, wird nicht einfach geschossen, sondern mit Messern und Co. hantiert. Ist das etwas typisch Südkoreanisches?

 

Bong: Zunächst ist es so, dass in Südkorea Waffenbesitz verboten ist. Selbst die Gangster in unserem Land haben in der Regel keine Schusswaffen. Oft ist es einfach so, dass in der Natur vorgefundene Gegenstände als Gewaltmittel eingesetzt werden. Auch das Messer, welches wir im Film genutzt haben, ist nicht für eine Kampf- oder Kriegssituation gedacht, sondern eigentlich ein Kochmesser. Genau wie der Stein eigentlich zur Meditation gedacht war. Ich habe bei meinem Film also nicht explizit gesagt, dass ich keine Schusswaffen verwenden möchte, sondern es hat sich ganz natürlich von selbst ergeben.

PARASITE-Regiseur Bong Joon-ho

 

 




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DEADLINE: Vor Kurzem gab es ja mit WIR von Jordan Peele einen sehr ähnlich gelagerten Film, in dem sich ebenfalls zwei unterschiedliche Klassen auf zum Teil gewalttätige Art bekämpfen. Ist für so eine Szenerie das Horrorgenre einfach besonders gut geeignet?

 

Bong: Natürlich gibt es gewisse Gemeinsamkeiten, aber das ist Zufall. Ich habe nämlich mit PARASITE bereits 2013 angefangen. Der Film sollte ursprünglich einen anderen Titel erhalten und inhaltlich die Figuren aus der armen und der reichen Familie eine gleichwertige Rolle spielen. Dann entschied ich mich aber, meinen Fokus auf die arme Familie zu legen, weshalb ich dann den Titel PARASITE ausgewählt habe. Der Titel ist ein wenig provokativ, aber wesentlich passender, da arme Menschen oft als Abschaum oder Ungeziefer betrachtet bzw. behandelt werden. Insofern kann man meinen Film meinetwegen gerne dem Horrorgenre zuordnen, aber meines Erachtens ist die Lebenswirklichkeit der armen Menschen bereits horrormäßig genug, ohne dass es hier noch einer weiteren Kategorisierung bedarf. Für sie ist es fast unmöglich, der Unterschicht zu entkommen.

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DEADLINE: Darf ich deinen Äußerungen entnehmen, dass du eher mit der armen Familie sympathisiert und die Ignoranz der Reichen kritisierst?

 

Bong: Die Reichen sind nicht schlecht oder böse, einfach nur weil sie reich sind. Auch sie haben meine Sympathien. Sie benehmen sich eigentlich ordentlich. Die Armen machen die bösen Sachen, aber man erkennt, dass ihnen gar keine andere Möglichkeit bleibt, als so zu handeln, wie sie handeln. Aus meiner Sicht stehen und verhalten sich die beiden Familien nicht schwarz-weiß zueinander. Es ist eine einzige Grauzone.

 

DEADLINE: Können Südkoreaner deine Sicht der Dinge nachvollziehen, oder sagen sie, dass die Armen nur böse sind? Wie ist da die Moral in Südkorea?

 

Bong: Die Reaktionen auf den Film sind in Südkorea so ähnlich wie hier. Das Publikum versteht die armen Menschen, spricht an sich aber nicht so sehr über Moral. Ich persönlich neige vielleicht mit 51 zu 49 Prozent minimal zu den armen Leuten. Der Grund, meinen Film überhaupt zu machen, waren auch genau solche Sachen, dass man sich nach dem Film solche Fragen stellen und über alle Seiten nachdenken soll. Woher kommt dieses Pathos? Woher kommt dieses bittere Ende? Wie kann es zu all diesen Dingen kommen, obwohl die Reichen eigentlich gar nichts Böses gemacht haben?

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DEADLINE: Auf dem Filmfest München 2019 gab es ja eine Rückschau deiner Werke. Gibt es einen Film, auf den du besonders stolz bist oder wo du sagst: Den hätte ich besser nicht drehen sollen?

 

Bong: Für mich fühlen sich alle Filme ähnlich an. Egal, wie oft ich einen Film drehe, mir ist er immer peinlich. Es gibt natürlich schon ein paar Aufnahmen oder Szenen aus meinen bisherigen Werken, auf die ich ganz besonders stolz bin und wo ich sage, dass ich es hier richtig gut hinbekommen habe. Aber im Großen und Ganzen ragt für mich nichts heraus, mit einer Ausnahme: mein erster Film überhaupt, HUNDE, DIE BELLEN, BEISSEN NICHT. Der gefällt mir gar nicht, und ich hoffe, dass niemals mehr jemand sich diesen Film ansieht, so peinlich ist er mir.

 

DEADLINE: Was stört dich an dem Film?

 

Bong: Mittlerweile ist es 17 oder 18 Jahre her, dass ich den Film gemacht habe. Deswegen kann ich nun etwas über dem Film stehen und diesen gelassener sehen. Aber ich mag ihn ehrlich gesagt noch immer nicht und spreche über HUNDE, DIE BELLEN, BEISSEN NICHT nur sehr ungern.

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DEADLINE: Wie hat sich für dich im Laufe der Jahre das Filmemachen verändert?

 

Bong: Das Prozedere, wie ich meinen Film drehe, hat sich im Laufe der Jahre nicht verändert. Egal ob Drehbuch, Schauspielführung oder Schnitt – es läuft eigentlich immer auf die gleiche Art und in der gleichen Reihenfolge ab. Ob ich bekannt bin oder nicht, hat darauf nie Einfluss gehabt. Es redet mir auch niemand in meine Filme rein. Das Einzige, das sich höchstens minimal geändert hat, ist, dass mir durch meinen in der Zwischenzeit höheren Bekanntheitsgrad und den internationalen Verkauf meiner Filme höhere Budgets bewilligt werden. Ich kann daher nun noch mehr meine Filme machen, wie ich möchte, ohne mir darüber Gedanken machen zu müssen, ob ich sie finanzieren kann.

 

DEADLINE: Bei PARASITE wurden wir im Vorfeld ja mehrfach von dir gebeten, nicht zu spoilern. Ist das eine Sache, die heute wichtiger ist als früher? Oder ist das gerade so eine Phase, wo einfach jeder mitmacht?

 

Bong: Mir ist es nur wichtig, dass der Zuschauer bei seiner Filmerfahrung nicht gestört wird. Wenn man von PARASITE vorher wirklich schon Genaueres hört oder liest, senkt dies meiner Meinung nach das Filmvergnügen enorm. Das wollte ich vermeiden und wende ich nur auf diesen Film an und ist nicht einer aktuellen Phase entsprungen.

 

DEADLINE: Auf die Frage, welches Genre du vielleicht gerne mal ausprobieren würdest, hast du mal „Western“ geantwortet. Wie würde ein Western von dir aussehen?

 

Bong: Western sind für mich als Regisseur deshalb so toll, weil es diese in so vielen unterschiedlichen Varianten gibt: Manjari-Western, Spaghetti-Western, Giallo-Western. Ich finde es total interessant, dass Westernfilme so variabel dargestellt werden. Das liegt sicherlich auch daran, dass sich dieses Genre in Europa und den USA so unterschiedlich entwickelt hat. Den Western von den Coen-Brüdern THE BALLAD OF BUSTER SCRUGGS habe ich als Letztes gesehen, und er hat mir gut gefallen. Das könnte auch eine Inspiration für mich sein.

 

DEADLINE: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Interview geführt von Heiko Thiele

 

Hier erhältlich!