18/01/2018

Jörg Buttgereit – Nackt und zerfleischt am Theater Dortmund

Jörg Buttgereit - Nackt und zerfleischt am Dortmunder Theater

Nach seinen Theatererfolgen kehrt Jörg Buttgereit mit der Talk-Reihe NACKT UND ZERFLEISCHT nach Dortmund zurück. Weitere Einblicke in andere mediale Abseitigkeiten von Film und Subkultur möchte er seinem Publikum in Form einer Talk-Reihe verschaffen. Als Unterstützung holt sich Buttgereit dafür jedes Mal andere fachliche Hilfe auf die Bühne. Für die Premiere ist der deutsch-türkische Dokumentarfilmer und Filmfan Cem Kaya mit auf der Bühne. Seine Dokumentation „Remake, Remix, Rip-off“ über das türkische Exploitation-Kino sorgte bereits auf Festivals und im TV für Aufsehen. TÜRKISCH STAR WARS oder DER MANN, DER DIE WELT RETTETE, wie die Übersetzung des eigentlichen türkischen Titels lautet, ist nur einer von vielen unzähligen grotesken Plagiaten, die für den türkischen Massenkonsum zwar für’s Kino, aber später hauptsächlich für den Einsatz im Ausland produziert wurden. Markenzeichen alles nur geklaut, einschließlich originaler Filmszenen und Soundtracks!

 

Gleich die Auftakt-Veranstaltung zeigt bereits, dass der Begriff Talk-Reihe hier fehl am Platz ist! NACKT UND ZERFLEISCHT ist ein Genre-Happening, Filmfreunde Treff in familiärer Runde, Live-Schlefaz und Stammtisch für mutwillige Kulturforscher zugleich. Nebelumschwadet betritt Jörg Buttgereit die kleine Studiobühne im Szenenbild seines Theaterstücks BESESSEN, um gleich klarzustellen: „Ich weiß auch noch nicht was heute passieren wird! Ich habe mich extra nicht vorbereitet, um genauso spontan auf das zu reagieren, was wir hier gleich erleben werden“, lacht die Berliner Blondbürste frech.
Zentrales Thema des Abends wird der Film RAMBO und sein türkisches Pendant sein. Dafür gibt es erstmal eine ausführliche Einführung in die RAMBO Filme. Teuflisch gut lässt Buttgereit die Originaltexte zu den Prädikatsausstellungen der Filmbewertungsstelle und Indizierungsbegründungen der Filmreihe von Louis Cypher (Uwe Rohbeck) aus BESESSEN etwas lang aber teuflisch unterhaltsam verlesen. Aufmerksamkeit und Konzentration sind gefordert, wenn die Jugendschützer von einst selbstgerechten Hass und Unverständnis zum Ausdruck bringen. Geradezu boshaft werden Indizien und verschwurbelt irre Begrifflichkeiten wie „präpubertäre Allmachtsfantasien von Zwölfjährigen“ herbeigedichtet, um einen Zensuranspruch zu legitimieren.




WEITER

Eine erfolgreiche Comedy-Einlage, auf die weitere bitterböse Realsatire folgt: bei einem Ausschnitt aus einem TV-Bericht aus den 80er Jahren zum Thema Videokonsum bei Gastarbeitern bleibt das Lachen doch auch gerne im Hals stecken. Die Wurzel des türkischen Videoerfolgs besonders in Deutschland wird aber klar: eine Kultur der Abriegelung traf auf eine Kultur des Desinteresses. Die Lösung für in Deutschland lebende Türken war eine „auf Band gestanzte“ Heimatimpression in der eigenen Sprache, die als Dauerberieselung im Schleifenmodus in allen familiären Bereichen einfach mal mitlief. Satellitenfernsehen oder türkisches TV-Programm gab es schließlich in Deutschland noch nicht.

Cem Kaya bei NACKT UND ZERFLEISCHT am Dortmunder Theater

Cem Kaya, selbst ein Kind der türkischen Videogeneration und mit allen Klassikern des Genres aufgewachsen, liefert schließlich einen kurzen Rundumblick, wie sich die türkische Remix-Filmproduktion mit ihrem späteren Hauptmarkt, dem Video-Export ins Ausland, entwickelte und unter welchen grotesken Umständen diese Filme entstanden. Als Hauptgang flimmert schließlich der türkische RAMBO in Gestalt von Cüynet Arkin mit Live-Kommentar stilecht im Videogriesel über die Leinwand: Während Kaya fleißig simultan das Geschehen synchronisiert und erklärt, schießt Buttgereit immer wieder mit Fragen und Entdeckungen dazwischen. Das daraus entstehende Unterhaltungsfeuerwerk aus Information und Irrsinn ist mitreißend komisch und bezaubernd zugleich. Es wird fleißig gestaunt und gelacht – allerdings immer mit dem Film und seinen Machern. Das anarchische Geschick, aus all dem filmischen Durcheinander mit geringsten Mitteln und teils haarsträubendem Einsatz vor der Kamera überhaupt irgendetwas zu machen, erntete schließlich den anerkennenden Applaus, der auch den Werken von Ed Wood heute zuteilwird.

 

Die nächste Erkundungsreise von Jörg Buttgereits NACKT UND ZERFLEISCHT findet bereits am 9. März im Dortmunder Theater mit dem Thema „Gorillawood“ statt.

 

Weitere Infos und Karten unter www.theaterdo.de

 

Bilder + Text: Kay Pinno