20/06/2014

Interview mit Klaus Lemke

Klaus Lemke Special

Klaus Lemke – ein unerschütterlicher Fels in der Brandung des deutschen Kinos. Seit über 40 Jahren macht er Filme, hat Stars und Sternchen wie Thomas Kretschmann, Dolly Dollar oder Cleo Kretschmer entdeckt. Trotz seiner 71 Jahre ist er vermutlich der jüngste Filmemacher Deutschlands: Seine Filme erzählen von sympathischen Losern, die sich durchs Leben kämpfen und sich, wenn es sein muss, dabei gegenseitig auf die Füße treten. Auf der VIENNALE 2011 war er mit 3 KREUZE FÜR EINEN BESTSELLER zu Gast, in dem die junge Autorin Tini ihren Freund auf Sexentzug setzt und nach Fuerteventura reist, um dort ihren ersten großen Roman zu schreiben. Aber es kommt – wie immer bei Lemke – alles anders. Beim Gespräch am Tag nach der Premiere war Klaus in absoluter Plauderlaune – eine Stunde mit dem Meister, hier in (fast) ungekürzter Länge:

Lemke Special

Klaus Lemke:
Florian, ich lese keine Interviews gegen, du kannst machen, was du willst! Ich hasse das! Das ist dein Interview und nicht meins.

 

 

DEADLINE:

Aber du machst schließlich auch mit.

 

 

Klaus Lemke:
Ja, richtig, aber wenn das nicht deine Sicht ist, ist das vollkommen, äh … Die Leute wollen eigentlich … na, du weißt ja Bescheid!

 

 

DEADLINE:

Klaus, du hast gestern erzählt, dass bei dir am Set strenges Essverbot herrscht. Wo seid ihr gestern nach der Premiere noch hin?

 

 

Klaus Lemke:

Ich konnte die Mannschaft gerade davon abhalten, eine Einladung des Festivals anzunehmen, irgendwo ein Riesending zu essen. Als Kompromiss sind wir da hin, wo ich, wenn überhaupt, hingehe: McDonald’s. Ich meine, was ist besser als das?

 

 

DEADLINE:

Burger King?

 

 

Klaus Lemke:

Also ich finde, beim Burger King ist der ganz einfache Hamburger besser, das andere ist wiederum zu barock. Also wenn alles fünffach ist. Das Allerbeste, was ich je gesehen habe, war in AMERICAN GANGSTER, wie sich der Hauptdarsteller selbst einen Hamburger macht und den dann von oben so zusammendrückt.

 

 

DEADLINE:

Ich habe gehört, du bist ein großer Fan von Ridley und Tony Scott.

 

 

Klaus Lemke:

Das ist für mich das moderne Kino. Wie etwa UNSTOPPABLE. Da weiß man nicht mehr als die Hauptperson, und wenn man in einen Raum kommt, ist es so wie im Leben: Man hat keine Ahnung, wo der Böse sitzt. Ein normaler Film, so aus dem 18. Jahrhundert, funktioniert nach der klassischen Dramaturgie: Ein Autor, der liebe Gott, steuert von oben alles. In modernen Filmen geht es um das subjektive Erleben der Leute. Und wenn man etwas subjektiv erlebt, dann weiß man nicht, wer der Böse im Raum ist. Das muss man erst mal rauskriegen. Und das ist modernes Kino.

 

 

DEADLINE:

Du hast nach 3 KREUZE FÜR EINEN BESTSELLER, der hier in Wien zu sehen ist, bereits einen weiteren Film gedreht, und zwar in Berlin!

 

 

Klaus Lemke:

Genau, BERLIN FÜR HELDEN. Ich habe diese Stadt 40 Jahre lang nicht mehr betreten, weil ich nichts an ihr ausstehen konnte. Ich war zum Beispiel vor ROCKER niemals in Hamburg und habe ROCKER gedreht ohne jede Ahnung und war weitgehend auch betrunken – sonst geht das gar nicht, mit Rockern und in einer fremden Stadt. In Berlin war ich natürlich weniger betrunken. Und jetzt war es das Größte für mich: Berlin ist wie Barcelona vor 10 Jahren: alles kaputt, alle auf Drogen, alles auf Subvention, alles balla-balla. Berlin ist das, was ich für die modernste Reaktion auf diese Welt halte: Alles, was wir machen, endet in einer Katastrophe. Und es gibt nur eine Rettung: nicht nach den Gründen für die Katastrophe suchen, sondern sich in die nächste, größere Katastrophe retten. Also nicht in die kleinere und nachgeben, denn dann ist man verloren. Das kann man alles wunderbar am amerikanischen Kino lernen. Das ist die Philosophie von Ridley Scott und auch von Soderbergh, obwohl der neue Film so scheiße ist.

 

 

DEADLINE:

CONTAGION?

 

 

Klaus Lemke:

Ja, furchtbar. Einer meiner Lieblingsfilme ist selbstverständlich TRAFFIC. Ich meine, das ist ein Super-Meisterwerk. Ich weiß auch nicht, warum der heute so einen Quatsch macht, keine Ahnung.

 

 

DEADLINE:

Er will ja eh aufhören.

 

 

Klaus Lemke:

Das redet er schon seit fünf Jahren, der soll mal aufhören.

 

 

DEADLINE:

Aber du hast doch sicher auch THE GIRLFRIEND EXPERIENCE gesehen – der hat mich ja fast auch ein bisschen an deine Filme erinnert.

 

 

Klaus Lemke:

Ja. (kurze Pause) Es ist so furchtbar bei Soderbergh, TRAFFIC ist einfach so genial! Wie dieser Film auseinanderfällt, wie dieser Film immer gerade so wieder die Kurve kriegt, und genau das ist es, was einen immer wieder reinzieht. Plötzlich versteht man, was es bedeutet, wenn der Oberstaatsanwalt bei der Drogenbekämpfung eine Tochter hat, die auf Drogen ist. Denn gewöhnlich ist es so: In Deutschland wird das behauptet, und dann ziehen die so ein Gesicht, sagen fünf Sätze, und dann ist das abgehakt – das wird immer nur so wie Werbung, weißt du. Ganz selbstverständlich hat in Deutschland der Oberstaatsanwalt eine Tochter, die auch mal Marihuana nimmt. Aber es ist einem vollkommen egal. Und bei TRAFFIC ist einem das nicht egal. Besonders wo dieses Kindchen mit diesem Neger da so rumfickt, das ist so unglaublich, und wie der Vater dazukommt, und plötzlich versteht man das alles wirklich. Das ist das, worum es geht.

 

 

DEADLINE:

Einer der Wenigen im deutschen Kino, die du magst, ist Dominik Graf.

 

 

Klaus Lemke:

Der ist ein Wahnsinn! Sein Geheimnis ist, dass er der Einzige ist, der nicht gefressen wird von diesem unfassbaren Apparat von Catering und Schienen und Kameras. Dominik kann diesen Apparat beherrschen, als hätte er eine 8mm-Kamera in der Hand. Er ist eine echte Autorität: Bei ihm traut sich keine Maskenbildnerin dazwischenzugehen und ein bisschen an den Haaren zu zupfen. Normalerweise geht jeder Tonmann noch mal hin und zieht am BH, damit der Ton stimmt. Und das alles, während das Entscheidende geschieht, nämlich dass man diese armen Schauspieler zu irgendwas bringt. Bei Dominik ist so was überhaupt nicht drin. Und ich hab auch gehört, dass er alles tut, um die Mittagspause ausfallen zu lassen, denn wenn man eine Mittagspause macht, braucht man nicht weiterdrehen. Total sinnlos. Das ist so, als wenn man zu Weihnachten zu den Eltern fährt und sagt: Diesmal will ich aber nicht so viel essen. Beim Film fressen die Leute, weil sie frustriert und fertig sind. Und weil sie längst in dieses Massengrab allerbester Absichten gehören, wo sie auch alle landen werden.

 

 

 

 

DEADLINE:

Du hast auch mal bei Dominik mitgespielt, in einem Polizeiruf!

 

 

Klaus Lemke:

Ja, das war fantastisch. Einen Drogendealer, das ist eine seiner Lieblingsszenen, die in seinen Büchern auch immer wieder vorkommt. Aber ich kann mich gar nicht mehr so wirklich daran erinnern.

 

 

DEADLINE:

Ein anderer, mit dem du auch mal gearbeitet hast, war Rainer Knepperges in DIE QUEREINSTEIGERINNEN.

 

 

Klaus Lemke:

Das hab ich auch gerne gemacht, der hat mich für einen Tag eingeladen, da hinzukommen. Die Rolle fällt auch vollkommen raus, weil ich mich nicht informiert habe, worum es in dem Film geht, und ich habe einfach mal eine halbe Stunde losgelegt – und dann hat das einfach gepasst. Dass da plötzlich einer in den Film hineinkommt – das machen die Amerikaner ja laufend, so als würde er den Film umwerfen. Natürlich darf der Film dann nicht umgeworfen werden. Da kommt plötzlich jemand und macht etwas ganz Konträres zu dem, was gerade passiert ist. In meinem Film hier, 3 KREUZE FÜR EINEN BESTSELLER, ist das dieser Bayer, dieser Franz, der plötzlich mit seiner ganz anderen Art als meiner oder der der beiden Helden für 10 Minuten so etwas „Normales“ in diese merkwürdige Geschichte reinbringt, die eigentlich nur damit losgeht, dass die kleine Schlampe ihn einfach auf Sexentzug setzt. Und das macht sie, weil ihr sonst nichts einfällt. Ihr fällt weder etwas zu ihrem Roman, ihrer Geschichte ein – mir fällt ja ihre Geschichte ein, und die klaut sie mir dann –, es ist zwar ihre eigene, aber ihr fällt gar nichts ein, außer dass sie den Typ auf Sexentzug setzt, und das hilft. Wenn man jemanden auf Sexentzug setzt, kann es sogar so weit gehen, dass der nicht mal die Wahrheit ausplaudert und dann dafür stirbt. So mächtig ist diese Waffe, und das zeigt dieser Film.

 

 

DEADLINE:

Der beginnt, wenn ich mich richtig erinnere, in Hamburg …

 

 

Klaus Lemke:

Er beginnt im Vorspann auf Fuerteventura … ich sage das ja auch mal im Laufe des Films: „Film ist, wenn man etwas ahnt, lange bevor man es weiß, sodass der Zuschauer den Eindruck bekommt, dass es seine Vorahnungen sind, die die Handlung herbeiziehen“ – Wenn das passiert, ist das Meisterwerk da. Das zu erreichen ist mir oder irgendwelchen anderen Leuten ganz selten gelungen. Es geht nur darum, dass der Zuschauer etwas sieht und: „Oh, ich hätte gerne, dass die jetzt gefickt wird – aber nein, besser nicht!“ Und dann sieht er plötzlich, dass die tatsächlich gefickt wird. Ich will das nur als drastisches Beispiel bringen, aber das ist das, warum wir ins Kino gehen. Wir gehen nicht ins Kino, um irgendwelche Antworten zu bekommen oder klüger zu werden, sondern um zu einer besseren Selbsteinschätzung zu gelangen. Im Kino können die Zuschauer eine Zeit lang im Kopf eines ganz anderen Menschen leben – mit ihm entscheiden oder ihn kritisieren –, sie leben aber im Kopf dieser Person. Und nach dem Film lebt man noch ein bisschen so wie Belmondo in AUSSER ATEM, aber dann geht man wieder zurück in sich selbst … reinstes Voodoo. Plötzlich ist man etwas befreiter und sieht die Dinge spielerischer, was auch der einzige Weg ist, die Dinge zu sehen.

 

 

DEADLINE:

Du hast von der Flucht in die größere Katastrophe gesprochen. Worin liegt die für dich in dem Film?

 

 

Klaus Lemke:

Also Tini, diese kleine Schlampe aus Hamburg, ist ein Mädchen, das so ein bisschen auf Model macht, aber alles bei ihr ist Fake. Man würde 100-prozentig sagen, dass die es nicht schafft, dass die gar nichts schafft. Aber sie macht trotzdem weiter. Sie ist in ihrem Umgang mit der Welt einfach kreativ, obwohl sie keine Begabung hat … Also man sagt mir ja oft: Lemke, Sie haben ja Leute … – Ich finde, die Frauen, die ich zeige, sind schwer missbrauchsanfällig. Aber ich sage mir immer, besser eine Frau ist missbrauchsanfällig, als dass sie für überhaupt nichts zu gebrauchen ist! Das gibt dir jetzt ein paar gute Worte …

 

 

DEADLINE:

Super!

 

 

Klaus Lemke:

Das ist ‘ne gute Überschrift: Lieber missbrauchsanfällig als für überhaupt nichts zu gebrauchen. Aber das ist die Wahrheit. Wir werden alle zu Industrieschrott im Laufe der Zeit, das kann man auch nicht ändern, aber man muss sich da nur ein bisschen dagegen wehren.

 

 

DEADLINE:

Super! Woher kriegst du diese Frauen eigentlich immer für deine Filme? Saralisa hat ja, glaub ich, bei H&M gearbeitet.

 

 

Klaus Lemke:

Ja, die war dort Verkäuferin. Und Tini hat in einem Musikstudio als Sekretärin gearbeitet. Aber jetzt ganz ehrlich: Es geht nicht um das Aussehen! Das klingt jetzt absurd, deshalb erzähl ich es lieber andersrum: Thomas Kretschmann, mit dem ich DIE RATTE, ein schlechtes Remake von ROCKER, gedreht hab, ist mit dem Film nach Amerika gegangen. Eines Tages ruft er mich an und sagt: „Lemke, pass auf, das ist totaler Wahnsinn – Polanski hat eben angerufen, und ich nur: Soll ich dir Bilder nach Paris schicken, und er hat gesagt, ich soll auf einem Tape irgendwas aus der Zeitung vorlesen und er würde sich alleine aufgrund der Stimme entscheiden, welches Bild das in ihm macht.“ Tatsächlich ist das aber die älteste Art, Leute zu besetzen. Orson Welles hat schon mal gesagt, wenn etwas gut klingt, dann sieht es auch gut aus. Und das ist die ganze Wahrheit. Film ist lediglich, wie deNiro in CASINO den Spießer spielt, der keiner sein will. Und das ist alles in der Stimme. Wir sehen alle mehr oder weniger gleich aus – was uns unterscheidet, ist der Subtext, den unsere Sprache dem anderen vermittelt, ohne dass der etwas dagegen machen kann, und bei Film geht es nur darum. Du findest, ein Mädchen sieht ganz geil aus, mit riesig dicken Möpsen – ja, wenn sie nur die Stimme wie die Möpse hat! Die Bilder sind nur die schönen Lügen, die wir uns vormachen. Der Subtext durch die Stimme – das ist amerikanischer Film. Es zählt nur das und nicht, wie man aussieht.

 

 

DEADLINE:

Da ist es aber interessant, dass du eigentlich nur mit sehr jungen Menschen arbeitest, bei denen ist die Stimme …

 

 

Klaus Lemke:

… noch gar nicht trainiert. Ganz genau! In 3 KREUZE… verrät der Teenager so viel mehr über den Zustand, in dem er ist, in dem, was er nicht sagt, oder indem er es falsch sagt, aber das ist alles vollkommen live. Deswegen mache ich Filme meistens mit Leuten unter 27, weil da die Gegensätze noch unvermittelt aufeinanderprallen. Aber ich kann und will mir auch gar keine anderen leisten. Niemand über 27 will mit mir so einen Unsinn machen, das geht nur mit jungen Leuten.

Klaus Lemke Special




WEITER

DEADLINE:

Um noch mal auf die Handlung in 3 KREUZE zurückzukommen: Wir haben gesagt, im Vorspann beginnt es mit Fuerteventura, dann geht’s aber zurück nach Hamburg …

 

 

Klaus Lemke:

Genau, Fuerteventura vermischt sich mit Deutschland, so als würde jemand träumen – und dann auf einmal wird es ganz konkret: ein Junge, der eine Zigarette rauchen will und sich die auf der Straße schnorrt – das akzeptiert man. Die haben vorher Party gemacht, da blieb nichts übrig, dann kann er seinen Fahrer nicht bezahlen, das Benzin geht auch aus, also geht er eine Zigarette schnorren.

 

 

DEADLINE:

Waren das echte Passanten?

 

 

Klaus Lemke:

Ja, das waren alles echte, bis auf Tini. Aber in dem Moment, wo man sie zum ersten Mal sieht, denkt man, sie wäre auch nur irgendein Mädchen. Erst als er dann eine Zigarette kriegt, steht sie wieder vor ihm und sagt: „Fass mich nie wieder an!“ Und plötzlich – oh Gott, oh Gott – ist da was! Schon geht der Film los!

 

 

DEADLINE:

Was auch immer schön ist an deinen Filmen: Alles ist möglich. Ich meine, der Teenager fährt nach Fuerteventura, obwohl er eigentlich gar kein Geld hat, er findet Tini dort, obwohl er nur ahnen kann, wo sie ist.

 

 

Klaus Lemke:

Das ist so, weil ich es selbst ja auch nicht weiß. Ich wusste nicht, dass wir nach Fuerteventura fliegen. Überhaupt nicht. Das geht alles von einem Tag auf den anderen. Diese Überraschung, dass ich dir etwas mitteilen kann, was du nicht ahnen kannst und dennoch zwingend findest – das macht den Reiz dieser Filme aus, die nichts kosten, aber irgendwas erfüllen, was andere Leute mit Millionen bezahlen müssen.

 

 

DEADLINE:

Also hattet ihr auch nicht mal dieses Haus in Fuerteventura?

 

 

Klaus Lemke:

Nein. Gar nichts. Wir kamen einfach da hin, und das war einfach das billigste Haus, im Monat für 400 Euro, was ja gar nichts ist, und da haben wir dann auch gewohnt.

 

 

DEADLINE:

Und wie war das dann mit dem tollen grünen Haus von Franz?

 

 

Klaus Lemke:

Davon haben wir nicht mal im Entferntesten was gewusst. Aber wir haben das gesehen und gesagt, dass der Franz dort wohnen muss. Das Haus hat also die Story gemacht.

 

 

DEADLINE:

Und am Schluss machst du ja etwas, was ich eigentlich gar nicht mag, mit diesen Texteinblendungen, die die Geschichten quasi zu Ende erzählen.

 

 

Klaus Lemke:

Ich mag das auch nicht, aber es wirkt sehr stark. Das Wort „Kerker“ macht es so glaubhaft, aber es gibt gar keinen Kerker in Spanien. Aber das macht nichts. Wie dieses Flugzeug in die Ewigkeit fliegt, in die Unschärfe … da ist man bereit, die Texte zu lesen, und zwar oben! Für gewöhnlich sind die Texte immer unten. Hier guckt man hoch, in den Himmel, und ist vielleicht für eine Sekunde glücklich.

 

 

DEADLINE:

Was ich mir allerdings nicht erwartet habe, ist, dass manche Szenen diesmal doch sehr kurz geraten sind. Besonders die knackigen Dialoge waren mir aus anderen Filmen länger in Erinnerung. War das diesmal Absicht?

 

 

Klaus Lemke:

Bei SCHMUTZIGER SÜDEN sind sie noch kürzer … Mein neuestes Ding – alles von den Amerikanern – ist, womit wir das Gespräch begonnen haben: Ich denke, dass man ein bisschen schneller erzählen muss, als die Zuschauer das überhaupt verstehen. So wie das Leben auch immer schneller ist. Wir hecheln unserer eigenen Dramaturgie hinterher. Ich will, dass die Leute das subjektiv miterleben und nicht von oben runterschauen – und das geht nur so, indem man nichts erklärt.

 

 

DEADLINE:

Wird BERLIN FÜR HELDEN auf der Berlinale laufen?

 

 

Klaus Lemke:

In Berlin bin ich seit sieben Jahren immer auf das Schönste abgelehnt worden. Das hat mir wirklich fabelhaft geholfen, denn nichts ist schöner, als wenn man sagen kann: Hey, ich wurde jetzt sieben Jahre lang abgelehnt, aber in Wien finden die mich riesig! Bombe! Alles ausverkauft. Die Leute kriegen hier gar nicht genug.

 

 

DEADLINE:

Das liegt aber vielleicht auch daran, dass man hier deine Filme jahrelang nicht sehen konnte, während in Deutschland ja doch immer mal wieder was von dir läuft.

 

 

Klaus Lemke:

Ja, das stimmt. Ich glaube, meine Filme werden deshalb in Berlin nicht genommen, weil sie diesen ganzen 5-Millionen-Dollar-Blödsinn dort schrecklich alt aussehen lassen. Das kann ein Festival nicht machen. Aber diesmal müssen sie, weil die Presse, die Reklame – auch die konservative Presse wie TAZ oder FAZ –, die haben die Fresse voll, immer zu schreiben, dieses und jenes wär gut und so – das deutsche Kino ist scheiße, nur traut sich das niemand zu sagen, weil die ganze Mannschaft mit jährlich 600 Millionen eingekauft ist. Wir sind ein reiches Land – das ist nicht weiter schlimm –, aber es ist wirklich peinlich, dass wir weltweit die Top-Langweiler sind, die es gibt. Das sind 50-, 60-Jährige, die einer Erzählkultur nachhängen, die schon vor 100 Jahren vorbei war. Soll so sein, ich hab da auch gar nichts dagegen, trotzdem finde ich das gespenstisch. Wir machen die schönsten Autos – ich freue mich jeden Tag, wenn ich die Audis und BMWs sehe – und haben im Durchschnitt die schönsten Mädchen weltweit – wer das bestreitet, hat auch keine Ahnung –, und wir machen Filme wie Grabsteine!

 

 

DEADLINE:

Zumindest einem Anfangsweggefährten von dir, Rudolf Thome, geht’s in seinen Filmen auch um Autos und Mädchen.

 

 

Klaus Lemke:

Genau damit haben wir angefangen. Während alle anderen Literatur verfilmt haben oder diese Dissidentenfilme aus dem Osten, pseudokommunistischen Unsinn aus der Tschechoslowakei und aus Polen … die Oberhausener haben immer versucht, so was zu machen, aber sie waren politisch nie so gut, dass sie auch akzeptiert wurden. Und dann hat Kluge, der ein Genie ist, gemerkt, dass niemand die Filme sehen wollte, und so wie Kluge ist, musste das Publikum dafür bestraft werden. Er ist also mit seiner süßen Schwester zu Höcherl gegangen und hat ihn überzeugt, dass man das Kulturgut Film mit Millionen subventionieren muss. Von dem Geld haben die sich alle ein Haus in der Toskana gekauft und leben dort glücklich bis heute – und das sollen sie auch. Ich will aber weder ein Haus in der Toskana, noch will ich einen Audi – wenn man mal hundert Jahre alt ist, braucht man das alles nicht mehr –, und ich hab das ja alles gehabt.

 

 

DEADLINE:

Genau – gerade in deinen ersten Filmen 48 STUNDEN BIS ACAPULCO und vor allem in NEGRESCO gibt’s eine unübersehbare Tendenz zum Glamour.

 

 

Klaus Lemke:

Ja – das hab ich komplett bis zum Ende durchgezogen. Ich war befreundet mit Ira von Fürstenberg, und wenn ich in London einen Kaffee trinken wollte, dann haben wir ein Flugzeug bestellt, und das stand dort am Flughafen bereit. Und wenn gerade der Staatspräsident, Segni war das, glaub ich, dort landete, dann hat man sich die Hand gegeben. Und im „Dorchester“ in London hatte man eine Suite, die nur für die Familie da war. Die Fürstenberg ist eine Agnelli – und mehr kann man auf der Welt nicht sein. Das hab ich so lange gemacht, bis Andy Warhol zu seiner ersten Ausstellung nach Europa kam, wo ich neben ihm saß, und hab von ihm für nichts ein paar Bilder gekauft, die ich zum Glück später wieder verkauft habe. Und irgendwann habe ich mich zu Tode gelangweilt. Man müsste mich eigentlich beneiden, dass ich so in die Society reingekommen bin, mit nur zwei Filmen, aber die Filme wurden immer schlechter. Und als ich das merkte, habe ich aufgehört, alles verloren und mich dann in Hamburg völlig auf diese Rocker eingelassen, die ja wirkliche Kriminelle sind.

Lemke Special

DEADLINE:

Du hast davor aber auch noch BRANDSTIFTER gemacht.

 

 

Klaus Lemke:

Ich weiß, dass der einen ziemlich guten Ruf hat, aber ich kann den Film überhaupt nicht ausstehen, weil … der ist zu nett!

 

 

DEADLINE:

Du wirst wahrscheinlich auch immer darauf angesprochen, wegen Baader und so.

 

 

Klaus Lemke:

Ja, aber ich fühle mich dann immer ganz doof. Es stimmt schon: Das ist der einzige authentische Film zu Baader-Meinhof, gedreht zu einem Zeitpunkt, wo die im Knast saßen und der Prozess bevorstand. Dagegen gibt’s nichts zu sagen. Damals konnte man nicht mehr wissen, als ich wusste: Ich habe mit denen zusammengelebt. Keiner von denen hat sich jemals für Marx oder Marcuse interessiert, das waren nur Spielereien, um die Presse ein bisschen verrückt zu machen. Und ich hab ein authentisches Ding über die Stimmung damals gemacht. Aber wie gesagt, ich mag den nicht. Sag, welche Filme von mir kennst du noch nicht? Kennst du FINALE?

 

 

DEADLINE:

Ja.

 

 

Klaus Lemke:

Gut, das ist wichtig!

 

 

DEADLINE:

Ich hab zuletzt SYLVIE und PAUL von dir gesehen.

 

 

Klaus Lemke:

PAUL ist die absolute Nummer 1. Das ist nie wieder eingeholt worden, auch vom amerikanischen Kino nicht! Da waren wir allerdings komplett besoffen. Da spielt wirklich keine Rücksicht mehr rein – von wegen, wir müssen was machen, was die Leute verstehen, sondern das war nur so – wir waren Paul! Unglaublich gut!

 

 

DEADLINE:

Gehören SYLVIE und PAUL irgendwie zusammen?

 

 

Klaus Lemke:

Ich hab innerhalb von drei Jahren in Hamburg gedreht – erst ROCKER, dann SYLVIE –, zum Teil in New York – und dann PAUL. Aber weißt du, ich hab was dabei, kennst du DREIZEHN? Das ist eine Compilation von 13 meiner 42 Filme, und da kannst du sehr viel sehen.

 

 

DEADLINE:

Das lief doch letztes Jahr hier! Dann kenn ich das schon.

 

 

Klaus Lemke:

Die mag ich wahnsinnig gerne, weil die einen wirklich guten Eindruck gibt über das, was es als Ganzes ist.

 

 

DEADLINE:

Jetzt hab ich noch ein ganz anderes Thema da stehen, über das ich in bisherigen Interviews von dir nicht wirklich schlau geworden bin: Musik. Wie wählst du das aus? Wenn ich mich konkret auf DANCING WITH DEVILS beziehe, wo Janis Joplins „Me and Bobby McGee“ am Anfang läuft. Der steht ja auch programmatisch für das, was im Film passiert.

 

 

Klaus Lemke:

Das ist einfach einer meiner Lieblingssongs. So wie „It’s all over now, baby blue“ bei ROCKER. Ich sag aber keinesfalls: Dazu mach ich jetzt einen Film. Das wäre ja sträflich. Ein paar Stücke von den STONES sitzen einfach 100 Prozent bei mir in der DNA – heute sind es auch noch andere Sachen, aber die waren einfach meine Jugend. Plötzlich macht man automatisch diese Musik dazu, und während des Schnitts merkt man plötzlich: Das ist ja irre, das ist es! Aber Musik im Film ist ein wichtiges Kapitel – darüber redet nur niemand, weil die Leute es nicht formulieren können. Und das ist auch sehr schwer. Weil, angenommen, man legt in einer Szene über Freiheit ein Stück über Freiheit, dann kannst du den Film vergessen. Man muss etwas machen, was nicht zur Szene passt. Aber im Laufe der Zeit müssen die trotzdem heiraten, und dann stimmt es plötzlich.

 

 

DEADLINE:

Wie lange brauchst du eigentlich für den Schnitt?

 

 

Klaus Lemke:

Ganz kurz.

 

 

DEADLINE:

Machst du das alleine am PC?

 

 

Klaus Lemke:

Nein, das mache ich mit einem wirklich jugendlichen Genie. Ein 20-Jähriger, Florian Kohlert. Heute ist es so: Du kannst Bilder machen wie du willst, aber wenn der Ton nicht gut ist, dann kannst du das nie verkaufen. Und damit der Ton gut wird, braucht man beste professionelle Voraussetzungen, gerade bei so einem kleinen Film.

 

 

DEADLINE:

Aber beim Dreh machst du den Ton selbst?

 

 

Klaus Lemke:

Ja, ich tu denen meistens Mikros rein. Ich weiß ganz genau … Vergiss nicht – die Hälfte der Sachen klappt ja nicht! Wir reden hier nur, es klappt, es klappt. Aber es klappt ja meistens nicht. Ich werfe jeden zweiten Film weg, und das obwohl ich keine Kohle hab! Vor BERLIN FÜR HELDEN hab ich gerade KEIN GROSSES DING in Hamburg gemacht. So dämlich, wie nur ich bin – üblicherweise merke ich nach 2-3 Wochen, wenn es nicht klappt, dann hab ich halt nur 15.000 Euro ausgegeben –, diesmal aber hab ich es erst gemerkt, als der Schnitt fertig war. Und da waren 70.000 Euro weg! Na, ich sag’s dir!

 

 

DEADLINE:

Wie kommst du eigentlich zu dem Geld?

 

 

Klaus Lemke:

Ich verkaufe die Rechte meiner Filme zum Schleuderpreis. Und ich schneide für andere Leute Werbung. Also mein Cutter ist das technische Genie, aber ich weiß genau, wie es aussehen muss. Und das wird sehr hoch bezahlt. Da krieg ich am Tag das, womit ich 14 Tage drehen kann. Aber natürlich nicht jeden Tag! Ich wär’ doch froh, wenn jetzt jemand anruft und sagt, Herr Lemke, machen Sie Werbung für uns! Ich erzähle das hier so genial, da muss man sich doch denken, der hat ein tolles Leben … das krieg ich einmal im Jahr!

 

 

DEADLINE:

Und deine Mitarbeiter kriegen nur 50 Euro am Tag!

 

 

Klaus Lemke:

Und 100 Euro pro Tag, wenn ich den Film verkaufe. Das macht immer eine Summe von 40.000 Euro aus. 40.000 Euro kostet der Film. Und etwa 30.000 Euro die Postproduktion. Also in Summe etwa 110.000 – und ich krieg vom Fernsehen dafür und will auch nicht mehr – trotz der fabelhaften Einschaltquoten – 130.000 Euro. Denn wenn ich mehr bekäme, müsste ich meinen Leuten auch mehr geben. Und bei mir weiß jeder, dass man nichts verdient. Da fällt schon mal die Hälfte aller Gespräche weg, die beim Film üblich sind. Und da es kein Catering gibt, haben die Leute auch keinen Grund, dauernd vollgefressen Scheiße zu reden.

 

 

DEADLINE:

Weil sie bei dir ohnehin nichts essen dürfen.

 

 

Klaus Lemke:

Genau, weil ich es nicht bezahlen kann. Wenn fünf Leute Cappuccino trinken gehen, sind das 25 Euro!

 

 

DEADLINE:

Und es ist tatsächlich so, dass die den 50er am Ende des Drehtags von dir gesteckt bekommen?

 

 

Klaus Lemke:

Ja, ich habe auch nur 50-Euro-Scheine.

 

 

DEADLINE:

Also das Paket mit den 50er-Scheinen im Film …

 

 

Klaus Lemke:

… ist das, womit der ganze Film gedreht wurde. Auch in DANCING WITH DEVILS gibt’s ein Geldpaket mit nur 50-Euro-Scheinen. Da sind es aber nur ganz wenige, weil wir schon am Ende des Films waren.

 

 

DEADLINE:

Als Österreicher muss ich die Frage natürlich stellen – gerade weil wir gestern auch Zeuge einer Liebeserklärung der VIENNALE an dich wurden: Würdest du hier in Wien auch drehen wollen?

 

 

Klaus Lemke:

Sofort! Ich finde, ich könnte hier einen Bomben-Film drehen. Und es wird wahrscheinlich auch klappen, weil der Bayerische Rundfunk das, was ich in München gemacht habe, DIE LEOPOLDSTRASSE KILLS ME, möglicherweise in Wien wiederholen will.

 

 

DEADLINE:

Und wie geht’s dir mit der Sprache und dem Dialekt hier?

 

 

Klaus Lemke:

Das Beste überhaupt!

 

 

DEADLINE:

Ich muss meine letzten Minuten jetzt noch ausnützen: Mein erster Klaus-Lemke-Film, bei dem ich so richtig weggeblasen war, ist AMORE.

 

 

Klaus Lemke:

Ja. Bombe! Boah, der ist super! Ein Geschenk Münchens an mich. Wie ROCKER für Hamburg oder BERLIN FÜR HELDEN für Berlin. Das ist München auf eine Art, die man nicht in Worte fassen kann, der Rhythmus, die Leute … Gänsehaut. Ich kann es nicht glauben. Den hab ich zu den Höhepunkten meiner Drogen- und Rauschgiftzeit gedreht. Und deswegen klappt das auch. Weil München dann in einen reinflutschen kann und ich nicht so viel nachdenke. Ich kann weder das Oktoberfest ausstehen, noch weiß ich, was ich mit der Großmarkthalle zu tun haben soll. Null.

 

 

DEADLINE:

Und Cleo Kretschmer.

 

 

Klaus Lemke:

Ja, natürlich. Es ist auch sie. Diese kleine Schlampe, ein echter „character“.

 

 

DEADLINE:

Und heute leider komplett …

 

 

Klaus Lemke:

Am Sonntag war ein Interview mit ihr im Bayerischen Rundfunk, sie spielt jetzt in einem Film mit …

 

 

DEADLINE:

„Eine ganz heiße Nummer“ – wirklich miserabelst!

 

 

Klaus Lemke:

Das ist halt so ein Ding, weißt du. Man sagt ja immer, man kann Models die Schönheit wegfotografieren. Und ich hab ihr nach sieben Rollen einfach auch irgendwas geklaut. Das hat sie immer heimlich gefühlt und sich dagegen gewehrt, schon während des Drehs. Das war das Beste, was sie machen konnte – auch für mich. Cleo hat sich immer heimlich, ohne es zu wissen, gewehrt, dass ich sie letztendlich auslutsche.

 

 

DEADLINE:

Aber ihr habt über einen irrsinnig langen Zeitraum miteinander gearbeitet.

 

 

Klaus Lemke:

Ja, und wir haben davon wohl beide profitiert, aber wenn das mal zu Ende ist, dann ist das furchtbar. Wie beim Drogenentzug. Aber ich meine, wie schon gesagt: Man kann sich nur von einer Katastrophe in die nächst größere … wenn ich jetzt darüber nachdenke, drehe ich keine Filme mehr. Danach kam Saralisa …

 

 

DEADLINE:

Die ist aber wieder im Berlin-Film dabei.

 

 

Klaus Lemke:

Ja, das ist ihr Film. Eine Liebesgeschichte. Den Trailer gibt es schon auf YouTube. Dort ist allerdings nicht der schmutzige Punkt drin, das ist ein kommerzieller Trailer. Es gibt im Film einen Punkt, der ihn extrem umstritten machen wird – und wenn das passiert, wird’s auch ein Welterfolg! Da ist was drin … nicht Nacktheit, das interessiert keinen mehr … sondern ein Ding mehr … das packt dich, und du weißt nicht, was du gerade siehst.

 

 

Interview geführt von Florian Widegger