20/01/2020

IM GESPRÄCH MIT MILLE VON KREATOR

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Vor 35 Jahren erschien mit ENDLESS PAIN das Debütalbum von KREATOR. Heute sind die Essener eine der wichtigsten (Thrash-)Metal-Bands der Welt. Ihr großartiges 2017er-Album GODS OF VIOLENCE besetzte Platz 1 der deutschen Albumcharts, die anschließende Welttournee war die erfolgreichste der Bandgeschichte. Nach 150 Konzerten fand sie ihren krönenden Abschluss im ehrwürdigen Londoner Roundhouse, das bereits PINK FLOYD, LED ZEPPELIN, THE DOORS, THE ROLLING STONES oder DAVID BOWIE beehrten. Folgerichtig konservieren KREATOR diesen Abend mit der Live-CD bzw. Live-DVD/Blu-ray LONDON APOCALYPTICON – LIVE AT THE ROUNDHOUSE (VÖ: 14.02.2020). Und weil Bandgründer, Sänger und Gitarrist Miland „Mille“ Petrozza ausgewiesener (Horror-)Filmexperte ist, bitten wir ihn folgerichtig zum Interview.

 

DEADLINE: Mille, KREATOR dürfte die Band sein, die ich am öftesten live gesehen habe. Allein zum letzten Album dreimal.

 

MILLE: Das klingt cool! Ich hoffe, dir gefällt es immer noch.

 

DEADLINE: Absolut! Dass ich euch so oft gesehen habe, ist auch kein Wunder, ihr spielt unheimlich viel live – im April seid ihr ja auch wieder auf Tour durch Deutschland.

 

MILLE: 2019 hatten wir eine Livepause, bis auf zwei Auftritte in Chile. Wir werden 2020 exklusiv diese Tour in Europa spielen und keine Festivals. Man sieht uns also in nächster Zeit nicht so oft live, weil wir auch am neuen Album arbeiten. Das soll Sommer 2021 kommen.

 

DEADLINE: Das nenne ich mal einen groß angelegten Zeitplan!

 

MILLE: KREATOR hat für mich eine große Relevanz. Ich möchte nicht irgendwas rausbringen, nur weil wir zwei oder drei Jahre kein Album rausgebracht haben. Ich muss etwas zu sagen haben! Die Musik, die wir rausbringen, muss erst mal meinen Qualitätscheck und den der Band bestehen. An sich habe ich das Album auch schon fertig geschrieben! Aber ich warte auf noch bessere Songs.

 

DEADLINE: Jetzt veröffentlicht ihr ja eure neue Live-CD. Ist die als Statement gedacht: „Dafür stehen wir live!“, oder fungiert sie eher als Lückenfüller bis zum nächsten Studioalbum?

 

MILLE: Na ja, da hast du eigentlich schon recht … Von KREATOR gibt es schon sehr viele Live-Veröffentlichungen … Aber es ist schon gut, wenn man zwischendrin ein Lebenszeichen von sich gibt. Dafür sind Live-Alben ganz gut, weil die Leute sehen können, wie sich die Songs mit der Zeit entwickelt haben. Wir haben LONDON APOCALYPTICON auf dem letzten Konzert der Tour zu GODS OF VIOLENCE aufgenommen. Dementsprechend klingen die Songs anders und ausgereifter als auf dem Album.

 

DEADLINE: Was mir an LONDON APOCALYPTICON sofort aufgefallen ist: Das Ding hat einen unfassbar massiven Sound, vor allem, was das Schlagzeug angeht!

 

MILLE: Wir haben nichts nachträglich neu eingespielt, wie man es Bands oft nachsagt, aber natürlich im Mix nachbearbeitet. Wobei du bei Ventor gar nicht viel nachschönen musst, er haut rein wie ein Berserker! Alles, was du auf dieser CD hörst, ist also wirklich live.

 

DEADLINE: Habt ihr euch für die Live-DVD-Variante ein besonderes stilistisches Konzept überlegt?

 

MILLE: In erster Linie war uns wichtig, dass die Fans wissen, was sie erwartet, wenn sie uns live sehen. Wir arbeiten mittlerweile mit vielen Showeffekten wie Pyros und LED-Wänden. Wir machen aus einer KREATOR-Show ein Multimedia-Happening. Die Leute sollen wissen, dass bei uns nicht einfach nur eine Metalband auf der Bühne steht, sondern dass wir Unterhaltung bieten, die passend zu den Texten passiert. Wir sind anders als die anderen Metalbands! Und das kommt bei der DVD gut rüber.

 

DEADLINE: Eure aktuelle Show ist nicht nur anders als die anderer Metalbands – sie ist auch aufwendiger, als man es bei euch bisher erlebt hat! War mit ein Grund dafür, dass ihr mit GODS OF VIOLENCE ein Nummer-1-Album im Rücken hattet?

 

MILLE: Ich bin der Meinung: Wenn du von großen Festivals wie Summer Breeze oder Wacken als Headliner eingeladen wirst, hast du auch die Verantwortung, den Fans etwas zu bieten. Da sollen alle Spaß haben und was fürs Auge geboten kriegen, auch die, die weit hinten stehen und einfach nur schauen wollen. Und wir sind in der privilegierten Lage, unsere Vorstellungen umsetzen zu können. Ob das jetzt mit Platz 1 zusammenhängt …? In unseren Köpfen hat es schon immer so aussehen sollen, wie es jetzt aussieht. Heute ist das Budget ein anderes, ja. Aber wir haben auch schon in den 1990ern versucht, mit den damaligen Mitteln theatralisch ausgefeilte Shows zu bieten. Ein Metalkonzert soll ein richtiges Erlebnis sein!

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DEADLINE. Was ich an eurer 2013-Live-DVD DYING ALIVE so stark fand: Ihr habt Kameras mitten im Publikum positioniert. Das Gefühl, das ich habe, wenn ich bei euch im Moshpit bin, transportiert ihr so super ins heimische Wohnzimmer. Sind solche Elemente jetzt auch wieder mit drin?

 

MILLE: Wir haben diesmal anders gearbeitet. Bei der London-Show liegt der Fokus auf den visuellen Geschichten und der Atmosphäre.

 

DEADLINE: Abgesehen vom Intro und den vier Songs von GODS OF VIOLENCE: Alle anderen Titel von LONDON APOCALYPTICON stehen schon auf DYING ALIVE …

 

MILLE: Deshalb bringen wir eine Earbook-Edition heraus mit zwei weiteren kompletten Konzerten. Eines ist in Chile aufgenommen, das andere beim Festival Masters of Rock in Tschechien. Da bekommst du noch mal ganz andere Songs, auch obskure Sachen! Aber ich gebe zu: Um die Dramaturgie eines Konzerts interessant zu gestalten, musst du die Hits spielen, und die wiederholen sich immer … Da hat man echt ein Problem! Auf der anderen Seite sind Live-Alben ein Angebot an Fans, die ein Souvenir von der Tour haben wollen. Ich bin selbst ein Nerd und kaufe mir Live-Alben, weil ich wissen will, wie der Song, den ich schon in 15 Versionen gehört habe, jetzt klingt. Aber ich sage offen: Es ist ein zweischneidiges Schwert.

 

DEADLINE: Ich kann euer Problem gut nachempfinden … Wenn du jetzt sagen würdest: Matthias, hier ist unsere Setlist, welche Songs würdest du streichen? – ich könnte euch gar nicht helfen, weil ich der Erste wäre, der euch ins Kreuz springt, wenn „Pleasure to Kill“ fehlt.

 

MILLE: Richtig. Und wenn du unbekanntere Songs spielst, merkst du, dass die Stimmung abfällt. Wir haben mit der Band schon drüber gesprochen, ob wir mal eine Tour machen, wo wir nur Songs bis 1992 spielen. Bei IRON MAIDEN passt das! Aber ich lebe viel zu sehr in der Gegenwart, als dass ich so was machen würde.

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DEADLINE: Wie schaffst du es dann, dass dir eine Tour mit 150 Konzerten nicht langweilig wird?

 

MILLE: Auch wenn du jeden Abend dieselben Songs spielst, ist trotzdem jeder Abend anders! Was ein Konzert interessant macht, sind die Performance der Songs und die Reaktion des Publikums. Stell dir das wie ein Theaterstück vor: Auch da ist jede Aufführung anders, obwohl du im Prinzip immer dasselbe machst. Wir sind keine Jam-Band, die auf Zuruf Songs spielen kann, einfach weil unsere Stücke mit Effekten und so weiter verbunden sind. Aber es gibt andere Dinge, die die Energie hochhalten. Zum Beispiel das Publikum, das jeden Abend an anderen Stellen anders reagiert und einen immer wieder überrascht. Ich sehe das auf einer spirituellen Ebene: Du gehst in einen Raum, du gibst ein Konzert für Leute, die kommen, um dich zu sehen, und du musst es schaffen, diesen Raum mit Energie zu füllen! Das ist mein Anspruch an mich selbst. Das klappt auch nicht jeden Abend gleich gut. Aber selbst bei den eher routinierten Konzerten kommen hinterher Leute zu dir, die dir sagen: „So gut hab ich euch noch nie gesehen!“

 

DEADLINE: Ihr füllt die Räume mit Energie dank eurer Musik, aber natürlich auch dank deiner legendären Ansagen. Ein KREATOR-Konzert ohne deinen Aufruf, dass wir uns alle gegenseitig umbringen sollen, ist unvorstellbar …

 

MILLE: Hahaha!

 

DEADLINE: Inwieweit machen dir diese Ansagen noch Spaß, und inwieweit denkst du dir: Jetzt erzähl ich schon wieder denselben Käse?

 

MILLE: Ich sehe das mit Humor und als Unterhaltung. Ich weiß natürlich, dass das polarisiert: Viele Leute freuen sich, und viele sagen: Was soll das denn jetzt, spiel lieber den nächsten Song!

 

DEADLINE: LONDON APOCALYPTICON ist aufgenommen worden auf dem „European Apocalypse“-Teil der Tour. Das Geile daran war das Package bestehend aus euch, DIMMU BORGIR, HATEBREED und BLOODBATH! Wie kam das zustande?

 

MILLE: Nach langer Vorbereitungszeit, weil du die Termine aufeinander abstimmen musst. Das war aber recht einfach, weil wir uns schon lange kennen und schätzen. Wir sind schon lange befreundet. Womit ich mich nicht beschäftige, sind die Dinge im Hintergrund: Wer braucht wie viel Geld und welche Effekte? Ich freu mich dann einfach, wenn solche Dinge stattfinden! Gerade aus Fansicht.

 

DEADLINE: Diese Package-Touren liegen ja im Trend – DIMMU BORGIR sind gerade wieder auf Doppel-Headliner-Tour mit AMORPHIS. Als Fan sehe ich das mit einem lachenden, aber auch mit einem weinenden Auge: Ich sehe hammergeile Bands für vergleichsweise wenig Geld. Auf der anderen Seite sind diese Tourneen total durchgetaktet. Einfach mal einen Song mehr spielen, weil man gerade beim Publikum besonders toll ankommt oder einfach Bock drauf hat, is nicht …

 

MILLE: Sehe ich genauso. Deshalb schrauben wir es auf der nächsten Tour runter. Wir nehmen mit LAMB OF GOD und POWER TRIP bewusst nur zwei Bands mit. Da werden wir alle mehr Spielraum haben und länger spielen können. Es ist so: Als Band willst du die großen Hallen spielen, weil du da die große Show auffahren kannst. Und du konkurrierst natürlich mit den Festivals: Da sehen die Leute 100 Bands für im Vergleich zu einem Einzelkonzert günstige Ticketpreise. Wobei wir eine der ersten Bands waren, die solche Package-Touren gemacht haben! Schon in den 1990ern waren wir mit DIMMU BORGIR unterwegs.

 

DEADLINE: Eine Package-Tour, die einschlagen würde: KREATOR, DESTRUCTION, SODOM, TANKARD, die sogenannten Big Teutonic Four!

 

MILLE: Hahaha! Wir versuchen die ganze Zeit, das wieder hinzubekommen. Aber wir haben terminlich Schwierigkeiten. Und es muss strategisch geplant sein, verstehst du? Es muss passen!

 

DEADLINE: Wenn ich mir heute ein KREATOR-Album kaufe oder zu einem KREATOR-Konzert gehe, weiß ich, was mich erwartet. In den 1990ern hattet ihr eine experimentelle Phase, in der ihr ganz anders geklungen habt als heute oder davor. Diese Zeit ist bei euren Fans immer noch stark umstritten. Wie bewertest du diese Phase?

 

MILLE: Ich bin ein großer Fan dieser Phase! Ich höre mir immer wieder diese Alben an. Sie waren kreativ und völlig frei. Ich bin großer Filmfan, und in den 90ern kamen die Dogma-95-Filme heraus (dänische Bewegung um Lars von Trier, die filmische Stilmittel auf das Mindeste reduzierte, indem unter anderem auf künstliches Licht und untermalende Filmmusik verzichtet wurde, Anm.). Also hab ich mit OUTCAST ein Album gemacht, auf dem kaum Soli vorkamen. Dann wollte ich ein Album komplett ohne schnelle Songs schreiben oder eines als Hommage an die Gothszene. Das waren für mich ganz wichtige Schritte in meiner künstlerischen Laufbahn! Ob das jetzt bei den Fans ankam … Ich weiß es nicht. Wir sind keine Dienstleister! Ich habe die Möglichkeit und die Gabe, mich kreativ auszudrücken. Und ich habe nur dieses eine Leben. Deshalb mache ich das so, wie mir das gefällt. Dieses Gefühl haben wir mit in die 2000er genommen, und ich finde, auf den letzten Alben haben wir einen guten Mittelweg gefunden: Wenn man richtig hinhört, hört man Einflüsse aus unseren 1990ern heraus. Dadurch, dass sie mit Thrash Metal vermischt sind, scheint es den Leuten besser zu gefallen, und wir können uns noch mehr ausleben.

 

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 Live-Clip von KREATOR – LONDON APOCALYPTICON

 




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DEADLINE: Wenn wir gerade in die Vergangenheit zurückschauen … In den 1980ern war Heavy Metal und insbesondere Thrash Metal der Inbegriff von Rebellion, Ausbruch aus dem vorgegebenen Alltag der Elterngeneration und Auffangbecken für Außenseiter. Heute verkauft ihr große Stadthallen aus und tretet auf Kreuzfahrtschiffen auf …

 

MILLE: Das mit den Kreuzfahrtschiffen finde ich ultraschwierig. Deshalb haben wir letztens beschlossen, dass wir das nicht mehr machen.

 

DEADLINE: Aus Umweltschutzgründen?

 

MILLE: Ja. Was die Umwelt angeht, ist das eine totale Sauerei. Auf der anderen Seite sind diese Kreuzfahrten immer eine riesige Party, und du kommst in direkten Kontakt mit den Fans. Das ist cool! Was Rebellion angeht: Du weißt, dass jede Subkultur irgendwann ein Level erreicht, wo das, wofür sie mal stand, in den Hintergrund gerät. Das ist Punkrock passiert, das ist Heavy Metal passiert, das ist Thrash Metal passiert. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich heute noch auf meinen Konzerten rebelliere! Wir haben uns in der Szene etabliert und heute eine ganz andere Herangehensweise. Aber ich finde: Der Spirit muss lebendig bleiben! Wenn ich heute einen Song schreibe, hätte der auch von meinem 17-jährigen Ich stammen können. Sich das innerlich zu bewahren ist schwierig.

 

 

DEADLINE: Für was steht Heavy Metal dann heute?

 

MILLE: Er steht schon immer noch für Rebellion! Schau, wir beide haben uns lange mit der Musik beschäftigt. Aber sie ist noch immer nicht normal, und sie ist noch nicht so mainstream, dass jeder Heavy Metal hört. Er hat sich einfach mehr in die Mitte der Gesellschaft geschoben: Es gibt diese Kreuzfahrten und diese Event-Metal-Geschichten. Aber es ist immer noch keine kommerzielle Musikrichtung, die man mit anderen populären Musikrichtungen vergleichen kann, die noch mal bierseliger sind. Auf der anderen Seite verstehe ich hundertprozentig, was du sagst … Man kann heute nicht pauschal beurteilen, wofür Metal steht. Das ist Auslegungssache! Wie in jeder anderen Kunstform auch gibt es Künstler, die sehen das mehr als Unterhaltung an, andere wollen das Ganze mit Spiritualität und Sinn füllen, wieder andere sind so true, dass sie sich nur innerhalb der Genregrenzen bewegen. Das hat alles seine Berechtigung. Das ist wie beim Film! Es gab den italienischen Horror, daraus ist dieses und jenes entstanden. Lucio Fulci und andere waren Visionäre, die haben sich was getraut und damit den Grundstein gelegt! Und heute sind die kommerziellsten Filme die Jump-Scare-Amigeschichten wie die ANNABELLE-Reihe! Die sind völlig langweilig, aber funktionieren gut. Aber du hast noch Filme wie DER LEUCHTTURM für ein nerdiges Publikum. Im Metal ist das ähnlich. BLACK SABBATH sind heute ein kommerzielles Event, früher waren sie eine schräge Bluesband, die so hart war, dass sie die Leute vor den Kopf gestoßen hat. Ich finde, Heavy Metal in seiner Entwicklung und seiner Kultur ist unglaublich facettenreich!

 

DEADLINE: Das Schizophrene ist ja: Als Fan möchte ich, dass meine Lieblingsband erfolgreich ist, sich auf ihre Kunst konzentrieren und große Shows auffahren kann und nicht noch nebenher kellnern muss. Auf der anderen Seite ist der Metaler schnell beleidigt, wenn das Öffentlich-Rechtliche ein Wacken-Konzert von „seiner“ Band überträgt …

 

MILLE: Das darf man nicht überbewerten. Ich hab letztens eine Studie gehört über die aktuelle Empörungskultur: Das Internet repräsentiert nur Teile der Realität. Wenn ein Wacken-Konzert von KREATOR oder sonst wem übertragen wird, tauchen im Internet zehn Kommentare von Leuten auf, die sich darüber auskotzen. Aber gleichzeitig sitzen Zehntausende vorm Bildschirm und erfreuen sich daran.

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DEADLINE: Das ist aktuell das große Thema: Social Media als Spielwiese für Hater. Sagst du da auch: „Leute, lasst die Kirche im Dorf, das sind nur einige wenige, die das Bild verzerren!“?

 

MILLE: Schwieriges Thema … Ich bin der Meinung, dass manche Dinge auch einfach ignoriert werden sollten. Keine Reaktion ist auch eine Reaktion! Wenn einer auf der KREATOR-Homepage einen negativen Kommentar hinterlässt, werde ich einen Teufel tun und darauf reagieren. Was soll man auch diskutieren? Wenn jemand ein Lied scheiße findet, dann findet er das Lied scheiße! Das ist dann auch in Ordnung. Ich persönlich sehe das so: Wenn ich nichts Gutes über etwas zu sagen habe, dann sage ich auch nichts. Meistens sind das ganz traurige Gestalten, die im Netz diesen ganzen Hass verbreiten. Früher wäre dir das gar nicht aufgefallen, weil du dich mit solchen Leuten nicht umgeben hast. Heute kriegst du das auf dein Tablet gekotzt. Zu unterschätzen ist es aber nicht, weil es oft einen Schneeballeffekt hat. Man sieht das bei den Populisten. Die haben sich Social Media zum Werkzeug gemacht.

 

DEADLINE: Das Schlagwort „Hass“ zieht sich wie ein roter Faden durch die Karriere von KREATOR, mit Songs wie „Flag of Hate“, „Hate Inside Your Head“ oder „United in Hate“. Was verbindest du ganz persönlich mit dem Begriff „Hass“?

 

MILLE: Es ist ein menschliches Gefühl, das man weder über- noch unterbewerten darf. Ich kenne Leute, die sagen: „Hass darf nicht existieren.“ Das ist totaler Quatsch! Man muss nur damit umgehen und ihn als menschliche Facette ansehen können. Es gehört zum Menschen dazu, dass er auch mal jemanden hasst und Dinge ablehnt. Das heißt aber nicht, dass man die Leute, die man verachtet, gleich umbringen muss! Man kann sich auch einfach von ihnen fernhalten. Wenn ich Nazis sehe, löst das bei mir Hass aus, aber ich gehe nicht hin und verübe ein Attentat auf sie. Aber ich weiß, dass das Gefühl echt ist.

 

DEADLINE: Apropos echtes Gefühl: Mein Lieblingssong von KREATOR ist „Amok Run“, weil euch da etwas gelungen ist, was ich vorher für unmöglich gehalten habe: musikalisch wie textlich absolut stimmig in die Psyche eines Amokläufers einzutauchen.

 

MILLE: Oh, danke! Ich habe das versucht, und manchmal gelingt so etwas und manchmal nicht. „Amok Run“ ist gelungen, das stimmt! Genau das versucht man mit allen Liedern. Deswegen dauert das auch immer so lange mit unseren Alben. Ich finde es schön, Bilder im Kopf des Zuhörers zu erzeugen, und ich freue mich, wenn du mir sagst, dass das bei „Amok Run“ gelungen ist.

 

DEADLINE: Der Song beginnt sehr ruhig, bis er auch musikalisch Amok läuft. Damit ist „Amok Run“ für mich ein absolutes Musterbeispiel, das zeigt, dass Heavy Metal weit mehr ist als Krach und Geschrei.

 

MILLE: Da gebe ich dir hundert Prozent recht; schön, dass dir das aufgefallen ist! Vielleicht sollten wir den Song wieder ins Programm nehmen, hahaha! Ich hatte den Song fast schon wieder vergessen … Das fällt mir jetzt alles wieder so auf, wie du es ansprichst …

 

DEADLINE: Na ja, Amokläufer sind auch kein vorherrschendes Thema in den Medien mehr. Aktuell geht es mehr um religiösen Terror und die Rechten, die wieder aufmarschieren.

 

MILLE: Genau. Darüber werden wir auf dem nächsten Album sicher ein paar Songs haben … Allerdings schreibe ich meine Texte sehr intuitiv. Ich mag auch diesen Begriff „politisch“ nicht, weil ich denke, das ist menschlich und nicht politisch. Man hat Gefühle, und die setzt man in der Kunst um. Ich finde, die Texte müssen möglichst allgemein gehalten sein, damit sie die menschliche Existenz besser abbilden. Wenn man sich auf einen bestimmten Zeitkontext oder eine bestimmte Gruppe von Leuten reduziert, ist das in zwei Jahren schon nicht mehr aktuell. Ich will, dass meine Songs zeitgemäß bleiben, und deshalb sind die Texte bei mir immer sehr verschieden auslegbar.

 

DEADLINE: Jetzt ist DEADLINE ja ein Magazin für (Genre-)Filme. Da interessiert mich natürlich: Was waren für dich die Highlights und die Gurken des Filmjahres 2019?

 

MILLE: ANNABELLE 3 fand ich jetzt nicht so gut … und JOKER etwas überbewertet. Highlight: eindeutig MIDSOMMAR. DER LEUCHTTURM war etwas unter den Erwartungen, aber trotzdem gut. Von den kommerzielleren Sachen fand ich STEPHEN KINGS DR. SLEEPS ERWACHEN ganz cool.

 

DEADLINE: 2019 sind ja auch zwei Spielfilme mit Heavy-Metal-Bezug rausgekommen: die finnische Komödie HEAVY TRIP um eine Garagenband, die unbedingt auf einem großen Festival auftreten will und dabei jede Menge Chos stiftet, und der völlig anders geartete LORDS OF CHAOS. Er arbeitet die Verbrechen um die norwegische Black-Metal-Band MAYHEM in den 1990ern auf. Hast du die beiden Filme gesehen, und wie findest du sie?

 

MILLE: HEAVY TRIP habe ich leider noch nicht gesehen, aber LORDS OF CHAOS fand ich ziemlich gut! Ich weiß gar nicht: Darf man den in der Heavy-Metal-Welt überhaupt gut finden, haha!?

 

DEADLINE: Das war tatsächlich in meiner Wacken-Truppe auch großes Diskussionsthema.

 

MILLE: Ich fand ihn sehr gut gemacht, und er geht sehr liebevoll mit dem Thema Heavy Metal um. Natürlich zeigt der Film auch, wie dann alles eskaliert ist, weil sich einer eviler geben wollte als der andere, bis es dann in Mord ausgeartet ist. Auch das hat der Film sehr gut dargestellt.

 

DEADLINE: Du bescheinigst dem Film also, dass er authentisch ist und die Geschehnisse von damals so einfängt, wie man sie einfangen muss?

 

MILLE: Ich kannte Euronymus (1993 ermordeter MAYHEM-Gründer und Gitarrist, bürgerlich Øystein Aarseth, Anm.) noch aus der Zeit, bevor das ganze Drama losging. Aus meiner Erfahrung mit den Leuten kann ich sagen, dass das auch mal ganz normale Metalfans waren. Was dann draus geworden ist, da hat keiner mehr so wirklich den Einblick, nicht alle Details werden heute noch so ganz nachvollziehbar sein. Wenn du mit den Protagonisten selber sprichst, wird dir der eine dieses erzählen und der andere jenes. Es ist einfach Zeitgeschichte! Die Szenen im Film, die die Metal-Partys zeigen, wie sie sich in irgendwelchen Lauben treffen und die Musik abfeiern – das war genau so! Auch dass sie immer extremer werden wollten.

 

DEADLINE: Ging dir das damals auch so, dass du extremer sein wolltest als alle anderen und noch brutaler als SLAYER?

 

MILLE: Definitiv! Deshalb sind die Alben ENDLESS PAIN und PLEASURE TO KILL entstanden. Ab unserm dritten Album TERRIBLE CERTAINTY haben wir versucht, technisch zu sein, und ab EXTREME AGGRESSION haben wir Wert gelegt auf eine gute Produktion und Sound. Diese Entwicklung kannst du in unserer Sturm-und-Drang-Phase absolut hören.

 

DEADLINE: Wobei ihr mit eurer Sturm-und-Drang-Phase im Künstlerischen geblieben seid, während MAYHEM in ganz andere Gefilde abgedriftet sind …

 

MILLE: Zum Glück, hahaha! Ich kannte aber zu der Zeit auch einige Leute, die ziemlich abgedreht sind, vor allem, wenn es um dieses Satanische ging. Da hat man experimentiert. Ich auch! Ich habe auch eine Zeit gehabt, in der ich dachte, ich müsste mich mit Satanismus auseinandersetzen. Ich war vielleicht so drei Monate Satanist und hatte sogar einen Altar zu Hause. Das war natürlich Quatsch. Ich habe das auch sehr schnell nicht mehr ernst genommen. Ich will jetzt aber auch niemandem, der sich wirklich damit beschäftigt, unterstellen, dass das nicht klappt. Ich war einfach zu jung, um die ganze Bandbreite zu begreifen. Ich will auch nicht sagen, dass in dieser Philosophie nicht so viele gute Sachen drinstecken wie in anderen Weltanschauungen auch. Aber mit 15, 16 checkt man das noch nicht.

 

DEADLINE: Man will einfach evil sein, hahaha!

MILLE: Ja, hahaha!

 

DEADLINE: Worauf ich dich im Zusammenhang mit Film natürlich auch ansprechen muss: SKY SHARKS um fliegende Nazihaie! Was kannst du uns über den Film verraten, und wie sieht deine Beteiligung daran aus?

 

MILLE: Der Film ist schon fünf Jahre in der Mache und sehr ambitioniert. Ich freue mich schon riesig auf den Tag, an dem ich endlich im Kino sitzen und ihn mir geben kann. Ich kenne kein anderes Projekt, in dem so viel Herzblut, so viel Überzeugungsarbeit und so viel Nerdtum stecken. Was ich bisher von dem Film gesehen habe, lässt mich sagen, dass er auf jeden Fall viel Spaß machen wird. Das wird im Kino eine Riesenparty! KREATOR wird am Soundtrack beteiligt sein. Ein Song vom letzten Album wurde schon ausgewählt. Ob wir noch einen ganz neuen für den Film schreiben, hängt mit davon ab, wie lange sie mit ihm noch brauchen.

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DEADLINE: Ich freu mich auf jeden Fall auf eine totale Trash-Granate! Mit auf der Besetzungsliste steht auch Oliver Kalkofe als Hermann Göring. Geniale Besetzung! Ich kann mir übrigens vorstellen, dass du großer SchleFaZ-Fan bist (Format auf Tele5, in dem Oliver Kalkofe und Peter Rütten die „Schlechtesten Filme aller Zeiten“ präsentieren und mit beißendem Humor kommentieren, Anm.) …

 

MILLE: Dank eurem Magazin weiß ich, was das ist. Ich habe aber keinen Fernseher, deshalb hab ich das noch nie gesehen.

 

DEADLINE: Dann ab in die Online-Mediathek! Ich empfehle als Einstieg JACK FROST um einen Killerschneemann … Zum Abschluss: Gibt es noch etwas, das du gerne loswerden möchtest?

 

MILLE: Danke für das Interview! Ich bin großer Fan von den Interviews in eurem Magazin, weil ich auch ein großer Fan von DEADLINE bin. Ihr müsst so weiterarbeiten, wie ihr seid, und weiterhin dafür sorgen, dass die Filmnerds mit gutem Stoff versorgt werden.

 

DEADLINE: Dieses Versprechen geben wir gerne! Dir auch vielen Dank für das Interview, und ich wünsch dir jetzt schon viel Spaß beim Lesen der nächsten DEADLINE!

 

Interview geführt von Matthias Engelhardt

 

 KREATOR-Tourdaten im deutschsprachigen Raum

3.4. Berlin

4.4. Oberhausen

5.4. Wiesbaden

7.4. Zürich

8.4. München

9.4. Ludwigsburg

11.4. Hamburg

18.4. Saarbrücken

 

KREATOR – LONDON APOCALYPTICON ist hier bestellbar: