10/11/2018

IM GESPRÄCH MIT ERIC SONNENBURG (PRODUZENT) UND AREND REMMERS (AUTOR) ÜBER SCHNEEFLÖCKCHEN

Schneeflöckchen Eric Sonnenburg - Producer_sw
Produzent Eric Sonnenburg

Nachdem SCHNEEFLÖCKCHEN bei der Screenings bei dem Fantasy Filmfest 2017 und zahlreichen weiteren internationalen Festivals mit seinem innovativen wie wilde Genre-Mix überraschen könnte, ist nun ist das ehrgeizige Do-it-yourself-Projekt  ab dem 23. November 2018 als DVD und Blu-ray erhältlich.

 

Wir haben uns mit Eric Sonnenburg (Produzent) und Arend Remmers (Autor) unterhalten.

 

DEADLINE: Gratulation zu SCHNEEFLÖCKCHEN! Euer alle Grenzen sprengender Genremix hat auf zahllosen Festivals auf der ganzen Welt enthusiastische Reaktionen eingefahren. Auch wir von der DEADLINE feiern ihn ab. Wenn man den Titel SCHNEEFLÖCKCHEN hört, denkt man allerdings an alles, nur nicht an einen solch wilden Actionfilm. Das macht Leute auch gern skeptisch, wenn sie den Titel erstmals hören. Bereut ihr ihn?

 

ERIC SONNENBURG: Nein, absolut nicht. Der Titel SCHNEEFLÖCKCHEN war früher Bestandteil des Konzepts. Schon allein, da das Drehbuch zum Film ja selbst eine zentrale Rolle im Film spielt. Aber auch, weil wir einen Film machen wollten, der unerwartet ist, aber auch die Leute unterhält. Dass der Titel daher die Erwartungshaltung bricht, gefällt uns, und für uns ist SCHNEEFLÖCKCHEN ein verrückt-modernes Märchen.

 

AREND REMMERS: Wir hatten bei dem Projekt eh nichts zu verlieren und wollten einfach alles so machen, wie wir es gut finden. Und wir finden immer noch, dass der Titel in Verbindung mit den Bildern bzw. dem Poster und dem Trailer etc. eher neugierig macht – eben weil es irgendwie absurd ist und nicht so recht zusammenpasst. Deswegen passt es eben doch, gerade weil es ein schräger Film ist, den man in keine Schublade stecken kann.

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DEADLINE: Ich gebe zu: Bei der Anfangsszene in der Dönerbude war meine erste Reaktion: „Och nö, schon wieder ein Film, der auf Tarantino/Ritchie macht. Wie ausgelutscht ist das denn?“ Wieso habt ihr euren Film auf dieses doch ausgefahrene Gleis gesetzt?

 

ERIC SONNENBURG: Vor allem diese Anfangsszene war als Intro einfach wichtig, um schnell unsere beiden Hauptfiguren Tan und Javid in ihrer etwas abgedrehten Welt kennenzulernen und auch gleich den ersten WTF-Moment zu liefern, um dem Zuschauer zu zeigen, in was für einer Art von Film wir sind. Natürlich wird der Film dadurch oft mit Tarantino verglichen. Wir können das auch nachvollziehen, weil wir selbst große Fans seiner Filme sind und diese natürlich auch Einfluss auf SCHNEEFLÖCKCHEN hatten. Aber eigentlich waren Filmemacher wie Martin Scorsese, Sergio Leone, Kevin Smith oder Charlie Kaufman viel maßgeblichere Vorbilder für SCHNEEFLÖCKCHEN.

 

AREND REMMERS: Der Döner-Dialog zu Beginn wird immer mit dem Burger-Dialog aus PULP FICTION verglichen – kann ich auch voll nachvollziehen, aber wenn man sich an GOOD FELLAS erinnert, wird man merken, dass in der Döner-Szene viel mehr Tomatensoße steckt als Burger. Insgesamt liegt der Vergleich mit Tarantino auch nur deswegen so nah, weil er oft einen Best-of-Mix seiner Vorbilder macht, so wie wir es auch bei SCHNEEFLÖCKCHEN gemacht haben. Aber in unserem Mix ist Tarantino bei genauerem Hinsehen eigentlich nur ein kleiner Teil. Charlie Kaufmann hat da wesentlich größeren Einfluss auf unsere Story gehabt (Kaufman ist Drehbuchautor und Produzent von schrägen Meisterwerken wie BEING JOHN MALKOVICH, ADAPTION, ANOMALISA und Oscar-prämiert für VERGISS MEIN NICHT – Red.). Aber Kaufmann ist eben nicht so bekannt wie Tarantino. Daher ist es auch schade, wenn immer nur Tarantino genannt wird und andere, eigentlich noch viel offensichtlichere, aber eben weniger bekannte Vorbilder unerkannt bleiben. Ich freue mich daher, wenn es Leute gibt, die auch Parallelen zu NEVER ENDING STORY, ADAPTION, SPACEBALLS oder DOGMA erkennen. Wir haben uns eben nicht nur von Tarantino oder Ritchie inspirieren lassen. Ich muss auch sagen, dass ich das Thema „dialoglastiger Genremix” keinesfalls als ausgefahrenes Gleis empfinde. Im Gegenteil. Man empfindet ein Genre in meinen Augen nur als ausgelutscht, wenn die Filme nicht gut sind. Wenn ein Film gut ist, ist es egal, wie viele es in der Art schon gab. Ich freue mich auch immer noch über einen guten Zombiefilm, und davon gibt es schon ein paar mehr als Tarantino/Ritchie-Klone. Solange es gut ist, ist es egal. Ob uns das mit SCHNEEFLÖCKCHEN gelungen ist, liegt natürlich im Auge des Betrachters. Aber wir haben auf jeden Fall versucht, etwas Eigenes daraus zu machen.

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DEADLINE: Ich habe den Film mehrfach im Kino gesehen. Es gibt diese eine Szene – ich sage nur „Schweinemaske“, mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Was ich bei mir selbst und dem restlichen Publikum beobachtet habe: Mit diesem Moment packt ihr alle. Wer bis hierher skeptisch war, ist ab jetzt gefangen. Wer bisher Spaß hatte, ist ab jetzt begeistert. Wen ihr hier allerdings nicht erwischt, der braucht auch nicht mehr weiterzuschauen. War euch das bewusst, dass ihr einen solchen Make-it-or-break-it-Moment geschaffen habt?

 

ERIC SONNENBURG: Der Film ist als Film von und mit Freunden gestartet. Unsere eigene Filmschule, bei der es darum ging, einen Film zu machen, den wir uns gerne selber anschauen würden. Ob wir das erreichen würden, stand zunächst gar nicht zur Debatte. Wir wollten uns austoben und als Filmemacher ausprobieren. Klar, dass dabei die Wahrscheinlichkeit, dass wir komplett danebengreifen, immer groß mit uns im Raum stand! Davon durften wir uns keine Angst machen lassen. Aber die Angst war bis zur Deutschlandpremiere beim Fantasy Filmfest trotzdem immer mit dabei. Uns hat der Film gefallen, aber erst mit der Menge der Festivalscreenings haben wir festgestellt, dass die Leute größtenteils auf die gleichen Momente anspringen – insbesondere auf die von dir angesprochene Szene. Uns macht es total glücklich zu sehen, dass die Leute bei unserem Film mitgehen und sich unterhalten fühlen! Auf was Besseres hätten wir gar nicht hoffen können! Aber bewusst geplant war das an der Stelle nicht. Dass das so, wie du es beschrieben hast, funktioniert, wurde erst später klar.

 

DEADLINE: Jetzt habt ihr einen Film gemacht, der völlig bewusst sämtliche Regeln des kommerziellen Filmemachens missachtet: Die Handlung lässt sich nicht in drei Sätzen zusammenfassen, ihr mixt Genres wild durcheinander, der Film ist sehr blutig, und als ob das noch nicht „schlimm“ genug wäre, habt ihr ihn auch noch in mehreren Sprachen mit Untertiteln gedreht … Seid ihr verrückt?

 

ERIC SONNENBURG: Haha, ich hoffe nicht. Das Ganze entstand sehr natürlich. Unsere Film-Family ist ein kunterbunter Haufen der Kulturen, und dadurch wird bei uns viel bilingual kommuniziert, weshalb wir das selber auch in Filmen sehr genießen. Der zweite Grund dafür ist recht banal. David Masterson, der den Bodyguard Carson spielt, kommt aus Irland und spricht selbstverständlich viel besser Englisch als Deutsch, weshalb Arend seine Rolle auch gar nicht erst anders angelegt hat, zumal dessen Film-Vater und vermeintlicher Gott von David Gant gespielt wird, der selbst aus London kommt. Die Frage der Sprache wird tatsächlich bisher nur in Deutschland angemerkt. Viele andere Nationen haben zur Bilingualität einen viel näheren Bezug bzw. haben auch keine so stark ausgeprägte Synchronisationskultur in TV und Kino wie wir hier. Leider verschenktes Potenzial, finden wir.

 

DEADLINE: Ihr geht mit der Handlung immer wieder Risiken ein. Beispiel: Ihr habt einen abgedreht-witzigen Handlungsstrang und einen todernsten. Spätestens wenn beide Stränge zusammenlaufen, besteht die Gefahr, dass euch der Film auseinanderfällt. Für mich ist das Wunder an eurem Film, dass das nicht passiert! Inwieweit war euch das bewusst?

 

ERIC SONNENBURG: In erster Linie wollten wir einen unterhaltsamen Film mit verrückten Charakteren in verrückten Situationen erzählen. Aber SCHNEEFLÖCKCHEN ist halt auch ein Film über Rache, und die gibt es bekanntlich nicht ohne eine Form von Gewalt. Bei allem irren Spaß war es uns ein Anliegen, dem Thema Rache auf eine ernste Weise gerecht zu werden. Ich denke, die Stärke des Films liegt gerade darin, dass der Film doch recht aufmerksam mit dem Thema umgeht. Dass man in einem Moment lacht und einem dieses Lachen im nächsten Moment im Hals stecken bleiben kann, war durchaus eine bewusste Tonalität. Das sind auch exakt die Momente, in denen neue Gedankengänge angestoßen werden können, wie wir finden.

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DEADLINE: Eine andere sehr riskante Szene ist, als der Im-Film-Drehbuchautor namens Arend (!) völlig geflasht von seiner eigenen Leistung ist. Was nun im Film folgt, ist genau, was er geschrieben hat. Das bedeutet: Wenn das, was jetzt folgt, nicht auch den Zuschauer flasht, kippt der Film in unfreiwillige Komik. Gratulation zu so viel Mut, der ja auch letzten Endes belohnt wurde! Ich zumindest war geflasht.

 

AREND REMMERS: Haha, ich kann nachvollziehen, warum man diese Gefahr sehen kann, aber ich denke da etwas anders. Der Autor im Film ist eine reine Fantasiefigur, und alles, was er sagt, hat mit der Realität nichts zu tun. Es ist ja nicht der echte Autor, der da den echten Film lobt. Wenn man darin Realität sieht, empfinde ich das eher als ein lustiges Missverständnis. Das war zumindest nicht meine Absicht. Dass der Autor das so im Film sagt, hat rein dramaturgische Gründe. Hört sich an wie eine Lüge, haha. Aus der Nummer komme ich wohl nicht mehr raus … Aber ich habe einen Fail-safe eingebaut: In einer Szene sagt Javid: „Wenn das (Drehbuch) verfilmt wird, wird das der beschissenste Film aller Zeiten.”

 

DEADLINE: Hahaha! Arend, euch hat niemand ins Drehbuch reingeredet. Habt ihr euch aber selbst Grenzen auferlegt? Oder hat das Budget die Grenzen vorgegeben?

 

AREND REMMERS: Im Prinzip waren die Grenzen einfach, da wir nur mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln arbeiten konnten. Alles von den Schauspielern bis zu den Locations hat den Rahmen irgendwie vorgegeben. Aber was die Handlung in diesem Rahmen angeht, haben wir einfach alles gemacht, was für uns Spaß und Sinn macht.

 

ERIC SONNENBURG: Filmemachen wird immer von Grenzen diktiert, ganz egal, wie groß oder klein das Budget ist. Mehr Geld gibt einem nur mehr Freiraum, Grenzen aufzubrechen. Aber am Ende versucht man, mit den limitierten Mitteln zu arbeiten, die man zur Verfügung hat, und versucht Wege zu finden, von seinen Schwächen und Grenzen abzulenken.

 

DEADLINE: Kommerzielle Produzenten hätten vielleicht den Hyper Electro Man rausgeschnitten. Wieso war er euch wichtig für SCHNEEFLÖCKCHEN?

 

AREND REMMERS: Wir fanden die Figur einfach megacool und hatten eine Idee, wie sie super in den Film passen kann. Ich finde, der Film wäre ohne Hyper Electro Man viel zu normal, haha. Wahrscheinlich hast du recht, und externe Produzenten hätten die oder auch andere Figuren rausgeschmissen. Es gibt auch Meinungen, wir hätten hier und da eine Idee zu viel reingepackt. Aber in der verrückten Realität des Films macht diese Figur total Sinn für uns. Und sie trägt einen wichtigen Aspekt zum Thema Rache bei. Dass der Film vor Ideen platzt, ist eben Teil des Konzepts. Man muss bedenken, dass das ja alles ein verrückter Zahnarzt geschrieben hat und kein normaler Autor, haha!

 

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Schneeflöckchen Arend Remmers - Drehbuchautor
Drehbuchautor Arend Remmers

 

ERIC SONNENBURG: Danny Boyle (Regisseur von 28 DAYS LATER, 127 HOURS, TRAINSPOTTING und Oscar-Gewinner für SLUMDOG MILLIONÄR – Red.) wurde einst bei einer Vorführung all seiner Werke gefragt, welches denn sein persönlicher Favorit sei. Darauf antwortete er, dass dieser dort eigentlich nicht zu sehen gewesen wäre, da sein Lieblingsfilm sein erster Film sei, den er mit seinen Freunden gemacht hat: keine Regeln und keine Rechtfertigung, die er irgendwem schuldig war. Im Prinzip war das für uns die Kerninspiration, SCHNEEFLÖCKCHEN zu machen! Hyper Electro Man war ursprünglich eine Idee von unserem langjährigen Freund William James, der der Editor von SCHNEEFLÖCKCHEN ist. Er wollte daraus immer selbst einen Langfilm entwickeln, bis unser Regisseur Adolfo J. Kolmerer und Arend davon Wind bekommen haben und ihm vorschlugen, den Charakter als Gastregisseur in SCHNEEFLÖCKCHEN zu inszenieren.

 

DEADLINE: Deutsche Kinogänger sind immer skeptisch, wenn ein Genrefilm aus Deutschland kommt. Welche Vorurteile habt ihr erlebt? Konntet ihr sie entkräften?

 

ERIC SONNENBURG: Das Fantasy Filmfest ist ein gutes Beispiel dafür. Uns wurde zunächst davon abgeraten, unsere Premiere dort zu feiern, weil man uns garantierte, dass wir dort als deutscher Film keinen Zuspruch finden würden. Aber wir dachten uns, wenn wir den Film selber mögen und die allgemeine Ansicht zu dem Thema auch selber teilen und verstehen, müssen auch Hardcore-Genrefans den Film mögen. Und wo können wir die besser finden als beim Fantasy Filmfest? Die Skepsis war zunächst groß, aber die positive Resonanz nach den Screenings umso größer. Das hat sich dann von Stadt zu Stadt, von Screening zu Screening übertragen und SCHNEEFLÖCKCHEN sogar zum erfolgreichsten deutschen Film der letzten 20 Jahre beim Fantasy Filmfest gemacht! Dadurch konnte SCHNEEFLÖCKCHEN überhaupt erst von einem etwas größeren Zuschauerkreis wahrgenommen werden, da wir überhaupt nicht über die finanziellen Möglichkeiten verfügten, um Marketing betreiben zu können. Daher gilt es, jede Person einzeln zu überzeugen, sich einfach auf unseren Film einzulassen und ihm eine faire Chance zu geben. Ich denke also, dass wir schon einige Skeptiker überzeugen konnten, was wir als enormen Erfolg empfinden, da wir ja selber zu diesen Skeptikern gehören. Aber wir konnten bisher noch bei Weitem nicht genug Leute mit unserem Film erreichen, um eine grundsätzliche Veränderung herbeizuführen. Das kann ein Film alleine auch gar nicht schaffen. Wenn wir nur einen ganz kleinen Teil dazu beitragen konnten, dass ein paar Genrefans in Zukunft auch deutschen Genrefilmen eine Chance geben, dann sind wir damit sehr happy.

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DEADLINE: SCHNEEFLÖCKCHEN ist also ein bewusstes Statement: Solche Filme gehen auch hier!

 

ERIC SONNENBURG: Genre ist im Prinzip mit Fritz Lang in Deutschland geboren worden, aber die deutsche Geschichte hat uns in Sachen Film als kultureller Bestandteil unserer Identität stark zurückgeworfen. Deutscher Film galt als Propaganda-Waffe, und nach Kriegsende sollte der Film „unterhalten“, aber nicht zum Nachdenken anregen. Heute versteht sich deutscher Film mehr als ein Mittel des Bildungsauftrags denn als eine Unterhaltungsindustrie und Kunstform. Filmemachen birgt ein großes finanzielles Risiko, das sich leider ohne staatliche Förderung nicht tragen lässt und damit deren Regularien unterliegt. Die sind aber allesamt nicht auf das Ziel ausgerichtet, die Zuschauer zu erreichen, zu unterhalten und ihnen einen Gegenwert zu bieten, der es für sie rechtfertigt, dafür eine Kinokarte zu kaufen. Damit produzieren wir in der Masse am Zuschauer vorbei, und ein schlechter Ruf stellt sich ein. Doch tatsächlich passiert in Deutschland gerade eine Menge, und immer mehr tolle, anspruchsvolle, aber auch unterhaltsame deutschsprachige Genrefilme und -serien entstehen, die auch Resonanz bei Publikum, Kritikern und der Filmbranche gleichermaßen finden: BABYLON BERLIN, DAS FINSTERE TAL, HINDAFING, DARK und viele mehr. Wie viel Platz gebt ihr uns, haha? Und ja: Wir wollten mit SCHNEEFLÖCKCHEN definitiv einen Film machen, von dessen Art wir uns in Deutschland viel mehr wünschen.

 

DEADLINE: Eric, du hast schon die beispiellose Erfolgsgeschichte beim Fantasy Filmfest 2017 erwähnt. Danach lief SCHNEEFLÖCKCHEN weltweit auf Festivals rauf und runter. Wie hat das Ausland reagiert? Geht man dort offener mit deutschem Genregut um?

 

ERIC SONNENBURG: Absolut! Wir stehen uns mit unserer Skepsis den heimischen Filmen gegenüber auch ein bisschen selbst im Weg. Unsere Screenings bei Festivals im Ausland waren allesamt grandios. Die Zuschauer haben uns überall gleich wohlwollend empfangen, egal ob in den USA, in Belgien, Griechenland, Schweden, Brasilien, Mexiko oder Taiwan. Die Leute lassen sich von der Geschichte mitreißen und können sich mit den Charakteren und deren Problemen identifizieren. Unsere zahlreichen Zuschauerpreise sind ein Beleg dafür.

 

DEADLINE: Stimmt, SCHNEEFLÖCKCHEN hat einen Preis nach dem anderen eingesackt. Welches Festival war für euch ganz besonders, und welcher Award bedeutet euch am meisten?

 

ERIC SONNENBURG: Wir können gar nicht sagen, dass ein Festival besser war als das andere, oder eine Auszeichnung über die andere stellen. Wir sind dankbar für jedes Festival, jedes Kino, jeden Zuschauer, die uns die Möglichkeit geben, unseren Film zu zeigen. Es ist superspannend, die Reaktionen in anderen Ländern wahrzunehmen und zu sehen, dass egal wo der Film die Mehrheit überzeugen kann. Aber es ist megawitzig zu sehen, wie andere Nationalitäten Filme anders gucken. Unser lautestes, enthusiastischstes Screening war mit weitem Abstand in Belgien beim Brussels International Fantastic Film Festival, wo der Saal getobt hat. Aber auch unser Special Screening bei der Genrenale in Berlin hat uns umgehauen. Und das Fantasy Filmfest wird uns natürlich durch die Megapremiere immer besonders in Erinnerung bleiben.

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DEADLINE: Was ist es für ein Gefühl, wenn man mit einem Film erfolgreich ist, mit dem zuvor kein Produzent und kein Studio etwas anfangen wollte?

 

ERIC SONNENBURG: Toll! SCHNEEFLÖCKCHEN hat uns viele Türen für die Zukunft geöffnet und uns motiviert, wieder in die Sattel zu steigen und nächste Filme anzuschieben. Aber an der Problematik hat sich leider nichts geändert. Filmemachen kostet extrem viel Zeit und benötigt viele talentierte Leute und Ressourcen eines kleinen Dorfes. Das kostet Geld und benötigt Zuschauer, die offen für solche Filme sind und auch gewillt sind, sich nicht durch eine schlechte Filmerfahrung (oder zwei, drei, vier, fünf oder 100) abschrecken zu lassen. Wir brauchen Zeit und Risikobereitschaft, um unsere kulturelle Filmidentität neu zu entwickeln. Das fordert sowohl die Filmemacher als auch die Zuschauer.

 

DEADLINE: Die Frage, die euch auf dem Fantasy Filmfest oft gestellt wurde: Gibt es einen regulären Kinostart? Ihr seid einen sehr ungewöhnlichen Weg gegangen: Man konnte online für bestimmte Termine in ausgewählten Kinos Tickets reservieren. Kamen genug Reservierungen zusammen, wurde der Film gezeigt. Wie bewertet ihr dieses Experiment im Nachhinein?

 

ERIC SONNENBURG: SCHNEEFLÖCKCHEN hat über die australische Plattform Demand.Film einen kleinen Kinostart in Kooperation mit Cinestar bekommen. Bei Demand.Film auf der Website können sich Leute über Screeningtermine informieren, aber auch eigene Screeningtermine anfordern, falls es keinen aktuellen Termin in ihrer Nähe gibt. Kommen auf diesen Terminvorschlag 50 Interessierte zusammen, die ein Ticket reservieren, findet das Screening automatisch statt. Sind es unter 50 Leute, wird der Film nicht gezeigt, die Reservierung verfällt, und niemand muss das Ticket bezahlen. Ein neuer Weg, der im englischsprachigen Ausland bereits sehr gut angelaufen ist. Wir sehen den großen Vorteil darin, dass ein Film wie SCHNEEFLÖCKCHEN über sechs Monate in deutschen Kinos auf Nachfrage verfügbar sein kann und nicht bereits nach einem Wochenende deutschlandweit aus allen Kinos rausfliegt, weil wir gar nicht die finanziellen Möglichkeiten haben, um marketingtechnisch laut genug sein, damit die breite Masse von der Existenz unseres kleinen Films überhaupt erfahren kann. Wir setzen viel auf die Interaktion mit unserem Publikum und hoffen, dass wir dessen Interesse in neue Projekte übernehmen können. Dazu passt der Vertrieb über Demand.Film sehr gut. Aber es bleibt momentan noch ein Experiment in Deutschland.

 

DEADLINE: Ihr habt den Film auf eigene Faust gedreht. Trotzdem entdeckt man in der Crew und im Cast Namen, die man sonst in höher budgetierten Produktionen liest. Wie seid ihr an diese Leute rangekommen?

 

ERIC SONNENBURG: Wir kennen uns alle mehr oder weniger circa zehn Jahre untereinander und arbeiten so lange bereits bei Werbung, Musikvideos und Kurzfilmen zusammen. Daraus ist ein Netzwerk entstanden, das wir gern als unsere Film-Familie bezeichnen. Und wir wussten, dass wir nur genau mit diesen Leuten diesen Film machen können, da wir wussten, dass es viele Jahre dauern wird. Wir mussten sicherstellen, dass uns die Puste nicht vor der Zielgeraden ausgeht, wie es bei vielen vergleichbaren Filmen der Fall ist. Über die Jahre, die wir jetzt an SCHNEEFLÖCKCHEN arbeiten, hat jeder neue Leute für das Projekt begeistern können, die den Film genau zu diesem crazy Erlebnis machen, das es jetzt geworden ist. Ein Riesendank an dieser Stelle an unser gesamtes Team, Cast, Crew und Unterstützer! Leute wie Schauspieler David Gant (BRAZIL, BRAVEHEART) oder die renommierte Production Designerin Isabel von Forster (KOKOWÄÄH 2, HONIG IM KOPF) konnten wir während der laufenden Produktion mit dem ungewöhnlichen Drehbuch und dem bereits gedrehten Material überzeugen, mitzumachen.

 

DEADLINE: Der Großteil des Teams bestand aber natürlich über Jahre hinweg aus Freunden. Wie schwer – oder einfach – ist es, mit Freunden zu arbeiten? Wie reagieren sie, wenn man ihnen sagt, dass sie eine Szene noch mal wiederholen müssen? Und noch mal …

 

ERIC SONNENBURG: Wir mussten allen Leuten komplett vertrauen. Von Freunden bekommt man eben ganz entscheidenden Vertrauensvorschuss. Gerade bei unseren ersten Drehtagen konnte niemand vom Team oder von unseren Darstellern genau wissen oder nachvollziehen, was wir hier eigentlich vorhaben oder wo das Ganze hinführt – wir wussten es ja selber nicht wirklich. Also geht das nur mit Vertrauen der Filmschaffenden untereinander und vor allem dem Regisseur Adolfo gegenüber, der den wilden Haufen beisammenhalten muss, um daraus ein stimmiges Ganzes zu machen. Ohne unsere Freunde, die von Tag eins an dabei waren, wäre das Projekt nicht möglich gewesen. Natürlich birgt die Zusammenarbeit mit Freunden auch ein gewisses Reibungspotenzial. Aber das gibt es beim Filmemachen eh immer, egal, wie man es macht.

 

DEADLINE: Ihr habt mit SCHNEEFLÖCKCHEN einen Instant-Kulthit hingelegt, der vor allen Dingen zeigt: Ihr seid verdammt gute Filmemacher! Habt ihr nun Anfragen auf dem Tisch von größeren Studios, die euch für ihre Projekte haben wollen? Eventuell auch aus dem Ausland?

 

ERIC SONNENBURG: Haha, Instant-Kulthit – vielen Dank! Das werden wir zitieren. Wir nutzen das tolle Feedback, um neue Partner und Unterstützer für weitere Filmvorhaben gewinnen zu können. Das Interesse der Leute im In- und Ausland ist auf jeden Fall da, aber wir lassen es ruhig angehen und nehmen uns Zeit, um die nächsten Schritte zu planen.

 

DEADLINE: Die Frage, die zum Abschluss natürlich kommen muss: Wird es ein weiteres Projekt von euch geben? Vielleicht sogar SCHNEEFLÖCKCHEN 2?

 

ERIC SONNENBURG: Weitere Filme kommen auf jeden Fall und sind teils auch schon in der Postproduktion. Wir wollen weiterhin gemeinsam wachsen, dazulernen, uns ausprobieren, und in erster Linie haben wir natürlich die große Hoffnung, dass wir damit ebenfalls die Zuschauer überzeugen können. Aber ein SCHNEEFLÖCKCHEN 2 ist vorerst leider nicht geplant.

 

DEADLINE: Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg mit SCHNEEFLÖCKCHEN! Die Filmwelt braucht mutige Filmemacher wie euch. Insbesondere die deutsche.

 

Interviewfragen von Matthias Engelhardt und Manuel Magno