01/10/2014

HÜTER DER ERINNERUNG-AUTORIN LOIS LOWRY IM GESPRÄCH

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HIGH-TECH PLEASANTVILLE

Autorin Lois Lowry im Gespräch zu HÜTER DER ERINNERUNG, der ab dem 2. Oktober in den Kinos läuft.

Ein Review ist in der DEADLINE #47 zu lesen.

Homepage: http://hueterdererinnerung.de/

 

„Die Zukunft hat viele Namen: Für Schwache ist sie das Unerreichbare, für die Furchtsamen das Unbekannte, für die Mutigen die Chance.“ Dieser Ausspruch von Victor Hugo beschreibt wohl schon recht gut, die Grundpfeiler der Idee, auf denen Lowis Lowrys dystopischer Jugendroman THE GIVER basiert. 1993 geschrieben, brauchte das erste Buch der „Quartet“-Serie der amerikanischen Schriftstellerin weitere siebzehn Jahre, um sich nun wahrscheinlich ziemlich erfolgreich in die Fantasy-SciFi-Reihe von Blockbuster-Sequels für junge Erwachsene einzureihen. HÜTER DER ERINNERUNG (OT: THE GIVER) ist ein dystopisches Drama mit Jeff Bridges in der Hauptrolle des weisen Alten und Hüter der Erinnerungen, der den jungen Jonas in sein Handwerk einführen und ihn als Nachfolger installieren will. In einer Gesellschaft, in der Emotionen wie auch Farben unterdrückt und von Seiten der Regierung absolute Gleichheit unter dem Volk gefordert wird, wächst in Jonas das Verlangen eine große Veränderung herbeizuführen.

 

Lowry wurde 1937 als Tochter eines Zahnarztes der US-Armee in Hawaii geboren und war seit jeher dazu gezwungen ihre Heimat in vielen verschiedenen Ländern und Städten zu finden. Bereits mit neunzehn Jahren heiratete sie und war mit sechsundzwanzig Mutter von vier Kindern. Das erlaubte Lowry erst im Alter von dreißig Jahren Literatur und Fotografie zu studieren und parallel dazu Autorin vornehmlich reflektierter Jugendliteratur zu werden. Zu den Themen oder der Aussage ihrer Bücher befragt, meinte sie zwar, dass alle ihre Romane einen profunden Hintergrund oder Botschaft hätten, die tiefere Bedeutung jedoch erst aus dem eigentlichen Ziel heraus eine Geschichte zu erzählen, entstünde.

 

 

 

DEADLINE:

Dein Roman THE GIVER hat Anfang der neunziger Jahre den Anstoß für die Entwicklung eines speziellen Genres in der Jugendliteratur gegeben. Welche Bücher oder Autoren haben dich bei deiner Arbeit inspiriert?

 

Lois Lowry:

Ich habe eigentlich schon immer alles gelesen, was mir zwischen die Finger gekommen ist. Von guter bis schlechter Literatur, dabei aber tendenziell eher Romane für Erwachsene. Die meisten Leute sind überrascht zu hören, dass ich mit Jugendliteratur wenig anfangen kann, obwohl ich ja selbst für diese Zielgruppe schreibe. Ein Buch, das mich schon als junge Leserin besonders beeinflusst hat, war „Der Report der Magd“, ein dystopischer Roman von Margaret Atwood, der Mitte der achtziger Jahre erschienen ist.

 

DEADLINE:

Auf welchen Teil des Films werden sich langjährige Fans des Romans deiner Meinung nach am meisten freuen?

 

Lois Lowry:

Ein Thema, das im Buch so überhaupt nicht vorkommt, das der heutigen Generation von Zuschauern aber sicher sehr gefallen wird, ist die Beziehung zwischen Jonas und seiner Freundin Fiona. Im Roman gibt es zwar gewisse Anklänge an eine Liebesgeschichte, allerdings wären die Charaktere mit zwölf Jahren einfach noch etwas zu jung dafür gewesen. Im Film sind sie schon im Teenager-Alter, das funktioniert. Trotzdem war es wichtig, dass das Ganze nicht in eine kitschige Romanze ausarten würde, vor allem, da der Film ja mit Jonas Abschied enden würde.

 

DEADLINE:

Im Großen und Ganzen wurden ja alle Hauptcharaktere älter gemacht, als sie ursprünglich in deinem Roman angelegt waren. Hat das Studio dich kontaktiert, bevor es sich für Änderungen entschieden hat?

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Lois Lowry:

In vielen Fällen haben sie tatsächlich meine Meinung eingeholt, obwohl das eigentlich nicht notwendig gewesen wäre, da das Studio ja ohnehin im Besitz aller Filmrechte für den Roman war. Über das Alter der Schauspieler wurde allerdings ohne mein Zutun entschieden. Ich könnte mir auch Vorstellen, dass Zuschauer, die den Roman gelesen haben, im ersten Moment etwas irritiert sind, dass sie keine zwölfjährigen Kinder, sondern junge Erwachsene vor sich haben. Aber das wird schnell vergessen sein, dafür spielen Jonas, Fiona und Asher einfach viel zu gut und überzeugend. Ganz abgesehen davon, wird Brenton Thwaites, der Jonas spielt, ganz sicher einigen jungen Mädchen den Kopf verdrehen.

 

DEADLINE:

Welcher Teil von THE GIVER war für dich am schwersten zu schreiben?

 

Lois Lowry:

Ich denke, dem kompliziertesten Part bin ich recht erfolgreich ausgewichen, obwohl ich bis heute immer wieder von jungen Lesern über diverse Details befragt werde. Vor allem Jungen wollen sehr präzise Einzelheiten darüber wissen, welche Art Technologie es der herrschenden Gemeinschaft erlaubt, die gesamte Welt und all ihre Gesetze unter Kontrolle zu halten, wie etwa das Wetter oder den Farbverlust. Das Problem ist, dass ich mich überhaupt nicht mit Technik auskenne und genau das Antworte ich ihnen dann auch. Man muss einfach alle Zweifel über Bord werfen und sich darauf einlassen, dass die Gemeinschaft zu all diesen Dingen fähig ist, ob es dafür nun eine Erklärung gibt oder nicht. Wenn ich mich wirklich mit der Wissenschaft hinter ihren Fähigkeiten auseinandergesetzt hätte, wäre ich rettungslos gescheitert. Die Entwicklung des Plots und der Charaktere hingegen, war für mich recht einfach. Nur das Ende hat mir ein wenig Schwierigkeiten bereitet, weil ich mich dazu entschieden hatte, es offen zu halten. Nicht weil ich nicht wusste, wie ich die Geschichte zu Ende bringen wollte, sondern weil ich den Leser ein wenig im Unklaren und in einem Moment des Staunens aus dem Roman entlassen wollte. Das gefiel natürlich sehr vielen Lesern überhaupt nicht, aber damit muss man als Autorin klar kommen.

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DEADLINE:

THE GIVER wurde ja unter anderem auch als Oper auf die Bühne gebracht. Was denkst du über die unterschiedlichen Versionen deines Romans?

 

Lois Lowry:

Auch in dramatisierter Version wurde das Buch mehrere Jahre als Theaterstück inszeniert und ich habe es selbst viele Male in unterschiedlichen Städten gesehen. Was die Opernfassung betrifft, denke ich, dass die meisten Kinder Schwierigkeiten damit haben könnten. Den ersten Opernbesuch muss man sich auf gewisse Weise erst erarbeiten, weil die Musik bei weitem nicht so einfach und fröhlich ist, wie man es zum Beispiel von Musicals gewöhnt ist. Aber genau wie das Theaterstück, ist auch die Oper eine sehr gelungene Adaption des Romans. Was den Film im Unterschied dazu so Einzigartig macht, ist auf jeden Fall der große Anteil an Action- und Spannungsmomenten, die der Geschichte hinzugefügt wurden. Einige Situationen und Entwicklungen gab es so im Roman gar nicht, aber ich finde sie haben die Änderungen ganz im Sinne der Charaktere gelöst. Für mich hat jede Version der Geschichte ihren ganz eigenen Reiz und als Autorin ist es besonders spannend zu sehen, wie sich die originäre Erzählung weiterentwickelt, wächst und jedes Mal zu einer völlig neuen Erfahrung wird.

 

 




WEITER

DEADLINE:

Jeff Bridges war ja sehr hartnäckig, als es darum ging, deinen Roman zu verfilmen. Schon vor siebzehn Jahren hat er sich um die Produktionsrechte bemüht und wollte unbedingt seinen Vater Lloyd Bridges für die Rolle des „Givers“ haben. Wie hast du dich gefühlt, als schließlich klar wurde, dass aus deinem sehr persönlichen Projekt irgendwann ein Film entstehen sollte?

 

Lois Lowry:

Vor längerer Zeit gab es schon einmal zwei, im Nachhinein betrachtet, völlig unbedeutende Versuche meine Bücher für das Fernsehen zu adaptieren. Aber ich wusste, dass dieser Film ganz anders werden würde. Zum einen natürlich, weil Jeff Bridges, den ich wirklich bewundere, sich um die Realisierung bemühte und zum anderen weil dieser Film tatsächlich ins Kino kommen würde. Jeffs Idee, dass sein Vater eine der Hauptrollen des Films übernehmen sollte, fand ich großartig. Leider wurde das Projekt wegen unterschiedlicher Gründe für einige Jahre auf Eis gelegt und als zuletzt auch noch Jeffs Vater starb, dachte ich, dass der Film jetzt mit ihm gestorben wäre. Glücklicherweise hat Jeff nie aufgehört, an seinem Vorhaben festzuhalten und da auch an ihm die Zeit nicht spurlos vorüber gegangen ist, beschloss er irgendwann selbst die Rolle des „Givers“ zu übernehmen. Es ist unglaublich, wie überzeugend er im Film die Bewegungen, Gesten und Posen eines alten Mannes verkörpert. Sein ganzer Verwandlungsprozess, kombiniert mit dieser Stimme eines Hundertjährigen, war für mich unglaublich spannend und interessant zu beobachten.

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DEADLINE:

Gibt es in der Verfilmung von „The Giver“ einen Charakter, mit dem du dich am Ehesten identifizieren würdest?

 

Lois Lowry:

Wenn ich diese Frage im Zusammenhang mit einem meiner anderen Bücher beantworten müsste, dann würde ich aus der einfachen Tatsache heraus, dass ich selbst Frau und Mutter bin, einen weiblichen Charakter und aller Wahrscheinlichkeit nach sogar die Mutter oder eine mütterliche Figur wählen. In diesem Fall aber, empfinde ich Katie Holmes als sehr kühle, unnahbare, fast schon beängstigende Mutterfigur. Und obwohl sie ihre Rolle wirklich gut spielt, fühle ich mich ihr kein bisschen verbunden. Ich denke, dass ich mich bei „The Giver“ wohl am Ehesten mit dem Jungen, Jonas, identifizieren kann. Er ist ein äußerst reflektierter, introspektiver und schwer zu bestimmender Charakter. Das fasziniert mich.

 

DEADLINE:

Welche Erkenntnis hoffst du, bei den zukünftigen Lesern deines Romans auslösen zu können?

 

Lois Lowry:

Ich habe zwei Enkelsöhne, der eine dreizehn, der andere fünfzehn Jahre alt, die noch nicht geboren waren, als THE GIVER in erster Auflage publiziert wurde. Natürlich habe ich sie schon einige Male mit den großen Themen der Geschichte zu konfrontieren versucht. Paradoxerweise scheinen die meisten davon fast zwanzig Jahre später, noch viel aktueller zu sein, als jemals zuvor. Der Roman beschreibt die Sorgen einer jungen Generation um ihre Zukunft, wie auch meine Enkelsöhne sie haben. Auf ihnen lastet der ständige Druck und die Verantwortung, dass jede Entscheidung, die sie treffen, enorm wichtig ist, da sie am Ende einmal diejenigen sein werden, die die Geschicke der Welt leiten. Ich und alle anderen alten Menschen werden dann verschwunden sein und sie sind die Einzigen, die ihre Beschlüsse feiern oder bereuen können. Ich hoffe dieses Buch regt sie dazu an, sehr wohlüberlegt und reflektiert an Entscheidungen heranzugehen, die ihre Zukunft betreffen werden.

 

DEADLINE:

Hast du das Gefühl, dass sich deine Art zu Schreiben durch die modernen technischen Arbeitsmedien verändert hat?

 

Lois Lowry:

Seit ich mich erinnern kann, war es mein Traum einmal Schriftstellerin zu werden. Also habe ich mir das Tippen auf der alten Schreibmaschine meines Vaters selbst beigebracht. Mit solchen unhandlichen Geräten zu arbeiten, kann man sich ja heutzutage kaum mehr vorstellen. Und dann gab es noch eine Erfindung aus der grauen Vorzeit: Durchschlagpapier. Damals gab es ja noch keine Drucker und wenn man eine Kopie seiner Arbeit anfertigen wollte, hat man dieses spezielle Papier zwischen zwei leere Seiten geklemmt und voilà. Natürlich hat der Computer, was das betrifft, eine Menge Arbeit erleichtert. Wenn ich früher auf einer Seite des Manuskripts Änderungen vornehmen wollte, musste ich nicht nur die Eine sondern auch alle anderen Seiten neu tippen. Das hat ewig gedauert. Mit dem Computer war das auf einmal alles kein Problem mehr und auch das Überarbeiten und Korrigieren ging unheimlich schnell. Dafür hat sich aber ein neues Problem ergeben. Durch das schnelle neu- und umschreiben, konnte ich auch das Ende des Romans beliebig oft ändern, bis ich nicht mehr wusste, welches das Richtige für die Geschichte war. Irgendwann habe ich dann zu mir gesagt: „Schluss. Aus! Das ist es jetzt! Druck es aus und das wars dann!“ Meiner Meinung nach ist also der Arbeitsprozess gleich geblieben, aber die kreativen Möglichkeiten damit umzugehen, haben sich verändert.

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DEADLINE:

Hast du eigentlich während der Dreharbeiten das Set besucht oder die Schauspieler getroffen, um mehr Details über die Geschichte auszutauschen?

 

Lowis Lowry:

Es gab zwei Hauptdrehorte. Der eine war in Cape Town, Südafrika, wo ich immer wieder ganze Tage am Set verbracht habe. Die Landschaft dort ist wirklich unglaublich beeindruckend und hat den Szenen gewissermaßen den richtigen Anstrich gegeben. Der andere war Utah, weil sie für die letzten Aufnahmen Berge und Schnee gebraucht haben. Dorthin habe ich es dann nicht mehr geschafft. Als ich die Schauspieler, vor allem die drei jungen, Katie Holmes und Alexander Skarsgard, der Jonas Vater spielt, getroffen habe, waren sie alle schon mitten in ihrer Rolle. Wir haben uns zwar sehr gut verstanden, aber an diesem Punkt brauchten sie eigentlich keine Ratschläge mehr von mir. Abgesehen davon, habe ich ja die letzten siebzehn Jahre Zeit gehabt, mich mit Jeff über die Charaktere und verschiedenen Herangehensweisen an Themen zu unterhalten und auszutauschen. Nicht, dass er das nötig gehabt hätte, aber er war immer sehr an meiner Meinung interessiert.

 

Übersetzung von Raffaela Schöbitz

 

 

HÜTER DER ERINNERUNG
(OT: THE GIVER)
Regie: Phillip Noyce / USA 2014 / 121 Min.
Darsteller: Brenton Thwaites, Jeff Bridges, Meryl Streep, Katie Holmes, Alexander Skarsgård, Odeya Rush, Cameron Monaghan, Taylor Swift
Produktion: Jeff Bridges, Neil Koenigsberg, Nikki Silver
Verleih: STUDIOCANAL
Start: 02. Oktober 2014

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