20/06/2014

Ganz normaler Typ – Bjarne Mädel im Interview

Als Sozialversager Berthold Heisterkamp, besser bekannt als Ernie, ist Bjarne Mädel heimlicher Star der Pro7-Erfolgsserie STROMBERG. Nach DER KLEINE MANN wagt er jetzt unter der Regie des begnadeten Arne Feldhusen einen erneuten Soloausritt als DER TATORTREINIGER. Was der in Hamburg geborene Wahlberliner zu seiner Rolle in der bereits hoch gehandelten Serie zu sagen hat, erzählte er uns im Gespräch in erfreulicher Offenheit.

 

 

DEADLINE:

Bjarne, deine neue Serie DER TATORTREINIGER lief in der Erstausstrahlung letztes Jahr über Weihnachten im Nachtprogramm, und es wurde kaum Werbung dafür gemacht. Was war da los?

 

 

Bjarne Mädel:

Mir wurde erklärt, dass es so etwas häufiger gibt. Es hat finanzielle Gründe: Wenn etwas im selben Jahr noch ausgestrahlt wird, in dem es produziert wurde, dann kann es auch im selben Jahr noch vom Budget abgerechnet werden. Und das wird wohl ganz oft gemacht, dass irgendwelche Sachen morgens um halb fünf ohne Ankündigung laufen, es kriegt nur meistens niemand mit. Bei uns war es nur so, dass es so eine Welle im Internet gegeben hat, dass Leute auf uns aufmerksam geworden sind. Und dann haben wir halt Glück gehabt, dass der „Spiegel“ und die „Süddeutsche“ genau in diese Kerbe reingehauen haben, von wegen: Ihr habt doch was Tolles, warum zeigt ihr das denn nicht? Deswegen ist das so ein Aufreger geworden. Ich wusste vorher schon, dass das sozusagen erst mal „versendet“ wird und die eigentliche Premiere dann im Januar stattfindet. Was ich allerdings komisch fand, war, dass dafür dann auch keine Werbung gemacht wurde. Für uns lief das ja eigentlich alles wie eine perfekte Marketingstrategie – man macht gar keine Werbung, damit die Journalisten das entdecken können, denn die sind ja manchmal auch gerne Trüffelschweine. Und das hat perfekt funktioniert, nur leider war es keine Strategie. Das war kein Konzept in der Art von „Wir machen einfach mal gar nichts“, sondern da wurde einfach gar nichts gemacht. Das fand ich schon ein bisschen merkwürdig. Auch, dass wir vier Folgen gedreht haben, und am Anfang hieß es, die werden alle vier in der ersten Januarwoche gezeigt. Dann wurden auf einmal nur zwei Folgen gezeigt und für die dritte und vierte gab es keinen Plan, wann oder ob sie überhaupt ausgestrahlt werden. Das fand ich ärgerlich.

Tatortreiniger Bjarne Mädel

DEADLINE:

Hat die Nominierung der Serie für den Adolf-Grimme-Preis das Bewusstsein des NRD für das Format ein bisschen geschärft?

 

 

Bjarne Mädel:

Auf jeden Fall. Selbst die größten Zweifler im NDR dürften jetzt begriffen haben, dass sie was Tolles gemacht haben. Mir ist dabei nur wichtig, dass man es weitermachen darf. Das geht mir eigentlich bei allen Sachen so. Preise sind mir eigentlich auch egal, genau wie Quoten. Das ist natürlich eine Anerkennung der Arbeit, die man macht, aber mir ist das egal. Hauptsache, es gucken genug Leute, damit ich weiterarbeiten darf. Aber ich muss jetzt nicht die erfolgreichste Serie Deutschlands machen. Ich hab auch nichts dagegen, aber mir kommt es eher darauf an, dass ich qualitativ tolle Sachen machen kann. Und so sieht das gerade auch aus, die Autorin hat soeben einen Schreibauftrag für acht neue Folgen bekommen.

DEADLINE:

Regisseur Arne Feldhusen und du habt ja eine etwas länger zurückreichende Geschichte. Schreibt er dir solche Rollen wie den TATORTREINIGER auf den Leib?

 

 

Bjarne Mädel:

Arne selber schreibt ja sowieso nicht, aber wir haben in diesem Fall wirklich eng mit der Autorin zusammengearbeitet. Das fing so an, dass der NDR mir ein Format mit dem Titel DAS WARTEZIMMER angeboten hat. Das war eine Produktion mit der Kabarettfigur Frau Jaschke. Das ist eine in Norddeutschland sehr beliebte Kabarettfigur, mit der sie diese Serie gemacht haben, in der sie in einem Wartezimmer wahllos Leute zutextet. Die Schauspielerin wollte das aber nicht mehr weiter machen, weil sie fand, dass das in dem Medium nicht so gut funktioniert wie auf der Bühne. Die Quote war aber ganz gut, der NDR wollte es fortsetzen und dafür jemanden finden, der norddeutsch und lustig ist. Da sind sie auf mich gekommen und haben mir das angeboten. Dann hab ich gesagt, ja, aber nur in Verbindung mit Arne Feldhusen. Wir haben die Figuren in STROMBERG, MORD MIT AUSSICHT und DER KLEINE MANN zusammen entwickelt, und wenn ich so eine Figur entwickle, die lange Zeit im Fernsehen sein soll, dann mach ich das gerne mit Arne. Wir haben da ein ähnliches Gespür und einen sehr ähnlichen Humornerv. Arne war dann mit im Boot, aber ich kann so eine Rolle nur spielen, wenn ich sie selber lustig finde. Der NDR kam dann aber nicht mit dem Drehbuch rüber, woraufhin ich Mizzy Meyer als Autorin vorgeschlagen habe. Sie hat dann den Auftrag für DAS WARTEZIMMER gekriegt, aber irgendwann haben wir dann gesagt: Muss es denn DAS WARTEZIMMER sein? Arne und ich hatten damals schon die Idee zum TATORTREINIGER und haben uns gedacht, so kommen wir aus dem Studio raus, und außerdem können wir durch den jeweils Verstorbenen immer noch ein Leben, eine Welt mehr erzählen. Es ist ein spannender Beruf, die Nähe zum Tod bringt in jedes Gespräch von Anfang an gleich eine Tiefe mit sich. Als der NDR uns dann vertraut und angeboten hat, auch ein anderes Format machen zu können, sind wir darauf sofort angesprungen. In diesem Fall war es also wirklich so, dass mir die Rolle auf den Leib geschrieben wurde, weil ich von Anfang an an der Idee beteiligt war. Bei STROMBERG hingegen bin ich zum Casting eingeladen worden, fand die Texte super, hab vorgespielt, und das hat gepasst. Beim KLEINEN MANN war es aber auch so, das hat Ralf Husmann für mich geschrieben. Um das mal zusammenzufassen: Ich habe sehr viel Glück, dass ich tolle Leute kenne, die direkt für mich schreiben.

Tatort Reiniger Bjarne Mädel

DEADLINE:

Du hast in einem Interview vor ein paar Jahren mal den Unterschied zwischen Privaten und Öffentlich-Rechtlichen stark vereinfacht damit erklärt, dass du im Öffentlich-Rechtlichen niemals einen Satz wie „Ich muss mal Groß“ sagen könntest. Hat sich das in den letzten Jahren geändert, oder ist bei den Öffentlich-Rechtlichen immer noch das höchste der Gefühle, dass man das Autogramm von Thomas Mann wegwischt?

 

 

Bjarne Mädel:

Gute Frage. Ich finde immer noch, dass das Öffentlich-Rechtliche wahnsinnig angstbesetzt ist. Angst, dem Publikum zu viel zuzumuten. Da wird das Publikum oft unterschätzt. Da wird ja auch viel normiert. Beim Krimi gibt es so Ansagen von oben, dass z.B. nach drei Minuten die Leiche zu sehen sein muss und der Hauptdarsteller die letzte Einstellung kriegt. Und wegen dieser Ansagen sieht da alles gleich aus: Das hat einmal funktioniert, das machen wir jetzt immer so. Alles, was neu oder schräg ist, wird erst einmal angezweifelt. Da schielen die Öffentlich-Rechtlichen nach der Quote, obwohl sie das eigentlich gar nicht nötig haben. Da wird ja keiner entlassen, wenn die Sendung nicht funktioniert, anders als bei den Privaten, wo der Druck ja viel höher ist. Ich frag mich immer, warum man bei den Öffentlich-Rechtlichen so unmutig ist, denn die haben ja nichts zu verlieren, zumindest nicht sofort ihren Job. Wenn sie jetzt jahrelang Fernsehen machen, das keiner sehen will, haben sie auch ein Problem, aber die könnten sich eigentlich mal mehr trauen. Da gibt es immer noch so absurde Ansagen, z.B. dass der Schauspieler keinen Dreitagebart haben darf. Aber ich denke, wenn das eine Figur ist, der gerade das eigene Leben über dem Kopf zusammenbricht, warum sollte der sich dann frisch rasieren? Oder Frauen müssen Röcke tragen. Da kommt die Bäuerin aus dem Stall und hat einen Rock an, weil das einfach das gängige Geschlechterbild ist. Ich finde das furchtbar, dass so Sachen normiert werden, man dabei aber überhaupt nicht über die Figuren und Inhalte spricht. Wenn man sich im Vergleich dazu amerikanische Serien wie BREAKING BAD ansieht … Wenn man mit dem Konzept zu einem deutschen Sender gehen würde, würde man das niemals durchkriegen. Aber was das für die Schauspieler bedeutet, was sich da für Situationen ergeben, das wird dann gar nicht gesehen. Da heißt es dann: Oh nee, das wollen die Zuschauer nicht. Das ist so ein vorauseilender Gehorsam gegenüber dem Zuschauer, den man ja gar nicht kennt. Diese Quote ist ja eine sehr unkonkrete Masse, und ich finde unterm Strich, man sollte sich einfach mehr trauen. Was beim TATORTREINIGER einfach toll war, ist, wie da den Kreativen vertraut wurde, dem Regisseur, Autor und den Schauspielern. Das sollte viel mehr die Arbeit von Redakteuren sein: gute Leute zusammenzubringen und sich danach rauszuhalten. Einfach tolle Arbeit zu ermöglichen und nicht zu verhindern. Das wäre mein Aufruf an das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Aber es hat sich ja auch ein bisschen was geändert. Immerhin habe ich bei MORD MIT AUSSICHT durchgekriegt, dass ich meine Frau „Muschi“ nenne. Das gab aber echt ’ne Krise. Da gab es absurde Gespräche darüber, ob man das darf oder nicht. So ein Erfolg wie bei MORD MIT AUSSICHT gibt einem da mehr Freiheit, dass man dann nicht mehr über solche Sachen diskutieren muss. Z.B. ob die Hauptdarstellerin rauchen darf oder nicht oder Alkohol trinken. Dabei war die Figur von Caroline Peters so angelegt, dass sie aus der Großstadt kommt und sich auch schon mal einen Mann mit nach Hause nimmt. Wenn man das aber alles wegstreicht, dann werden die Figuren so langweilig. Aber MORD MIT AUSSICHT war so ein Erfolg, dass wir da jetzt wieder rauchen dürfen. Beim TATORTREINIGER gab es auch Diskussionen, ob man am Anfang „Na, du kleine Drecksau“ sagen darf. Die Redaktion hätte an dieser Stelle lieber „Na, du Lümmel“ gehört, aber das ist ein komplett anderer Einstieg in so eine Folge. Aber da stehen eben eine Prostituierte und ein Tatortreiniger, die reden nicht immer so geschmacksneutral. Im Gegensatz dazu macht sich keiner ’ne Rübe, wenn im Fernsehen unkorrektes Deutsch gesprochen wird und keiner mehr den Genitiv benutzt. Das dürfen scheinbar nur noch Akademiker. Aber wenn jemand „Drecksau“ sagt, ist das immer noch ein großer Aufreger.

 

 

DEADLINE:

Deine Figur Schotty trägt diesen fantastischen Schnurrbart und tut das auch noch völlig unironisch.

 

 

Bjarne Mädel:

Arne und ich haben bei der Arbeit zu MORD MIT AUSSICHT schon gesagt, dass es blöd wäre, wenn jetzt alle sagen: Guck mal, Ernie in Uniform. Wir haben uns dann gefragt, wie wir den Typ so weit es geht, aber so, dass er noch authentisch bleibt, verändern können. Also Bart, Brille, eine andere blöde Frisur, und wenn der dicker wäre, wär es auch nicht schlecht. Bei Schotty haben wir uns dann wieder gedacht, dass es schön wäre, wenn er anders aussieht, und sind dann auf den Schnurrbart gekommen. Hauptsächlich, weil der gut zu so einem Macho-Typen passt und ich woanders noch keinen hatte. Das war in erster Linie mein Wunsch, mich möglichst immer zu verändern, wenn ich so eine durchgängige Rolle spiele. Es gibt ja auch Schauspieler, die sehen immer gleich aus, und das ist aber auch deren Markenzeichen. Jürgen Vogel ist immer Jürgen Vogel, und man sieht ihn trotzdem immer wahnsinnig gern. Ich habe einfach Spaß an der Verwandlung. Das größte Lob für mich ist, wenn die Leute nicht sofort wissen, dass es ein und dieselbe Person ist, die diese Rollen spielt. Das find ich toll. Und Schnurrbart kommt ja auch jetzt gerade wieder in Mode.

Tatortreiniger Bjarne Mädel

DEADLINE:

Was ist denn Schotty eigentlich so für ein Typ? Wie seid ihr da herangegangen?

 

 

Bjarne Mädel:

Das Norddeutsche war von Anfang an klar. Wir haben uns dann in der Recherche auch mit Tatortreinigern getroffen. Der, den ich mit der Autorin in Berlin getroffen habe, Christian Heistermann – der heißt auch noch fast genauso wie meine Rolle in STROMBERG –, hat uns auf dem Weg in den Urlaub getroffen und hatte seine Familie dabei. Der hat mit uns im Café gesessen und uns die absurdesten, ekligsten Momente aus seinem Berufsleben erzählt und war dabei jemand, der wahnsinnig bodenständig war. Total normal, im guten Sinne. Für die erste Folge haben wir dann auch noch in einem Bordell recherchiert und mit Prostituierten gesprochen, und es hat uns sehr fasziniert, dass die fast schon spießig waren, so sehr sind die auf dem Boden. Da haben wir gesagt, dass diese Figur das auf jeden Fall auch haben muss. Oft sagen Leute ja nicht, was sie denken, und ich fand das von vorneherein schön, dass das bei Schotty anders ist. Wenn er zum Beispiel in der vierten Folge sagt: „Sie sind einfach fett, und das findet kein Mann attraktiv“, also das zu so einer 114 Kilo schweren Frau zu sagen, da drücken sich ja immer alle drum herum. Aber der sagt halt, was er denkt, und das finde ich eine große Qualität. Das ist ein bisschen naiv, aber einfach auch erfrischend, wenn jemand nicht immer was anderes sagt, als er meint, sondern sehr direkt ist. Dadurch entsteht dann auch was. Es entsteht mit der dicken Frau ja tatsächlich ein Kontakt oder eine Möglichkeit, sich näherzukommen, obwohl er am Anfang so etwas Hartes, Verletzendes gesagt hat. Vielleicht gerade deshalb, weil es wenigstens ehrlich war. Bei Schotty ist es what you see is what you get. Der taktiert nicht, der ist nicht falsch. Das war uns wichtig, und dass er trotzdem kein Proll ist, sondern irgendwo doch feinfühlig, einen gewissen Humor hat, aber auch schlau ist. Ich wurde vorher von einem der Produzenten gefragt: Was ist denn das für ein Charakter, den ihr da erzählen wollt? Das kann man manchmal vorher gar nicht so auf den Punkt bringen, das entwickelt sich erst. Wenn man spielt, merkt man das eigentlich. Durch die Texte, das Kostüm, da ergibt sich irgendwann so ein Bauchgefühl dafür, was das für einer ist. Teilweise ist er natürlich auch ein Klischee. Er guckt gerne Fußball, er trinkt gerne Bier, er guckt Frauen auf den Arsch. Er ist schon so ein Macho, aber eben nicht unsensibel dabei. Der kann sich auch über sein Sternzeichen unterhalten. Wir wollten auf jeden Fall keinen Trottel. Wer beruflich Körperreste wegmacht, ist jetzt erst mal kein Gewinner. Das ist kein Zahnarzt mit großer Praxis. Aber wir wollten ein bisschen weg von diesem Trottelimage, das ich manchmal durch den Ernie so habe. Das ist er auf keinen Fall, der ist nicht doof, und er ist neugierig.




WEITER

DEADLINE:

Zwei Dinge scheinen für Schotty außerordentlich wichtig zu sein, da er in den vier Folgen häufiger drüber spricht. Das eine ist die von dir schon erwähnte Normalität, das andere ist Bedeutung.

 

 

Bjarne Mädel:

Nun, er sieht seinen Beruf schon als sozialen Beruf, Leuten eine große Last abzunehmen. Das hat uns der echte Tatortreiniger auch erzählt. Es ist schlimm genug, wenn man jemanden verliert. Das sind ja jetzt auch nicht immer alles Morde, zu denen er gerufen wird, sondern auch alte Leute, die auf dem Klo einfach umkippen. Das ist, glaube ich, sogar die häufigste Todesart. Wenn die Menschen dann nicht sanft fallen, sondern irgendwo dagegenhauen, das hinterlässt halt Spuren, die sonst die Angehörigen wegmachen müssten. Als Angehöriger hast du aber schon genug mit dem Verlust zu tun und leidest darunter. Das sind einfach Bilder, die du den Leuten ersparen kannst, indem du das wegmachst. Und da du die Leute nicht kennst, fällt es dir natürlich leichter als jemandem, der einen persönlichen Bezug hat. Und er sieht das halt als soziale Arbeit, den Leuten diese schwere Arbeit abzunehmen. Bedeutung … Wenn man diesen Beruf macht, ist man ständig damit konfrontiert, was Leben eigentlich ist und was von einem bleibt. Das taucht ja auch immer wieder auf. „Dreck ist Materie am falschen Platz.“ Da denkt man natürlich auch über die Seele nach und darüber, was von einem bleibt. Und das ist umso mehr Grund für Schotty, im Jetzt zu leben. Normalität … Es ist halt für Schotty ein ganz normaler Beruf wie jeder andere auch. Einer muss es halt machen. Einer muss das Licht ausmachen. Es ist ja auch erstaunlich: Wenn alles funktioniert, denkt man da gar nicht weiter drüber nach, aber wenn dann mal die Müllabfuhr streikt, sieht man erst mal, wie wir so leben und was wir an Dreck produzieren. Schotty hingegen sieht das jeden Tag.

DEADLINE:

Du bist ja mittlerweile auch Autor und hast ein Buch veröffentlicht … Wie kam es dazu?

 

 

Bjarne Mädel:

Ja, Autor in Anführungszeichen. Ich hab halt so ein paar kleine Reime auf den Markt geworfen. Das war ein totaler Zufall, den ich selbst gar nicht wollte. Ich war in einer Talkshow und in dieser wohl ganz lustig, woraufhin mich der Verlag Kiepenheuer und Witsch nicht mehr in Ruhe gelassen hat. Die wollten unbedingt, dass ich ein Buch schreibe. Ich hab denen gesagt, dass ich so etwas gar nicht kann und auch nicht der nächste Promi sein will, der ein Buch schreibt über Männer um die Vierzig, die Probleme mit Frauen haben. Das wollte ich nicht, aber stattdessen habe ich ein paar Gedichte gemacht, und jetzt gibt es halt dieses Buch, sodass ich sagen kann: Siehst du, Mama, war doch nicht alles umsonst. Aber ich nehme das nicht so ernst, wenn da irgendwo „Autor“ steht, denke ich immer: ja, komm, mal nicht übertreiben. Ich hab ja jetzt keine drei Romane geschrieben, ich hab nur ein paar Sachen aufgeschrieben, die sich reimen.

Tatortreiniger Bjarne Mädel

DEADLINE:

Gibt es eine bestimmte Rolle, die du gerne mal spielen würdest? Die eine Rolle, für die du das alles machst?

 

 

Bjarne Mädel:

Ich habe das, glaube ich, schon zu oft gesagt, vielleicht sollte ich mir mal was anderes ausdenken, aber ich bin halt immer der Sympathieträger. Ich würde gerne mal einen unsympathischen Menschen spielen oder jemanden, der einfach schlecht ist. Der einfach böse ist und schlecht, und man weiß nicht genau, warum. Das finde ich ja langweilig, wenn jemand schlecht ist und dann herauskommt, dass er eine schlimme Kindheit hatte. Das ist dann immer so kausal nachvollziehbar. Ich find es aber gut, wenn Leute mal einfach scheiße sind, charakterlich unsympathisch, und man nicht weiß, wieso. So was würd ich gerne mal spielen. Ansonsten kann ich gar nicht sagen, dass es die eine Rolle gibt. Ich spiele wahnsinnig gerne mit tollen Kollegen, bei denen ich nicht das Gefühl habe, dass ich spiele. Wenn man tolle Kollegen hat wie Florian Lukas oder Katharina Marie Schubert, hat man in dem Moment, in dem man arbeitet, nicht das Gefühl, dass man spielt, weil man so direkt angesprochen wird, dass man reagieren kann. Das ist mir viel wichtiger, dass die Sachen, die ich mache, eine gewisse Qualität haben, aber die Rolle an sich ist mir gar nicht so wichtig. Ich suche Sachen nicht danach aus, ob die Rolle perfekt ist, sondern vielmehr danach, wer dabei mitmacht und ob ich die Geschichte gut finde.

 

 

DEADLINE:

DER TATORTREINIGER scheint mit seinen wenigen Charakteren und den eingeschränkten Räumlichkeiten ja sehr im Theater verwurzelt. Wie war das beim Dreh, habt ihr da mit minimaler Crew gearbeitet oder waren da hinter der Kamera dreimal so viele Leute wie davor?

 

 

Bjarne Mädel:

Wir haben mit einer normalen Crew gearbeitet. Wir haben aber schon ein bisschen wie im Theater gearbeitet, da wir pro Folge nur drei Tage Drehzeit hatten und das nur schaffen konnten, wenn wir vorher ausführlich proben. Geprobt haben wir dann tatsächlich wie ein Theaterstück, das man immer wieder durchspielen kann. Das geht natürlich am besten mit Theaterschauspielern, die es nicht schockt, wenn eine Szene mal sieben Minuten dauert und immer wieder gespielt werden muss. Unter anderem deswegen haben wir uns für Theaterspieler entschieden. Und da alles so kammerspielartig ist, ist es natürlich mehr wie ein Theaterstück.

 

 

DEADLINE:

Kannst du schon einen Ausblick auf die kommenden acht Folgen geben?

 

 

Bjarne Mädel:

Die Autorin ist da sehr eigenwillig, sie ist im besten Sinne Künstlerin. Man bestellt etwas und bekommt etwas völlig anderes. Von daher ist noch nicht so klar, wohin das geht. Ganz am Anfang haben wir zu ihr gesagt, dass sie bloß nichts mit Geistern machen soll. Natürlich hat sie uns dann in der vierten Folge gleich einen toten Therapeuten geschrieben. Sie ist halt renitent und macht das, was sie will, und wir können dann immer nur hoffen, dass wir das umsetzen können. Das meine ich jetzt aber alles sehr humorvoll, sie ist einfach super und ihre Texte für Schauspieler ein Geschenk. Was ich an dem Format so toll finde, ist, dass jede Folge komplett anders ist. Es gibt ein paar Sachen, die man wiederholen kann, wie das Einnebeln am Ende. Aber wir fragen uns auch schon wieder, wie man das Format aufsprengen kann. Vielleicht trifft er die Prostituierte ja mal privat auf der Straße wieder. Man muss sich ja nicht sklavisch an diesen Vorgang halten, dass er putzt und jemand kommt dazu. Das Grundkonzept ist klar: Jemand ist gestorben, er muss putzen, und dabei entsteht dann ein Gespräch über etwas ganz anderes. Jedenfalls nicht über den Kriminalfall, das wollten wir vermeiden. Krimis gibt es genug im deutschen Fernsehen. Obwohl, in der Folge mit der Oma rutscht es ja schon so ein bisschen in eine Krimigeschichte hinein, aber wie gesagt, unsere Autorin ist zum Glück keine Auftragsschreiberin. Wir wollen da auch die Nominierung für den Grimme-Preis insofern schon ernst nehmen, dass wir sie als Verpflichtung sehen, ein bestimmtes Niveau zu halten, auch inhaltlich, aber auch versuchen, die Zuschauer und auch uns selber immer wieder mal zu überraschen. Aber wie es genau weitergeht, ist noch gar nicht so klar. Die Autorin fängt erst im Mai an zu schreiben. Wir sind da also eigentlich noch total blank. Ich weiß nur, dass ich wieder den Schnäuzer haben werde, das steht fest.

 

 

DEADLINE:

DER KLEINE MANN hingegen ist Fernsehgeschichte?

 

 

Bjarne Mädel:

Ja, leider ja. Da ging es mir auch so, dass es mich nicht gekränkt hat, dass es nicht genug Leute gesehen haben, sondern ich traurig war, dass ich das nicht weitermachen durfte. Wir, auch der Autor Ralf Husmann, haben ja gemerkt, was den Leuten gefallen und vor allem, was für uns funktioniert hat. Es wäre spannend zu sehen gewesen, in welche Richtung sich das entwickelt, wo man diese Rolle hinschreibt. Rüdiger Bunz hätte sich ja durch den Erfolg auch zu einem Arschloch entwickeln oder immer unsympathischer werden können. Da wär noch so viel möglich gewesen, und ich fand es einfach schade, dass wir da nicht weitergucken konnten. Aber man hat da keinen Einfluss drauf. Ich finde ja, dass es ein bisschen unter Wert verkauft wurde und verloren gegangen ist, auch durch den Sendplatz um zwanzig nach elf nach SWITCH RELOADED. Da bist du durch die eingespielten Lacher auf so einem Lustig-Niveau und hast dann um die Uhrzeit einfach keine Geduld mehr, dich noch eine halbe Stunde auf feineren Humor zu konzentrieren. Deshalb konnte ich gut verstehen, dass die Leute da auch weggeschaltet haben. Gerade mit dem Cast finde ich aber, dass DER KLEINE MANN unter Wert verkauft wurde. Karoline Eichhorn oder Florian Lukas z.B. sieht man ja sonst nicht in so Serien. Aber zum Glück ist die Nichtfortsetzung nicht als Makel an mir haften geblieben, ich bin damit ja auch für den Bayerischen Fernsehpreis nominiert worden. Da hat keiner gesagt: Der Mädel schafft das nicht, Leute zu ziehen. Aber ich fand es sehr schade, dass es nicht weiterging. Ich hätte gerne gesehen, was der Husmann daraus macht. Bei STROMBERG hieß es ja auch erst, die kupfern alles bei THE OFFICE ab. Jetzt haben wir die fünfte Staffel gemacht, und es ist auch sehr spannend, wohin das noch geht und was dem Husmann da noch einfällt.

 

 

DEADLINE:

Wohin geht es denn mit STROMBERG?

 

 

Bjarne Mädel:

Na, da geht’s erst mal hoffentlich ins Kino. Durch das gesammelte Geld ist es wahrscheinlicher geworden, dass wir im Herbst den Kinofilm drehen dürfen. Durch das Crowdfunding haben wir in zehn Tagen eine Million Euro zusammengekriegt. Das war sensationell. Ich hatte gerade angefangen, mich dafür zu interessieren, wie das mit dem Crowdfunding funktioniert und wie man da sein Geld wiederkriegt, da kam die Nachricht, dass das Konto bereits voll ist. Bei STROMBERG gibt es so eine krasse Fangemeinde, was vielleicht auch mit der Kinotour zusammenhängt. Wir haben da ja vier Folgen am Stück gezeigt, und das hat total Bock gemacht, mit achthundert Leuten STROMBERG zu gucken. Da hat man gemerkt, dass das funktionieren könnte und die Leute vielleicht auch einen STROMBERG-Film im Kino gucken würden. Vielleicht hat das auch den einen oder anderen dazu bewegt, was einzuzahlen, weil sie danach daran geglaubt haben. Es ist ja auch ganz schlau: Wenn eine Million Kinozuschauer zusammenkommen, dann verdient man Geld, wie bei einer Aktie. Und alle, die da eingezahlt haben, werden natürlich ihre ganzen Verwandten und Bekannten in den Film schleppen und sagen: Ich will damit Geld verdienen, jetzt guckt euch das gefälligst mal an. Es ist einfach doppelt und dreifach schlau. Und der Grund, aus dem Husmann das gemacht hat, und damit schließe ich jetzt den Bogen zum Anfang des Gespräches, ist, damit ihm möglichst wenig Menschen in das Drehbuch reinquatschen können. Durch das Crowdfunding ist er jetzt beim Schreiben etwas unabhängiger. Das braucht er auch. Es ist immer gut, wenn einem nicht zu viele Leute reinquatschen, dann kann was daraus werden.

 

 

Interview geführt von Peter Vignold