13/09/2016

Festivalbericht SUMMER BREEZE Open Air 2016 in Dinkelsbühl

Einmal im Jahr lädt die Beschaulickeit der romantischen Straße im mittelfränkischen Dinkelsbühl zu einem heftigen Techtelmechtel. Für die zahlreichen Touristen, die sich jährlich durch die mittelalterliche Altstadt schieben, gibt es dann eine neue Attraktion: Meist schwarzgewandte, gerne tätowierte Gestalten, die mit Sack und Pack, Trinkhörnern und noch mehr Bier über die ansässigen Supermärkte herfallen, von denen sie bereits mit Plakaten begrüßt werden. Mit guter Laune zieht die bisweilen bereits zur frühen Mittagszeit schwankende Karawane zu einem Busparkplatz, um beim Eintreffen eines Shuttles unter “Wall of Death, Wall of Death” Rufen um die besten Plätze zu kämpfen. Es ist Mittwochmittag beim Summer Breeze Open Air. Vom 17. bis 20. August versorgten zahlreiche Bands rund 40.000 Besucher mit allen Spielarten der schönsten Nackensportart der Welt. Die DEADLINE war erstmals als Medienpartner dabei.

 

Die erste Besucherkontrolle ist rasch passiert und der Weg über den Campingplatz verdeutlicht wieder einmal, dass ein Festival nicht nur Ausnahmezustand, sondern Moratorium zum fröhlichen Danebenbenehmen ist. Ein nur mit einer Socke bekleideter junger Metalhead spaziert gemütlich zu seinem Zelt und wir wünschen ihm an dieser Stelle, dass er die Befestigungsoption “Kabelbinder” zu späterer, dunklerer, betrunkenerer Stunde nicht bereut hat. Mit seinem Modegeschmack qualifiziert er sich im Übrigen ausgerechnet nicht für die “Nackte Penisliste”, die eine andere Zeltgruppe ausgehängt hat und bereits eine beachtliche Statistik vorweisen kann.

Ein Ü45 Ticket für Anwohner zu 5€ pro Tag. Ob das gut angenommen wird, wollten wir wissen: “Das geht schon. Hier gibt’s ja auch ‘n Bier unne Worscht, und halt noch was dazu, vor allem viel zu gucken.”

Auf dem eigentlichen Festivalgelände, für das eine weitere Sicherheitsschleuse mit Taschenkontrolle passiert werden muss, werden am Mittwoch nur zwei der insgesamt vier Bühnen bespielt, auch ein Großteil der Läden hat noch geschlossen. Bereits geöffnet hat der Summer Breeze Merch-Stand, an dem sich eine gigantische Schlange bildet. Limitierte Shirts und Hoodies ziehen ein größeres Publikum als manche Band. Die BLASMUSIK ILLENSCHWANG kann sich beim umjubelten Festivalauftakt auf der Camel Stage allerdings nicht über mangelnde Besucher beklagen. Später sorgen hier die französischen NOVELISTS für erfrischenden Progressive Metal(core), DOWNFALL OF GAIA bieten musikalische Vielfalt der Dunklen Sorte dar. Überhaupt empfiehlt sich die zugegeben winzige Camel Stage während des viertätigen Festivals für musikalische Entdeckungen. Hier spielen eher unbekannte Bands. Gruppen außerhalb des Nischen-Mainstreams und jene, die sich gerade zielstrebig auf den deutschen Markt vortasten.

Die spielfreudigen Engländer von BURY TOMORROW luden am frühen Abend mit Metalcore zu Tanz, Mosh und Crowdsurfen. Foto: www.veitchphoto.com

Die T-Stage hat tagsüber meist Stile zu bieten, die auf -core enden, nachts wird der Menge mit Death und Black Metal der Schädel eingedroschen. Zu den Leckerbissen am Mittwoch gehären MANTAR, BURY TOMORROW, AGNOSTIC FRONT und VADER. Die zwei Hamburger von MANTAR entfesseln zu zweit einen doomigen Sound, für den anderen Bands mindestend doppelt so viele Musiker brauchen. Generell kann der Sound der T-Stage jedoch während des ganzen Festivals leider nie überzeugen. Bei BURY TOMORROW fällt das weniger ins Gewicht. Der Metalcore der Engländer beschwört rasch eine ausgelassene Circle Pit, die ersten Crowdsurfer springen in die Brandung. Sänger Daniel Winter-Bates, der mit jedem Album besser grunzt und faucht, ist zufrieden und lädt die Fans zum Meet&Greet nach der Show. Wie ein großes Meet&Greet fühlt sich der Auftritt der Hardcore Legenden von AGNOSTIC FRONT an, die seit über 30 Jahren nahezu unverwüstlich durch die Welt touren und die auch beim Summer Breeze viele Zuschauer hinter der Bühne anziehen. Ja, natürlich sind die New Yorker älter geworden. Doch wenn beim nicht totzuspielenden Hit “Gotta Go” das ganze Zelt mitgröhlt, dann steht die Zeit still.

 

Auch am Donnerstag herrscht zunächst ein für 2016 völlig ungewöhnliche Festivalwetter: Sonne satt. Das nun komplett geöffnete Gelände lädt mit zahlreichen Buden zu Speis, Trank, Merch und sonstiger Geldverschwendung ein. Wer will, kann sich bei einem Brandmeister das Summer Breeze Logo in den Geldbeutel brennen lassen, im Biergarten lässt sich abschalten und kostenloses WLAN einschalten. Tagesheadliner SABATON gewinnt schon mittags den inoffiziellen Preis für die höchste Bandshirtdichte. Die so gerne Krieg spielenden Schweden haben ihren eigenen Merch-Stand zum Festival mitgebracht und präsentieren ihr neues Abmum “The Last Stand”. 

Sabaton
Der Neuling “The Last Stand” von Sabaton stieg bei Erscheinen auf Platz 2 der deutschen Album-Charts ein. Sänger Joakim Brodén ließ beim Auftritt außer der Bühne nichts anbrennen.

Zum Mittag gehört die Main Stage aber den sympathischhen Progessive Metallern MONUMENTS, die sich bei strahlendem Sonnenschein sicher viele neue Fans erspielen. Dagegen wirkt EMMURE Sänger Frankie Palmeri mit latent gelangweilten Ansagen ein wenig abwesend, was der feiernden Menge aber ziemlich egal ist. Denn auch mit komplett ausgetauschten Musikern knallen EMMURE ihren typischen Hybrid aus Metalcore, Deathcore und manchereiner sagt sogar Nu Metal gnadenlos in die Pit.

AT THE GATES rockten auf der Main Stage in den Abend

Bessere Laune haben AT THE GATES, die mit einem routinierten Set beweisen, warum sie zu den (Melodic) Death Metal Pionieren gehören. Derweil haben OMNIUM GATHERUM, DEEZ NUTS und EQUILIBRIUM die benachbarte Pain Stage gerockt, die abends mit ASKING ALEXANDRA und FEAR FACTORY erst ein primär junges, und dann ein eher älteres Publikum begeistert. Beim Auftritt der Industrial Metal Veteranen verabschiedet sich das gute Wetter zugunsten von strömendem Regen. Die Fans harren aus und werden mit einem fantastischen Auftritt belohnt, der durch ein ausgewogenes Set und einem treffsicher singenden Burton C. Bell besticht. Allerdings versagt ihm die Stimme wiederholt beim Sprechen.

asking_alexandria
ASKING ALEXANDRIA servieren mit dem aktuellen Album “The Black” zunehmend poppigen Metalcore für Impericon-Jünger.

 

Fear_Factory_160817_TG_007
Markante Silhouette: Dino Cazares von FEAR FACTORY.

Zu den Entdeckungen auf der Camel Stage gehören am Donnerstag die Fun-Thrasher INSANITY ALERT aus Österreich (“Run to the Pit, Mosh for your Life”) und die 80ies-Spandex-Fetischisten STALLION mit der Extraportion Schnurrbart. Auf der T-Stage hinterlassen CATTLE DECAPITATION, STICK TO YOUR GUNS, ABBATH und THE BLACK DAHLIA MURDER Eindruck. Die Kanadier CATTLE DECAPITATION sichern sich dabei schon mittags den Holy Shit Award des Tages. Was ein Grind-Gebolze! Für die Partystimmung des Festivaldonnerstags geht es weniger überraschend zurück zur Main Stage, wo AIRBOURNE ihre Headliner-Position meistern.

Airbourne
AIRBOURNE

Der sonnige Freitag steht im bluttriefenden Stern einer Band, die neben den zum Himmel gereckten Teufelshörnern als Synonym für Heavy Metal steht: Slayer. Oder in der Fachsprache eines Festivals: Slaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaayer. Klingt sowohl geschrien als auch besoffen gelallt zudem viel besser als dämliche Helga-Gesuche.

Echte Rocker essen schwarz
Echte Rocker essen schwarz



WEITER

 Am Headliner dürfte es auch liegen, dass deutlich mehr (Tages)Besucher auf dem Festivalgelände unterwegs sind, überfüllt ist es erfreulicherweise nie. Richtig voll ist allerdings das Zelt der T-Stage beim Auftrit von ARKONIA, was die die russischen Folk Metaller selbst zu überraschen scheint. Daneben kann die T-Stage am Freitag mit THE WORD ALIVE, NASTY, COHEED AND CAMBRIA, UNLEASHED und H2O unterhalten. Wer am Freitag allerdings nach 17 Uhr spielt, konkurriert mit den publikumsträchtigen Bands der Pain Stage – darunter SOILWORK, MASTODON, EISBRECHER sowie SATYRICON – und der Main Stage mit ARCH ENEMY, CARCASS und natürlich SLAYER.

Arch_Enemy
Die Besetzung mag Kalkül sein, doch ARCH ENEMY um Frontfrau Alissa White-Gluz treiben die Menge an und animieren zahlreiche Crowdsurfer.

 

Mastodon
Die Show der Ausnahmemusiker MASTODON litt ein wenig unter unklarem Sound.

 

eisbrecher
EISBRECHER sind wie immer zu Scherzen aufgelegt und posen für ein Bild, damit das Publikum nach der geknipsten Trophäe endlich das Smartphone wegpackt.

 

Slayer_20160819_PK047
SLAYER sind SLAYER sind eben SLAYER. Ob man ihre Verehrung teilt oder nicht, Respekt hat die einflussreiche Band um Tom Araya und Kerry King (Bild) auch für den Auftritt beim Summer Breeze verdient, der am Samstag bei zahlreichen Besuchern für eine verspannte Nackenmuskulatur und Stimmverlust verantwortlich sein dürfte.

 

Satyricon
Auch wenn SLAYER eben SLAYER sind, empfiehlt sich ein anderer Genrepionier als Tageshöhepunkt: SATYRICON spielen eine Jubiläumshow zu ihrem 1996 erschienenen, stilprägenden Black Metal Album “Nemesis Divina”. Für das maschinengewehrartige Schlagzeugspiel fordort Sänger Satyr zurecht Extraapplaus.

 

Der Samstag lässt sich auf der T-Stage mit dem sympathischen Horrorpunk von THE OTHER hervorragend beginnen. Im Anschluss findet sich auf der Pain Stage mit UNEARTH weiterer Schwung, auf der Camel Stage empfehlen sich die Kanadier NIM VIND vor allem Fans von MISFITS und VOLBEAT. Parallel bespielen die laut Festivalbooklet fast schon zum Inventar gehörenden SUBWAY TO SALLY die Main Stage.

Subway_To_Sally
Haben dem Summer Breeze das Lied “Schwarzes Meer” gewidmet: SUBWAY TO SALLY

Weniger angenehm ist der feine Duft von Scheiße, der am Samstag über das Festivalgelände weht, das Wetter zeigt sich ebenfalls nicht mehr ganz so freundlich. Vorsorglich werden Hinweise zum Verhalten bei Unwetter auf den Videoleinwänden eingeblendet. Das verunsichert einige Besucher, dennoch ist diese Vorgehensweise gerade mit Blick auf das Festivaljahr begrüßenswert. Die Pain Stage bekommt heute passenderweise Besuch vom vielbeschäftigten Peter Tägtgren, der mit PAIN viele Zuschauer findet. Wirklich überspringen will der Funke allerdings nicht, doch es macht Spaß, wie etwa die technisch leicht angestaubten Lieder vom 1999er Album „Rebirth“ live noch immer Kraft entfalten.

Put your Horns up

Womöglich pflegen die Wettergötter einen infantilen Humor, denn zum Auftritt von STEEL PANTHER wird es dank Regen feucht-fröhlich. Die US-Amerikaner machen eher Stand-up-Comedy als Musik und schaffen es mit ihrem von pubertären Wichsphantasien beseeltem Glam Rock zahlreiche Mädels auf die Bühne zu holen, von denen einige begeistert ihre Brüste entblößen. Die Band gibt dazu Songs wie „17 Girls in a Row“ und „Gloryhole“ zum Besten und kommentiert mit „German chicks are easy“. Die Menge lacht und tatsächlich ist die vor Selbstironie triefende Show teilweise sehr, sehr lustig. Aber eben auch plump, zum Fremdschämen und letztlich zwiespältig aufzunehmen. Insofern ist eine Portion NAPALM DEATH auf der T-Stage die richtige Zutat für eine ausgewogene Beschallung. Nahe am Geräusch ballert die Band pure Aggression ins Publikum, Sänger Mark Greenway (“Some of you feel a little bit shellshocked”) wetzt dazu gewohnt wie ein wilder Stier über die Bühne und vermittelt sein Weltbild, das etwa ohne Grenzen auskommt. “Nazi Punks Fuck Off” schreit das ganze Zelt mit. Gut.

Steel_Panther
Zeigt mir eure Titten! Die Musik tritt bei STEEL PANTHER zeitweise komplett in den Hintergrund. Dafür spielt Gitarrist Satchel (Bild) bei einem Solo Metalklassiker inklusive Kickdrum

Wer auf die heiß ersehnten PARKWAY DRIVE vor der Main Stage wartet, hat es derweil schwer. Einerseits hat der Regen zugenommen und ergießt sich in Strömen auf das Festivalgelände, andererseits können sich hier nur wenige mit der Musik der noch auf der benachbarten Pain Stage spielenden Blues Rocker BLUES PILLS anfreunden. Als die sympathischen Australier PARKWAY DRIVE endlich die Bühne betreten, schaltet das Publikum angefeuert von Frontman Winston McCall umgehend in den Ausnahmezustand. Es ist noch immer kaum zu glauben, wie groß diese Band in den letzten fünf Jahren geworden ist und sich trotzdem ihre Underdog-Mentalität bewahrt hat. Musikalisch wird Breakdown um Breakdown in die Pit gehämmert, die Menge springt sich glücklich und vergisst den Regen, zum Abschluss zündet beatgenau ein Feuerwerk.

Parkway_Drive
Die Show von Samstag-Headliner PARKWAY DRIVE zauberte vielen Fans ein Lächeln ins Gesicht.

Zum 20-jährigen Jubiläum im nächsten Jahr hat das Summer Breeze bereits diverse Specials und Überraschungen angekündigt. Wir sind gespannt. Der Vorverkauf für das Summer Breeze 2017 vom 16. bis 19. August hat bereits begonnen. Auf www.sbtix.de erhaltet ihr bis zum 31. Januar 2017 das Festivalticket zum Frühbucherpreis von 99,- € inklusive Camping und Vorverkaufsgebühr.
(Christian Daumann)

 

© Bilder der Bands: Summer Breeze