05/08/2018

Festivalbericht Amphi 2018: So war es am Kölner Tanzbrunnen

Die längste Mondfinsternis des 21. Jahrhunderts läutete 2018 eines der beliebtesten Festivals der schwarzen Szene ein. Im ausverkauften Kölner Tanzbrunnen feierten beim Amphi 12.500 Besucher mit 42 Bands auf drei Bühnen. Die DEADLINE war wie in den Vorjahren als Medienpartner dabei und schwitze an zwei heißen Tagen in entspannter Atmosphäre. Wieder einmal bewiesen die Festivalbesucher, wie bunt schwarz sein kann. Grufties, Gothics, Metalheads, (Dark-)Waver, BDSM-Anhänger, (Steam-)Punks, Cybergoths, Mittelalter-Fans, Crossdresser und Musikliebhaber ohne jeden optischen Szenebezug.

Deadline-Gruesse-Amphi

Bereits am Samstagmorgen ist es unglaublich heiß und die vom Festival zur Verfügung gestellten Trinkwasserstellen haben Hochkonjunktur. Die vorherrschend schwarze Festivalgarderobe setzt Salzränder an. Wer nicht allein aufgrund der Temperaturen transpiriert, wird das aufgrund der schweißtreibenden Musik rasch nachholen. Denn nicht nur die Sonne knallt, sondern auch [X]-RX. Die Aggrotecher bezeichnen sich selbst als die Hausband des Amphis und rufen scherzhaft “Wie gefällt es euch bei uns zu Hause?” in die Menge. Tanzbare Beats und simple, aber effektive Parolen gehen dem Publikum zur frühen Stunde gut rein. Es herrscht Partystimmung. Es wird getanzt und geklatscht, wie bei vielen Acts an diesem Festivalwochenende.

[X]-RX

Rockig wird es mit UNZUCHT, die das Publikum bei Laune halten. Die Menge mag etwas bewegungsarm erscheinen, doch die Fans haben Spaß und gehen auf Sänger Daniel Schulz ein. “Geile Scheiße, Amphi!”, ruft der und scherzt bei der Zeile “Kälte kann so erbarmungslos sein” mit einem: “Hitze aber auch”. Im Set hat die Band auch die Single “Nela” vom neuen Album “Akephalos”. Schlagzeug und Gitarren preschen gut nach vorne, der elektronische Teil des Lieds animiert das Publikum umgehend zum Klatschen.

“Geile Scheiße, Amphi!”

Derweil bildet sich vor dem Theater eine lange Schlange, wie im Übrigen auch vor den meisten (Damen-)Toiletten. Die Theaterbühne verwöhnt mit angenehmer Raumtemperatur und – Affinität vorausgesetzt – dem Harsh-Electro-Gewitter von CENTHRON. Mit wummernden Live-E-Bass und provokanten, geschrieenen Texten gehört die Spalter-Band zu den härtesten des Tages. Beim Amphi hat sie viele Fans, und das Theater platz aus allen Nähten: die Security verhängt Einlassstopp.

CENTHRON

Ebenfalls elektronisch, aber musikalisch vielseitiger geht es bei AESTHETIC PERFECTION zu. Die Zuschauermenge zeigt, dass Amphi-Dauergast Daniel Graves durchaus einen späteren Slot verdient hätte. Der sympathische Künstler verzichtet heute auf Gesichtsbemalung und überlasst das seinen Gastmusikern von COMBICHRIST. Neben Keyboarder Elliot Berlin sitzt Joe Letz an den Drums. Graves’ eigenwilliger, heiserer Gesang wirkt bei einigen Songs leicht angeschlagen, der Stimmung vor und auf der Bühne schlägt das jedoch nicht auf die Stimme. Band und Publikum haben Bock. Schon zu Beginn gibt es Hits wie “The Great Depression”, die Setlist insgesamt lässt kaum Wünsche offen und beweist, dass auch ein N’SYNC Cover beim Amphi funktionert. Das freut den grinsenden Daniel Graves.

“Bye Bye Bye” heißt es für AESTHETIC PERFECTION auf dem Amphi sicher noch lange nicht.

Aufgrund von Niedrigwasser musste die Orbit Stage auf dem Eventsschiff MS Rheinenergie auch in diesem Jahr ans andere Rheinufer wechseln. Der Shuttle-Service funktionierte gut, dennoch musste Zeit eingeplant werden, um das Konzert der Wahl nicht zu verpassen. Bei einer Band wie SOVIET SOVIET wäre das ärgerlich. In Jeans und T-Shirts gekleidet will die Post-Punk-Band aus Italien optisch so gar nicht ins Bild des Amphis passen. Damit rückt die atmosphärische Musik noch stärker in den Vordergrund und die ist trotz anfänglicher Soundprobleme hervorragend. Sänger und Bassist Andrea Giometti dominiert mit Stimme und Instrument, sein Bass bringt Schwung ins Publikum. Seine Bandkollegen an Schlagzeug und Gitarre wirken unscheinbar und so steht auch hier ganz die Musik im Mittelpunkt. Eine Klangwelt zum Abrocken und Eintauchen. Toll!

 

Zurück am Tanzbrunnen reist das Amphi mit Orchestral Manoeuvres in the Dark aka OMD zurück in die 1980er. Eine riesige Zuschauerschar hat Lust auf Nostalgie und tanzt und singt zum Hitfeuerwerk der 1978 gegründeten Band, die direkt mit “Enola Gay” startet. Sänger Andy McCluskey (59) wirbelt seine Arme umher bis sie drohen aus den Gelenken zu springen.

OMD

Wem verträumtes Schwofen zu wenig ist, kann im Anschluss zu Tagesheadliner ASP die Pommesgabeln auspacken und die Nackenmuskulatur trainieren. Die Band war schon lange nicht mehr beim Amphi und heizt dem ohnehin schwitzenden Publikum mit “Kokon” und Pyroshow ein. Dichter Nebel vor einem Schmetterlings-Backdrop sorgt für Atmosphäre, die Band hat die Menge sofort im Griff. Wenn Frontmann Alexander Spreng, der noch immer den Wahnsinn in der Stimmte trägt, das Publikum animiert, machen alle mit. Dennoch wünscht man sich etwas mehr Action.

ASP

Während der erste Festivalabend auf dem Gelände ausklingt, werden die letzten Einkäufe getätigt – gefühlt waren dieses Jahr weniger Händler vertreten – und Drinks in der Beach Bar gekippt. Die Aftershow-Party ruft. Doch auch auf der Straße lässt sich feiern, wo eine Gruppe Fans ein eindrucksvolles Soundsystem aufgebaut hat und das Rheinufer beschallt.

Amphi Beach Bar
So geht es doch auch …

Der zweite Festivaltag fordert die Schweißporen mit schwüler Hitze und knackigem Synthpop von NEUROTIC FISH heraus. Schon zur Mittagszeit ist die weitläufige Fläche vor der Main Stage gefüllt, die Stimmung ist ausgelassen. Die beliebte Band steht mit ihrem unprätentiösen Auftritt im Kontrast zum Publikum und präsentiert einen neuen Track vom kommenden Album. “Und?”, fragt Sänger Sascha Mario Klein im Anschluss und spricht dabei zu Freunden.

NEUROTIC FISH



WEITER

Den nächsten Leckerbissen serviert das Amphi mit PRIEST. Das schwedische Trio aus Sänger Mercury, Salt (Synthesizer, Drums, Ableton Live) und Sulfur (Synthesizer, elektronische Percussions) beschreibt seinen mit EBM-Anleihen versetzten Synthpop als in den Weiten elektronischer Träume verwurzelt. Was sich zugegeben reichlich pathetisch liest, erklingt beim Hören durchaus plausibel und erschafft den Soundtrack für den Film im Kopf. Die Band tritt zum ersten Mal beim Amphi auf und das mit Vorschusslorbeeren. Das liegt einerseits am gelungenen Debutalbum “New Flesh” (2017) und andererseits am mysteriösen Bandkonzept, bei dem Ex-Ghost Mauro “Airghoul” Rubino als Produzent die Finger im Spiel hatte. Die im Vergleich zur poppigen Musik düstere Optik gehört bei PRIEST dazu. Salt und Sulfur sind in schwarze Lederjacken im Bikerstil gekleidet, darunter weiße Hemden, schwarzer Schlips. Auf den Köpfen thronen Pestmasken. Sänger Mercury trägt zur Priesterrobe eine mit Nadeln besetze Ledermaske und erinnert an Pinhead aus Clive Barkers HELLRAISER. Die bisher beste Lightshow des Amphis taucht die rauchgeflutete Bühne in Blau, Rot und grelles Weiß, von der Decke schießen Stroboskop-Blitze herab. Im Publikum mag heute noch etwas Platz sein, doch PRIEST schart bereits eine Gemeinde um sich. Die Band gewinnt heute neue Anhänger und war sicher nicht zum letzten Mal beim Amphi.

PRIEST

Auf der Main Stage bleibt es elektronisch, aber mit einem mittelalterlichen Twist. Die 1992 gegründeten QNTAL gehören zu den Pionieren dieser musikalischen Melange und agieren am Amphi-Sonntag souverän. Der sonst immer gut gefüllte Platz vor und neben der Bühne zeigt aber vergleichsweise viele Lücken. Vielleicht, weil sich Besucher für den anschließenden Auftritt von SOLAR FAKE stärken?

Kein Amphi ohne Sven. Gefühlt das ganze Amphi will den Auftritt von Friedrichs Electro-Act SOLAR FAKE sehen, vor und auf der Bühne herrscht gute Laune. Die Fans tanzen, johlen und beklatschen jeden Song, darunter auch die Single vom neuen Album, das Friedrich ankündigt. Den Hit “More than this” singt das Publikum alleine weiter, das EDITORS-Cover “Papillon” kommt ebenfalls sehr gut an. Das analoge Live-Schlagzeug – vor Jahren fast Alleinstellungsmerkmal von COMBICHRIST – ist eine gute Ergänzung für SOLAR FAKE, derweil ist das Keyboard mehr Requisit als Instrument.

SOLAR FAKE

Bei AGONOIZE ist das eher umgekehrt, wo das Live-Elektro-Schlagzeug gefühlt verpufft. Das juckt aber niemanden. Die von ihren Fans verehrte Spalterband schmettert ihre bassgewaltigen Hits umgehend ins riesige Publikum. “Femme Fatale”, “Staatsfeind”, “Schaufensterpuppenarsch”, “Koprolalie” – alles da. Puppen von Angela Merkel und Donald Trump gehören genauso zur Show wie blutiges Make-Up – sonst aber keine der üblichen Goreeinlagen. Mit Blick auf anwesende Kinder ist das sicher keine schlechte Vorgabe des Festivalveranstalters, doch viele Fans sind enttäuscht. AGONOIZE nehmen es mit Humor und holen die Blutfee auf die Bühne, die im rosa Morphsuit umhertanzt und eine Klobürste in ein Eimerchen mit roter Farbe taucht. Infantile Provokation oder ungezügeltes Gesamtkunstwerk? Auch hier gilt: Lieben oder Hassen.

AGONOIZE

Auch die Crossover-Veteranen GIRLS UNDER GLASS können sich nicht über mangelndes Interesse beklagen, selbst wenn die hinteren Zuschauerreihen wohl eher vor AGONOIZE geflüchtet sind. Weiter vorne hüpfen die Fans Arm in Arm, nehmen sich auf die Schulter und feiern GIRLS UNDER GLASS, die ihren Anhängern vor allem mit den ganz alten Stücken eine große Freude bereiten.

GIRLS UNDER GLASS

Auf der Orbit Stage der MS Rheinenergie, wo Passanten irritiert-interessiert den Festivalbesuchern hinterherstarren, haben sich GRAUSAME TÖCHTER angekündigt. Das Electro-Projekt um Aranea Peel, deren Texte sich um Sex und Geschlechterrollen, Sadomasochismus oder die Absurdität des Alltags drehen, hat viele Zuschauer an Bord gelockt. Auch Fotografen sind zahlreich erschienen. Denn es gibt viel zu Schauen bei GRAUSAME TÖCHTER und das obwohl die Truppe die BDSM-Einlagen zurückgeschraubt hat und eine für ihre Verhältnisse jugendfreie Vorstellung liefert. Peel und Bandkolleginnen sind spärlich bekleidet, schwarze Streifen kleben auf ihren Brustwarzen, der einzige Kerl sitzt im Hintergrund am Schlagzeug.

Amphi-Grausame-Toechter

Die Musik – schnell, verspielt, tanzbar – kommt größtenteils vom Band, auch wenn Cello und Gitarre einige Songs unterstützen. Live sind GRAUSAME TÖCHTER mehr Performance-Act als Band. Peel führt mit weit aufgerissenen Nina Hagen Augen durch die Show, die mit einer bandagierten Sklavin beginnt. Blut läuft aus deren Mund. Uneingeweihte im Publikum wissen noch nicht so recht, wie sie reagieren sollen. Ist das gut? Peinlich? Provokant? Intelligent? Die wohl kalkulierte Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Im weiteren Verlauf hantiert Peel mit einer Pistole und richtet sie auf ihre Sklavin, die Frauen tanzen synchron zum schrägen “Fette Katzen” oder ahmen mit ihren Armen eine selbstverständlich das Männchen fressende Spinne nach. Viele Besucher diskutieren im Anschluss den Auftritt von GRAUSAME TÖCHTER, insofern alles richtig gemacht. Eingetrübt wird der positive Eindruck davon, dass auch Peels Gesang bisweilen den Eindruck von Playback hinterließ.

 

Es spricht im positiven Sinne für Headliner AND ONE, das sich deren Auftritt schlicht mit “AND ONE eben” beschreiben lässt. Die Band liefert ein kurzweiliges Best-of-Set, das von verblüffend wenig Kommentaren von Steve Nagavhi unterbrochen wird. Ein “Ihr seid doch Grufties, ihr wollt Party”, kann er sich aber nicht verkneifen. Außerdem leistet er sich eine Provokation, die man geschickt oder unüberlegt finden kann: “Wir sind AND ONE aus Ostberlin. Gebt mir ein A…Gebt mir ein D….Gebt mir ein O…Gebt mir ein L.” Danach erklingt der für seine Zeile “Deutscher sei stolz” missverstandene Hit “Steine sind Steine.” Das Publikum jubelt – aber ob jeder genau zugehört hat?

AND ONE

Zum Abschied gönnen sich zahlreiche Besucher einen letzten Drink in der Beach Bar. Eine Gruppe Schweden singt zur Musik aus dem Bluetooth-Lautsprecher. PRIEST, AND ONE und dann – natürlich – DEPECHE MODE. Immer mehr Festivalbesucher singen mit. Zu VNV NATIONs “Nova (Shine a Light On Me)” packen alle ihre Smartphones aus und machen die Taschenlampen an. Wie bei einem Konzert der Band, die in diesem Jahr ausnahmsweise nicht beim Amphi gespielt hat. Gänsehaut. Am gegenüberliegenden Rheinufer wird ein Feuerwerk gezündet und den glücklichen Gesichtern ist egal, ob es überhaupt zum Festival gehört.

 

(Christian Daumann)

 

 

Zum 15-jährigen Jubiläum am 20./21. Juli 2019 hat das Amphi bereits NITZER EBB als erste Band bestätigt. Der Vorverkauf hat schon begonnen. Ab sofort sind die Amphi Festival Tickets daher zum regulären Preis von € 87,00 inkl. Vorverkaufsgebühren zzgl. Versandkosten im Amphi Shop unter www.amphi-shop.de erhältlich. Ebenfalls befinden sich nun die Kombitickets Amphi 2019 / E-tropolis 2019 zum Vorteilspreis im Verkauf.

Amphi Festival 2019

 

 

Weil man leider nie alles Bands sehen kann: Das war das Line-Up vom Amphi Festival 2018.

 


 

Für diesen Beitrag hat uns Monkeypress-Fotograf Peter Bernsmann einige seiner Bilder zur Verfügung gestellt. Dafür herzlichen Dank.

 

Vielen Dank ebenfalls an Amphi-Fotograf Patrick Beerhorst für das Header-Bild auf der Übersichtsseite.