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02/09/2020

FANTASY FILMFEST 2020 – DIE GROSSE VORSCHAU

FANTASY FILMFEST 2020 – DIE GROSSE VORSCHAU

34. FANTASY FILMFEST – 5 Tage – 21 Filme – 7 Städte (9.9.–27.9.2020)

 

Berlin

09.–13.09.

Frankfurt

09.–13.09.

Hamburg

16.–20.09.

Köln

23.–27.09.

München

16.–20.09.

Nürnberg

16.–20.09.

Stuttgart

23.–27.09.

 

Mit jeweils einem Klick landet ihr auf dem Zeitplaner der Stadt.

 

DINNER IN AMERICA

Regie: Adam Rehmeier / USA 2020 / 106 Min.

Darsteller: Emily Skeggs, Kyle Gallner, Nick Chinlund, Pat Healy

Produktion: Ben Stiller, Bull Blumenthal, Stephen Braun

DINNER IN AMERICA

Erwachsen werden heißt, sich der Gesellschaft zugehörig zu fühlen und akzeptiert zu werden für das, was man ist: ein individuelles Wesen. Simons (Kyle Gallner) und Pattys (Emily Skeggs) Leben bedeutet hingegen, tagtägliche Demütigung zu erfahren. Die konservative Provinz im Mittleren Westen hat für die beiden anscheinend keinen Platz. Simon, ein Draufgänger, Drogendealer und Sänger einer Punkband, lebt sein Leben ganz im Sinne des Nihilismus. Probleme mit der Polizei und Auseinandersetzungen mit Menschen in seinem Umfeld bestimmen seinen Tagesverlauf. Pattys Leben hingegen spielt sich im Verborgenen ab. Ihr unscheinbares Auftreten wird zum Gegenstand des permanenten Spotts. Ihre einzige Flucht aus der Erniedrigung findet sie in der Punkmusik. Als eines Tages Simon wieder vor der Polizei flüchten muss, ist es Pattys naive Art, die beide, so unterschiedlich sie wirken, zueinander führt. Was als Mittel zum Zweck beginnt, wandelt sich zunehmend zu einer romantischen Liebesgeschichte, in der Unterschiede viele Gemeinsamkeiten haben. Die erst zweite Regiearbeit von Adam Rehmeier lebt von einer äußerst glaubwürdigen und zugleich bizarren Inszenierung, in der die filmischen Kontraste sowie die beiden Protagonisten perfekt harmonieren. Die ersten 20 Minuten lassen den Zuschauer noch am Konzept zweifeln, alles wirkt überdreht und erinnert an nicht verwendete Szenen aus dem Film NAPOLEON DYNAMITE. Übersteht man diese Hürde, entfesselt der Film sein eigentliches Potenzial: das Zusammenspiel von Emily Skeggs und Kyle Gallner. Die Leichtigkeit ähnelt A STAR IS BORN, was auch an einer der schönsten Musiknummern der vergangenen Jahre liegen kann. DINNER IN AMERICA ist skurril und warm zugleich, urkomisch und gleichzeitig gesellschaftskritisch, Punkfilm und romantische Komödie in einem. (OLAF KUZNIAR)

Punk-RomCom. Skurril und herzlich.

 

BREAKING SURFACE

Regie: Joachim Hedén / Norwegen, Schweden, Belgien 2020 / 82 Min.

Darsteller: Moa Gammel, Madeleine Martin

Produktion: Jonas Sörensson, Julia Gebauer

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In vielen Genres hat sich der schwedische Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Joachim Hedén bereits bewiesen, doch mit seinem neuen Werk BREAKING SURFACE betritt er Neuland, stellt die Geschichte doch seinen ersten Ausflug ins Thrillergenre dar. Dem Thema seiner Vorgängerfilme, zerbrochene oder gestörte menschliche Beziehungen, bleibt er dennoch treu und lässt seine zwei Hauptfiguren in einer Extremsituation wieder zueinanderfinden.

 Im Zentrum stehen die Schwestern Ida (Moa Gummel) und Tuva (Madeleine Martin), die wie in jedem Winter gemeinsam auf eine Tauchtour gehen. Als es über ihnen zu einem Steinschlag kommt, ist Tuva am Boden des Sees eingequetscht, und nun liegt es an Ida, ihrer Schwester zu helfen sowie ihr Kindheitstrauma zu überwinden, dass sie Tuva einmal im Stich gelassen hat. Viel Zeit bleibt ihr nicht, denn jeder Tauchgang zehrt an ihren Kräften, und zudem geht ihrer Schwester langsam, aber sicher die Luft aus.

 Die Weite der Natur ist trügerisch, wird sie doch für die beiden Figuren des Films zu einer gefährlichen Falle, die sie und ihre Beziehung auf eine harte Probe stellt. Das minimale Setting optimal nutzend, erzählt Hedén von einem spannenden Wettlauf gegen die Zeit und gegen die Angst zu versagen, wobei er sich insbesondere auf seine zwei tollen Darstellerinnen verlassen darf, die ihre Rollen als Schwestern, die sich schon seit langer Zeit fremd geworden sind, sehr glaubhaft spielen, denn eigentlich erzählt Hedén eine Familiengeschichte über verlorenes Vertrauen, über Ängste und darüber, was es heißt, für den anderen da zu sein.

 BREAKING SURFACE ist ein sehr spannender Beitrag zum Genre Survivalthriller, der mit guten Darstellern sowie guten, glaubwürdigen Dialogen aufwarten kann. Als Zuschauer fiebert man jede Sekunde mit diesen zwei Frauen mit, die gegen die Zeit und die eigenen Ängste ankämpfen müssen. (Rouven Linnarz)

 Spannender, intensiver Kampf ums Überleben

 

AMULET

Regie: Romola Garai / Großbritannien, Vereinigte Arabische Emirate 2020 / 99 Min.

Darsteller: Carla Juri, Alec Secereanu, Imelda Staunton, Anah Ruddin, Ageliki Papoulia

Produktion: Maggie Monteith, James Wilkinson

AMULET

 

 Bereits im Januar durfte das Regiedebüt der englischen Schauspielerin Romola Garai auf dem Sundance Festival Premiere feiern und ist nun Teil des Line-ups für das diesjährige Fantasy Filmfest. Im Zentrum der Handlung von AMULET steht Tomas (Alec Secereanu), ein Ex-Soldat, der seine Erlebnisse aus dem Krieg am liebsten so schnell es geht vergessen würde und in England ein neues Leben beginnen will. Als man ihm das Angebot macht, in der Wohnung von Magda (Carla Juri) und ihrer kranken Mutter einzuziehen und im Gegenzug bei einigen Arbeiten am Haus zu helfen, nimmt Tomas sofort an. Ihr Heim ist nicht gerade im besten Zustand, denn überall zeigen sich Schimmel und Moder, was jedoch noch lange nicht das schlimmste Problem ist, denn Tomas findet heraus, dass Magda von ihrer Mutter misshandelt wird. Bei der Reparatur der Toilette im Haus findet er eine abscheulich aussehende Kreatur und kommt einem dunklen Geheimnis auf die Spur, denn Magdas Mutter ist alles andere als krank, sie scheint vielmehr mit bösen Mächten in Kontakt zu stehen.

 AMULET erzählt eine Geschichte, die mit vielen Verweisen auf Mythen und Sagen arbeitet, doch vor allem von Schuld, Kriegstrauma und dem Versuch, sich selbst zu verzeihen, berichtet. Während die erste Hälfte sich vor allem der Beziehung Magdas zu Tomas widmet, vor allem seinen Erlebnissen aus dem Krieg, entwickelt sich AMULET in der zweiten Hälfte zu einem mit vielen Ekel-Effekten ausgestatteten Horrorstreifen. In Zusammenarbeit mit Kamerafrau Laura Bellingham inszeniert Garai die Räume des Hauses als zunehmend klaustrophobisch wirkendes Gefängnis, eine Falle, aus der die Figuren nicht mehr entkommen können. Neben atmosphärischem Grusel darf sich der Zuschauer aber zudem über tolle Darsteller freuen, von denen vor allem die aus BLADE RUNNER 2049 oder FEUCHTGEBIETE bekannte Schweizerin Carla Juri zu überzeugen weiß als eine junge Frau, deren Naivität trügerisch sein kann. Übrigens könnt ihr Näheres über die Entstehung von AMULET im DEADLINE-Interview mit Romola Garai in der 83. Ausgabe erfahren. (Rouven Linnarz)

 Atmosphärisch und schauspielerisch überzeugend

 

DANIEL ISN’T REAL aka DER KILLER IN MIR

Regie: Adam Egypt Mortimer / USA 2019 / 100 Min.

Darsteller: Miles Robbins, Patrick Schwarzenegger, Sasha Lane, Mary Stuart Masterson

Produktion: Daniel Noah, Lisa Whalen, Elijah Wood

Daniel isn't real

 

Am Tatort eines Amoklaufs steht der achtjährige Luke schockiert vor einer Leiche. Dort trifft er auch Daniel. Der imaginäre Freund wird schnell zu seinem Spielkameraden und Vertrauten, doch er hat eine düstere Seite. Als Luke von Daniel angestiftet beinahe seine Mutter umbringt, schließt er den Störenfried an einem symbolischen Ort weg. Ruhe kehrt ein in Lukes Leben, er wird älter, geht aufs College. Doch etwas treibt ihn um. Also schlägt sein Psychiater vor, in seiner Vergangenheit nach Lösungen zu suchen. Luke befreit Daniel, und dieser schleicht sich erst verführerisch, dann immer bedrohlicher zurück in Lukes Leben. Und „imaginär“ reicht ihm nicht.

Regisseur Adam Egypt Mortimer haucht einem alten Topos wieder Leben ein. Wo sein Erstling SOME KIND OF HATE nicht so recht zu einem Ganzen wurde, ordnet Mortimer diesmal die Erzählung konsequent seiner Prämisse unter und lässt sich Zeit, seine Figuren zu entfalten. So baut er eine immense Spannung auf und liefert mit DANIEL ISN’T REAL einen verstörenden, enorm stimmigen Psychohorror ab. Die wenigen Effekte sind ungewohnt in ihrer Art und meist überraschend eingesetzt. Hervorzuheben ist zudem die exzellente Arbeit von Kameramann Lyle Vincent, dessen Licht in den Innenräumen ein konstantes Unwohlsein verursacht. Unterstützt wird dieses Gefühl vom scheißverstörenden Score des Briten Clark, der ab der ersten Minute gekonnt auf den Nerven des Zuschauers herumtrampelt.

Bemerkenswert ist, dass beide Schauspielsprösslinge keine Sekunde ein Gefühl von „Na ja, der Sohn von …“ aufkommen lassen. Patrick Schwarzenegger macht seine Sache als älterer Daniel gut, verharrt zwar manches Mal zu sehr in der Pose des Augenrollens, weiß aber stets Angst einzuflößen, wenn es darauf ankommt. Miles Robbins hingegen, Sohn von SHAWSHANK-Legende Tim Robbins, bringt als Luke diesen Film wahrhaft zum Leuchten und empfiehlt sich vor allem im letzten Drittel ausdrücklich für Höheres. (Timo Landsiedel)

 Verstörend stimmiger Psycho-Body-Horror

 

 

BECKY

Regie: Jonathan Milott, Cary Murnion / USA 2020 / 93 Min.

Darsteller: Lulu Wilson, Kevin James, Joel McHale, Robert Maillet, Amanda Brugel, Ryan McDonald, John McDougall u. a.

Produktion: Jordan Beckerman, Jordan Yale Levine, J. D. Lifshitz, Raphael Margules, Russ Posternak

BECKY

 

Das Leben macht der 13-jährigen Becky alles andere als Spaß. Vor Jahresfrist hat ihre Mutter den Kampf gegen den Krebs verloren, was bis heute an dem pubertierenden Teenager nagt, in der Schule ist sie eine Außenseiterin, und zu allem Überfluss schleppt sie ihr Vater nun auch noch mit auf einen Wochenendausflug ins familieneigene Haus am See. Dort angekommen, werden die Dinge nicht besser, als die neue Liebschaft ihres Vaters auftaucht und dieser Becky eröffnet, dass er wieder heiraten will. Etwa zur gleichen Zeit brechen ein paar besonders schwere Jungs aus einem Gefangenentransport aus und machen sich schnurstracks auf den Weg zu eben jenem Haus am See, da der Anführer der Gang dort vor Jahren etwas versteckt hat. Beckys Wochenende nimmt eine weitere Wendung hin zum Schlechten und verwandelt sich in ein blutrünstiges Katz-und-Maus-Spiel …

Was hier als relativ harmloses Coming-of-Age-Drama aus der Serie „Alles schon einmal dagewesen“ beginnt, entwickelt sich schnell zu einem fiesen Home-Invasion-Thriller mit knallharter Splatterkante! Lulu Wilson, die immer irgendwie aussieht, als könne sie kein Wässerchen trüben, macht in der Titelrolle eine rasante Metamorphose vom von Weltschmerz geplagten Teenager zur gnadenlosen Killer-Göre durch, die in allen Facetten überzeugt. Gleiches gilt für ihren Gegenpart, den eloquenten, sadistischen Ausbrecher Dominik, welcher von Kevin James so überzeugend gespielt wird, dass man als Zuschauer glatt vergisst, dass hier ein Comedystar (KING OF QUEENS, DER KAUFHAUS COP) am Werke ist! Abgerundet wird diese krude Mixtur schließlich durch eine ganze Breitseite von blutigsten Spezialeffekten, welche zwar nicht immer den physikalischen Naturgesetzen Folge leisten, dafür aber bei der Zielgruppe für deutlichstes Schenkelklopfen sorgen dürften! Unterm Strich macht dies alles BECKY zu einem absoluten Gewinner, und man darf schon gespannt sein, was das Regieduo Milott/Murnion als Nächstes aus dem Hut zaubern wird! (Elmar Berger)

 Kracher!

 

SPUTNIK

 

Regie: Egor Abramenko / Russland 2020 / 113 Min.

Darsteller: Oksana Akinshina, Pyotr Fyodorov, Fedor Bondarchuk, Anton Vasiliev

Produktion: Fjodor Sergejewitsch Bondartschuk, Wjatscheslaw Alexandrowitsch Murugow, Mikhail Vrubel, Murad Osmann, Ilya Stewart

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Das Böse lauert überAll: 1983, mitten im Kalten Krieg: Aus unbekannten Gründen stürzt ein sowjetisches Raumfahrzeug ab, und nur ein Astronaut (Pyotr Fyodorov) kehrt lebendig zur Erde zurück. Was ist nur passiert? Schnell wird klar, dass mit dem Astronaut Konstantin etwas nicht stimmt. Nach einigen Untersuchungen und Tests von Dr. Tatyana Klimova (Oksana Akinshina) in einer isolierten Militäreinrichtung gibt es eine Furcht einflößende Erkenntnis: Es ist noch etwas anderes, etwas Bösartiges, Grauenhaftes, mit dem abgestürzten Raumschiff auf die Erde gelangt …

 

 

 

 

 

Mit seinem alleinigen Regiedebüt SPUTNIK kreierte Regisseur Egor Abramenko gleich einen atmosphärisch dichten und spannungsgeladenen Sci-Fi-Horrorfilm. SPUTNIK ist ein klaustrophobischer Einblick in vielschichtige Charaktere mit jeder Menge Horror- und Thrill-Momenten. Die unkomplizierte und geradlinige Story schreitet unaufhaltsam voran, ohne dabei verwirrende Gefangene zu machen. Die russische Schwermut kommt gut zur Geltung, und man spürt in jeder Szene die Liebe zum Detail sowie zu den gut harmonierenden Figuren. Die Hauptdarsteller Oksana Akinshina (QUIET COMES THE DAWN), Pyotr Fyodorov, Fedor Bondarchuk (ATTRACTION 2) und Anton Vasiliev sind wirkungsvoll besetzt und überzeugen mit charismatischem Schauspiel. Das Kreaturendesign ist durchaus gelungen und reiht sich charmant in den eher sparsamen Look ein. Die gute und vor allem auf düster getrimmte Kameraarbeit vermittelt dem Zuschauer dennoch, an etwas Großem teilzuhaben, und kaschiert die geringen Produktionskosten (circa 2,6 Millionen Dollar) eindrucksvoll. SPUTNIK besticht mit Flair, charakterstarken Figuren und effektivem Gore-Einsatz. Manchmal bedient er sich recht plump bei bekannteren Genrevertretern, dies tut aber der Horror-Unterhaltung keinen Abbruch. Vielmehr macht dies auch einen kleinen Teil des Charmes des Films aus. SPUTNIK ist der Beweis, dass sich auch die B-Movies aus Russland nicht vor der A-Klasse Hollywoods zu verstecken brauchen. (Thomas P. Groh)

Atmosphärischer Science-Fiction-Thriller  

 

 

 

GET THE HELL OUT

Regie: I.-Fan Wang / Taiwan 2020 / 94 Min.

Darsteller: Bruce Hung, Francesca Kao, Megan Lai

Produzent: Han-Hsien Tseng

 GET THE HELL OUT

Ying-Ying hat ihr Leben lang darum gekämpft, Abgeordnete im Parlament zu werden. Seit ihrer Wahl kämpft sie gegen die Chemiefabrik, für die einst ihr Haus weichen musste. Diese Fabrik steht im Verdacht, ein Zombie-Virus produziert zu haben. Doch Ying-Ying steht fast machtlos dem ruchlosen Treiben der anderen Abgeordneten gegenüber. Als der kränkelnde Präsident vors Parlament tritt und sich in einen Zombie verwandelt, herrscht endgültig das Chaos. Mithilfe des linkischen Sicherheitsbeamten Wang, der bis über beide Ohren in sie verknallt ist, ihres Vater und einer resoluten Beamtin versucht Ying-Ying, es mit der wachsenden Zombie-Horde aufzunehmen und wieder aus dem Parlament herauszukommen.

Man muss kein großer Politikkenner sein, um sofort zu merken, wie sehr es der taiwanesische Regisseur I.-Fan Wang genießt, hier eine irre Parodie auf China abzufackeln, die ihresgleichen sucht. Die Abgeordneten sind fast allesamt Gecken, die nur auf mehr Geld aus sind, da herrscht Chaos wie im ukrainischen Parlament zu besten Zeiten – allerdings ohne die dort üblichen Handgreiflichkeiten –, und die regierungsnahe Chemiefabrik hat ein tödliches Virus ausgekocht, was diese schließlich durch die Sprengung des gesamten Parlamentes vertuschen möchte. Noch Fragen?

In knallbunten Farben und im Comic-Stil wird hier Sozialkritik vom Allerfeinsten in einem atemlosen Tempo abgefackelt. Das bunt zusammengewürfelte Team hat die Lacher der Zuschauer auf seiner Seite, wobei vor allem der ungehobelte Vater von Ying-Ying und die krebskranke Verwaltungsangestellte großartig sind.

GET THE HELL OUT führt den Politikern ihre wahren Fratzen im Zerrspiegel vor, wobei Ying-Ying für die kritische neue Generation steht, die sich nicht mehr von den Oberen verarschen lässt. Während China schon genaue Vorschriften ausgekocht hat, wie ein Science-Fiction-Film dort aufgebaut sein und wie gut die Regierung bei solchen Filmen wegkommen muss, zeigt Taiwan dem mächtigen Nachbarn mit solch wunderbaren Produktionen ein „Fuck you“ mit stolz erhobenem Mittelfinger.

Witzige Dialoge, Blutfontänen und dazu eine gehörige Portion Action, Kampfszenen und Zombies – mehr braucht man für einen unterhaltsamen Abend nicht.

GET THE HELL OUT beginnt mit dem weisen Zitat „Ein schlechter Film lässt dich 90 Minuten lang leiden – unter einer schlechten Regierung leidest du vier Jahre“. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. (Nicole Helfrich)

 Knallbunter Irrsinn

 

THE PERSONAL HISTORY OF DAVID COPPERFIELD

 Regie: Armando Iannucci / Großbritannien, USA 2020 / 106 Min.

Darsteller: Dev Patel, Jairaj Varsani, Aneurin Barnard, Peter Capaldi, Morfydd Clark, Daisy May Cooper, Rosalind Eleazar, Hugh Laurie, Tilda Swinton, Ben Whishaw, Paul Whitehouse

Produktion: Armando Iannucci, Kevin Loader

 COPPERFIELD

Eine Verfilmung von Charles Dickens auf dem Fantasy Filmfest? Das ist ungewöhnlich. Ungewöhnlich ist aber auch, was der für seine Satiren bekannte Regisseur und Co-Autor Armando Iannucci (DEATH OF STALIN) aus diesem Stoff gemacht hat. Wenn in dem Roman der junge Copperfield von seinem despotischen Stiefvater in eine Flaschenfabrik verbannt wird – mit Kinderrechten hatte man es nicht so im 19. Jahrhundert –, dann ist das einerseits der Auftakt für ein Leben voller Schicksalsschläge. Aber auch für ein Leben voller Komik. Der britische Filmemacher nimmt bei seiner Umsetzung des Klassikers diese humoristischen Vorgaben dankbar auf und spitzt das Ganze auf eine Weise zu, dass man nicht anders kann, als mit weit aufgerissenen Augen das Treiben auf der Leinwand zu verfolgen. So ist die Welt von Copperfield mit zahlreichen skurrilen Gestalten bevölkert, die alle ihre Spleens und Abgründe offen vor sich hertragen. Die wiederum werden zu einer Spielwiese für das durch die Bank fantastische Ensemble, das die jeweiligen Sonderbarkeiten pointiert zur Schau stellt. Ob nun Tilda Swinton einen tierischen Kleinkrieg führt, Peter Capaldi auf warmherzige Weise jeden anbettelt, Hugh Laurie einen eigenen Verfolgungswahn pflegt oder Aneurin Barnard und Ben Whishaw jeweils auf ihre Weise verschlagene Antagonisten geben, jeder Einzelne von ihnen bleibt einem in Erinnerung. Und das muss man erst mal schaffen bei einem Film, der in einem Affenzahn durch die Geschichte rauscht: Die Komödie springt von Ereignis zu Ereignis, von Person zu Person, bis einem schon mal etwas schwindlig werden kann. Dazu trägt natürlich die episodenhafte Geschichte des als Fortsetzungsroman veröffentlichten Buches bei, die sich in erster Linie der Entwicklung der Hauptfigur verschrieben hat, weniger einem roten Faden. Manchmal ist das etwas verwirrend, macht aber auch den Charme eines märchenhaften Films aus, der alles begeistert in sich aufnimmt, mit einem unerschütterlichen Glauben daran, dass am Ende alles gut ausgehen kann, selbst wenn es nicht wirklich Sinn ergibt. (Oliver Armknecht)

 Märchenhaft-skurrile Adaption des Klassikers

 

 RELIC – DUNKLES VERMÄCHTNIS

Regie: Natalie Erika James / Australien 2020 / 89 Min.

Darsteller: Emily Mortimer, Robyn Nevin, Bella Heathcore u. a.

Produktion: Jake Gyllenhal, Anthony Russo, Joe Russo u. a.

 RELIC

Als die verwitwete Edna verschwindet, machen sich ihre besorgte Tochter (Emily Mortimer) und die Enkelin (Bella Heathcote) sofort auf den Weg zu ihr. Die alte Frau taucht bald wieder auf, verhält sich aber immer seltsamer. Von der Edna, die Kay und Sam kannten, scheint nur noch die äußere Hülle übrig geblieben zu sein. Ist es die wesensverändernde Krankheit allein, oder hat auch eine übernatürliche böse Macht Einzug in das Leben der drei Frauen gehalten?

Beschäftigt sich ein Film mit Themen wie Trauer, Verlust und Krankheit, liegt das Genre Drama auf der Hand. In den letzten Jahren haben Beiträge wie THE BABADOOK oder HEREDITARY aber eindrucksvoll bewiesen, dass auch das Horrorgenre für die filmische Auseinandersetzung mit diesen Themen geeignet ist. Statt auf lauten Schock setzten diese neuen intelligenten Horrorfilme eher auf Metaphern und Allegorien. So ist auch RELIC regelrecht durchzogen von symbolschwangeren Bildern, und diese funktionieren ausnahmslos überzeugend. Die Regisseurin Natalie Erika James verarbeitet mit ihrem Regiedebüt Erfahrungen, die sie selbst in ihrem familiären Umfeld mit Demenz gemacht hat. Wahrscheinlich gelingt es ihr gerade daher, so nah und intensiv dran zu sein und den Kampf mit der Krankheit so authentisch zu bebildern. RELIC punktet zudem mit einem stark aufspielenden Cast: Die drei Hauptdarstellerinnen scheinen völlig mit ihren Rollen verschmolzen zu sein und verkörpern drei Frauen aus verschiedenen Generationen eindrucksvoll facettenreich. Hoch anrechnen sollte man RELIC zudem, wie ernst er seine Zuschauer nimmt und wie konsequent er in seiner Umsetzung ist – zwei Aspekte, die von modernen Horrorfilmen zu häufig umgangen werden. Hier fügen sich die Versatzstücke eines tieftraurigen Dramas mit den atmosphärischen Momenten einer klassischen Geisterhausgeschichte zusammen und ergeben einen intensiven wie gefühlvollen Film, der seinen Rezipienten wirklich fordert. Ob am Ende die Trauer oder doch der Grusel überwiegt, muss jeder für sich selbst entscheiden. Chapeau! (Laura Freialdenhoven) 

Eindringlicher Horror auf leisen Sohlen!

 

 

FRIED BARRY

Regie: Ryan Kruger / Südafrika 2020 / 99 Min.

Darsteller: Gary Green, Chanelle de Jager, Bianka Hartenstein, Sedick Tassiem, Sean Cameron Michael, Jonathan Pienaar, Reese Dettmer

Produktion: Ryan Kruger, James C. Williamson

 FRIED BARRY

Vor drei Jahren drehte Ryan Kruger einen Kurzfilm gleichen Namens. In dreieinhalb Minuten durchlebte damals Gary Green als Barry mit Körper und Geist einen Drogenrausch, seine verschobene Wahrnehmung wurde in eine Bild- und Soundflut übertragen. Jede Einstellung des Films ein Anschlag auf den Zuseher. Dies hat sich auch in der nunmehr 99-minütigen Version nicht wesentlich geändert. Diesmal gibt es allerdings so etwas Ähnliches wie eine Handlung. Barry (wieder Gary Green), drogenabhängig, sein Leben eine Katastrophe, verlässt Frau und Sohn. Er lässt sich durch Kapstadt treiben, bis er irgendwo den nächsten Schuss bekommt. Dann allerdings wird er von Aliens entführt, die an ihm Experimente durchführen. Wieder auf der Erde, ist Barrys Leben gar nicht so anders, er treibt durch die nächtliche Stadt, begegnet den unterschiedlichsten Personen. Was sich aber verändert hat, ist Barry selbst. Er beobachtet mit weit aufgerissenen Augen, ahmt nach, was er gesehen hat. Eigentlich eine bessere Barry-Version. Das zeigt sich, als er wieder bei seiner Familie landet, er gibt dem kleinen Sohn zu essen, küsst seine Frau, Dinge, die er vermutlich schon lange nicht mehr getan hat.

FRIED BARRY ist nach zahlreichen kurzen Filmen das Langfilmdebüt von Ryan Kruger, und es ist ein wirklich seltsamer Film geworden. Barry macht einer Prostituierten ein Kind, das diese zwei Minuten nach dem Zeugen zur Welt bringt, er kämpft mit einem verrückten Kindesentführer mit Motorsäge, kann Menschen heilen und landet in einer psychiatrischen Anstalt. Seltsame Blickwinkel, Zeitraffer, Rückprojektionen, zuckende Lichter, treibende Sounds und eine Wackelkamera, die den stärksten Zuseher ins Wanken bringt – die Inszenierung trägt ihren Teil dazu bei, dass man FRIED BARRY mehr fühlt als intellektuell verarbeitet. Das ist manchmal humorvoll, manchmal ziemlich eklig – und natürlich alles andere als ein Film für einen romantischen Abend zu zweit. Konsequent umgesetzt hat Kruger seinen Blick auf Kapstadt aber auf alle Fälle. (Christian Zechner)

Ebenso seltsame wie interessante Bild- und Soundflut

 

BRING ME HOME

Regie: Kim Seung-Woo / Südkorea 2019 / 108 Min.

Darsteller: Lee Yeong-ae, Park Hae-joon, Lee, Won-keun, Yu Jae-myeong

Produktion: Heo Jeong-Wook, Hwa-min Lim, Park Se-Joon

 BRING ME HOME

BRING ME HOME erzählt eine Geschichte von Verlust, Korruption und Gewalt. Dreh- und Angelpunkt bildet dabei Jung-Yeon (Yeong-ae Lee), die, zunächst gemeinsam mit ihrem Mann Myeong-Guk (Hae-Joon Park), nach ihrem vermissten Sohn sucht. Seit sechs Jahren ist der damals Sechsjährige spurlos verschwunden. Nach Jahren des erfolglosen Suchens und dem Unfalltod von Myeong-Guk führt ein Tipp die verzweifelte Frau in ein kleines koreanisches Fischerdorf. Dort stößt sie allerdings nicht nur auf weitere Hinweise, sondern auch auf Korruption und Gewalt.

Nur langsam entfaltet sich die Geschichte der Familie, deren Verlust und die Suche nach dem Jungen. Je weiter der Film allerdings fortschreitet, desto eindringlicher bebildert Regisseur Kim Seung-Woo die schiere Verzweiflung der Mutter. Mindestens genauso eindringlich wirkt dann die eingeschworene Gemeinschaft im Fischerdorf im Zusammenspiel mit der korrupten Polizei. Zentrale Themen dabei sind Vertuschung, Verschleppung von Kindern und deren Missbrauch. Gerade diese Szenen, in denen man Abscheu für das Verhalten der Antagonisten schürt, wirken lange nach, und man hofft auf ein gutes Ende. Ob das allerdings kommt, bleibt bis zuletzt ungewiss. BRING ME HOME schönt nicht, sondern erzählt sehr eindringlich und brutal vom Leidensweg eines verschollenen Jungen und seiner Eltern. Gerade die Hilflosigkeit der Mutter, als sie schließlich auf der scheinbar richtigen Fährte ist, ihr aber niemand helfen will (nicht einmal die Polizei), ist bedrückend und zerreißt den Zuschauer fast ob der schieren Fassungslosigkeit über solche Gegebenheiten. Gerade in der koreanischen Gesellschaft zählen der Schein und das eigene Vorankommen viel, häufig zu viel. Das wird spätestens klar, als Jung-Yeong im Fischerdorf mit Bildern nach ihrem Jungen sucht. Alle wissen, dass etwas Unrechtes geschieht, aber niemand will involviert werden. Das ist der wahre Horror, da er den Finger in die Wunde legt und zeigt, wie die Realität durchaus ausschaut – nicht nur in Südkorea.

Unbehagen beim Zuschauer ist beabsichtigt. BRING ME HOME ist auch deswegen ein großartiges, aber auch sehr schonungsloses Drama, was die Stimmung des Zuschauers garantiert nicht heben wird und will. (Sarah Schindler)

 Ein schonungsloses Drama

 

Weitere Filme:

BLOODY HELL
FANNY LYE DELIVER´D
INHERITANCE
MANDIBLES
PALM SPRINGS
PG: PSYCHO GOREMAN
POSSESSOR
THE RECKONING
SLAXX

 

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