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12/06/2018

EL MARIACHI UND RAIN MAN IN KARLSBAD – KVIFF MIT PFIFF + INTERVIEW MIT LAMBERT WILSON

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Von 29. Juni bis 7. Juli findet diesen Sommer zum 53. Mal das altehrwürdige, aber keinesfalls angestaubte, internationale Filmfestival im malerischen Karlovy Vary – zu Deutsch ‚Karlsbad‘ – statt. Im mittel- und osteuropäischen Raum gehört es zu den wichtigsten Festivals, begrenzt sich jedoch beim Programm keinesfalls regional. Zwar versucht man stets, besonders das heimische Kino und aufstrebende Filmemacher aus Mitteleuropa zu pushen, man sieht sich jedoch genauso z.B. dem asiatischen, nord- und südamerikanischen oder westeuropäischem Kino verpflichtet. Beim KVIFF kommt für den Cineasten einfach alles zusammen: ein traumhafter Kurort mit unzähligen, teils in Grandhotels und Opernsälen improvisierten Kinos, ein vielseitiges Programm und relevante Gäste. Im heißen Sommer guckt es sich im Kino gleich doppelt so gut und anschließend genießt man ein herrliches, eiskaltes tschechisches Bier. Das Publikum erscheint stets zahlreich, zieht sich angenehm durch alle Alters- und dank der fairen Preise auch Berufsschichten. Karlsbad liegt so nah der deutschen Grenze, dass ich mich jedes Jahr aufs neue wundere, warum nicht noch mehr Filmliebhaber wie ich sich auf die kurze Reise machen und Urlaub und Filmleidenschaft miteinander verbinden. 

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Im letzten Jahr begrüßte man auf dem KVIFF u.a. Uma Thurman, den gerade frisch mit dem Oscar bestückten Casey Affleck und den auch im Genrekino umtriebigen Lambert Wilson. Letzterer war so lieb und stand uns für einen Wortwechsler in James Bonds Lieblingshotel, dem ‚Pupp‘, zur Verfügung. Passend zur weiblichen Gesellschaft zeigte man unter traumhaftem Sternenhimmel im Open-Air-Kino KILL BILL – natürlich die volle Ladung. 

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Diesen Sommer erwartet man, neben vielen weiteren, die Filmemacher Richard Linklater und Barry Levinson. 

Linklater wird der große Gast anlässlich der Retrospektive zum texanischen Kino sein. Neben seinem Debütfilm SLACKER laufen auch Rodriguez’ EL MARIACHI und eine damals von Jonathan Demme kuratierte Kurzfilmreihe zur texanischen Punk- und New-Wave-Szene der 70er und 80er.

Eröffnungsfeier KVIFF

Levinson wird auf dem KVIFF einen Preis für sein Lebenswerk, das Filme wie RAIN MAN, BUGSY, SLEEPERS und den leider oft vergessenen SPHERE umfasst. Mit im Gepäck hat er sein brandneues, mit Al Pacino besetztes HBO-Drama PATERNO. Auf dem Festival zeigen wird man  neben seinem Oscarfilm RAIN MAN außerdem WAG THE DOG.

Man gedenkt und ehrt auch den verstorbenen Miloš Forman, der natürlich einen großen Einfluss auf das tschechische Kino hatte. Sein Film LOVES OF A BLONDE, entstanden, bevor es für ihn nach Hollywood ging, wird das 53. KVIFF eröffnen. Wenn man dann anschließend den prunkvollen Hauptsaal des Festivals verlässt, wird man draußen von einem Orchesterkonzert seiner Filmmusik empfangen.

Weiteres Highlight aus dem dichten Programm ist der Film NICO, 1988, über Andy Warhols Muse, den Hauptdarstellerin Trine IN CHINA ESSEN SIE HUNDE Dyrholm persönlich nach Tschechien bringt.

 

Wir sehen uns auf einen Beton (Becherovka und Tonic) in Karlovy Vary! Hier könnt ihr noch ein Interview mit Lambert Wilson lesen, der im letzten Jahr als Stargast eingeladen war.

 

(Leonhard Elias Lemke) 

Lambert Wilson

„Sean Connery machte mir Angst“ – im Gespräch mit Lambert Wilson

 

Lambert Wilson ist Schauspieler, Model für Calvin Klein, Sänger, Theaterregisseur, der Zeremonienmeister der Filmfestspiele in Cannes 2014 und 2015 und in Frankreich ein Superstar. Hierzulande muss man schon etwas genauer hinsehen, um ihn wiederzukennen, doch vermag er es immer, seine Charaktere mit einer eleganten Aura des Mysteriösen, mit charmanten Zügen im Zwielicht zu zeichnen.

Der Beinahe-Nachfolger von Roger Moore als James Bond wurde am 3. August 1958 in Paris geboren und studierte Schauspiel in London. Obwohl ihm sein Vater, ein bekannter Theaterregisseur, davon abriet, trat er in dessen Fußstapfen. Gleich in seiner ersten Rolle, in JULIA, spielte er gemeinsam mit Jane Fonda. Zu Beginn seiner Karriere war er an der Seite von Louis de Funès, unter Umberto Lenzi, als Liebhaber von Sophie Marceau in LA BOUM 2 und schon als Gegenspieler von Sean Connery zu sehen. Er wurde zu einem der Lieblingsschauspieler des großen Alain Resnais, brillierte unter Chabrol und Wajda. International erlangte er größte Bekanntheit als Merowinger in beiden MATRIX-Sequels. Vor Kurzem sahen wir ihn im gelungenen Remake von Mario Bavas RABID DOGS und als Tauchlegende Jacques-Yves Cousteau. 

Lambert Wilsons Filmografie ist so vielfältig wie das Kino selbst, und wir hätten uns gerne noch stundenlang mit ihm über den Autoren- und Genrefilm gleichermaßen auf dem Filmfestival in Karlovy Vary unterhalten – denn er ist nicht nur talentiert, sondern über die Maßen charmant und sympathisch. Und nein, über seine Rolle in CATWOMAN haben wir nicht gesprochen …

 

DEADLINE: Wie ist es für dich, hier in Karlovy Vary auf dem Filmfestival zu sein?

 

Lambert Wilson: Es ist gut, um zu wissen, wo man steht. Durch die Gespräche mit den Journalisten und die Reaktionen des Publikums auf den eigenen Film kann man die eigene Arbeit besser einschätzen. Dieser Austausch und die Resonanz sind sehr wichtig für einen Künstler. Vor allem, wenn man in Frankreich tätig ist. Wir haben eine für europäische Verhältnisse sehr große Filmindustrie und schaffen es dennoch selten, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und uns mit der Rezeption unserer Filme im Ausland zu beschäftigen. Dafür sind solche Festivals Gold wert. In Frankreich sind wir teilweise so bekannt, dass wir uns wie Brad Pitt fühlen und nirgendwo unerkannt hingehen können – dann überqueren wir die Grenze, und schon in Belgien kennt uns kein Mensch mehr!

 

DEADLINE: Dein Vater lebte immer für das Theater – wie bist du durch ihn ins Kino eingeführt worden?

 

Lambert Wilson: Er wollte eigentlich nicht, dass ich Schauspieler wurde, da er dies für einen zu harten Beruf für mich hielt. Ich denke, die meisten Eltern würden auf die gleiche Weise reagieren – sie wollen ihre Kinder vor zu großen Anstrengungen bewahren. Als Schauspieler wirst du nicht danach beurteilt, wer du bist, sondern wer du sein solltest. Du wirst ständig kritisiert. Mein Vater war vor allem Theaterregisseur, er war der Chef eines nationalen Theaters, er hat nur wenige Filme gemacht. Das Theaterumfeld war für mich dadurch allgegenwärtig. Damit bin ich aufgewachsen. Französisches Kino hat mich nicht besonders interessiert, ich sah mir als Kind lieber diese großen Katastrophenfilme aus den USA an. (lacht)

 

DEADLINE: 1989 hast du in einem Film unter deinem Vater Georges gespielt.

 

Lambert Wilson: Wir haben schon vorher oft zusammengearbeitet, ich habe Theater unter ihm gespielt. Aber unser gemeinsamer Film, LA VOUIVRE, ist die beste Erinnerung, die ich an meinen Vater haben könnte. Es war ein perfekter Sommer, die Arbeit am Film verlief reibungslos – es war wie in einem Traum. Als Vater und Sohn redeten wir kaum miteinander, aber beim Film gelang es uns, uns wirklich auszutauschen. Später, als er 87 war, war ich sein Regisseur in einem Theaterstück, in dem er für mich spielte. Jetzt, wo er tot ist, kann ich sagen, dass ich mit ihm kommuniziert habe. Nicht viele Söhne können das von ihren Vätern sagen. Unsere Beziehung war sehr hart, aber bei der gemeinsamen Arbeit haben wir viel miteinander geredet.

DEADLINE: Ich liebe italienische Genrefilme …

 

Lambert Wilson: Ich auch!

 

DEADLINE: 1979 hattest du einen kleinen Auftritt in Umberto Lenzis NUR DREI KAMEN DURCH.

 

 

Lambert Wilson: Das war einer der ersten Filme, die ich gemacht habe. Ich wusste nichts über Umberto Lenzi zu der Zeit. Ich war froh über jeden Job. Und in dem Film waren große Stars wie George Peppard und George Hamilton. Meine Aufgabe war es, als Widerstandskämpfer vom Eiffelturm zu springen. Leider regnete es sehr stark, und so konnte meine Szene nicht gedreht werden. Ich musste nach Cinecittà fahren, wo sie den halben Eiffelturm für meine Szene nachgebaut hatten. Das war für mich der Moment, in dem ich die Geschichte des italienischen Kinos leibhaftig erleben konnte. Cinecittà war so ikonisch, außerdem war ich mit meinem Vater als Kind als Tourist in Cinecittà. In diesem bizarren Film zu sein, in dem sie extra für mich dieses Riesenset gebaut haben, war unglaublich aufregend. Später lernte ich sehr gut Italienisch und machte viele Filme dort. Am meisten hat mich immer der Neorealismus interessiert, vor allem Fellini und Visconti. Ich würde gerne in den italienischen Filmen der 50er leben, vor allem in LA DOLCE VITA.

 

DEADLINE: Du hast zweimal mit Claudia Cardinale gearbeitet.

 

Lambert Wilson: Ja, in LA STORIA, den wir mit Luigi Comencini in Rom gedreht haben, und in HIVER 54, L’ABBÉ PIERRE. Sie ist eine wundervolle Person, und ich treffe sie immer wieder in Paris. Sie verkörpert die Geschichte des Kinos und war mit solch unglaublichen Stars zusammen. Aber wenn du sie triffst, ist sie die einfachste Frau auf der Welt. In LA STORIA spielte sie eine für sie sehr unkonventionelle Rolle, fernab des Glamours. 

 

DEADLINE: 1979 hast du auch Louis de Funès kennengelernt, bei LOUIS’ UNHEIMLICHE BEGEGNUNG MIT DEN AUSSERIRDISCHEN.

 

Lambert Wilson: Wie gesagt, am Anfang meiner Karriere nahm ich wirklich alle erdenklichen Rollen an. So hatte ich 1977 sogar schon eine gemeinsame Szene mit Jane Fonda in JULIA, und dann kam auch dieser Film mit Louis de Funès. Ich hatte keine gemeinsame Szene mit de Funès, aber ich musste bei ihm vorsprechen. Er war nicht der Regisseur, aber er nahm mich während des Drehs zehn Minuten beiseite, um meine Szene zu proben. Sein Make-up war orange, das weiß ich noch genau. Das Filmmaterial war damals nicht so empfindlich, also brauchte man sehr starke Farben, damit man etwas im Film sah. De Funès war privat überhaupt nicht lustig. Er war sehr entgegenkommend, aber vor allem sehr ernst. Es war nur ein ganz kleiner Part für mich, aber ich kann mich noch genau an alle Details erinnern. Nachdem ich verstanden hatte, was für ein Genie er war, wurde mir klar, dass der perfekte Schauspieler eine Kombination aus Cary Grant und Louis de Funès wäre. Die Mimik von de Funès und der Charme von Grant – unerreichbar.

 

DEADLINE: Bereits 1982 hattest du eine große Rolle an der Seite von Sean Connery in Fred Zinnemanns AM RANDE DES ABGRUNDS.

 

Lambert Wilson: Zinnemann war auch der Regisseur von JULIA, in dem ich meine erste kleine Rolle hatte. Er mochte meinen Auftritt und lud mich in sein Büro nach London ein. Dort fiel ihm auf, dass ich mich in den vergangenen vier Jahren sehr verändert hatte, und so zog er mich für eine größere Rolle in Betracht. Ich hatte Riesenangst vor Connery. Er war sehr hart zu mir. Er wollte mich testen, mit seinem schottischen Humor, seiner dominanten, maskulinen Art. Als Franzose war ich natürlich ein gutes Ziel für seine Späße. Er wollte sehen, ob ich seine Art von Humor verstand – aber ich war noch zu jung und schüchtern, um da mitzuhalten. Connery schüchterte mich ein, und das Gleiche galt auch für Zinnemann. Zudem gab es einige anspruchsvolle Kletterszenen im Film, die mir aber wiederum kaum was ausgemacht haben. Ich hatte so viel Angst vor den beiden, dass ich die Angst beim Klettern vergaß. Connery war so Furcht einflößend. Ich war 22 und sollte seinen Rivalen spielen – das war nicht leicht. Er war Sean fuckin’ Connery, James Bond, ein sehr guter Schauspieler! Ich weinte jeden Abend in meinem Hotelzimmer während des Drehs. Ich hatte Albträume. Erst als wir nach London gefahren sind, um noch Szenen im Studio aufzunehmen, wurde Connery entspannter. Ich glaube, er hasste die Zeit in den Bergen, weil er dort nicht Golf spielen konnte. In London war er auf einmal nett zu mir.

 

DEADLINE: Stimmt es, dass du beinahe Roger Moores Nachfolger als James Bond geworden wärst?

 

Lambert Wilson: Ja. Ich war einer der Kandidaten und wohl Barbara Broccolis Favorit. Ihr Vater hatte jedoch das Sagen und gab die Rolle lieber Timothy Dalton. Sie wollten schon damals gerne Pierce Brosnan, der aber aus anderen vertraglichen Verpflichtungen nicht rauskam. Wir trafen uns mehrmals, und dann machten wir Testaufnahmen im Studio. Eine der Szenen war im Bett, und ich spielte gemeinsam mit Maryam d’Abo vor, die schließlich auch den Part des Bond-Girls bekommen sollte. Es war alles schon sehr professionell, mit Licht, Make-up etc. Die andere Szene war eine Actionszene, für die es auch extra Stuntmen gab, und ich musste den entscheidenden Satz „Mein Name ist Bond, James Bond“ sagen. Nach den Tests habe ich wirklich daran geglaubt und mich darauf gefreut, doch dann bekam ich es auf einmal mit der Angst zu tun. Es ist gefährlich, so berühmt zu werden. Ich mag meine Freiheit. Ich möchte mich auch mal anonym in der Öffentlichkeit bewegen können. Das ist ein Menschenrecht. Als Star führst du ein aufregendes Leben, aber es ist auch sehr traurig. Wenn du Brad Pitt bist, kannst du nirgendwo mehr hingehen, ohne ständig angesprochen zu werden. Und genau das gilt auch für James Bond. Also war ich am Ende gar nicht so unglücklich, die Rolle nicht bekommen zu haben – ich ziehe persönliches Glück dem Starruhm vor.

 

DEADLINE: Deine Filmografie ist sehr vielfältig …

 

Lambert Wilson: Sie ist bizarr!

 

DEADLINE: Du hast in den verschiedensten Ländern, in den unterschiedlichsten Genres gespielt und dabei meist Nebenrollen bevorzugt.

 

Lambert Wilson: In Frankreich, wie vor Kurzem als Jacques-Yves Cousteau in JACQUES, spiele ich mehr Hauptrollen, international bekomme ich eher kleinere Parts. Mir ist die Geschichte wichtig. Wenn das Drehbuch gut ist, ist mir egal, ob ich eine Haupt- oder Nebenrolle bekomme. Hauptsache, ich bin dabei. Mein Job ist es, zu spielen. Mir gefällt es, mich zu verändern. Wenn man immer nur der Star eines Films ist, verfällt man sehr schnell in bestimmte Muster, wie das Publikum einen sehen möchte. Oft wirst du gecastet, um eine bestimmte Rolle zu wiederholen. Als Schauspieler überlebt man, indem man immer neue Charaktere präsentiert – oft in Nebenrollen, um dann wieder größere und gleichzeitig interessante Figuren spielen zu können. Man spielt nicht nur für das Publikum, sondern auch für die zukünftigen Arbeitgeber, die dich für einen Film verpflichten wollen. Ich habe zwei Vorbilder in Frankreich – sie sind beide Frauen: Catherine Deneuve und Isabelle Huppert. Sie spielen Hauptrollen, aber in gleichem Maße auch kleinere Parts. Sie möchten auch mit unerfahreneren, jüngeren Regisseuren arbeiten und ungewöhnliche, erfrischende Figuren darstellen. Sie experimentieren gerne. International ist mein Name für die Einnahmen eines Films kaum relevant – in Frankreich kann ich einen Film durch meinen Namen groß machen und ihm zu guten Zahlen verhelfen, aber eben nicht international. 

 

DEADLINE: Du hast für Autorenfilmer wie Alain Resnais, Claude Chabrol und Andrzej Wajda und gleichzeitig auch für Richard Donner in TIMELINE gespielt oder den Merowinger in zwei Teilen der MATRIX-Trilogie interpretiert. Mit welchen Filmen identifiziert dich das Publikum am meisten?

 

Lambert Wilson: Außerhalb Frankreichs werde ich natürlich immer mit MATRIX assoziiert. In Frankreich kommt es sehr auf die Art des Publikums an, woher sie mich kennen. Kinder kennen mich, weil ich Kinderfilme gemacht habe. Die arabischstämmige Bevölkerung unserer französischen Vororte kennt mich für den Film UNTERWEGS MIT JACQUELINE, der ein Riesenerfolg war. Wieder andere Leute kennen mich für wieder andere Komödien. Ich bin einer der Schauspieler, die in Frankreich sowohl von 10- als auch von 85-Jährigen wiedererkannt werden.

 

DEADLINE: Welche Beziehung hast du zu deinen Hollywood-Filmen?

 

Lambert Wilson: Die MATRIX-Trilogie ist etwas Besonderes für mich. Ich liebte den ersten Film so sehr, dass ich beim Vorsprechen für den zweiten unbedingt die Rolle wollte. Die Wachowski-Schwestern sind Autorenfilmer. Natürlich sind das Riesenstudiofilme, aber diesen liegen originelle Ideen zugrunde. Nach MATRIX RELOADED und MATRIX REVOLUTIONS wollten immer mehr amerikanische Studios mich in ihren Filmen als DEN Franzosen haben. Aber diese Rollen interessieren mich nicht wirklich. Ich fühle mich auch gar nicht wohl in Los Angeles und diesem ganzen Umfeld. In Filmen wie SAHARA bin ich der Böse, ein Nazi, ein Franzose, der seine Frau betrügt, usw. – das ist mir zu einseitig. Es gibt keine Hoffnung für französische Schauspieler in großen Studiofilmen. Am Anfang war es aufregend, aber ich habe immer noch Leidenschaft für unabhängige Filmemacher. Ich hätte gerne mit Paul Thomas Anderson, Quentin Tarantino und den Coen-Brüdern gearbeitet und hoffte, durch meine Rollen in amerikanischen Filmen in ihr Blickfeld zu geraten, aber das hat nicht funktioniert, da diese Filme sie gar nicht interessieren. 

 

DEADLINE: Du hast mehrfach mit Alain Resnais gearbeitet, der mit LETZTES JAHR IN MARIENBAD einen der größten Filme aller Zeiten gedreht hat. Du kennst ihn als Mann im besten Alter und als älteren Regisseur. Wie sehr beeinflusst das Alter die Arbeit eines Filmemachers?

 

Lambert Wilson: Alain war auch bei seinen späteren Filmen immer noch der gleiche Künstler, der er zuvor war. Er war der letzte Surrealist in Frankreich. Vielleicht zeigte sein letzter Film etwas von seinem Alter, aber das ist ihm nicht vorzuwerfen. Er hat sich immer wieder neu erfunden und war solch eine wunderbare Person. Er hat unglaublich schwierige Filme gemacht und ist immer siegreich aus ihnen hervorgegangen. Ich glaube, dass der letzte Film eines Regisseurs immer eine Sonderstellung hat, denn man kann an ihm auf eine Art den bevorstehenden Tod ablesen … Aber mit Resnais passierte es wirklich erst ganz am Ende. Man unterhielt sich nie mit ihm über LETZTES JAHR IN MARIENBAD oder HIROSHIMA, MON AMOUR, da er immer etwas Neues machen wollte.

 

DEADLINE: Vielen Dank für das Interview.

 

Interview geführt von Leonhard Elias Lemke