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12/02/2019

DER GOLDENE HANDSCHUH

Regie: Fatih Akin / Deutschland, Frankreich 2019 / 110 Min.

Darsteller: Jonas Dassler, Margarethe Tiesel, Katja Studt, Martina Eitner-Acheampong, Hark Bohm u. a.

Produktion: Nurhan Şekerci-Porst, Fatih Akin, Herman Weigel

Freigabe: FSK 18

Verleih: Warner Bros.

Start: 21.02.2019

 

Hamburg, Anfang der 1970er-Jahre. Der durch einen Verkehrsunfall entstellte Arbeiter Fritz „Fiete“ Honka (Jonas Dassler) versäuft seine Tage auf der Reeperbahn. In der verrauchten Absturzkneipe „Der Goldene Handschuh“ trifft er inmitten einer trinkfesten Gemeinde auf vom Leben gezeichnete, ältere Prostituierte, die ihm aufgrund hochprozentiger Avancen und trotz seiner zertrümmerten Nase und seines schielenden Blicks in seine Dachgeschosswohnung folgen. Unter den mit Pin-up-Girls zutapezierten Schrägen füllt er die durstigen Alkoholikerinnen noch mehr ab, um mit ihnen intim zu werden, ein Vollsuff, der mit rohem Missbrauch und blutiger Brutalität endet. Vier dieser Frauen tötet Honka, zerstückelt ihre Körper und versteckt die Leichenteile hinter den Wänden seiner zunehmend stinkenden Bleibe. Nachdem eine seiner Barbekanntschaften verprügelt entkommen kann und er erneut einen Verkehrsunfall erleidet, scheint ihm in einem verhältnismäßig klaren Augenblick dieses anstrengende Leben keinen Spaß mehr zu bereiten. Er macht einen kalten Entzug und nimmt einen neuen Job als Nachtwächter an. Doch in diesem holen ihn die Geister und Brände der Vergangenheit ein sowie die weibliche Versuchung, weshalb er letztlich wieder im „Goldenen Handschuh“ landet und nach Frauen Ausschau hält.

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Honka Tonk statt Strunk-Kunst

 

Der Film beruht zum einen auf wahren Begebenheiten: Zwischen 1970 und 1975 brachte der Serienmörder Fritz Honka in Hamburg-St. Pauli insgesamt vier Frauen um. 1976 wurde er wegen eines Mordes und dreimaligen Totschlags mit verminderter Schuldfähigkeit (da zu viele Promille) zu fünfzehn Jahren Knast und zur Unterbringung in einer Psychiatrie verurteilt. Zum anderen basiert er auf der Verschriftlichung dieser Geschichte durch Heinz Strunk, dem damit ein gleichnamiger preisgekrönter Roman gelungen ist. Mit dieser Vorlage kann sich das Biopic von Fatih Akin (AUS DEM NICHTS, TSCHICK, GEGEN DIE WAND) leider in keinster Weise messen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Die literarische, sprachliche Wirklichkeit des Hamburger Kneipenmilieus mit seinen lebensweltpoetischen Wortschöpfungen, die Strunk in seinen einzigartigen Satzkonstruktionen zu einer originellen Kunstsprache verfeinert hat, ist ästhetisch dicht und durchdacht. Akin gelingt es nicht, diese Welt mit filmischen Mitteln und Bildern ebenso künstlerisch einzufangen, und so werden seine Charaktere mit den lustigen Doppelnamen und ihren zumeist vulgären Sprüchen und mundartigen Saufgeschichten zu leblosen Freaks und Karikaturen, denen man ihre Schlagersentimentalität nicht abnimmt. Es tut einem regelrecht leid, wenn der erfindungsreiche Strunk in einem kurzen Cameo zwischen den Kneipengästen auftauchen muss.

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Zwar ist es ebenfalls nicht besonders einfallsreich, wenn der Roman wieder mal besser als der Film ist, aber man fragt sich schnell, wo diese Adaption mit ihrer dahinplätschernden Erzählung eigentlich hinmöchte. Wichtige soziale Aspekte des Buches, wie vor allem die Geschichte des Jungen aus der Oberschicht, ignoriert Akin nahezu vollständig, beziehungsweise degradiert sie zu einer dürftigen narrativen Klammer.

 

History-Design statt Serien-Horror

 

DER GOLDENE HANDSCHUH zeichnet sich durch ein gekonntes, aber zu standardmäßiges und zu steriles History-Design aus, das nicht ansatzweise eine ebenso stimmige Atmosphäre entfaltet wie die von Strunk erschaffene Poesie aus Alkoholismus, verzechten Körpern, Rauch und Dreck – oder wie die Mise en Scène anderer Trinkerfilmvorbilder wie beispielsweise Bukowskis BARFLY (1987), bei welchem man allein vom Zusehen einen Kater bekommt. Die Sets erinnern hier vielmehr an wohlgestylte Ausstattungsarbeiten à la Bully Herbigs BALLON (2018), die durch das Product Placement für Oldesloer Weizenkorn, Astra-Bier, Afri Cola und Wunder-Baum irgendwie auch aus der Vergangenheit gerissen und in der Gegenwart verankert werden.

 

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 Damit erschafft der Film eine Art nostalgisches Jetzt, das ein bisschen vermittelt, dass das alles auch in unserer heutigen Warenwelt passieren könnte – wo doch im Buch wichtig ist, dass es um die Gesellschaft der deutschen Nachkriegszeit geht.

Doch obwohl beständig eine Schnapsflasche nach der anderen geleert und zerschlagen wird und die Örtlichkeiten auch mit Blut, Urin oder Kotze von einer allgegenwärtigen Ranzigkeit erzählen sollen, springt bei den gewaltsamen Rauschexzessen kein Funke über, der Schauder, Ekel oder eine andersartige emotionale Involviertheit erzeugen könnte. Viele Szenen erscheinen eher ein bisschen wie eine unlustige Koproduktion von Helge Schneider und Rainer Werner Fassbinder.

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Sowieso ist die Bezeichnung Horrorfilm eher ein Mogel-Etikett. Von einer wirklichen Auseinandersetzung mit dem Genre kann nicht die Rede sein. Die vermeintlich schaurigen Momente, für die einige Zuschauer angeblich den Saal verlassen, verströmen eine geradezu biedere Theatralik, die man, wenn man sie als Horror verstehen möchte, vielleicht als „Soft Torture Porn“ definieren könnte, den man auch von mittelmäßigen Theaterstücken kennt. Wobei Kamera und Schnitt immer dann eingreifen, wenn es abscheulicher werden soll, wodurch die schockierenden Bilder hinter Türrahmen und im Off verschwinden und sich der zu imaginierende Horror auch nicht über den Ton einstellen will.

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Mit der Zeit fragt man sich, weshalb bei dieser gleichförmigen Gewaltarbeit, die Honka verrichtet, die fettleibigen, heruntergekommenen Frauen in ihrer versoffenen Erbärmlichkeit derart entblößt und zur Schau gestellt werden müssen. Die Monotonie des Missbrauchs und der Mordtaten könnte als Versuch verstanden werden, in langen Einstellungen die Unerträglichkeit der Brutalität des Bösen zu inszenieren. Aber dafür wirkt alles zu theatral und falsch, wie die übertriebene Honka-Maske von Jonas Dassler, den man beim Suff-Spielen durch diese hindurchblicken sieht.  Weshalb er derart monströs entstellt und übertrieben hässlicher als der echte Honka geschminkt werden musste, lässt sich nur schwer erahnen. Immerhin gelingt es Akin, mit ihm eine Art neuartiges Uncanny Valley zeitgenössischer Maskenbildnerei zu erschließen, in dem jegliche Persönlichkeit zu einer karnevalesken Fratze erstarrt, die man höchstens in Räuber Hotzenplotz-Verfilmungen der 1970er-Jahre ertragen hätte. Honka bleibt auch dramaturgisch gesichtslos – und es war wirklich keine gute Entscheidung, seine sexuelle Motivation durch billige Metzger-Mädchen-Fantasien zu skizzieren, die möglicherweise im Trailer gut funktionieren, im Film jedoch zu einem deplatzierten Horror der Überästhetisierung werden.

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Zuletzt hat Lars von Trier mit THE HOUSE THAT JACK BUILT (2018) gezeigt, auf welche Weise man auch im Horror-Serienmörder-Genre mit übertriebener und expliziter Gewalt ein reflektiertes Kunstwerk erschaffen kann. Aber sicherlich hätte diesem Film auch etwas mehr Experimentierfreude gutgetan. Christoph Schlingensief wäre einst gewiss die beste Wahl gewesen.

 

Heimat Hamburg

 

Es lässt sich abschließend festhalten, dass Akin seinem Œuvre einen weiteren Hamburg-Genrefilm hinzugefügt hat. Bekannterweise gibt es in dieser Hafenstadt jedoch popkulturell verschiedenartige Schulen, und mit diesem Film wird deutlich, dass Strunk und Freunde einem völlig anderen Lokalpatriotismus angehören. Man kann nur hoffen, dass dieses Werk doch noch irgendwann mal in einer neuen Inszenierung verfilmt wird – und dann bestenfalls doch mit der Studio-Braun-Besetzung, die den Roman bereits auf die Bühne gebracht und offenbar eine klare künstlerische Vision hat, worum es in DER GOLDENE HANDSCHUH eigentlich gehen soll.

(Martin Martin Schlesinger)

 

Ernüchternd, trotz viel Alkohol