04/09/2014

DECODER-EVENT IN BERLIN

 

 Decoder (Muscha, 1984)

DECODER-Bericht vom Event inklusive Screening von DECODER anlässlich der DVD-Erstveröffentlichung des Films am 16.8.2014 in Berlin.

 

Der Cyberpunk-Film von 1984 ist ein schräges Meisterwerk der Medienkritik, das vor allem in Italien, Japan und den USA Kultstatus genießt und nun endlich auf DVD erhältlich ist.

Stilecht wurde die DVD-Premiere im Eiszeit-Kino gefeiert, einem Berliner Off-Kino, das in den 80er-Jahren eröffnet wurde und die Westberliner Zeit hautnah begleitet hat (und im Übrigen die empfehlenswerte Reihe „Adult Horror Movies“ veranstaltet).

 

Das DECODER-Publikum an diesem Abend ist eine spannende Mischung aus Ich-war-damals-schon-dabei-Altpunks und Schulterpolster-Hipstern mit Leni-Riefenstahl-Gedächtnisfrisur sowie einem Punk, von dem ich hoffe, dass er mit seinem 30-cm-Iro im Saal nicht genau vor mir sitzt. Von prominenter Seite ist Klaus Maeck anwesend, der DECODER mitgeschrieben und -produziert hat und der zum Film spannende Anekdoten erzählt wie „Wir haben McDonald’s einfach ein falsches Drehbuch geschickt, um eine Drehgenehmigung für ihre Restaurants zu kriegen“ und gesteht, dass der Film in der ersten Hälfte über eine sehr konfuse Erzählung verfügt. Dann werden noch kurz Randale um die letzten Plätze mit einem entspannten „bleib doch mal locker“ von der Bühne aus gelöst, der Punk mit dem Iro sitzt rücksichtsvollerweise am Rand, und schon geht der Film los:

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Der „Decoder“ (FM Einheit) vermutet einen Zusammenhang zwischen den immer glücklichen Gesichtern der Leute und der „Muzak“, der Musik, die die Menschen in Fast-Food-Läden dauerberieselt. Wie ein Besessener beginnt er in seinem eigenen Studio, Töne zu zerlegen und neu zusammenzusetzen. Und er findet so einen eigenen Weg, die Menschen zu manipulieren. Seine Freundin Christiana (Christiane Felscherinow) glaubt zunächst nicht an seine Entdeckung. Doch in der Peepshow, in der sie arbeitet, hat sie einen „Verehrer“ (Bill Rice), der Agent für das Sicherheitsministerium ist und bereits darauf angesetzt ist, den „Decoder“ zu stoppen … Im Entstehungsjahr des Films, 1984, ist Deutschland geteilt und Westberlin von einer Mauer umgeben. Und es ist auch das Jahr, das sich mit George Orwells düsterer literarischer Zukunftsvision NINETEEN EIGHTY-FOUR (1948 geschrieben) konsequenterweise vergleichen lassen muss. In der Gegenkultur dieser Zeit entsteht mit DECODER ein Film, der seine eigene Version von der Manipulation der Massen erzählt.

 




WEITER

Der in Hamburg und Berlin gedrehte Film vermischt inhaltlich wie ökonomisch clever echte Bilder von Ausschreitungen (die im Übrigen dem Besuch von Ronald Reagan in Berlin 1982 galten) mit eigenem Material. Dass die im Film gezeigte Technik aus Magnetbändern und Röhrenbildschirmen besteht, wirkt maximal charmant, schadet der inhaltlichen Bedeutung aber nicht im Geringsten. Punk ist aber vor allem auch die chaotische Erzählweise von DECODER, die es einem nicht gerade leicht macht, der eigentlich simplen Handlung folgen zu können, was den Streifen aber herrlich unangepasst macht.

 

Das Besondere ist aber, dass DECODER auch ein erschreckend aktueller Film ist. Die Kritik an der Manipulation der Massen mag sich bei seiner Entstehung auf Kapitalismus, Kohl, Fast-Food, die Spionage der Geheimdienste des Kalten Krieges sowie die Einschränkung der Freiheit des Einzelnen wegen selbiger bezogen haben. Spätestens in der Ära Snowden wissen wir aber: Sie haben noch lange nicht genug. DECODER versammelt auch einige prägende Menschen des Punk und der Gegenkultur der frühen 80er-Jahre vor und hinter der Kamera:

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Neben FM Einheit (EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN, ABWÄRTS) und Christiane Felscherinow (die echte Christiane F. aus WIR KINDER VOM BAHNHOF ZOO) führte Muscha, Gitarrist einer der ersten deutschen Punkbands, CHARLEY’S GIRLS, Regie, und William S. Burroughs (auf dessen Buch THE JOB DECODER grob basiert) hat einen kurzen Auftritt, ebenso wie Einheits Bruder Ralph Richter, der sich seitdem als Schauspiel-Allrounder durch die deutsche Film- und Fernsehlandschaft bewegt. Genesis P-Orridge von PSYCHIC TV spielt noch als Mann mit. Die NEUBAUTEN, SOFT CELL, THE THE und eben PSYCHIC TV steuern den Soundtrack bei. Im Anschluss an den Film gibt es im Berliner Eiszeit-Kino noch ein kurzes Noise-Konzert von WALLRAF/DELLE, wobei Konzert ein interpretativer Begriff ist. Die superlaute Soundkollage sorgt für horizontales und vertikales Kopfschütteln, ist aber durchaus hörenswert und ebenso herrlich unangepasst wie DECODER selbst. Das anschließende Pfeifen im Ohr gibt’s gratis dazu, ebenso wie den Gelee-Wodka-Shot, mit dem intus man im Treppenhaus noch in Erinnerungen schwelgen kann beim Anblick der selbstkopierten Flyer und Plakate des Eiszeit-Kinos.

(Patrick Winkler)

 

Ein Review der DVD von Dr. Martin Schmitt könnt ihr in DEADLINE #47 lesen.

 

DECODER

Regie: Muscha / D 1984 / 87 Min.

Darsteller: FM Einheit, Christiane Felscherinow, Bill Rice, Ralph Richter

Produktion: Klaus Maeck, Muscha, Volker Schäfer, Trini Trimpop

Freigabe: FSK 16

Vertrieb: Edition Salzgeber

Start: Bereits erhältlich

 

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