07/08/2019

DEADLINE BEI DER PREMIERE VON ONCE UPON A TIME … IN HOLLYWOOD MIT REVIEW!

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Regie: Quentin Tarantino / USA 2019 / 160 Min.

Darsteller: Leonardo DiCaprio, Brad Pitt, Margot Robbie, Emile Hirsch, Timothy Olyphant, Al Pacino

Produktion: David Heyman, Shannon McIntosh, Quentin Tarantino

Freigabe: FSK 16

Vertrieb: Sony Pictures

Start: 15.08.2019

 

Der erste Augusttag beginnt in Berlin wie jeder normale Tag. Während am Brandenburger Tor die Touristenscharen Fotos knipsen und im Tiergarten ein paar Menschengruppen die letzten Sonnenstrahlen genießen, bevor der für heute angekündigte Regen kommt und etwas Abkühlung bringt, werden im und um das Sony Center herum die letzten Vorkehrungen für die Deutschlandpremiere von Quentin Tarantinos neuntem Film ONCE UPON A TIME IN … HOLLYWOOD getroffen. Schon seit Stunden warten die ersten Fans, haben erste Fotos vom roten Teppich gemacht und die umstehenden Kaufhäuser um diverse Kopien bekannter Tarantino-Filme erleichtert oder sich Fotos der Hauptdarsteller Brad Pitt, Leonardo DiCaprio und Margot Robbie gekauft.

 

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Fotos von Rouven Linnarz

 

In diesem Berlinale-erfahrenen Gebiet scheint die Premiere eines Films nichts Besonderes zu sein, aber heute macht selbst das routinierte Berlin eine Ausnahme. Kaum ein Regisseur hat das Bild des Kinos so geprägt wie er, sind Filme wie RESERVOIR DOGS, PULP FICTION oder INGLOURIOUS BASTERDS doch nicht nur stilbildend für das Medium gewesen, sondern haben immer wieder bewiesen, dass in einer von Remakes und Sequels übersättigten Kinolandschaft solche eigenwilligen, nostalgischen Werke immer wieder Menschen aller Altersstufen begeistern können. Mit ONCE UPON A TIME IN … HOLLYWOOD könnte damit auch eine Ära zu Ende gehen, selbst wenn keiner so richtig glauben kann, dass ein solch leidenschaftlicher Filmenthusiast wie Tarantino je wirklich aufhören kann.

 

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Foto von Rouven Linnarz

 

Die Story von ONCE UPON A TIME IN … HOLLYWOOD ist wieder einmal eine solche Verbeugung vor einer glorreichen, aber auch sehr dunklen Zeit für das Kino, insbesondere das amerikanische. Am Ende der 1960er angekommen, sieht sich Schauspieler Rick Dalton (Leonardo DiCaprio) am Ende seiner Karriere. Trotz der stetigen Aufmunterungen seines Stuntdoubles Cliff Booth (Brad Pitt), der ihn überallhin begleitet, verstärkt sich seine Lebenskrise zusehends. Das Angebot eines Produzenten (Al Pacino), nach Europa zu gehen und jene von Dalton gehassten Italowestern zu drehen, ist für den erprobten Westerndarsteller nur der Sargnagel für seine Karriere.

 

 Während sich Dalton und Booth mit den zahlreichen Veränderungen im Filmgeschäft abfinden müssen, bemerken sie auch, wie sich jenes klassische Hollywood verändert. Hippiekommunen und ihre mysteriösen Anführer wie Charles Manson bestimmen das äußere Erscheinungsbild von Los Angeles genauso wie jene Neuankömmlinge in der Branche, beispielsweise der polnische Regisseur Roman Polanski, der gerade mit ROSEMARY’S BABY einen der größten Hits des Jahres gelandet hat. Polanski ist vor Kurzem mit seiner Frau Sharon Tate (Margot Robbie) in Daltons Nachbarschaft gezogen: ein weiteres Zeichen für den fundamentalen Umbruch Hollywoods.

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Der Rummel am Potsdamer Platz an diesem Augustabend kommt dieser allumfassenden Fantasie, jener Märchenhaftigkeit, die den Kern von Tarantinos Kino ausmacht, sehr nah. Als Pitt, Robbie, DiCaprio und natürlich der Meister selbst an einem vorüberziehen, fleißig Autogramme geben und gar dem einen oder anderen Fan bei der Aufnahme eines Selfies mit ihnen behilflich sind, vergisst man für einen Moment diese Welt da draußen, spürt den Regen etwas weniger auf der Haut. Für diese Menschen auf dem roten Teppich ist dieser Moment wie eine der vielen Fahrten Cliff Booths über den Hollywood Drive, vorbei am Chinese Theatre und den zahlreichen Leuchtreklamen, die immer neue Filme ankündigen. Booth fühlt sich unantastbar, als essenzieller Teil dieser Zeit und dieses Ortes, der so außerhalb von jener Realität steht, die sich durch den Vietnamkrieg, die Stonewall-Unruhen sowie die Attentate auf Robert F. Kennedy und Martin Luther King Jr. 1968 definiert. Jedoch zeugen die Hippies wie auch die Ankündigungen von Filmen wie EASY RIDER von jenem Einbruch in diese Fantasie, der bald schon erfolgen wird, der unaufhaltsam voranschreitet.

 

 

 

 




WEITER

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Doch ist dies Tarantinos Version Hollywoods und jener Jahre. Die langen, traumhaften Kamerafahrten Robert Richardsons, der seit KILL BILL mit Tarantino zusammenarbeitet, entführen in eine jener Zwischenwelten, wie man sie aus anderen Filmen des Regisseurs kennt, ein Universum an Filmzitaten und Referenzen, die man nicht notwendigerweise kennen muss, die aber den Spaß an ONCE UPON A TIME IN … HOLLYWOOD deutlich steigern. Das mag an vielen Stellen etwas zu lang sein oder etwas zu selbstgefällig, wird aber auch nie langweilig und bleibt eine Einladung an den Zuschauer, jenen Trip in Tarantinos Version des Jahres 1969 mitzumachen. Am Ende reibt man sich dann verwundert die Augen, schaut auf die Uhr und fragt sich, wo man die letzten 160 Minuten gewesen ist

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Wie so oft ist das Gelingen dieser Vision maßgeblich ein Verdienst des Ensembles, das Tarantino für seinen neuen Film versammelt hat. DiCaprio und Pitt, die hier das erste Mal zusammen vor der Kamera agieren, spielen eine glaubhafte Männerfreundschaft oder mehr eine Schicksalsgemeinschaft, die ohne jene Fantasie Hollywoods nicht existieren könnte. Dalton kann ohne die Magie der Kamera nicht existieren, was nicht zuletzt der Grund für seine Lebenskrise ist, und Booths Lässigkeit ist ebenjene selbstsichere Pose, die einhergeht mit Erfolg und dieser Welt um ihn herum. Margot Robbies Sharon Tate verkörpert diese vielleicht etwas naive, natürlich märchenhafte Unschuld dieser Welt, dieses kindliche Vergnügen an der Schweinwelt des Films, aber auch den Glauben an die Macht dieses Mediums.

 

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Letztlich kommt dann doch der angekündigte Sturm auf. Die Stars sind längst vom roten Teppich verschwunden und im Kino zusammen mit den anderen Premierengästen. Zweifelsohne werden auch an diesem Abend die Bilder Tarantinos die Menschen auf ihrem Weg nach Hause begleiten, dieses Filmmärchen eines der immer noch besten Geschichtenerzähler der Traumfabrik. Das mag eskapistisch sein, aber es ist nicht zuletzt auch wunderschön und sehr unterhaltsam. (Rouven Linnarz)

 

Ein wahres Filmmärchen

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