08/05/2021

Brussels International Fantastic Film Festival 2021/ BIFFF-Rückschau

BIFFF 2021 poster

 

Schon ziemlich früh stand fest, dass die 38. Ausgabe des Brussels International Festival of Fantastic Film dieses Jahr wegen der nicht enden wollenden Corona-Situation bereits zum zweiten Mal ausschließlich online stattfinden würde. Trotz der Widrigkeiten boten die Organisatoren ein grandioses Filmprogramm mit abgefahrenen, außergewöhnlichen und bewegenden Geschichten. Das BIFFF-Team hat die Events, die sonst rund um das Festival stattfinden, beibehalten, und so konnten die Fans unter anderem an ZOMBIFFF-Aerobic-Sessions teilnehmen, es gab eine virtuelle Kunstgalerie, und auch der Wettbewerb für das beste Kostüm beim Ball der Vampire fand online statt.

 

Südkoreas Beiträge zum diesjährigen Festival boten die gewohnt unnachahmliche Mischung aus großen Gefühlen, Humor und Action. Bei gleich drei Filmen stand das Thema Kinder im Fokus – verschwundene, vernachlässigte oder einfach nur die Karriere störende Kinder. THE CLOSET ist bei uns bereits auf DVD und Blu-ray erschienen.

 

 

 

 

In BRING ME HOME hat Jung-Yeon nie die Hoffnung aufgegeben, ihren verschwundenen Sohn wiederzufinden. Als ihr Mann stirbt, verliert sie jeglichen Lebenswillen, doch dann erfährt sie, dass ein Junge in einer Fischerkolonie ihrem Sohn ähnlich sehen soll. Dort angekommen, steht ihr die verschworene Gemeinschaft feindselig gegenüber, und der örtliche korrupte Polizist hält die Hand über alles. Ein bewegender Film über Verlust und Hoffnung, mit einer starken Protagonistin und einigen unerwarteten Wendungen.

Ebenso schon hierzulande als Blu-ray und DVD erhältlich:

 

In SOEBOK wird ein ehemaliger Agent angeheuert, den ersten geklonten Menschen in Sicherheit zu bringen, und das nicht ganz uneigennützig. Der Agent hat einen Hirntumor, und die Gene von Soebok könnten ihm dazu verhelfen, wieder gesund zu werden. Die Geschichte der zwei ganz unterschiedlichen Männer enthält mehr Weisheit über das Leben und den Tod, und das ganz ohne moralinsauer zu werden. Genug Action, tolle Effekte und viel Kritik an der Wissenschaft machen SOEBOK zu einem Highlight des koreanischen Kinos.

 

 

In DIVA geht es um eine gefeierte Turmspringerin, die zusammen mit ihrer Freundin im Wagen verunglückt und von einer Klippe stürzt. Sie überlebt und versucht verzweifelt, wieder an ihre alten Erfolge anzuknüpfen. In Rückblicken wird die Geschichte der beiden jungen Frauen beleuchtet, und dieses intensive Drama bietet mal nicht die übliche Geisterstory, sondern einen Psychothriller über Schuld und den unerträglichen Druck, der auf Spitzensportlern lastet.

 

 

HITMAN AGENT JUN ist ein ehemaliger Agent, der schon als Kind Comiczeichner werden wollte, aber leider finden alle seine Comicstrips öde, weshalb ihn sein Verleger feuert. Im Suff zeichnet er seine Lebensgeschichte, und die findet seine Gattin so toll, dass sie alles gleich online stellt. Der Verleger ist hocherfreut, allerdings ist Juns altes Leben vorbei, denn jetzt ist er enttarnt, und die Schergen seines Erzfeindes sind schon hinter ihm her. Herrlich abgedreht und so, wie man sich eine koreanische Actionkomödie vorstellt: schnell, bunt, schrille Charaktere und super Kampfszenen.

 

 

In VOICE OF SILENCE erledigen zwei Kleinkriminelle – der eine stumm, der andere mit einem kaputten Bein – die Drecksarbeit für die hochrangigen Bosse. Eines Tages bekommen sie den Auftrag, einen Tag auf ein Entführungsopfer aufzupassen, bis das Lösegeld bezahlt ist. Sie dürfen nicht ablehnen, und schon bald stecken sie inmitten der Misere. Die Entführte ist ein kleines Mädchen, der Vater schachert um das Lösegeld, und der Boss vom Vortag ist jetzt selbst eine Leiche. Und was nun mit dem Kind? Und gibt es noch eine Möglichkeit, das Lösegeld zu bekommen? VOICE OF SILENCE beleuchtet das Milieu von Koreas Unterschicht, die für die Reichen die Drecksarbeit macht und kaum Hoffnung auf ein besseres Leben haben darf. Ein bewegendes Drama mit ganz viel Herz.

 

 

Hinsichtlich der visuellen Ästhetik schön bei der HANNIBAL-Serie aufgepasst, bietet SHADOWS ein paar eindrucksvolle Bilder, aber die Story um eine Psychologin, die sich förmlich in die Gefühlswelt ihrer Patienten einloggen kann, wirkt teils ziemlich bemüht. Der harte Cop ist das wandelnde US-Klischee und der Part mit einem Serienmörder fast die interessantere Geschichte. Bei den Filmen aus China merkt man immer, dass viel Geld drinsteckt, aber das Herz und die Seele vergleichbarer japanischer oder koreanischer Produktionen fehlen einfach gänzlich.

 

 

SIGNAL 100 ist eine Mangaverfilmung aus Japan. Ein Lehrer, dem die ungehorsame Teenager-Bande auf den Sack geht, nutzt eine Lehrstunde zur Massenhypnose seiner Klasse. Danach erklärt er den Schülern, dass von nun an bestimmte Handlungen einen sofortigen Selbstmord nach sich ziehen werden, und schwups sind die ersten von ihnen schon tot. SIGNAL 100 beginnt fulminant, es gibt ein paar großartige Ideen bezüglich der Selbstmorde, doch geht dem Film zwischendurch die Puste aus, und am Ende fehlt natürlich, der Tatsache geschuldet, dass es nur wenige Überlebende gibt, ein entsprechender Showdown.

 

 

In HONEYDEW landet ein permanent zerstrittenes Paar in einem abgelegenen Kaff, wo es keinen Handyempfang gibt und sie zwangsweise bei einer netten alten Frau für die Nacht unterkommen können. Ja, so fingen früher schon die Märchen an, die kein gutes Ende hatten. HONEYDEW deutet vieles an, braucht aber unglaublich lange Zeit, um in die Gänge zu kommen, das unabwendbare Grauen wird nur häppchenweise serviert, dafür sucht das absurde und vollkommen perverse Finale allerdings seinesgleichen. Und als Tipp einfach mal Mutterkorn und Ergotismus googeln, gerne auch schon vor Sichtung des Films, dann ergibt einiges noch mehr Sinn.

 

 

BEYOND THE INFINITE TWO MINUTES war einer der verdienten Gewinner dieses Jahres. Die Clique um Kato entdeckt, dass dessen Computer in seiner Wohnung eine Zeitverzögerung von zwei Minuten zu dem Terminal in seinem Coffeeshop hat, also zwei Minuten, die in der Zukunft liegen. Was jetzt folgt, ist eine absolut verrückte Reihenfolge von Ereignissen, die sowohl absolut logisch sind als auch unerwartet, doch wie lange können die Freunde die Zukunft ohne Folgen manipulieren? Super clever, witzig und mitreißend, ein Zeitreiseepos aus Japan, mit wenig Geld gemacht, aber mit grandiosen Ideen.

 

 

In CAVEAT bekommt der gerade genesene, aber immer noch an Gedächtnisverlust leidende Barrett das Jobangebot, auf eine junge Frau aufzupassen. Diese wohnt in einem schäbigen Haus auf einer abgelegenen Insel. Trotz Bedenken willigt er ein, weil er das Geld dringend braucht, und es soll ja auch nur für ein paar Tage sein. Doch das Haus und die Frau verbergen mehr dunkle Geheimnisse, als auf eine Sondermülldeponie passen. CAVEAT nimmt den Zuschauer mit auf einen unvorhersehbaren Gruseltrip und wirkt auf einer tiefenpsychologischen Ebene. Das Gefühl der Angst, die den Protagonisten erfasst, überträgt sich perfekt auf den Zuschauer, ohne große Jump-Scares und/oder blutige Effekte. Ein sehr empfehlenswerter Horrorfilm, der lange nachwirkt.

 

 




WEITER

Kennen Sie das? Sie kommen nach einer heldenhaften Aktion bei einem Banküberfall in den Knast, und danach wollen Sie nur noch ausspannen und buchen einen Flug nach Finnland, doch kaum dort angekommen, werden Sie von einer verfickt bekloppten Familie entführt, und als Sie aufwachen ist Ihr linker Unterschenkel amputiert? Genau so geht es Rex in BLOODY HELL, der sich aus dieser Misere befreien muss, bevor noch mehr Teile von ihm auf der Speisekarte landen. Der Anlauf bis zur eigentlichen Story ist zwar etwas lang, aber BLOODY HELL bietet einen sympathischen Protagonisten, der sich in bester und blutiger Ash-Williams-Manier gegen eine Familie von Psychopathen wehren muss.

 

 

 

In GROWL – ER RIECHT DEINE ANGST muss sich die seit einem Unfall an den Rollstuhl gefesselte Elena gegen einen tollwütig gewordenen Therapiehund verteidigen, nachdem ihr Vater vorm Haus einem Herzinfarkt erlegen ist. Der Thriller aus Spanien garantiert Hochspannung in bester Cujo-Manier, wenn man die Tatsache ausblendet, dass die Inkubationszeit der Tollwut frei erfunden ist.

Hierzulande bereits als DVD und Blu-ray erhältlich:

 

 

 

In CARRO REI kann Uno mit Autos kommunizieren. Als ein Gesetz erlassen wird, dass alte Autos verschrottet und durch neue ersetzt werden sollen, ist es an Uno, mithilfe seines Onkels, der ein begnadeter Mechaniker ist, den abgewrackten Karren neues Leben einzuhauchen und ihnen dazu zu verhelfen, sich an den Oberen zu rächen. KING CAR der brasilianischen Regisseurin Renata Pinheiro wartet mit originellen Ideen auf und verpackt wie viele Filme aus Brasilien geschickt politische und soziale Kritik, verliert sich aber nach zwei Dritteln und ist nicht ganz die runde Geschichte, die er hätte werden können.

 

 

Die OLD WAYS sind manchmal dann doch die besseren Wege, vor allem, wenn es um die Austreibung von Dämonen geht. Diese Erfahrung macht auch die Journalistin Cristina, als sie feststellt, dass sie in einem Haus festgehalten wird. Angeblich hat sie seit dem Besuch einer alten Höhle einen Dämon in sich, und sie darf erst wieder gehen, wenn dieser besiegt ist. OLD WAYS ist geradlinig erzählter Horror und bietet selbst noch für Exorzismusfilm-erprobte Zuschauer Neues. Gruselig, mit guten Effekten und einer überraschenden Story.

 

 

In CYST ist Dr. Guy auf die Entfernung von Zysten spezialisiert. Er hat dazu sogar eine neuartige Maschine erfunden, die allerdings nicht immer ungefährlich ist. Er sucht einen Freiwilligen, um die Maschine einem Team vorzustellen, damit er ein Patent bekommt. Dann geht so einiges schief, und plötzlich macht eine riesige Zyste Jagd auf die Menschen in der Praxis. Ein feuchter Traum für Fans von Creature-Features der 50er-/60er-Jahre inklusive Overacting, schön fiesen Effekten und jeder Menge Zysten-Action.

 

 

BARCELONA VAMPIRESS widmet sich in wunderschönen Bildern einem realen Fall aus den 1920ern. Immer wieder verschwinden Kinder spurlos, und ein Reporter bekommt Wind davon, dass sie in einem dekadenten Sexklub als Spielzeuge enden, wovon er sich auch bald überzeugen kann, doch da dort nur die Reichen verkehren, will sich niemand daran die Finger verbrennen. Und so wird eine Frau zu einem Sündenbock für einen erschütternden Skandal auserkoren. Visuell ungewöhnlich und packend erzählt.

 

 

POST MORTEM ist der Begriff für die Fotos, die man früher nach dem Tod eines Angehörigen mit dessen Leiche machte, um noch eine Erinnerung an ihn/sie zu haben. Der Fotograf Tomàs wird in ein Dorf gerufen, um die vielen Opfer der Spanischen Grippe mit ihren Familien zu fotografieren, doch dort geht noch größeres Unheil um als nur die Pandemie. Sehr schön gefilmter übernatürlicher Thriller mit durchweg gruseliger Stimmung und unverbrauchten Gesichtern.

 

 

MEANDER ist quasi die neue, etwas abgewandelte Version vom damaligen Überraschungshit CUBE. Hier erwacht allerdings nur eine einzige Protagonistin in einer Zelle, der schließlich keine andere Wahl bleibt, als sich durch die ihr zur Verfügung stehenden Gänge zu „schlängeln“. MEANDER ist durchweg spannend, bietet ungeahnt fiese Fallen für die Protagonistin, blutige und gut gemachte Effekte und ist richtig gute Unterhaltung.

 

 

VICIOUS FUN belebt den Geist der 80er wieder. Nerd Joel verfolgt den auf ihn verdächtig wirkenden Verehrer seiner Mitbewohnerin, in die er verknallt ist. Joel folgt ihm in ein Chinarestaurant, und einen ausgeschlafenen Rausch später findet er sich in einer Therapierunde der anonymen Serienmörder wieder. Als seine Tarnung auffliegt, wird er zum Gejagten der anwesenden Profis – erhält aber unerhoffte Hilfe. Schnell, witzig, blutig, mit Larger-than-Life-Charakteren, einem geilen Soundtrack und nach einer Fortsetzung schreiend. Es leben die 80er-Jahre!

 

 

THE SOUND OF VIOLENCE wird für die junge Alexis immer mehr zu einer Obsession. Nach einem Unfall war sie taub, hatte aber durch eine traumatische Erfahrung ihr Gehör wieder erlangt. Damals hatte sie auch ihre erste Erfahrung mit der Synästhesie, bei der die Betroffenen Töne als Farben wahrnehmen können. Und nun versucht sie verzweifelt, diese Erfahrung zu reproduzieren – mit drastischen Folgen für ihre Umwelt. Ein ganz neues Thema wurde hier ultraspannend verpackt, und die äußerst originellen Tode sind ein Fest für die Sinne der Fans. Ein absoluter Geheimtipp.

 

 

THE WEASEL’S TALE ist ein raffinierter Thriller, in dem sich Alt und Jung ein pointiertes und äußerst unterhaltsames bösartiges Duell liefern. Eine Gruppe in die Jahre gekommener ehemaliger Filmschaffender um eine Oscar-gekrönte Filmdiva lebt in einer Villa, die sich zwei junge Immobilienspekulanten unter den Nagel reißen wollen. Geschliffene Dialoge und viele verborgene Geheimnisse machen diesen Thriller zu einem spannenden Hochgenuss für Cineasten. Hitchcock wäre stolz gewesen.

 

 

Gekürt wurden die Gewinner dieses Jahr von den Jurys, die sich aus dem Homeoffice zugeschaltet hatten. Sowohl den Weißen Raben als auch den Kritikerpreis konnte BEYOND THE INFINITE TWO MINUTES für sich verbuchen. Den Silbernen Méliès staubte RIDERS OF JUSTICE ab. Der Silberne Rabe ging sowohl an SON als auch an THE CLOSET. Das Publikum krönte VICIOUS FUN zum absolut verdienten Sieger, der auch die Internationale Jury überzeugte und schließlich mit dem Goldenen Raben geehrt wurde.

 

Das BIFFF hat es 2021 geschafft, durch ein hervorragendes Film- und Rahmenprogramm den Fans etwas Festivalfeeling nach Hause zu bringen, doch es bleibt zu hoffen, dass nächstes Jahr wieder live und vor Ort in Brüssel gefeiert werden darf. (Nicole Helfrich)