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12/07/2017

VALERIAN UND DIE STADT DER TAUSEND PLANETEN

 

(OT: VALERIAN AND THE CITY OF A THOUSAND PLANETS)

Regie: Luc Besson / Frankreich, USA 2017 / 137 Min.

Darsteller: Dane DeHaan, Cara Delevingne, Clive Owen, Rihanna, Herbie Hancock, Ethan Hawke

Produktion: Luc Besson, Virginie Besson-Silla

Verleih: Universum Film

Freigabe: FSK 12

Start: 20.07.2017

 

 

Die berühmte Frage, was denn nun zuerst da gewesen sei, das Huhn oder das Ei, lässt keine eindeutige Antwort zu, und man dreht sich permanent im Kreis. Als geflügeltes Wort respektive als hohle Phrase wird es immer dann zur Sprache gebracht, wenn eine vermeintlich nicht zu beantwortende Frage nach dem ursprünglichen Auslöser einer Kausalkette aufkommt, deren Ereignisse wechselseitig Ursache und Wirkung darstellen. Völlig unbestreitbar dagegen ist hier: Was wurde durch wen beeinflusst: VALERIAN durch STAR WARS oder umgekehrt? Dass STAR WARS wegweisend in der Filmgeschichte im Allgemeinen und stilbildend im Science-Fiction-Genre im Besonderen war, ist nicht wirklich diskussionswürdig. Wohl aber, welche Inspirationsquellen hier ausgeschöpft wurden. Der innovative Sternenkrieg zog etliche Epigonen nach sich und ist doch selbst einer der größten: Als Hybrid aus Akira-Kurusawa-Elementen, durchzogen mit Themen des klassischen Westerns, High Fantasy, Sci-Fi-TV-Serien und inspiriert durch den Zweiten Weltkrieg ist die eigentliche Blaupause die von Jean-Claude Mézières und Pierre Christin kreierte französische Science-Fiction-Comic-Serie VALERIAN ET LAURELINE aus dem Jahre 1967. STAR WARS-Konzeptzeichner Ralph McQuarrie hat sich hier in dermaßen großem Stil bedient, dass Mézières den offensichtlichen Design-Diebstahl sogar gleich selbst in einem Comic persiflierte. Auch Luc Besson bediente sich einst für seinen fantastischen DAS FÜNTE ELEMENT für die darin entworfene Zukunftsstadt bereits bei jener Comicvorlage, deren größter Fan er war. Eine direkte Adaption war dementsprechend nicht nur ein Luftschloss, sondern ein bald zu erfüllendes Herzensprojekt. Da es die Technik für visuelle Effekte 1997 jedoch noch nicht wirklich zuließ, das komplexe, bildgewaltige Universum der Vorlage auf die große Leinwand zu transportieren, brauchte es weitere 20 Jahre, bis Bessons größtes Projekt Wirklichkeit wurde. Mit VALERIAN UND DIE STADT DER TAUSEND PLANETEN ist ihm nun ein optisch atemberaubender, visuell brillanter Film gelungen, der ein einziges bonbonbuntes Eye-Candy in hervorragendem 3D ist, an dem man sich schlichtweg nicht sattsehen kann. Nur das durchweg schwache Drehbuch ist nicht wirklich gut verdaulich und stellt den kleinen Wermutstropfen dar, der dieses opulente Festmahl im Abgang verdirbt.

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Wir schreiben das Jahr 2740. Das gesamte Universum wird mittlerweile von einer übergeordneten Regierung geführt, deren Armeen für die Ordnung in den Galaxien Sorge tragen. Zwei von ihren besten Spezialagenten sind der verschmitzte Draufgänger und Frauenheld Valerian (Dane DeHaan) und seine zielstrebige sowie furchtlose Partnerin Laureline (Cara Delevingne). Das Team arbeitet nicht nur effektiv zusammen, sondern die beiden Menschen hegen auch mehr oder weniger latente Gefühle füreinander, was sie zu einem ebenso kongenialen wie unzertrennlichen Duo macht. Ein Auftrag führt sie zum Wüstenplaneten Kirian, wo sie die Unterwelt des intradimensionalen „Großen Marktes“ infiltrieren und den letzten lebenden Transmutator des Planeten Mül beschaffen sollen, welcher die Fähigkeit besitzt, ein vermeintlich ausgestorbenes, friedliches Volk wieder mit Lebensraum zu versorgen. Zielort für jene kleine, wertvolle Kreatur ist die intergalaktische Raumstation „Alpha“, welche auch als „Stadt der tausend Planeten“ bekannt ist und wo Valerian und Laureline erst mal für die Sicherheit von Commander Arun Filitt (Clive Owen) verantwortlich sind. Als Filitt jedoch bei einem Angriff durch Fremde entführt wird, stellt sich die Frage, worum es bei dem Transmutator eigentlich geht und wem man in der riesig komprimierten Stadt überhaupt noch vertrauen kann.

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Jener titelgebende Ort ist dann auch der Hauptschauplatz für halsbrecherische Verfolgungsjagden, knallharte Faustkämpfe, exotische Wesen und zwielichtige Gestalten. Was hier für ein detailliertes, originelles, an Einfallsreichtum kaum zu überbietendes extraterrestrisches Panoptikum aufgefahren wird, ist schlichtweg faszinierend. Beinahe jede Szene ist eine farbige Wundertüte an kuriosen, bizarren, oder exorbitanten neuen Welten und Ideen, welche das menschliche Auge mit einem visuellen Feuerwerk penetrieren, sodass man gar nicht weiß, wo man zuerst hinschauen soll. Alles schillert in bunten, fluoreszierenden Nuancen, dass sogar die Welt von AVATAR dagegen sepiabraun erscheint. Beseelt werden diese Bilder von einem schier unerschöpflichen Sammelsurium verschiedenster Aliens, welche jedes noch mal für sich einen faszinierenden Anblick darstellen. Hervorgehoben werden muss an dieser Stelle die Figur der Gestaltwandlerin Bubble, welche von Popikone Rihanna verkörpert wird. Ihr erster schillernder Auftritt ist eigentlich ein Extra-„Erotikpünktchen“ wert, denn ihre Metamorphose von einem Sexobjekt zum nächsten, perfekt choreografiert zu den irren Pianoklängen ihres Herrn Jolly (Ethan Hawke), ist ein einziger rhythmisch-pulsierender Augenschmaus wie aus einem Guss.

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Dass sie zugleich sogar die eigentlich fast tragischste Figur des gesamten Films ist, spricht einerseits zwar für ihren Charakter, andererseits legt dies gnadenlos das ansonsten sehr schwache Skript offen, aber dazu später mehr. In diesem Zusammenhang muss man zwangsläufig auch auf die Kameraführung und durchkomponierte Action des Films per se zu sprechen kommen, denn nicht nur jenes eben erwähnte Intermezzo ist genial inszeniert, sondern auch die Verfolgungen mit Raumgleitern, die Präsentation der einzelnen Welten sowie die Flucht zu Fuß sind einzigartige Allianzen aus brillanten visuellen Effekten, tollen Stunts und einer schier entfesselten Kamera. Dazu kommt eine 3D-Wahrnehmung, die lange nicht mehr so großartig wirkt, da sie die Möglichkeiten dieser Technik sowohl in der Tiefe als auch im „Pop out“-Bereich vollends ausschöpft und den Zuschauer intensiv in die entsprechenden Szenen bzw. Welten hineinzieht. Exemplarisch dafür sei die schwerelose Reise durch den sich aufbauenden „Großen Markt“ genannt, welchen die Figuren im Film nur durch ein besonderes DNA-Verfahren sehen können.

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Als sich die ganze Pracht jenes Ortes zu erkennen gibt, gleitet die Kamera durch die sich türmenden Gebäude, Straßenschluchten und Menschenmengen hindurch, herab und wieder hinauf, sodass man gar ein leichtes Kribbeln in der Magengegend verspürt, ähnlich wie bei einer Achterbahn. Großartig! In einer anderen Szene ist die Linse direkt hinter unserem Protagonisten, der sich seinen Weg mithilfe seines Anzugs durch sämtliche Gebäudewände und -mauern bricht. Dies stellt einen weiteren kinetischen Höhepunkt in einer nicht gerade an Höhepunkten armen Inszenierung dar. Die Weltraumschlachten und die Raumgleiter-Action sind dann hier wirklich nur noch als referenzwürdig zu bezeichnen, und somit muss sich nicht nur ein AVATAR, sondern auch ein STAR WARS warm anziehen, denn so superlativ und gleichzeitig leichtfüßig ist dies noch nie dargestellt worden.

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Bei all der überbordenden visuellen Brillanz schaffen es die Figuren leider kaum bis gar nicht, zu begeistern. Dane DeHaan (THE AMAZING SPIDER-MAN, A CURE FOR WELLNESS) ist hier zwar physisch eine Bank, aber charismatisch ist er nicht gerade. Da stiehlt ihm seine Film- und Schauspielpartnerin Cara Delevingne (SUICIDE SQUAD), welche eigentlich Model ist, öfters die Show und hat emotional die fesselnderen Momente, die sie als Identifikationsfigur für den Zuschauer einfach greifbarer machen. Alle anderen bleiben höchstens nettes Beiwerk auf Autopilot, und Clive Owen fehlt hier in dieser Rolle einfach zu viel Substanz, um seinen Zweck zu erfüllen. Wie eben bereits erwähnt, ist es der von Rihanna verkörperte Charakter, eine temporär auftretende Nebenfigur also, die hier die notwendige tragische Tiefe besitzt, die man sonst von den Protagonisten, Antagonisten oder der eigentlichen Prämisse der Geschichte erwartet. Potenzial war jedenfalls genug da, nur genutzt hat man es leider nicht. Viel zu überraschungsarm, vorhersehbar und oberflächlich ist hier das Drehbuch, welches ohne wirkliche Spannungsmomente oder eine mitreißenden Dramaturgie daherkommt und der grandiosen visuellen Wucht somit nicht das nötige narrative Unterfutter bieten kann. Deutlich wird das im enttäuschenden Finale, in dem das Skript nicht nur deplatzierte, seine Figuren sogar konterkarierende Kapriolen schlägt, sondern in dem auch die visuelle Kreativität mit einem Mal völlig verpufft. Bar seiner größten Stärke, bleibt letztendlich nichts außer einer redundanten Geschichte, einer ebensolchen Motivation der Gegner und völlig konventioneller, langweiliger Action, deren Ausgang man ohnehin schon nach dem ersten Filmdrittel erahnen konnte.

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Zusammengefasst kann man sagen, dass der Film ein bisschen wie eine Achterbahn ist: Man weiß, was kommt und wie es endet, aber hat trotzdem seinen Spaß, solange die inhärenten Reize einen bei Laune halten. (Daniel Gores)

 

Ein visueller Geniestreich mit einigen narrativen Schwächen