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27/12/2017

THE KILLING OF A SACRED DEER

Regie: Yorgos Lanthimos / Irland, Großbritannien 2017 / 121 Min.

Darsteller: Colin Farrell, Nicole Kidman, Barry Keoghan

Produktion: Ed Guiney, Yorgos Lanthimos

Freigabe: FSK 16

Verleih: Alamode Film

Start: 28.12.2017

 

Ehre, wem Ehre gebührt: Yorgos Lanthimos schafft es doch jedes Mal aufs Neue zu überraschen – wenn auch nicht auf die immer erwartete Weise. Von Anfang hat man bei THE KILLING OF A SACRED DEER als Zuschauer das Gefühl, dass da etwas nicht mit rechten Dingen vor sich geht. Die Dialoge schwanken zwischen banal und sehr persönlich, ohne dass die Wechsel nachvollziehbar wären. Da wird über intime und sehr emotionale Themen gesprochen, während die Figuren selbst keine Emotionen zeigen. Das ist hier jedoch ausnahmsweise mal nicht auf mangelndes Talent oder Desinteresse der Darsteller zurückzuführen. Vielmehr sind die Gespräche nur ein Mosaikstein von vielen, die ein Bild ergeben, von dem man instinktiv spürt, dass es nicht stimmt. Man weiß nur nicht wieso.

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Denn eigentlich ist es ja ziemlich idyllisch, was wir da zu sehen bekommen. Steven (Colin Farrell) ist ein erfolgreicher Chirurg, mit der schönen Augenärztin Anna (Nicole Kidman) verheiratet, lebt mit den Kindern Bob (Sunny Suljic) und Kim (Raffey Cassidy) in einem schicken Haus. Wäre da nur nicht der 16-jährige Martin (Barry Keoghan), mit dem Steven Freundschaft geschlossen hat. Eine Freundschaft mit einer Vorgeschichte. Eine Freundschaft, bei der früh klar wird:

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Na, hätte er mal besser die Finger davon gelassen. Nicht dass Steven eine große Wahl hatte. Wie es griechische Tragödien so an sich haben, sind sie erst einmal im vollen Gange, kann sie niemand so bald wieder aufhalten. Wir kriechen auf den Abgrund zu, langsam und doch ohne es verhindern zu können. THE KILLING OF A SACRED DEER geht hier dann auch in eine etwas andere Richtung als die Vorgänger. Wo ALPEN das Surreale noch mit Melancholie verband, bei THE LOBSTER sich Komik einmischte, da erwartet uns dieses Mal das Grauen. Die eigenartigen Perspektiven und Kamerafahrten, der Einsatz von unheimlicher Musik: Der Film stöbert schon in der Horrorschublade herum, noch bevor wir eigentlich wissen, was gespielt wird. Ein bisschen Humor muss bei dem Entsetzen dann aber doch noch erlaubt sein. Ob es das Sexualverhalten der Charaktere ist, die erwähnten Dialoge, später die Versuche der Familienmitglieder, die Katastrophe aufzuhalten oder umzulenken – da gibt es genügend Momente, in denen man lachen möchte.

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Und sei es nur, weil man so gar nicht weiß, was die angemessene Reaktion wäre. Nicht einmal das lässt einem der befremdliche Arthouse-Amoklauf: Der sechste Spielfilm des griechischen Ausnahmeregisseurs sitzt nicht nur zwischen den Stühlen, er lässt einen auch daran zweifeln, ob es diese Stühle überhaupt gibt. Horrorfans stören sich am gemächlichen Tempo, Komödienfans an der Grausamkeit, der Rest ist zu verwirrt, um weiter darüber nachzudenken. Aber so ist Lanthimos nun mal: Immer wenn man meint, sich auf ihn eingestellt zu haben, macht er wieder etwas komplett anderes. Und alleine dafür lohnt es sich immer wieder, in der ersten Reihe Platz zu nehmen. Egal ob da nun Stühle sind oder nicht. (Oliver Armknecht)

 

Surreal, komisch, grausam