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14/02/2017

T2: TRAINSPOTTING 2

Regie: Danny Boyle / Großbritannien 2017 / 117 Min.

Darsteller: Ewan McGregor, Ewen Bremner, Robert Carlyle, Jonny Lee Miller, Kelly McDonald

Produktion: Irvine Welsh, Danny Boyle

Freigabe: FSK 16

Verleih: Sony Pictures Germany

Start: 16.02.2017

 

PRO

 

Erst bietet sich eine Gelegenheit, dann folgt Verrat. Vor 20 Jahren hat Mark Renton (Ewan McGregor) seine (Junkie-)Freunde Simon “Sick Boy” (Jonny Lee Miller), Spud (Ewen Bremner) und Begbie (Robert Carlyle) um 16.000 Pfund erleichtert und sich aus dem Staub gemacht. Das geschah in TRAINSPOTTING, einem Film vom damals relativ unbekannten Danny Boyle, der basierend auf dem gleichnamigen Buch aus der Beobachtung des Zeitgeistes einen Kultfilm der Popkultur geschaffen hat – ob man den Begriff mag oder nicht. 20 Jahre später macht sich Boyle daran, auch den Nachfolger Porno zu verfilmen, mit der gleichen Crew.

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Mark ist inzwischen nach Schottland zurückgekehrt, um … seine Freunde auszubezahlen? Sie zu besuchen? Oder eine alte neue Perspektive zu entdecken? Der Antwort ist sich Mark selbst noch nicht ganz bewusst, und ehe er sichs versieht, ist er als Mittvierziger wieder in seiner alten Hood und mit alten Problemen konfrontiert. Er rettet Spud das Leben, rauft sich mit Simon zusammen (kommt seiner Freundin Veronika sehr nahe) und versucht, dem mittlerweile aus dem Gefängnis entkommenen Begbie – der auf erbitterte Rache sinnt – aus dem Weg zu gehen. Und dazwischen versuchen die vier liebenswerten Loser, ihr Leben auf die Reihe zu kriegen, Geld zu beschaffen oder einfach nur den Sinn in allem zu sehen/finden. Zum Beispiel mit der Eröffnung eines Bordells – Verzeihung, einer Sauna natürlich. 

 

T2: TRAINSPOTTING 2 ist mehr, als man sich hätte erwarten können: witzig, traurig, melancholisch, ehrlich, fies und spannend. Die Figuren sind – ebenso wie deren Macher und eben das Publikum – 20 Jahre älter, aber nicht unbedingt weiter. Es geht um Vergangenheitsbewältigung und darum, einen Sinn oder zumindest eine Aufgabe im Leben zu finden. Mark haben selbst 20 Jahre Heroin-Abstinenz und ein Wandel zum Hobbysportler nichts gebracht außer einem Herzinfarkt. Manchmal muss man die Konfrontation mit der Vergangenheit suchen, sie verarbeiten, um sie dann begraben zu können. Denn man kann sie nicht ohne Weiteres verdrängen oder verraten, ohne als Tourist in seiner eigenen Nostagie zu enden. Boyle erhebt aber nie den Zeigefinger oder bietet eindeutige Antworten.

Er zeigt uns jedoch, was passieren kann, wenn man zu sehr in der Vergangenheit lebt, die Gegenwart ignoriert und die Zukunft ausblendet. Selbst ein engstirniger Choleriker wie Begbie, dessen Handeln von Wut, Enttäuschung und Rache bestimmt ist, kommt auf diesen Trichter – doch was wird er daraus lernen? Das ist das Spannende: T2 ist nie vorhersehbar, seine Figuren – so gut wir sie auch kennen – stets für eine oder mehrere Überraschungen gut.

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T2 stellt das Wesentliche in den Fokus, und das extrem unterhaltend, ohne den ersten Teil einfach zu kopieren. Die Figuren stehen oft in diversen Konstellationen gegeneinander, aber es fühlt sich echt an. Vor allem, wenn das Geschehen durch die Dreiecksbeziehung Mark-Simon-Veronika immer wieder angetrieben wird. Aber auch Spud ist auf dem besten Wege, seine Bestimmung zu finden. Und Begbies Jagd auf Mark wird mehrfach von unangenehmen wie herzergreifenden Szenen mit seiner Familie unterbrochen.

 

Es gibt zahlreiche Anspielungen auf den ersten Film aus dem Jahr 1996, T2 bewahrt jedoch immer genug Selbstständigkeit. Es geht glücklicherweise nicht darum, bereits Gesehenes und Erlebtes zu reproduzieren. Die Welt hat sich nun mal in all der Zeit geändert, auch wenn manche nicht Teil dieser Veränderung sind oder gar sein wollen. Eine harte Lektion für viele der Hauptfiguren. Der Film wird seiner eigenen Aussage bzw. Fragestellung aber dann immer etwas untreu, wenn er sich visuell wie auch in Dialogform ganz nah am Vorgänger orientiert. Das konterkariert stellenweise den Rest des Films unnötig. Dennoch erfreuen den Fanboy die Zitate, und es gibt einige Aha-Momente zu erleben. Etwas aufgesetzt und erzwungen wirkt einzig der “Choose life”-Dialog, schlecht oder gar langweilig wird es aber nie. Ebenfalls wird wieder das Thema Eltern aufgegriffen, die vier Antihelden benötigen da eine gehörige Portion Orientierungshilfe. Neben der visuellen Stärke eines Danny Boyle, der hier mit ausgefallener Ausleuchtung, Projektionen und Kameraeinstellungen im Stile eines Dario Argento einen neuen Höhepunkt erlebt, sticht die Spielfreude der  Akteure hervor. Jeder einzelne hatte merkbar Bock auf dieses Projekt. Und so spielt T2: TRAINSPOTTING 2 in derselben Sequel-Liga wie DER PATE 2 oder T2: TERMINATOR 2. So muss ein schwarzhumoriges “Coming-of-Age-Drama” nach 20 Jahren aussehen: immer noch den Zeitgeist treffend, die essenziellen Fragen des Lebens stellend, nicht zu bemüht um einen Kult. (Manuel Magno)

 

Choose life, choose TRAINSPOTTING 2

 

WEITER


CONTRA

Es beginnt so vielversprechend: Renton (Ewan McGregor) rennt in einem fensterlosen Fitnessraum auf einem Laufband, ein Hamster von vielen im Laufrad der Anpassung. Parallel dazu werden Bilder aus der Eröffnung von Regisseur Danny Boyles mittlerweile 21 Jahre alten TRAINSPOTTING montiert: Renton als abgemagerter Junkie, der nach einem Ladendiebstahl zur Drogenbeschaffung vor der Polizei davonrennt. Zwei Jahrzehnte später ist er angepasst, erfolgreich im Beruf, verheiratet und macht wie alle Mittvierziger seinen Sport, um dem vorgebebenen Schönheits- und Gesundheitsideal zu entsprechen. Doch dann lässt den 46-Jährigen sein Körper im Stich, und er fliegt vom Laufband auf die Schnauze.

 

TRAINSPOTTING war 1996 ein filmisches Manifest der Generation X: Eine Gruppe von Freunden pfeift darauf, sich in eine angepasste Zukunft zu begeben, und will stattdessen im Hier und Jetzt den Rausch leben, bis es Tote gibt und schließlich einer den Absprung aus dem Chaos schafft.

 

Die Eingangssequenz von T2 TRAINSPOTTING (ein übrigens selten blöder Titel, der eigentlich keinen Kommentar verdient) macht Lust auf mehr. Ähnlich, wie FIGHT CLUB bereits 1999 gefragt hat, worin der Sinn eines Lebens liegt, in dem man „alles richtig“ macht und dann doch nur Statist darin bleibt, wäre es schön gewesen zu sehen, was die schottischen (Anti-)Helden von einst mit all den „Neuerungen“ anfangen würden, die es seit den Neunzigern gibt, wie Handys, Facebook, Tinder, E-Zigaretten oder dem Weltherrschaftsanspruch von Amazon.

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Doch in der Fortsetzung hat man sich für einen anderen Weg entschieden: Renton kommt zurück nach Schottland und bewahrt Spud (Ewen Bremner), der immer noch Junkie ist, vor dem Suizid. Er stellt sich Sick Boy (Jonny Lee Miller), den er einst übers Ohr gehauen hat, und auch Begbie (Robert Carlyle) kommt gerade aus dem Knast. So kommt es zu einer Art „Highschool-Reunion“ der (Ex-)Junkies, für die sich der Film die Perspektive von Sick Boys Freundin (Anjela Nedyalkova) Veronika ausgesucht hat.

 

Ihre Figur ist eine Art Alice im Wunderland in der Sozialbau-Tristesse Schottlands, die die Helden des ersten Films aus ihrem Winterschlaf holt und beobachtet, wie sich die vier annähern – respektive an die Gurgel gehen –, und die dies dann begleitend kommentiert. Wie am Ende jeder Heldenreise ist der Höhepunkt auch hier die Begegnung mit dem Drachen, der in dem Fall in der Rolle des wild gewordenen Begbie auftritt, der Renton nie vergeben kann, dass er ihn vor 20 Jahren hintergangen hat.

 

Dabei waren die Helden einst durchaus vielseitig gestrickt: Neben Renton war Sick Boy der Draufgänger, Spud der sympathische Loser, Tommy der Sportler, der Neo-Junkie, der den Absprung nicht mehr schafft. Und Begbie war der Troublemaker, aber das nicht ohne Tiefe. Diese Differenzierung fällt in der Fortsetzung fast völlig weg, vor allem Begbie kommt aus der negativen Rolle, die er am Ende des ersten Teils bekam, nicht mehr raus.

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Dieser recht banale Weg für eine Fortsetzung eines der am interessantesten montierten Filme der Kinogeschichte ist einerseits sehr unterhaltsam gestaltet: Viele Episoden, die auf den ersten Teil verweisen (dreckige Klos und eine unglaubliche Ladung von fahrenden Zügen) oder gar auf filmische Klassiker (wie THE SHINING), sind sehr kurzweilig anzusehen. Andererseits jedoch krankt T2 TRAINSPOTTING an etwas, was Sick Boy Renton mal so treffend vorwirft: „Du bist ein Tourist in deiner eigenen Vergangenheit“.

 

Statt neue Wege zu beschreiten, feiert der Film sich vor allem selbst, begibt sich in einen … äh … Rausch aus Auftritten wirklich aller Darsteller des ersten Teils (u. a. Kelly MacDonald, Shirley Henderson, James Cosmo, Autor Irvine Welsh), doch die eigentliche Handlung, in der Renton und Sick Boy ein Bordell eröffnen wollen, schreitet nur sehr langsam und kaum Interesse weckend voran. Da PORNO, die literarische Fortsetzung von TRAINSPOTTING, nur zehn Jahre danach einsetzt, hat man das Buch auch nur zum Teil als Vorlage für den Film genommen, aber trotzdem die Chance verpasst, der Geschichte etwas Zeitgemäßes einzuverleiben.

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Gerade wenn man sich den Anfangsmonolog des ersten Films vor Augen führt („Sag Ja zum Leben, sag Ja zum Job, sag Ja zur Karriere, sag Ja zur Familie …“), ist das etwas enttäuschend, da T2 TRAINSPOTTING gar nicht versucht, ein ähnliches Statement zu setzen. In der Mitte des Films dann transportiert Renton zwar diesen Monolog in die Gegenwart, um eine Frau zu beeindrucken (wobei auch einige Weisheiten wie „Menschliche Beziehungen sind nur noch digitale Daten“ fallen), aber das war’s dann auch.

 

Im Großen und Ganzen ist T2 TRAINSPOTTING ein recht unterhaltsamer Film, mit tollen Bildern zu mitreißender Musik, aber wenn man sich die Welt im Jahre Trump ansieht, ist es schade, dass der Film dazu nicht mehr zu sagen hat und es lieber vorzieht, in der eigenen Nostalgie zu schwelgen. (Patrick Winkler)

 

Unterhaltsamer Film – verschenkte Fortsetzung