04/10/2015

RIDLEY SCOTT IM DEADLINE-INTERVIEW

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SCHREIBEN IST TÖDLICH!

Interview mit Ridley Scott

 

Die bald 78-jährige Regielegende (u. a. ALIEN, BLADE RUNNER und GLADIATOR) dreht in den letzten Jahren mehr Filme als je zuvor. Sein letzter Film EXODUS – GÖTTER UND KÖNIGE ist gerade mal ein paar Monate alt, da kommt schon sein nächstes Werk DER MARSIANER – RETTET MARK WATNEY in die Kinos. Im Interview zu diesem Werk spricht der als Sir Geadelte nicht nur über seinen neuen Film, sondern auch über die geplanten Sequels von BLADE RUNNER und PROMETHEUS sowie über üble Großkonzerne, gute Werbeslogans und darüber, warum er digital und 3D im Gegensatz zu anderen Filmemachern begrüßt.

 

DEADLINE: Sie haben bisher zwei Filme gemacht, die im All spielen, ALIEN und PROMETHEUS. Was hat Sie an DER MARSIANER interessiert, wo gar keine Monster vorkommen?

 

RIDLEY SCOTT: Mein Monster ist Matt Damon. (lacht) Im Ernst, es ist eine absolut fantastische Story. Es ist einer der raren Fälle, wo die Geschichte wie die Lagen einer Torte gestapelt ist. Es sind vier wunderbare Schichten: tolle Charaktere, Zwickmühlen, tolle Sets und viel Action. Aber am Ende ist es vor allem eine sehr emotionale Erfahrung, die uns zeigt, dass wir als Allererstes einander brauchen. Jeder braucht jeden, und ich denke, das ist gerade heutzutage eine essenzielle Botschaft. Auch weil eine chinesische Raumfahrtagentur zur Hilfe kommt. Auch die NASA meinte, das gerade das wichtig ist, denn wenn die Politik versagt, dann hilft man sich gegenseitig.

 

DEADLINE: Was denken Sie, wie sehr verändert eine lebensgefährliche Situation einen Menschen?

 

RIDLEY SCOTT: Durch Dankbarkeit für das, was man hat, und das, was man ist. Das ist die Erfahrung, die Menschen machen, um zu überleben. Es wäre für Mark Watney (Matt Damons Figur, Anm.) vermutlich das Letzte, danach noch mal zum Mars zu fliegen. Aber es war mir auch sehr wichtig zu zeigen, dass er einen Wert für die NASA hat und daher unersetzbar ist. Aber vor allem ist es Dankbarkeit für das, was man hat.

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DEADLINE: Trotz allen Ernstes ist die Geschichte auch voller Humor …

 

RIDLEY SCOTT: Das war schon im Buch vorhanden. Wenn du das Buch liest, wirst du das erkennen. Der Autor, Andy (Weir, Anm.), ist wirklich witzig. Immer wenn er ein neues Kapitel hinzugefügt hat, entwickelte sich eine Eigendynamik (Weir hatte das Buch zuerst im Eigenverlag veröffentlicht, Anm.). Plötzlich hat 20th Century Fox angerufen und wollte die Verfilmungsrechte für das Buch. Er konnte das kaum glauben, und dann ging alles ganz schnell.

 

DEADLINE: Wie haben Sie und Andy Weir beschlossen, welche Teile Sie für den Film streichen müssen?

 

RIDLEY SCOTT: Ich gar nicht, Fox hat die Rechte gekauft und Goddard (Drew Goddard, Drehbuchautor von DER MARSIANER, Anm.), einen der besten Drehbuchschreiber der Welt, mit der Sache beauftragt, aus dem Buch ein Drehbuch zu machen. Drew schrieb es für sich selbst und beschloss, nichts daran zu ändern. Als man es mir angeboten hat, war Drew der erste Mensch, den ich deshalb getroffen hatte. Als ich seine Fassung des Drehbuchs hatte, meinte ich nur: „Das kriegst du nun nicht mehr zurück.“ (lacht) Er war aber sehr glücklich damit, ebenso mit dem fertigen Film.

 

DEADLINE: Heutzutage kann man Roboter zum Mars schicken, warum sollte man einen Menschen da hinsenden?

 

RIDLEY SCOTT: Gute Frage. Ich denke, weil die Kosten für eine Marsmission einfach kolossal sind. Das sind Milliarden …

 

DEADLINE: Aber Sie halten das dennoch für nötig?

 

RIDLEY SCOTT: Ja, aber warum gibt es Formel-1-Autos? Ich schau mir das gerne an, aber was ist der wahre Wert dahinter? Es wird behauptet, dass es den gibt. Insofern glaube ich, dass es unbezahlbar ist, was man von einer Marsmission lernen kann. Aber von da an ist der nächste Schritt so weit entfernt, dass er in diesem Jahrhundert nicht mehr passieren wird. Weil man unter anderem Lichtgeschwindigkeit entwickeln muss, um zum nächstgelegenen Planeten zu kommen. Sobald man den Mars hinter sich hat, ist man in den Tiefen des Weltalls.

 

DEADLINE: Wenn Sie zum Mars reisen müssten, was würden Sie während der monatelangen Reise machen?

 

RIDLEY SCOTT: Vermutlich lesen. Und Sport treiben. Astronauten müssen mindestens zwei Stunden am Tag trainieren. Oder waren es vier Stunden?

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DEADLINE: Oder Filme anschauen?

 

RIDLEY SCOTT: Es werden zwar viele Filme gemacht, aber nicht alle sind gut. Du hast vermutlich mehr gesehen als ich.

 

DEADLINE: Also bevorzugen Sie Bücher?

 

RIDLEY SCOTT: Ich habe schon als Kind auch die ganzen Klassiker gelesen. Geschichte war das einzige Schulfach, in dem ich gut war. Ich hab alles von C. S. Forester gelesen und wurde ein Experte für die napoleonischen Kriege. Mein Geschichtslehrer sagte: „Lies die, die sind viel genauer und vor allem viel unterhaltsamer als die Geschichtsbücher, und es gibt sogar Sexszenen.“ (lacht)

 

DEADLINE: Können Sie sich noch an das erste Science-Fiction-Buch erinnern?

 

RIDLEY SCOTT: Davon war ich gar nicht so ein großer Fan, aber was mich wirklich beeindruckt hat, war DUNE – DER WÜSTENPLANET. Und ich hab die Verfilmung mit einem Autor namens Rudi Wurlitzer vorbereitet, der davor PAT GARRETT JAGT BILLY THE KID geschrieben hatte. Aber leider hab ich es dann nie realisiert.

 

DEADLINE: An welche Form der Zukunft glauben Sie: eine utopisch-positive oder eine dystopisch-negative mit Mega-Konzernen, die die Welt regieren?

 

RIDLEY SCOTT: Dystopisch.

 

DEADLINE: Warum?

 

RIDLEY SCOTT: Weil genau das passiert, Kumpel.

 

DEADLINE: Ja?

 

RIDLEY SCOTT: Machst du Witze? Schau dich doch mal um …

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DEADLINE: Also wie bei BLADE RUNNER?

 

RIDLEY SCOTT: BLADE RUNNER war schon nah dran mit der Idee, dass die Welt von wenigen Mega-Firmen bestimmt wird. Ich könnte sofort eine nennen, aber mach das mal lieber nicht. (lacht)

 

DEADLINE: Welche?

 

RIDLEY SCOTT: Sag ich nicht. (grinst)

 

DEADLINE: Wie kam die Fortsetzung von BLADE RUNNER ins Rollen?

 

RIDLEY SCOTT: Ich habe zwei Jahre an BLADE RUNNER 2 gearbeitet. Als der Titel gekauft wurde, hat man mich gefragt, ob ich eine Idee für eine Fortsetzung hätte. Natürlich hatte ich die, und als es darum ging, einen passenden Autor zu finden, kam Hampton (Fanchor, Drehbuchautor, Anm.) dazu. Ich hab mich mit ihm getroffen, und wir hatten einige tolle Ideen, was darin vorkommen sollte und was nicht. Er hat dann daraus kein Drehbuch gemacht, sondern eine Mini-Novelle, die etwa 110 Seiten hatte. Ich habe dann mit Michael Green das daraus gemacht, was es nun als Drehbuch ist. Harrison (Ford, Anm.) ist wieder mit dabei, und ich glaube, mittlerweile ist es offiziell, dass der andere von (denkt nach), oh Mist! Jetzt fällt mir sein Name nicht ein …

 

DEADLINE: Ryan Gosling?

 

RIDLEY SCOTT: (lacht) Genau, Ryan Gosling spielt die andere wichtige Rolle.

 

DEADLINE: Aber generell machen Sie nicht gerne Fortsetzungen?

 

RIDLEY SCOTT: Nicht wirklich …

 

DEADLINE: Warum nicht?

 

RIDLEY SCOTT: Es gibt keinen bestimmten Grund, aber bei BLADE RUNNER 2 gibt es eine sehr gute Idee. Harrison meint, es ist das Beste, was er je gelesen hat.

 

DEADLINE: Ihr nächster Film ist aber immer noch die Fortsetzung von PROMETHEUS?

 

RIDLEY SCOTT: Ja.

 

DEADLINE: Das wäre also dann das erste Mal, dass Sie eine Fortsetzung zu einem Ihrer eigenen Filme gemacht haben?

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RIDLEY SCOTT: Ja, stimmt.

 

DEADLINE: Wo wird PROMETHEUS 2 im ALIEN-Franchise stehen?

 

RIDLEY SCOTT: Die Idee ist es, zu erklären, warum das Alien-Monster geschaffen wurde. Das Alien ist wie chemische Kriegsführung, und das Original-Raumschiff, auf dem es gefunden wurde und das ich gerne das Croissant nenne (grinst), war ein Kriegsschiff in Bereitschaft, wo diese biomechanischen Kreaturen lauerten, denen es nur um Zerstörung ging.

 

DEADLINE: Also wird PROMETHEUS 2 ein direkter Anschluss an den ersten, Ihren ALIEN-Film, sein?

 

RIDLEY SCOTT: Ja, aber es wird nicht der einzige sein, es kommt noch ein weiterer …

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DEADLINE: Also ein dritter PROMETHEUS-Film?

 

RIDLEY SCOTT: Ja, und eventuell sogar noch einer, bevor es da weitergeht, wo ALIEN beginnt. (schmunzelt)

 

DEADLINE: Sie sind ja schon sehr lange im Filmgeschäft, wie sieht Ihre „Überlebensstrategie“ aus?

 

RIDLEY SCOTT: (überlegt) Ich denke nicht viel drüber nach, ich mache einfach. Einer der besten Sprüche, die die Werbebranche je hervorgebracht hat, ist: Just do it!

 

DEADLINE: Bei welchem Ihrer Filme haben Sie bis heute das Gefühl, dass er total unterschätzt ist?

 

RIDLEY SCOTT: Alle! (grinst) Für BLADE RUNNER wurde ich fast umgebracht, das Gleiche passierte bei LEGEND und DIE DUELLISTEN. Irgendwann dachte ich mir, vergiss es, ich mache einfach das, was ich will!

 

DEADLINE: Aber ist das nicht dennoch jedes Mal ein Kampf?

 

RIDLEY SCOTT: Nein, nicht wirklich.

 

DEADLINE: Waren Sie nie in einer Situation wie, um beim Thema zu bleiben, Mark Watney am Beginn von DER MARSIANER, wo er alleine und zurückgelassen ist?

 

RIDLEY SCOTT: Oh doch, am Beginn jedes Films, den ich mache. (lacht) Aber im Ernst, dafür bin ich mittlerweile zu lange dabei. Dennoch ist es immer ein Kampf, von null zu beginnen, um einen Film wie PROMETHEUS zu erzählen, der einen totalen Neuanfang für eine bestehende Geschichte erfindet. Das Schwierigste dabei ist das Schreiben. Die Dreharbeiten sind im Vergleich geradezu geradlinig und befriedigend. Das ist der Spaß, das Schreiben ist tödlich.

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DEADLINE: Sie haben mal gesagt, dass in Ihren Hauptfiguren auch Eigenschaften von Ihnen selbst stecken …

 

RIDLEY SCOTT: Wenn man zu schreiben beginnt, muss man immer einen Bezug zu den Figuren haben. Sobald ich ein Buch finde, das ich verfilmen möchte, suche ich mir einen Drehbuchautor, mit dem dann viele Gespräche nötig sind. Die notiert man sich und adaptiert sie wiederum für das Drehbuch.

 

DEADLINE: Haben Sie Szenen für DER MARSIANER gedreht, die nicht in der Kinofassung zu sehen sind?

 

RIDLEY SCOTT: Ja, die lange Version ist zwei Stunden und vierzig Minuten lang.

 

DEADLINE: Ist dafür eine Veröffentlichung geplant?

 

RIDLEY SCOTT: Nicht jetzt, aber auf DVD. Fürs Kino ist er zu lang, aber ich bin mir sicher, als DVD wird das funktionieren.

 

DEADLINE: Was wird da länger sein?

 

RIDLEY SCOTT: Alle Szenen sind im Wesentlichen so, wie sie sind, aber die 3.000-Kilometer-Reise zum Krater, wo Watney theoretisch gerettet werden kann, dauert viele Monate. Ich hatte das eigentlich ausführlicher im Film, aber ich musste einen besseren Weg finden, um das zu erzählen, und das war durch Kürzen.

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DEADLINE: Um noch mal auf BLADE RUNNER zurückzukommen. Der spielt ja im Jahr 2019, also nur 4 Jahre in der Zukunft. Wie hat sich die Technologie im Vergleich zu diesem Film verändert?

 

RIDLEY SCOTT: Wir sind weiter vorne, sehr weit vorne. Ich hoffe nur, dass uns all diese Technologie den Hintern retten wird.

 

DEADLINE: Sehen Sie künstliche Intelligenz als Gefahr?

 

RIDLEY SCOTT: Absolut, das ist wie Big Brother. Wenn man eine künstliche Intelligenz erschafft und dann noch eine, dann sollten sie nie zusammengebracht werden, sonst sind wir am Arsch.

 

DEADLINE: Wie lange wird es noch dauern, bis wir technisch so weit sind wie in DER MARSIANER?

 

RIDLEY SCOTT: Ich denke, 2020 stehen wir auf dem Mars. Es liegt aber an den Förderungen, weil es Milliarden kostet. Ich hab den Chef der NASA ein paarmal in Toronto getroffen, als wir da gedreht haben, und wir haben den Film 14 weiteren, wichtigen NASA-Mitarbeitern gezeigt, und sie fanden ihn toll. Einer meinte im Scherz: „Hoffentlich hilft uns das mit Förderungen.“ Aber ich denke, 2020 oder 2024 werden wir da oben jemanden sehen.

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DEADLINE: Sie haben 3D in Ihren letzten Filmen ordentlich abgefeiert, andere Filmemacher, wie Christopher Nolan oder Neill Blomkamp, lehnen das total ab. Was gefällt Ihnen so an dieser Technologie?

 

RIDLEY SCOTT: Zunächst denke ich, dass Digitaltechnik großartig ist. Ich war einer der ersten Filmemacher, die digital drehten. Ich glaube, Spielberg dreht immer noch auf Filmmaterial. Ich habe das bei PROMETHEUS aufgegeben und bin zu „dig“ und 3D übergegangen und würde diesen Schritt nie zurück machen. Vielleicht drehe ich demnächst nicht mehr 3D, aber bestimmt wieder digital. Es gibt einfach mehr Sicherheit. Ein Film startet heutzutage mit bis zu 15.000 Kopien weltweit. 15.000 Kopien auf Zelluloid? Machst du Witze? (lacht) Jede Kopie davon wäre etwas anders, weil es darauf ankommt, zu welcher Tageszeit sie in welcher Wanne entwickelt wird. Und es gibt die Labore auch gar nicht mehr, also müsste man eines eröffnen, dennoch wäre es ein physischer Prozess. Beim Digitalen drückst du zwei Knöpfe und bekommst eine exakte Kopie, die so ist, wie du willst, statt lauter Kopien, wo keine der anderen gleicht, da verliert man doch den Verstand.

 

DEADLINE: Warum haben Sie DER MARSIANER in 3D gedreht, obwohl er kein Actionkracher voller Explosionen ist, die einem dann sprichwörtlich um die Ohren fliegen? War es wegen der Landschaften?

 

RIDLEY SCOTT: Ja, derentwegen, aber wie gesagt, ich liebe 3D und finde, dass es eine tolle Erfahrung bietet, die näher an dem ist, was wir in echt erleben. Du hast 3D in deinem Kopf. Deine Augen sind wie zwei Kameras, die leicht versetzt sind, daher siehst du dreidimensional. Bei 2D „neutralisiert“ dein Gehirn das, bei 3D ist es so, wie es sein sollte.

 

DEADLINE: Vielen Dank für das Gespräch, Mr. Scott.

(Interview geführt von Patrick Winkler)

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