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14/07/2017

NIPPON CONNECTION: JAPANISCHES HERZ AM MAIN

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Mit rund 100 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilmen bot die 17. Nippon Connection auch in diesem Jahr aufregende Einblicke in das aktuelle Filmschaffen Japans. Ein Erlebnis – nicht nur wegen Filmauswahl und Rahmenprogramm, sondern vor allem dank der einzigartigen Festivalatmosphäre, die ein rund 70-köpfiges Team ehrenamtlich und mit viel Liebe zum Detail verantwortet. Neben aktuellen Produktionen widmete sich die Retrospektive dem Nikkatsu Roman Porno, Schauspieler Koji Yakusho erhielt den dritten Nippon Honor Award. Rückblick auf eine Woche voll intensiver Momente und aufregender Begegnungen.

 

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“Die Nächte sind lang, die Tage auch, und draußen wird es immer heißer”, sagte Festivalleiterin Marion Klomfaß an einem Abend der 17. Nippon Connection. Allen Hitzerekorden zum Trotz war so einiges los beim größten japanischen Filmfestival außerhalb Japans: Zahlreiche Filmvorführungen waren ausverkauft, das umfangreiche Kultur- und Rahmenprogramm durchweg gut besucht. Für rund 50 Filmemacher, Fachgäste aus aller Welt und weit über 16.000 Besucher schlug das Herz des japanischen Kinos wieder eine Woche lang in Frankfurt am Main.

 

Honne und Tatemae: zwischen Erwartung und Exzess

 

Ihren vielleicht eindrücklichsten Moment hatte die Nippon Connection 2017 ausgerechnet beim Q&A nach einer knalligen Girlband-Doku, als Regisseur Atsushi Funahashi über ein markantes Wesensmerkmal der japanischen Kultur sprach: das Verhältnis von Honne, den inneren, wahren Gefühlen eines Menschen, und Tatemae, der öffentlichen Erscheinung, die sich den Erwartungen der Gesellschaft anpasst.

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(Regisseur Atsushi Funahashi)

 

In RAISE YOUR ARMS AND TWIST, Funahashis hintergründigem Dokumentarfilm über das japanische Pop-Phänomen der Idol-Group NMB48, heißt das: Auch ohne ausgesprochene Regel wissen die Mädchen, dass sie keinen festen Freund haben dürfen. Gesamtgesellschaftlich hingegen: Auch wenn es nach außen – Tatemae – so scheint, als interessierten sich viele Japaner nicht für das Geschehen im eigenen Land, sei das in Wahrheit – Honne – ganz anders. Für Funahashi Anlass für ein glühendes Bekenntnis zur pazifistischen Grundhaltung Japans und eine Warnung vor der angestrebten Verfassungsänderung von Premierminister Shinzô Abe, die jenen verankerten Pazifismus zu verwerfen droht.

 

Überhaupt war das Verhältnis von offen Gesagtem und Unausgesprochenem von großem Interesse in Frankfurt. Zum Beispiel, als ein Mann auf dem Handy seiner bei einem tragischen Unfall verstorbenen Frau eine nie versendete Mail findet, wie im Publikumsliebling THE LONG EXCUSE von Miwa Nishikawa: „Ich liebe dich nicht mehr“, ist darin zu lesen. “Kein Stück.” Und das, wohlgemerkt, nachdem er zum Zeitpunkt ihres Todes mit einer anderen im Bett lag. Oder auch im wunderbaren Zombiestreifen I AM A HERO von Shinsuke Sato, der gleichermaßen die Manga-Kultur ehrt und eine, nun ja, liebevolle Romero-Referenz präsentiert – erweitert um eine nicht uninteressante Facette fürs Genre. Die Zombies in I AM A HERO quasseln nämlich munter drauflos und legen so mit oft nur wenigen Worten tief verwurzelte Charakterzüge der Menschen offen, die sie einmal gewesen sind, was mitunter für herzliche Lacher sorgt – aber auch Anlass für äußerst drastische Momente bietet.

 

Am intensivsten, erschütterndsten jedoch trat die Sprachlosigkeit in DESTRUCTION BABIES hervor.

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(Tetsuya Mariko, Regisseur von DESTRUCTION BABIES)

 

Nach der Logik von Honne und Tatemae vollzieht DESTRUCTION BABIES einen radikalen Bruch mit jeder öffentlichen, sozialen Erwartung und zeigt ein exzessives Nach-außen-Kehren innerer Triebe: Taira (Yûya Yagira) verwickelt wahllos Passanten in brutale Schlägereien und lässt auch dann nicht locker, wenn er eigentlich schon längst verloren hat. Beeindruckt schließt sich ihm der feige Schüler Yuya (Masaki Yuda) an. Vier Jahre nahm die Produktion des Films in Anspruch, für den Tetsuya Mariko in Locarno als bester Nachwuchsregisseur ausgezeichnet wurde. In Großbritannien heißt es zu dem pessimistischen Werk: “Die 108 extremsten Minuten der japanischen Filmgeschichte”. Festivalleiterin Klomfaß: “Eine unglaublich physische Erfahrung.” 

 

 

Zeigen, was im Fernsehen nicht zu sehen ist: Schwerpunkt Nikkatsu Roman Porno

 

Mitte des letzten Jahrhunderts dominierten eine Handvoll Studios das japanische Filmgeschäft mit großen Produktionen, bekannten Stars und eigenen Kinoketten. Doch die zunehmende Verbreitung des Fernsehens und andere Faktoren brachten die Vormachtstellung der Studios ins Wanken – das Publikum blieb den Kinos fern. Um das eigene Produktions- und Auswertungssystem und damit den Profit am Leben zu halten, musste etwas her, was man im Fernsehen nicht sehen konnte: Sex und Sensation. Längst hatte der Pink Film mit unabhängig, meist schnell und günstig produzierten Sexfilmen den Markt geflutet und lieferte zeitweise weit mehr als die Hälfte der japanischen Filmproduktion insgesamt. Nikkatsu, einer der Big Player jener Tage, schaute genau hin und lernte: Zu Beginn der 70er-Jahre wurde hier der Roman Porno begründet, ein Produktionslabel, unter dem bis Ende der 80er mehr als 1.000 Filme entstanden.

 

“Das japanische Kino dieser Zeit kann man nicht wirklich verstehen, wenn man diese Produktionen nicht betrachtet”, erklärt Jasper Sharp im DEADLINE-Gespräch.

JasperSharpimDEADLINE-Gespräch (Jasper Sharp)

 

Der Japan-Film-Experte und Autor von BEHIND THE PINK CURTAIN. THE COMPLETE HISTORY OF JAPANESE SEX CINEMA lieferte mit seinem Fachvortrag im Mousonturm und Einführungen im Deutschen Filmmuseum den inhaltlichen Rahmen zur diesjährigen Retrospektive zum Roman Porno, die sich mit insgesamt neun Filmen zwei herausragenden Vertretern des Genres widmete: Tatsumi Kumashiro (THE WOMAN WITH RED HAIR) und Noboru Tanaka (NIGHT OF THE FELINES).” Es gibt massive Unterschiede zwischen Pink Film und Roman Porno”, betont Sharp. Obwohl die Roman-Porno-Filme deutlich günstiger und schneller als konventionelle Filme des Studios produziert wurden, waren sie den unabhängigen Pinku Eiga nicht nur im Budget überlegen, sondern auch im Rückgriff auf die leistungsfähige und professionelle Studio-Infrastruktur. Solange auf jeder Filmrolle, also etwa alle zehn Minuten, eine Erotikszene zu sehen war, hatten die Filmemacher dabei recht freie Hand bei der Gestaltung ihrer Werke. “Viele dieser Filme erlauben einen Blick hinter den Vorhang, sind politisch, stimmungsvoll und sehr poetisch”, sagt Sharp. Fun Fact: “Roman Porno“ ist ein Lehnwort. Der Rückgriff auf den französischen Begriff des „Roman pornographique“ sollte den Produktionen eine intellektuelle Anmutung verleihen. Da der Begriff “Porno” in Japan nicht für pornografische Filme verwendet wurde, brachte ihn dort auch niemand mit grafischen Sexszenen in Verbindung.

Jasper Sharp Vortrag RomanPorno

Im vergangenen Jahr machte Nikkatsu mit einem Roman-Porno-Reboot auf sich aufmerksam, zwei der fünf dabei entstandenen Filme waren jetzt auch bei der Nippon Connection zu sehen: DAWN OF THE FELINES von Kazuya Shiraishi sowie Akihito Shiotas WET WOMAN IN THE WIND.

 

Ein Gigant des japanischen Kinos

 

Noch während Nikkatsu erfolgreich seine Roman-Porno-Filme produzierte, beschloss ein junger Mann aus dem japanischen Süden, sich der Schauspielerei zu widmen: Koji Yakusho. Heute, fast vierzig Jahre später, ist der charismatische Charaktermime längst ganz oben angekommen. “Koji Yakusho ist ein Gigant des japanischen Kinos”, sagte Harvard-Professor Dr. Alex Zahlten beim Filmemachergespräch. “Mit seinen Darstellungen hat er das japanische Kino der vergangenen Jahrzehnte mit geformt.” Mit TAMPOPO und SHALL WE DANCE machte Koji Yakusho auf sich aufmerksam, er wirkte in zahlreichen Filmen Kiyoshi Kurosawas (CURE) mit, stand für Takashi Miike (13 ASSASSINS) und Tetsuya Nakashima (THE WORLD OF KANAKO) vor der Kamera, feierte internationale Erfolge (BABEL, DIE GEISHA) und wird von Fans und Filmemachern für sein breites schauspielerisches Spektrum gelobt – vom Nice Guy bis hin zum abgründigen Monstrum.

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(Koji Yakusho bei der Pressekonferenz)

 

Für seine Leistungen und besondere Verdienste um den japanischen Film erhielt Koji Yakusho den 3. Nippon Honor Award, den er in Frankfurt persönlich entgegennahm. Ein bewegender Moment für den Mann, der seine Karriere am Theater begann, ganz so wie damals, bei seinem ersten Besuch der Filmfestspiele in Cannes. “Dort habe ich zum ersten Mal erfahren, dass sich Menschen aus der ganzen Welt für das japanische Kino begeistern“, erinnerte sich Yakusho. “Dasselbe Gefühl habe ich auch hier, bei der Nippon Connection.“ Ein Augenblick, in dem Honne und Tatemae zweifellos übereinstimmten.

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Weitere Preise:

Nippon Cinema Award: THE LONG EXCUSE (Miwa Nishikawa)
Nippon Visions Audience Award START LINE (Ayako Imamura)
Nippon Visions Jury Award POOLSIDEMAN (Hirobumi Watanabe)
Nippon Visions Jury, lobende Erwähnung: GOING THE DISTANCE (Yujiro Harumoto)

 

Save the Date: Die nächste Nippon Connection findet statt vom 29. Mai bis 3. Juni 2018.

 

(Text und Fotos: Sascha Schmidt)

 

Weitere Infos: http://www.nipponconnection.com