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PIRATES OF THE CARIBBEAN - Fremde Gezeiten
Image Regie: Rob Marshall / USA 2011 / 140 Min. Darsteller: Johnny Depp, Geoffrey Rush, Penélope Cruz, Ian McShane, Kevin R. McNally u.v.a. Produktion: Jerry Bruckheimer Verleih: Walt Disney Studios Freigabe: FSK 12 Start: 19.05.2011

Vier Jahre ist es her, seit Captain Jack Sparrow die sieben Kinoweltmeere in PIRATES OF THE CARIBBEAN – AM ENDE DER WELT unsicher gemacht hat. Aber bereits nach dem Abschluss der gigantisch erfolgreichen Piraten-Trilogie wurden Gerüchte laut, dass Entertainment-Freibeuter Jerry Bruckheimer weitere Raubzüge auf die Geldbeutel der Landratten plant. Schon der damals kursierende Titel „On Stranger Tides“ klang eher wie ein hohler Scherz aus der Management-Etage von Disney. Die beiden Fortsetzungen zum 2003-er Überraschungshit FLUCH DER KARIBIK litten unter dem gewaltigen Druck einer aus den Fugen und Planken geratenen Erzählung, die, ganz ähnlich wie die MATRIX-Sequels, unter der Last ihres überbordenden Spektakels zusammenbrechen mussten. Die geradezu mitleiderregende Hilflosigkeit der Autoren, das eigentlich gigantisch gesponnene Seemannsgarn um den tragisch verfluchten Tentakel-Piraten Davy Jones und seine Mannschaft der Verdammten zu einem sinnvollen Finale zu bringen, zeigte sich AM ENDE DER WELT.

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copyright Disney Studios


Wie also geht man eine weitere Fortsetzung an, obwohl einem bereits zuvor sämtliche Ideen ausgegangen sind? Die Antwort müsste eigentlich „Gar nicht!“ lauten. Der einfallslos beibehaltene Unsinnstitel „On Stranger Tides“ (eigentlich ungenau mit FREMDE GEZEITEN statt „Seltsame Gezeiten“ eingedeutscht) sollte einem bereits Warnung genug sein, dass man sich hier wohl auf einem filmischen Seelenverkäufer befindet.
So landet Jack Sparrow (Johnny Depp) zunächst aus unerfindlichen Gründen in London, weil er dort angeblich gehängt werden soll(!). Bei dem Verurteilten handelt es sich jedoch um seinen alten Bootsmann Gibbs (Kevin McNally ist wieder mit an Bord). Ein rasch ausbaldowerter Fluchtplan schlägt natürlich fehl und so landet Sparrow schließlich in Ketten vor dem englischen König. Der ranzige Monarch (ein herrlich feister Richard Griffiths, den meisten als HARRY POTTERs Onkel Vernon bekannt) bietet ihm aber eine Chance an: Sparrow soll für die Krone die Quelle der Jugend finden, damit er seinen Kopf aus der Schlinge ziehen kann. Schließlich sind die Spanier und andere zwielichtige Gestalten auf der Suche nach dem legendären Jungbrunnen. Zusammen mit einem alten Bekannten soll er sich auf die Reise ins Ungewisse begeben: Captain Barbossa (Geoffrey Rush) hat sich vor dem Gesetz rehabilitiert und steht nun in den Diensten des Königs. Grund genug für Jack, den falschen Braten zu wittern und erneut spektakulär Reißaus zu nehmen. Doch sein Weg führt ihn natürlich wieder vom Regen in Traufe und auf die hohe See.
PIRATES OF THE CARIBBEAN – FREMDE GEZEITEN wirkt leider so, als hätte es nach dem ersten Story-Meeting nur noch einen Zettel mit Stichpunkten gegeben, die in irgendeiner Weise abgehakt werden mussten. Blackbeard - aha, mmhh, blutrünstige Meerjungfrauen, sehr gut, eine heiße Spanierin für Jack, klasse, und überhaupt fehlten bisher die Spanier. Und wir haben noch keine Zombie-Piraten! Dann wird Blackbeard eben Voodoo-Meister, der seine treuesten Gefolgsleute zombiefiziert. Das spielt für den Film zwar keine Rolle, aber niemand kann sagen, dass wir diesmal keine Zombie-Piraten hätten!

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Die Liste der lustlos zusammengeschusterten Ideenfragmente ließe sich schier endlos fortführen. Dass aber ausgerechnet Johnny Depp und Penelope Cruz als streitendes Piratenpärchen eher wenig bezaubern und der an sich hervorragende Ian McShane als Schreckenspirat Blackbeard rein gar nichts zu tun hat, spricht schon von enormen Unvermögen. Die Schauspieler in Maske und Kostüm allein vor teure Kulissen zu stellen reicht eben nicht aus!

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Den Schwarzen Fleck und eine Vorladung zum Kielholen bekommt Regisseur Rob Marshall (NINE, CHICAGO) aber, weil der Film vor allem auf der simplen Unterhaltungsebene völlig untergeht. Abgesehen von der gelungenen Eröffnungsflucht in London gibt es eigentlich keine einzige nennenswerte Actionsequenz (in Worten NULL!) im gesamten Film. Außerdem bleiben Spaß und Spannung auf einem gleichbleibend niedrigen Niveau, da es anscheinend auch keine wirklichen Hindernisse auf dem Weg zur Quelle der Jugend gibt. Marshall hat mit PIRATES OF THE CARIBBEAN – FREMDE GEZEITEN einen geradezu altbacken wirkenden Piratenfilm gedreht, der die Leichtfüßigkeit und all jene Elemente ignoriert, die die originale Trilogie so erfolgreich gemacht haben. So entpuppt sich Blackbeards gefährlichste Eigenschaft darin, dass er mit seinen Säbel sein Schiff quasi fernsteuern kann. Ein peinlicher Subplot um eine gefangene Meerjungfrau und einen Priester (Nein, dies ist nicht der Anfang eines schmutzigen Witzes) sollte besser ganz verschwiegen werden. Einzig Johnny Depp zeigt sich wie immer in schwankender Hochform und dürfte für den trotzdem nicht abzuwendenden Erfolg dieser Hollywood-Monstrosität verantwortlich sein. Wenigstens liefert der Film im Finale noch eine überraschende Pointe, über die besonders der Vatikan schmunzeln dürfte.
Wer am Ende allerdings in seinen bitter geleerten Geldbeutel schaut (Kinokarte mit Überlängen- und 3D-Aufschlag), kann sich gut einen genüsslich grinsenden Jerry Bruckheimer vorstellen, der süffisant Johnny Depp aus FLUCH DER KARIBIK zitiert: „PIRAT!“

Kay Pinno

Buhu statt Yo-Ho.
 

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