23/01/2015

Im Interview mit David Koepp, Paul Bettany und Johnny Depp zu MORTDECAI – DER TEILZEITGAUNER

VIER FÄUSTE UND EIN SCHNAUZER

MORTDECAI - DER TEILZEITGAUNER

Mit MORTDECAI – DER TEILZEITGAUNER beweist vor allem Superstar Johnny Depp in der Titelrolle zum wiederholten Male sein großartiges komödiantisches Talent. In der etwas übertriebenen Gangsterklamotte verkörpert Paul Bettany Jock, den treuen Diener und Leibwächter seiner überdrehten Lordschaft, die inszenierende Verantwortung für das kontrollierte Chaos hatte Drehbuchgenie David Koepp.
Wir fühlten den dreien auf den Zahn und erfuhren so allerlei über kastrierte Hunde, juckende Popos, Josef Stalin und warum Filmemachen eine lächerliche Art sein kann, seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

 

DEADLINE: David, auch wenn du mit Johnny Depp einen Superstar in deinem Film hast, gibt es Gerüchte, dass sein Schnurrbart der noch größere Star war, der sogar einen eigenen Trailer hatte. Stimmt das?

 

DAVID KOEPP: Der Schnauzer hatte viele Anforderungen, aber wir haben versucht, sie alle zu erfüllen. Den richtigen Schnurrbart auszusuchen war wie eine Rolle zu besetzen. Die Geschichte hat uns ja zum Glück mit vielen Oberlippenbärten versorgt, von Josef Stalin bis Tom Selleck, wobei das eigentlich der gleiche ist. (lacht) Ich hab online ein Foto von einem österreichischen Grafen von zirka 1910 gefunden. Sein Schnurrbart war etwas schmaler als der (er zeigt auf Johnny Depps Oberlippe), etwas buschiger in der Mitte und gelockter am Rand. Dann haben wir 20 davon machen lassen, einer davon schmückt die Wand in meinem Büro. Ich glaube, da ist sogar noch etwas von Johnnys Lippe dran, weil er sich so schwer lösen ließ.

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DEADLINE: Johnny, warum hast du dir nicht deinen eigenen Bart stehen lassen und der Produktion einen weiteren Trailer erspart?

 

JOHNNY DEPP: Wie du sehen kannst (er zeigt auf seinen eigenen Oberlippenbart), ist das bei mir ein Vollbart. (lacht) Das bin ich als Holzfäller. Ach, ihr habt ja keine Holzfäller in Deutschland, oder?

 

DEADLINE: Äh …

 

JOHNNY DEPP: Im Ernst, mir wächst der nicht so wie erforderlich.

 

DEADLINE: Du arbeitest seit FLUCH DER KARIBIK mit denselben Make-up-Leuten. Was ist so speziell an denen?

 

JOHNNY DEPP: Wir haben uns bei den verschiedenen Erscheinungen der Figuren immer gegenseitig gepusht, um die Grenzen zu testen, wo es zu viel wird.

 

DEADLINE: Paul, was hat dich an der Rolle von Mortdecais Diener und Bodyguard, der noch dazu sexsüchtig ist, interessiert?

 

DAVID KOEPP: Paul ist verheiratet, daher geb ich ihm den Rat, nicht darauf zu antworten. (grinst)

 

PAUL BETTANY: Ja, genau, ich hab zur Vorbereitung Frauen aufgerissen und mit ihnen geschlafen. (lacht) Ich hatte gerade mein Regiedebüt fertig gedreht und sehr viel Verständnis für die Not von Regisseuren. Daher hab ich immer genau das getan, was mir gesagt wurde.

 

DEADLINE: Johnny, hat es dir Spaß gemacht, dich in einen englischen Schnösel zu verwandeln?

 

JOHNNY DEPP: Es war sogar zu viel Spaß, es war fast schon unverantwortlich. Wir haben sehr viel gekichert beim Dreh.

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DEADLINE: Warum hat es so viel Spaß gemacht?

 

JOHNNY DEPP: Bestimmt wegen der Drogen. (lacht) Aber David hat den Dreh immer mit einer guten Stimmung geleitet.

 

DAVID KOEPP: Vor dem Dreh haben wir viel über die Geschichte und die Figuren geredet. Man liest die Szenen ein- bis zweimal durch, um zu sehen, ob es irgendwelche Sätze gibt, die geändert werden sollten, bevor der Dreh losgeht. Aber die fertige Figur trifft man immer erst am ersten Drehtag. Ich hatte wirklich keine Ahnung, was Johnny machen würde. Johnny spielt eineRolle nicht, er wird auch nicht zu ihr, er lässt sie auf dich los! Plötzlich existierte Charlie Mortdecai wirklich als menschliche Gestalt, und er war anders als alles, was ich davor gesehen hatte. Am besten hätte ich mir einen Notizblock genommen und alles mitgeschrieben. Die ersten drei oder vier Einstellungen am ersten Tag haben alle am Set nur gelacht. Die arme Gwyneth Paltrow, die in diesen Szenen immer ernst bleiben musste, hat mich angesehen und gefragt: „Wird das jetzt immer so laufen?“ (lacht) Ich meinte nur: „Ich hatte ja keine Ahnung, dass er das so spielen wird.“ (lacht) Also hab ich den restlichen Drehtag via Monitor vom nächsten Flur aus gearbeitet.

 

DEADLINE: Wie hast du diese Figur gefunden, Johnny?

 

JOHNNY DEPP: Charles Mortdecai ist mir zum ersten Mal so nach GILBERT GRAPE – IRGENDWO IN IOWA (1993, Anm.) aufgefallen, also irgendwann in den 1920er-Jahren. (grinst) Nein, das war doch ED WOOD. (lacht)

 

DEADLINE: Kann man deine und Pauls Rolle vielleicht als Reminiszenz an Inspektor Clouseau und seinen Diener und Leibwächter Kato verstehen?

 

PAUL BETTANY: Es liegt in der Tradition der Komödie, ob es nun bei Shakespeare oder in der römischen Komödie ist: der clevere Diener und der tölpelhafte Herr. Jock, so sehr er auch irritiert ist von der Feigheit und Verrücktheit seines Herrn, mag ihn trotzdem sehr. Und er glaubt an das Klassensystem und daran, dass das sein Platz im Universum ist. Auch wenn das bedeutet, dass ihm gelegentlich von seinem Herrn ins Gesicht geschossen wird. (lacht)

 

JOHNNY DEPP: Unabsichtlich natürlich!

 

PAUL BETTANY: Natürlich!

 

DEADLINE: Johnny, deine Rollenauswahl in den letzten Jahren waren oft sehr schräge Figuren wie der Mad Hatter oder eben Charlie Mortdecai. Wie ernst kann man solche Figuren nehmen?

 

JOHNNY DEPP: Es steckt in den Figuren auch immer etwas Wahrheit. Glaube ich an diese Figuren? Ja. In den letzten 25 Jahren habe ich mit unterschiedlichsten Filmemachern gearbeitet. Und sie vertrauen mir dabei, wie ich die Figur spiele. Es kann lustig sein oder der totale Scheiß, es gibt immer auch die Möglichkeit, dass eine Figur scheitert.

 

DEADLINE: O.k., aber wann kommt mal wieder der ernste Johnny Depp?

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WEITER

JOHNNY DEPP: Ich hab vor Kurzem einen Film gedreht namens BLACK MASS. Darin spiele ich James „Whitey“ Bulger, der ein interessanter Typ war. Er hatte eine Menge Freunde, und dann hatte er plötzlich keine Freunde mehr und wurde 16 Jahre lang vom FBI gesucht. Das hab ich gedreht und auch einige andere Filme diese Woche. (grinst) Ich glaube, man muss das gut mischen. Wenn einer von dir erwartet, dass du dich nach rechts drehst, dann finde ich es nett, denjenigen mit einer scharfen Linksdrehung zu überraschen. Oder einem U-Turn. Es ist wichtig, die Leute zu überraschen. In dem Moment, wo man das nicht mehr tut, ist man tot.

 

DAVID KOEPP: Man sagt immer, dass Johnny es mag, exzentrische Leute zu verkörpern. Aber man benutzt diese im Film nicht explizit deswegen. Man kreiert echte Menschen, die für den Film total Sinn ergeben.

 

DEADLINE: Wie schwer war es für dich, den englischen Akzent zu lernen? Du bist ja ein Sprachengenie und kannst auch etwas Deutsch …

 

JOHNNY DEPP: (auf Deutsch) Mein Popo juckt! Eigentlich sind die Rollen alle da drin (zeigt auf seinen Kopf), manchmal treten sie hervor, eigentlich kann das nicht gesund sein. (lacht)

 

DEADLINE: MORTDECAI – DER TEILZEITGAUNER ist auch der dritte gemeinsame Film mit dir und Paul, ihr scheint ja untrennbar zu sein …

 

JOHNNY DEPP: Paul und ich sind verheiratet.

 

PAUL BETTANY: Ich werde auch immer gleich eifersüchtig.

 

JOHNNY DEPP: Das erste Mal hab ich Paul in GANGSTER NR. 1 gesehen, und er ist mir sofort aufgefallen. Man sieht heutzutage selten Schauspieler, die einen noch überraschen können. Paul ist so jemand. Er hat auch einen sehr bizarren Humor, daher dachte ich mir, dass er als Jock ganz hervorragend passen würde. Das Timing beim Spiel ist sehr wichtig, und mir war klar, dass er das packen würde.

 

PAUL BETTANY: In den drei Filmen, die wir zusammen gemacht haben, hat sich wenig an der Art geändert, wie wir jeweils an die Geschichte herangegangen sind: Wir haben die ganze Zeit gelacht. Ich hab nichts gegen Schauspieler, die versuchen, am Set besser als du zu sein, auch wenn es kein Sport ist. Manchmal gibt es diesen Wettkampf. Aber nicht mit Johnny. Er ist immer gut, ohne dass sein Ego zum Zug kommt. Es gibt keinen anderen Schauspieler auf der Welt, den ich so gerne für eine Rolle vorschlage. Man kann ihm eine Idee zuwerfen, während die Kamera läuft, und er wird sie annehmen. Wenn man das bei anderen Schauspielern probiert, dann bringt man sie aus dem Konzept, und sie schauen dich an wie ein Hund, der kastriert wird. Aber nicht Johnny, er ist immer offen für so was.

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DEADLINE: Warum habt ihr euch dazu entschlossen, die Weltpremiere von MORTDECAI – DER TEILZEITGAUNER nicht in den Staaten oder in England zu machen, sondern in Berlin?

 

JOHNNY DEPP: Das Einzige, was mich an Berlin nervt, ist, dass ich nie lange genug hier sein kann. Die Zeit scheint nie zu reichen! Vor ein paar Jahren hatte ich etwas Zeit, die Stadt anzusehen, und habe sie geliebt.

 

DAVID KOEPP: Berlin ist eine faszinierende, schöne Stadt, voller Filmverrückter. Als wir MORTDECAI – DER TEILZEITGAUNER gemacht haben, wollten wir nicht, dass es eine weitere Komödie ist, die nur in New York oder in L. A. spielt. Wir wollten einen europäischen Ansatz dabei haben, daher macht es Sinn, den Film hier zu starten. Und mir persönlich war es wichtig, da hinzugehen, wo jemand meinen Nachnamen richtig aussprechen kann. (lacht) Daher möchte ich mich auch bei allen Deutschen bedanken! In den Staaten funktioniert das nicht, seit 51 Jahren sprechen die meinen Namen falsch aus, aber hier fühl ich mich gleich heimisch. (lacht)

 

DEADLINE: Hast du vielleicht deutsche Vorfahren?

 

DAVID KOEPP: Vermutlich sind sie tot. (lacht) Aber meine Vorfahren kamen so um 1870 in die Staaten.

 

DEADLINE: Vielleicht hast du noch entfernte Verwandte hier?

 

DAVID KOEPP: Aber vielleicht schulden wir denen noch Geld. Ich weiß ja nicht, unter welchen Umständen meine Vorfahren abgehauen sind. (lacht)

 

JOHNNY DEPP: (dämonisch) Ich kenne die Umstände. (grinst)

 

DEADLINE: MORTDECAI – DER TEILZEITGAUNER ist euer zweiter gemeinsamer Film nach DAS GEHEIME FENSTER. Was war diesmal anders?

 

DAVID KOEPP: Der offensichtliche Unterschied ist der Inhalt: DAS GEHEIME FENSTER ist ein Thriller. Aber auch da haben wir beim Dreh viel gelacht, ich denke, das ging der ganzen Crew so. Wenn man ans Set einer Komödie geht, dann tut man das auch in der Absicht, seine Mitarbeiter zum Lachen zu bringen. Das gute Gemüt ist überall präsent. Einer der schönsten Drehtage für mich war, als wir eine Szene drehten, in der Johnny und Gwyneth sich küssen sollten und sie wegen seines Schnauzers Brechreiz bekommt. Wir waren drei erwachsene Menschen in einem Raum zusammen mit einigen Crew-Leuten, auch allesamt erwachsen. Aber es ist so eine lächerliche Art, seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

 

JOHNNY DEPP: Diesmal machen wir dazu keinen Kommentar!

 

PAUL BETTANY: Ich hatte auch noch nie so viel Spaß an einem Set! Wir haben von früh bis spät gelacht. Wir haben gelacht, bis die Beleuchter uns den Strom abstellten. Normalerweise kann man es nicht erwarten, bis ein Dreh vorbei ist, aber ich war sehr traurig, als wir diesen Film abgedreht hatten. Es war großartig, und ich glaube, das sieht man auch. Es ist abstoßend, dass wir dafür auch noch bezahlt wurden.

 

JOHNNY DEPP: Ich finde das nicht so abstoßend!

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DEADLINE: Paul, wir hatten vorhin kurz dein Regiedebüt SHELTER angesprochen, hat das deinen Blick auf das Filmemachen verändert?

 

PAUL BETTANY: Es war eine tolle Erfahrung. Ich werde ab sofort, wenn ich in einem Film spiele, nicht mehr sagen, dass ich einen Film „gemacht“ hab. Ich war ab sofort nur mehr „darin“. Man muss als Regisseur viel mehr bluten als als Schauspieler. Es ist eine Obsession, und ich hab nun so viel mehr Respekt vor Regisseuren.

 

DAVID KOEPP: Pauls Sympathie für Regisseure kann ich nur bestätigen. Wir hatten einen Nachtdreh, eine Partyszene, so was ist immer zäh. Man hat Hunderte Komparsen, es ist 4 Uhr früh, man ist müde. Es gibt da diese Einstellung, wo Pauls Figur eine Leiter trägt am Rande der Party. Wir haben alles eingerichtet, aber ich konnte durch die Kamera die Leiter nicht sehen. Da wurde mir klar: Um die Leiter im Bild zu haben, muss die Kamera auf einen Kran. Das klingt nicht nach viel, dauert aber 45 Minuten, und dann geht die Sonne auf und blablabla … Paul stand neben mir, und ich fragte ihn: „Wie trägst du die Leiter?“ Ohne eine Sekunde zu zögern antwortete er: „Auf meiner Schulter, wo du sie auf jeden Fall sehen kannst, Boss!“ (lacht) Da wollte ich ihn nur noch umarmen. Man ist als Regisseur manchmal am Verzweifeln, es gibt nichts Besseres, als wenn dann ein Schauspieler kommt und sagt: „Lass das mein Problem sein.“

 

PAUL BETTANY: Johnny sagte zu mir: „Wenn du diesen Film machst, wirst du jeden Tag sterben wollen, weil du dauernd Fragen hören wirst wie ‚Welche Farbe sollen die roten Schuhe noch mal haben?’ und andere Fragen, die unbeantwortbar sind.“ Und Johnny hatte absolut recht damit. (lacht)

 

DEADLINE: Johnny, ich hab dich letztens in einem YouTube-Clip als Überraschungsgast bei einem Marylin-Manson-Konzert gesehen. Was macht eigentlich deine Karriere als Musiker?

 

JOHNNY DEPP: Musik ist immer noch meine große Liebe. Sie ist etwas sehr Puristisches für mich. Müsste ich davon leben, ich weiß nicht, ob das für mich klappen würde. Ich hatte das große Glück, auf Platten von Freunden spielen zu dürfen, und die Musik ist immer noch ein Teil meines Lebens. Aber ich würde nicht sagen: Hört mir beim Gitarrespielen zu, ich hab in zwölf Filmen die Hauptrolle gespielt.

 

Interview aufgezeichnet von Patrick Winkler

 

Das Review könnt ihr hier nachlesen:

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