02/02/2016

HASS UND RACHE IN BERLIN – Deutschland-Premiere von THE HATEFUL EIGHT

Eindrücke von der Deutschlandpremiere von THE HATEFUL 8

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Das feine Ritz-Carlton-Hotel in Berlin am 26. Januar 2016: Pünktlich beginnt die von Universum Film glänzend organisierte Präsentation von THE HATEFUL 8 in Form einer gut besuchten Pressekonferenz. Auch Jogi Löw, eigener Aussage zufolge großer Tarantino-Fan, ist anwesend und fragt höflich, ob ihm ebenfalls Einlass gewährt würde. Natürlich darf er. Und manch Medienvertreter missbraucht ihn sogleich als Aufhänger für eine Story.
Auftritt der drei Berlin-Geladenen: Quentin Tarantino, Kurt Russell und Jennifer Jason Leigh, alle bestens gelaunt und gesprächig. Wie zu erwarten erhält Quentin die meiste Aufmerksamkeit, und die meisten Fragen richten sich an ihn, aber souverän sorgt Moderator Steven Gätjen dafür, dass Leigh und der sympathische Russell nicht verloren wirken.

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Tarantino spricht über seine Lieblingsthemen Hass und Rache und natürlich den Entstehungsprozess von THE HATEFUL 8, bei dem sich nach bekanntem holprigen Beginn alles in Wohlgefallen aufgelöst habe und er die schönsten Dreharbeiten seit KILL BILL erleben durfte. Nicht zuletzt, weil er seinen Schauspielern nicht viel erklären musste, sondern diese sich sofort mit ihren Rollen identifizierten. Nach Beginn der Dreharbeiten Anfang 2015 hätte ihn der Schaffensprozess exakt ein Jahr bis Silvester 2015 begleitet.

Auch die DEADLINE hatte zwei Fragen parat: ob er den spanischen Splatterwestern CUT THROATS NINE kenne. (Dieser hat viel mit THE HATEFUL 8 gemein und ist in Deutschland als beschlagnahmter TODESMARSCH DER BESTIEN bekannt.) Ja, aber er schlummert immer noch ungesehen auf einem „5-Dollar-20-Filme-Pack“ mit Spaghetti-Western.
Aber er hätte ihn bereits für Februar als Double-Feature mit THE HATEFUL 8 für sein Kino in L. A., „The New Beverly“, programmiert. Und werde ihn dort zum ersten Mal sehen.

Und wieso er den David-Hess-Song „Now You’re Alone“ für seinen Soundtrack ausgewählt habe:

 

Er sei großer Bewunderer von LAST HOUSE ON THE LEFT und des verstorbenen Hauptdarstellers David Hess. Sein Kollege Eli Roth hätte ihn auf ein Album mit dessen Songs aufmerksam gemacht. Er wählte diesen aus, weil er im Film einen Moment der Gänsehaut erzeuge.

 

Seine liebsten 70-mm-Filme seien IT’S A MAD MAD MAD WORLD (dt.: EINE TOTAL VERRÜCKTE WELT) von Stanley Kramer, den er jüngst wieder mit seiner Freundin gesehen habe, und THE BATTLE OF THE BULGE (dt.: DIE LETZTE SCHLACHT). Gerade WORLD hätte er immer dafür bewundert, dass es Stanley Kramer schaffte, die komplette riesige Besetzung in einer Einstellung ins Bild zu bekommen. Dank der 70 mm und des Bildformats 1:2,76.

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In WORLD spielt übrigens der britische Komiker Terry-Thomas eine entscheidende Rolle. Die Rolle von Tim Roth in THE HATEFUL 8 sei als Hommage an Terry-Thomas gedacht, einen „britischen Dandy“. Deshalb reagierte Tarantino auch leicht allergisch auf die Frage, wieso denn Tim Roth eine typische „Christoph-Waltz-Rolle“ spiele. Das genau tue er eben nicht. Waltz wäre als „britischer Dandy“ eine komplette Fehlbesetzung. Und die Frage würde ihn traurig stimmen. Er gäbe sich aber selbst die Schuld, denn er hätte Roth komplett in Grau eingekleidet. Somit ähnelte er zumindest optisch etwas Christoph Waltz. (Anm.: Der hervorragenden deutschen Synchronfassung gelingt es freilich nicht, den „britischen Dandy“ rüberzubringen, aber für Tim Roths Rolle wurde extra der Schweizer Schauspieler Stefan Kurt engagiert, der etwas ganz Eigenes, Besonderes daraus macht.)

Die Inspiration zu seinem Film bekam er nicht vorrangig durch Kino-Western. Vielmehr dienten ihm Episoden einzelner TV-Western-Serien wie RAUCHENDE COLTS, BONANZA oder DIE LEUTE VON DER SHILOH RANCH als Vorbilder. In vielen davon sei der junge Kurt Russell als Gaststar zu sehen gewesen. So schließt sich der Kreis.

Politisch wurde es, als er auf den Boykott der Academy Awards durch Will Smith und Spike Lee angesprochen wurde. Er stellte klar, dass er lieber über seinen Film spreche und nur so viel sage: „Wenn ich nominiert wäre, würde ich kommen.“

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Die Kollegin von der B.Z. interessierte sich hauptsächlich dafür, welche Beziehung er zu Berlin habe und ob ihm sein Appartement dort noch gehöre. Nein, er hätte es nie besessen, sondern nur angemietet für den Dreh von INGLOURIOUS BASTERDS. Er hätte seit den monatelangen Dreharbeiten zu diesem Film viele Freunde in Berlin gewonnen, auf die er sich freue, wenn er sie bei der Premiere am Abend wiedersehe.

 

Die Premiere am Abend findet im gediegenen Zoo Palast statt, einem von vier deutschen Kinos in Deutschland, die technisch dafür gerüstet sind, die 70-mm- „Roadshow-Version“ zu zeigen. Den Besuchern werden Souvenirprogramme zum Film ausgehändigt, nach Vorbild der alten Roadshow-Vorführungen. Ein Collectible. Neben unzähligen Schaulustigen und Autogrammjägern sind Promis von A bis Z am roten Teppich. Brav absolvieren die drei Stars ihren Autogramm-, Interview- und Fotomarathon. Nur im Kino verbittet sich Tarantino an seinem Sitzplatz jegliche Fotos, das sei ein „heiliger“ Ort. Bei der Begrüßung huldigt Tarantino dem Bildformat: „Enjoy the movie! In glooooooriiious 1:2,76!“ Er bleibt im Publikum und schaut sich seinen Film sogar noch mal an, von der Ouvertüre (mit exklusiver Morricone-Musik) über die Intermission bis zum Abspann. Neben ihm sitzt Tom Tykwer, mit dem er sich während der Intermission angeregt unterhält. Tykwer kritzelt ihm seine Handynummer auf die Premiereneinladung (ja, die DEADLINE war hautnah dabei).

Russell und Leigh schwänzen und gehen lieber essen.
Auch bei der Aftershow-Party schaut Tarantino kurz vorbei. Am nächsten Morgen geht die Promo-Tour weiter. Zunächst nach Rom (mit Franco Nero und Enzo G. Castellari im Premierenpublikum), dann Mexiko City.

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Uwe und Quentin Tarantino

(UWE HUBER)
Besonderer Dank an Xavier Chotard von Universum Film.