15/06/2017

Greg McLean im Interview zu DAS BELKO EXPERIMENT

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DAS BELKO EXPERIMENT von Greg McLean ist ein überraschend ernster Action-Slasher mit hohem Goregehalt, der mit punktuellem Witz dafür sorgt, dass die Szenerie ihre Bedrohlichkeit behält und trotzdem nicht allzu stark in die Magengrube trifft. Zitat aus unserem Review in der DEADLINE #63: „BATTLE ROYALE war für Pussys – DAS BELKO EXPERIMENT knallt richtig!“

 

Wir trafen uns mit Regisseur Greg McLean, um uns mit ihm exklusiv und pünktlich zum Kinostart am 15.06 zu unterhalten.

 

 

DEADLINE: Ursprünglich wollte James Gunn DAS BELKO EXPERIMENT inszenieren. Wie kam der Film letztlich zu dir?

 

Greg McLean: James war lange Zeit als Regisseur vorgesehen, dann aber zu sehr damit beschäftigt, GUARDIANS OF THE GALAXY 2 zu drehen. Sein Ziel und das von Peter Safran war es dann, einen Regisseur zu finden, der das Projekt in ihrem Sinne weiterführt. Mir wurde das Drehbuch geschickt, und es hat mir sofort sehr gefallen. Ich wollte den Film unbedingt machen. Besonders die Verrücktheit des Skripts gefiel mir. Danach habe ich mit James telefoniert und ihm meine Vision von BELKO präsentiert. Glücklicherweise hat sie ihm gefallen.

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DEADLINE: Wie kam James auf die Idee, dich zu fragen, ob du Lust hättest, DAS BELKO EXPERIMENT zu machen?

 

McLean: Er hatte WOLF CREEK gesehen, einen meiner früheren Filme. Er erinnerte sich an den Realismus und die Atmosphäre des Films, die offenbar recht stark mit seiner eigenen Vision von DAS BELKO EXPERIMENT übereinstimmten. Ihm war wichtig, einen Regisseur zu haben, der alles möglichst realistisch aussehen lassen möchte, was aber seiner Meinung nach nicht jedem Regisseur bei einem vermeintlich unrealistischen Ausgangsszenario gelingen würde.

 

DEADLINE: Wie stark unterscheidet sich dein BELKO-Film von James Gunns ursprünglicher Vision?

 

McLean: Jeder Regisseur hat seine eigene Herangehensweise, sodass bei ein und demselben Skript bei jedem ein anderer Film herauskommen würde. Vielleicht hätte James den Anfang etwas anders gedreht, aber letztlich hatten wir alle die gleiche Vision von BELKO, sodass es da nirgendwo ernsthafte unterschiedliche Meinungen hinsichtlich der Gestaltung des Films gab. Wir sind mit dem Endprodukt alle sehr zufrieden, und das ist die Hauptsache.

 

DEADLINE: Da du stets von einer BELKO-Vision sprichst: Wie sah die aus? Möchtest du mit DAS BELKO EXPERIMENT eine bestimmte Botschaft zum Ausdruck bringen?

 

McLean: Als ich das Drehbuch las, fand ich, dass das Skript ein sehr guter zuspitzender Kommentar dazu ist, wie teuflisch und vor allem ungerecht Firmenstrukturen sein können, sodass Leute infolgedessen durchdrehen. Der Film ist für mich eine hervorragende Metapher für die Gesellschaft, in der wir leben, in der Firmen ihre Angestellten wie austauschbare Ware behandeln, die keine Gefühle besitzen, und wo allgemeine Werte nichts mehr zählen. Im Berufsleben heißt es ja manchmal, dass nur der Stärkste überlebt, und DAS BELKO EXPERIMENT ist eine komödiantische Zuspitzung dessen. Das hat mir besonders gut gefallen. Trotz allen Funs und Thrills hat der Film auch eine richtige politische Aussage. Das ist das, was mich so fasziniert und in Begeisterung versetzt hat. Zu schauen, was sich hinter dem Vorhang verbirgt. Es macht Spaß, einen Horrorthriller zu machen, da ich mir selbst so etwas gern anschaue. Es macht aber noch viel mehr Spaß, wenn es nicht nur um reinen Thrill geht, sondern richtig etwas dahintersteckt.

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DEADLINE: Du bist also der Meinung, dass Firmen ihre Mitarbeiter prinzipiell nicht als Menschen ansehen?

 

McLean: Wenn eine Firma nur den Blick auf Erfolg und Geld richtet, ist es ganz normal, dass irgendwann die Menschlichkeit verloren geht. Die ist dann nur noch Nebensache. Dabei halte ich die Individualität eines jeden für eine der großen Stärken des Menschen. Der Mensch glaubt oft, ein normales gutes Leben zu führen, in dem alles in Ordnung ist. Wenn es ihm aber möglich wäre, das große Ganze zu sehen, würde er feststellen, dass er von seiner Umwelt stets nur manipuliert und ausgenutzt wird.

 

DEADLINE: Nicht nur in DAS BELKO EXPERIMENT denken einige Menschen, dass sie besser bzw. wertvoller sind als andere. Woher kommen solche Einschätzungen?

 

McLean: Diese Basis des Chauvinismus sieht man überall. Insbesondere jetzt kann man in der Politik sehen, dass sich manche Regierungen für etwas Besseres halten. Derzeit ist insbesondere Amerika ein sehr merkwürdiger Ort. Als wir DAS BELKO EXPERIMENT drehten, war Donald Trump noch nicht Präsident. Wir wären nie auf die Idee gekommen, dass Amerika tatsächlich dieser merkwürdige Ort werden würde, in dem das Staatsoberhaupt auch ganz offiziell den Wert bestimmter Menschen höher ansiedelt als den anderer. Insofern ist DAS BELKO EXPERIMENT durchaus auch als Metapher für das Verhalten von Donald Trump zu verstehen, welches nur auf das Recht des Stärkeren setzt.

 

DEADLINE: Wo du von Gerechtigkeit in Firmen sprichst: Wie bekommst du es bei Dreharbeiten hin, dass sich jeder am Set von dir gleich gut behandelt behandelt fühlt und nicht benachteiligt?

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James Gunn und Greg McLean
James Gunn und Greg McLean

McLean: Mir liegt vor allem viel daran, dass ich aus jedem das Beste heraushole. Denn nur so kann der Film, den ich mache, gut werden. Ich versuche, jedem die Möglichkeit zu geben, am Set zu erstrahlen und so gut zu sein wie möglich. Das ist ja schließlich auch die Aufgabe eines guten Regisseurs. Ich versuche, talentierte Leute zu identifizieren und dann mit ihnen zusammenzuarbeiten. Ich versuche ihnen dann alles zur Verfügung zu stellen, damit sie erstrahlen können. Manchmal gelingt mir das und wahrscheinlich aber auch manchmal nicht.

 

DEADLINE: Eine wichtige Aussage lautet im Film ja, dass man nur in Extremsituationen das wahre Ich eines Menschen erkenne. Stimmst du dieser Einschätzung zu?

 

McLean: Ja. Menschen, die noch vor einer halben Stunde sich gut verstehende Kollegen waren, stechen sich im nächsten Moment plötzlich gegenseitig die Augen aus, wenn es um Leben und Tod geht. Auch wenn dies im Film dann zuweilen recht witzig wirkt, spiegelt dies die Realität doch recht gut wider. Denn wenn es zu einer dramatischen Situation kommt, sieht man den wahren Charakter eines Menschen sehr schnell.

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DEADLINE: Hast du im Kontext von BELKO je überlegt, wie du dich selbst in einer Extremsituation verhalten würdest?

 

McLean: DAS BELKO EXPERIMENT zu drehen war für mich eine gewisse Extremsituation. Es war ein sehr unruhiges und stressiges Umfeld, in dem wir gefilmt haben. Zudem hatten wir auch noch wenig Geld zur Verfügung und vor allem wenig Zeit. Der Druck war groß. In so einem Umfeld hat man schnell gesehen, was Stress mit Leuten anstellen kann und wer mit dem ganzen Druck zurechtkam und wer nicht. Bei mir selbst ist die Toleranzgrenze für Stress und Chaos ziemlich hoch. (lacht) Aber wäre ich im echten Leben auch nur annähernd in einer ähnlichen Situation wie die Angestellten in DAS BELKO EXPERIMENT, dann wäre ich ziemlich sicher einer von denjenigen, die sich verstecken und hoffen würden, die gesamte Situation unentdeckt zu überstehen.

 

DEADLINE: Weshalb gibt es in DAS BELKO EXPERIMENT trotz der schlimmen Ausgangssituation einige witzige Szenen?

 

McLean: Hätte ich den Film komplett ohne Humor gedreht, würden die Zuschauer komplett deprimiert aus dem Film herausgehen. Das wollte ich aber nicht. Und das Schöne war dann, dass sich der Humor so natürlich integrieren ließ.

 

DEADLINE: DAS BELKO EXPERIMENT war das erste Mal, dass du nicht sowohl für Regie als auch Drehbuch zuständig warst, wenn du einen Film gemacht hast. Wie fühlte sich dies an?

 

McLean: Es war gut, ich mochte es. BELKO war zudem nicht nur das erste Mal, dass ich nicht auch für das Skript zuständig war, sondern auch, dass ich nicht mit meinem eingespielten Team aus meinen bisherigen Filmen zusammenarbeitete. Ich pitchte mit James und Peter Leuten etwas, die ich nicht kannte, und drehte in einem fremden Land. Für diesen Film wollte ich einfach mal etwas anderes machen und mich selbst herausfordern. Insofern war BELKO auch ein Test für mich.

 

DEADLINE: Hattest du bei BELKO bestimmte Vorbilder? Mich erinnert der Film zum Beispiel an eine Mischung aus THE RAID und DAS EXPERIMENT.

 

McLean: Wenn ich einen Film mache, ist es in der Regel so, dass ich tatsächlich von ganz konkreten anderen Produktionen inspiriert werde. Für DAS BELKO EXPERIMENT sah ich zum Beispiel CASINO von Martin Scorsese. Zudem DRIVE von Nicolas Winding Refn. Ich ging nach dem Dreh nach Hause und schaute mir DRIVE an, denn an ihm mag ich die Poesie und die Schönheit, die den Film trotz der ganzen Gewalt beherrschen. Es ist einfach eine tolle Komposition, und mir gefällt die Expressivität der Farben. Diese Kraft der Farben wollte ich dann auch in meinem Film haben. CASINO habe ich wegen der Kameraführung geschaut. In meinen bisherigen Werken hatte ich diese nicht so dynamisch eingesetzt. Dies wollte ich in BELKO ändern und die Kamera viel bewegen. Und niemand bewegt die Kamera besser als Martin Scorsese. CASINO ist einfach ein perfektes Beispiel für punktgenaues Filmemachen.

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DEADLINE: Ich bin ein Fan deiner WOLF CREEK-Filme und auch der dazugehörigen Serie. Kannst du uns sagen, wie es mit beidem weitergeht?

 

McLean: In rund vier Wochen werde ich mit den Dreharbeiten zur zweiten Staffel der WOLF CREEK-Serie starten. Noch befinde ich mich allerdings in der Vorproduktion. Eine Fortsetzung der Serie ist aber schon mal gesichert. Zudem wird es im kommenden Jahr auch noch einen weiteren Kinofilm geben.

 

DEADLINE: Ein Kinofilm ist also nicht nur mit guter Absicht vorgesehen, sondern steht schon konkret fest?

 

McLean: Definitiv, ja.

 

DEADLINE: Weshalb können Serie und Film parallel existieren, ohne sich inhaltlich zu widersprechen?

 

McLean: Das ist kein Problem, da beides zu unterschiedlichen Zeiten spielt. Die Filme spielen circa fünf Jahre vor der Serie. Insofern würde die Zeitlinie von Mick Taylor mit der Serie enden und nicht mit den Filmen, falls es mit ihm irgendwann mal zu Ende gehen sollte.

 

DEADLINE: Weshalb sind so viele Menschen von Mick Taylor fasziniert? Weshalb mag man ihn, obwohl er böse ist?

 

McLean: Generell gesprochen fasziniert die Menschen das Böse. Ich denke, dass dies auch der Grund ist, weshalb es derzeit so viele True-Crime-Formate gibt und Dutzende Polizeiserien. Die Menschen sind dann meist daran interessiert, wieso ein Verbrecher das tut, was er tut. Und je undurchsichtiger und weniger faktensicher eine Figur oder ein Fall ist, desto stärker löst dies Spekulationen aus und regt die Fantasie der Menschen an. Denn jeder will wissen, warum jemand so etwas tut und wie man sich so verhalten kann. Und Mick selbst ist so faszinierend, weil wir in ihm viele dieser schrecklichen Menschen vereint haben, vor denen wir Angst haben und die uns in Schrecken versetzen.

 

DEADLINE: Ist das Verstehenwollen dein Hauptgrund, mit WOLF CREEK weiterzumachen?

 

McLean: Das auch. Für mich als Regisseur und Drehbuchautor ist es aber auch spannend, einen Charakter zu nehmen und viele verschiedene Arten an Geschichten von ihm zu erzählen. Der erste WOLF CREEK ist zum Beispiel ein straighter Horrorfilm. Der zweite geht in Richtung Action-Comedy. Und die TV-Serie wiederum ist ein Rachethriller. Und in der nächsten Staffel ändert sich das Genre wieder. Wir versuchen also, ein und dieselbe Figur in verschiedenen Genres zu zeigen.

 

DEADLINE: Vielen Dank für das Gespräch!

 

Interview geführt von Heiko Thiele