25/11/2017

FANTASY FILMFEST – EIN RÜCKBLICK

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Auch dieses Jahr war das Herbstprogramm des Fantasy Filmfests wieder ungewöhnlich und spannend, aufregend, bewusstseinserweiternd und skurril. Eine unendliche Menge an Adjektiven würde einem für dieses wunderbare deutsche Genrefestival einfallen, das nunmehr seit 31 Jahren durch die Städte Berlin, Frankfurt, Köln, Nürnberg, Stuttgart, Hamburg und München tourt. Fantasy steht hier ja nicht im klassischen Sinne für Drachen, Feen und verwunschene Orte, sondern für Filme, die vor allem eines sind: fantastisch.

Speziell bieten wir hier euch etwas verspätet eine Nachlese von Filmen, die noch keinen deutschen Verleih gefunden haben oder nicht in den nächsten Monaten ins Kino oder als DVD/BD kommen werden.

 

Dieses Jahr speziell war der große Anteil an Coming-of-Age-Filmen, in denen also Kinder oder Jugendliche die Hauptdarsteller sind und ihr Heranwachsen oder Erwachsenwerden mehr oder weniger im Zentrum steht. Dabei haben sie natürlich nicht nur mit sprießenden Schamhaaren oder der ersten Liebe zu kämpfen, sondern werden, ganz im Gegenteil, mit Gewalt, sehr realen Ängsten und auch der Allgegenwart des Todes konfrontiert. So etwa im großartigen Eröffnungsfilm ES des argentinischen Regisseurs Andy Muschietti (MAMA), in dem unter anderem Finn Wolfhard, der junge Star aus der überraschenden Erfolgsserie STRANGER THINGS, mitspielt. Außerdem noch SUPER DARK TIMES, das diesjährige Centerpiece SICILIAN GHOST STORY, RAW, der für den festivaleigenen Fresh Blood Award nominierte TRAGEDY GIRLS und noch viele andere.

 

Eine weitere Besonderheit dieses Jahr war das Takashi-Miike-Special, der mit der Mangaverfilmung BLADE OF THE IMMORTAL seinen 100. Film feiern konnte und dafür mit einem Vormittags-Double-Feature geehrt wurde.

 

Den zuvor erwähnten Fresh Blood Award hat am Ende übrigens der isländische Beitrag EG MAN PIG des Regisseurs Óskar Thór Axelsson abgestaubt, eine mysteriöse Geistergeschichte der Sonderklasse. Ebenfalls ungewöhnlich war die Beitragsdichte aus dem Heimatland des Festivals, mit dem humorigen SCHNEEFLÖCKCHEN, FIGAROS WÖLFE – einem schwarz-weißen Albtraumtrip in die Abgründe der menschlichen Seele – und der Anti-Aging-Methode REPLACE war Deutschland gleich dreimal vertreten.

 

Da bleibt einem zum Schluss eigentlich nicht mehr viel übrig, als sich auf die White Nights vorzubereiten und sich zu freuen! (Raffaela Schöbitz)

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SCHNEEFLÖCKCHEN

Regie: Adolfo J. Kolmerer / Deutschland 2017 / 105 Min.

Darsteller: Reza Brojerdi, Erkan Acar, Xenia Assenza, David Masterson, Alexander Schubert, Gedeon Burkhard, Sven Martinek, Mathis Landwehr u. a.

Produktion: Erkan Acar, Adrian Topol, Reza Brojerdi

Verleih: Capelight Pictures

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Die Freizeitganoven Tan und Javid sind auf Rache aus und schießen und kloppen sich durch Berlin. Dabei philosophieren sie über den perfekten Döner und finden ein Drehbuch, das ihre eigenen Dialoge Wort für Wort sowie ihr Handeln beinhaltet, bis zu ihrem Tod. Gleichzeitig ist die junge Eliana gemeinsam mit ihrem Bodyguard auf der Suche nach einem Auftragskiller, um Rache für den Mord an ihren Eltern zu nehmen. Nebenbei mischen auch noch der Stromstöße schießende Superheld Hyper Electro Man sowie eine Menge weiterer illustrer Gestalten im Geschehen mit. Und das nennt sich dann SCHNEEFLÖCKCHEN. Weil niemand dieses Projekt fördern wollte und es sämtlichen Produktionsfirmen zu heiß war, drehten die Macher ihren Wunschfilm über vier Jahre lang an Wochenenden selbst. Niemand quatschte ins Drehbuch rein, und Konventionen gehen den Machern offenbar eh getrost am Arsch vorbei. Das Ensemble ist sich einig, “einen Film für uns” gedreht zu haben. Und damit haben sie gleichzeitig das Flehen anderer deutscher Genrefans erhört, die die Schnauze von Schweigerhöfer und Co. schon lange voll haben. Ja, da ist das Ding! Endlich ein Genrefilm aus deutschen Landen, für den man sich nicht schämen muss – den man sogar abfeiern darf, kann und sollte. Kein verkappter Schwarz-Weiß-Film-Studenten-Schmu, keine zotige Komödie und kein billiger No-Budget-Heuler. SCHNEEFLÖCKCHEN ist der real fuckig Deal. Er bedient sich zwar ordentlich und eindeutig bei Quentin Tarantino, Kevin Smith oder Guy Ritchie, ist aber dennoch ein eigenständiger – und vor allem unterhaltsamer – Hybrid aus Science-Fiction, Action-/Gangsterthriller und (Buddy-)Komödie. Und zudem ein Metafilm über den Film bzw. das Filmgeschäft. Abgesehen von bekannten Gesichtern wie Mathis Landwehr (LASKO – Die Faust Gottes), Sven Martinek (DER CLOWN) oder Gedeon Burkhard (ALARM FÜR COBRA 11) besteht das Cast laut eigener Aussage zu 95 % aus Bekannten und Freunden von Regisseur Adolfo und den Produzenten. All das zahlt sich aus, denn alle Beteiligten liefern ab, und man merkt ihnen das Herzblut in jeder Sekunde an. Was ein Spaß, was eine Unterhaltung. Danke. (Manuel Magno)

 

Der beste deutsche Genrefilm seit … jemals

 

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MEMOIRS OF A MURDERER

(OT: 22-nenme no kokuhaku: Watashi ga satsujinhan desu)

Regie: Yû Irie / Japan 2017 / 118 Min.

Darsteller: Tatsuya Fujiwara, Toyotaka Hanazawa, Mitsuru Hirata, Anna Ishibashi, Hideaki Itô

Produktion: Billy Acumen, Jeong-hun You

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Was, wenn bestialische Morde plötzlich verjährt wären? Sich der nie gefasste Serienkiller auf einmal in die Öffentlichkeit wagt und sich damit brüstet, ja seine Taten sogar medial ausschlachtet? Diesem polarisierenden, äußerst erschütternden Gedankenspiel ging 2012 der südkoreanische Thriller CONFESSION OF MURDER nach. CONFESSION war aber alles andere als ein kopflastiges Justizkammerspiel, sondern vielmehr ein vielschichtiges Schreckensszenario. Das so atemberaubend, dass nun nach dem indischen Remake ANGELS eine weitere, nicht minder fesselnde Neuauflage realisiert wurde. Aber nicht etwa durch die untertitellesefaulen Amerikaner, sondern man inszenierte etwas näher in Japan neu. Das Nippon-Remake befasst sich mit grausamen Morden, die 1995 Tokio erschüttern. Der Täter, von der Presse gewohnt boulevardesk „Tokyo Strangler“ getauft, wird nie gefasst. Einer kam ihm doch bedrohlich nahe: der junge Cop Wataru. So nahe, dass er heute eine tiefe Narbe im Gesicht trägt. Ganz zu schweigen von den inneren Schäden, denn der Fall wurde zu seiner regelrechten Obsession – bis er geschlossen wurde. Nun lässt aber ein neues Gesetz die Taten verjähren und damit den Killer auftreten. Der Tokyo Strangler gibt sich nicht nur zu erkennen, sondern bringt sogar ein Buch mit allen blutigen Einzelheiten heraus. Wataru, mittlerweile Kommissar, ist geschockt und beschließt, seinen Todfeind zu konfrontieren. Was folgt, ist ein emotionales, dramaturgisch wuchtiges Cop-Drama, das mit unzähligen Haken und Wendungen aufwartet und bis zur finalen Minute fesselt. Der Tokyo Strangler wird zum umjubelten Star, sein Buch „I am the murderer“ zum Bestseller, und Fans liegen ihm zu Füßen. Aber Gerechtigkeit soll es geben. Also lädt ein findiger TV-Moderator zur Liveshow, und auch Wataru erhält eine Einladung … Mit einem deutschen Versatzstück dürfen wir wohl leider nicht rechnen, schließlich würde sich ja jeder Rundfunkbeitrag-Bezahler hierzulande über die Tatsache aufregen, dass Mord rechtlich überhaupt nicht verjährt. (Marc Vogel)

 

Spannende Neuauflage

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MY FRIEND DAHMER

Regie: Marc Meyers / USA 2017 / 107 Min.

Darsteller: Ross Lynch, Anne Heche, Dallas Roberts, Vincent Kartheiser, Alex Wolff, Miles Robbins, Harrison Holzer, Cameron McKendry, Tommy Nelson, Katie Stottlemire, Sydney Jane Meyer

Produktion: Giorigio Angelini, William K. Baker, Milan Chakraborty, Michael Merlob, Jody Girgenti, Adam Goldworm

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Im Jahr 1978 ist Jeffrey Dahmer ein unbekannter Teenager, der Kleintiere seziert und in Chemikalien einlegt und auf eine ganz normale Schule in Ohio geht. Eher der schlaksige und introvertierte Typ, geistert er gedankenverloren durch die Gänge. Die Mitschüler nehmen ihn gar nicht richtig wahr, bis er spastische Anfälle im Unterricht vortäuscht. So gewinnt er die Aufmerksamkeit von ein paar Jungs um John „Derf“ Backderf, die ihn von nun an als eine Art Fanclub begleiten. Nach wie vor fühlt sich Jeffrey von allen unverstanden, nicht zugehörig. Seine Eltern stehen kurz vor der Trennung, die Mutter hat ein Suchtproblem, der Vater ist überfordert. Jeffrey flüchtet sich in den Alkohol und immer düsterere Gewaltfantasien, die er bald nicht mehr kontrollieren kann.

MY FRIEND DAHMER basiert auf der Graphic Novel aus der Feder von ebenjenem Derf und erzählt detailgetreu über die Jugendjahre eines der bekanntesten amerikanischen Serienkiller. Vielleicht versucht der Film sogar zu erklären, wie Jeffrey Dahmer zu diesem Serienkiller wurde. Die Taten selbst spielen keine Rolle, der Abspann beginnt, als Dahmer seinem ersten Opfer begegnet. Regisseur Marc Meyers gelingt es, diese bedrückende Geschichte sehr einfühlsam und hautnah zu erzählen. Die 70er-Jahre springen dem Zuschauer mit jedem Kleidungsstück und Einrichtungsgegenstand entgegen und lassen uns immer tiefer in den Film eintauchen. Die Verzweiflung des andersartigen Teenagers ist in jeder Szene greifbar und wird von Ross Lynch (Disney Channel!) mehr als eindrucksvoll porträtiert. Auch die Besetzung der Nebenrollen ist ein wahrer Coup, Anne Heche und Dallas Roberts als Dahmers Eltern brillieren in ihren Rollen.

Meyers stellt uns mit seinem Film die Frage, ob man mit einem Menschen wie Jeffrey Dahmer Mitleid empfinden darf. Und das ist wohl eine Frage, die nur jeder für sich selbst beantworten kann. So oder so ist MY FRIEND DAHMER ein fantastisch inszenierter, einfühlsamer und unbequemer Film, der uns noch lange im Gedächtnis bleiben wird. (Laura Freialdenhoven)

 

Monsters are created, not born

 

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BITCH

Regie: Marianna Palka / USA 2017 / 93 Min.

Darsteller: Jaime King, Marianna Palka, Jason Ritter, Sol Rodriguez, Brighton Sharbino

Produktion: Michael Moran, Daniel Noah, Josh C. Waller, Elijah Wood

 

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Im vierten Spielfilm der Regisseurin und Drehbuchautorin Marianna Palka befreit sich eine von repressiven und patriarchalen Familienstrukturen buchstäblich an die Leine gelegte Hausfrau und Mutter auf äußerst unkonventionelle Weise von ihren Fesseln.

 

Bereits mit der ersten Einstellung enthüllt Palka die feministische Botschaft ihres Films: Jill, eine erschöpfte Vorstadt-Mutter von vier Kindern (von Palka selbst gespielt), begeht erfolglos Selbstmord, indem sie sich mit dem Gürtel ihres Ehemannes am Kristalllüster zu erhängen versucht. Wie eine devote und mit eingezogenem Schwanz stets zu ihrem Herrchen zurücktrottende Hündin unternimmt Jill noch einen letzten kläglichen Versuch, ihren chauvinistischen Ehemann Bill (großartig: Jason Ritter!) über den bereits an ihrem Verstand zerrenden Nervenzusammenbruch aufzuklären. Doch vergnügt sich dieser – leider ein etwas bemühtes Klischeebild – lieber bei oralen Spielchen mit seiner Sekretärin. Am nächsten Morgen ist die Frau, die bisher die gesamte familiäre Ordnung mühsam aufrechterhalten hat, plötzlich verschwunden, und aus dem Keller hört man es bellen.

 

Sehr bald liegen alle Tatsachen auf dem Tisch, und den Figuren wie auch der installierten Genderpolitik bleibt entsprechend wenig Entwicklungsspielraum. Auch die Bildsymbolik scheint an einigen Stellen etwas überladen, doch bildet das derbe Soundgemisch aus Hundegebell, Knurren und Krallenwetzen einen ebenso hervorragenden Konterpart wie die beklemmende Enge, mit der Kameramann Armando Salas die zur Hündin mutierte Jill zwischen den mit eigenen Fäkalien beschmierten Kellerwänden in klaustrophobische Close-ups setzt. Obwohl Palka keine Haare sprießen oder ihre Zähne sich in lange Fänge verwandeln, ist die animalische Transformation durch ebendiese einfachen wie grandios eingesetzten filmischen Mittel greifbar und ungewöhnlich realistisch.

 

Zwar wird BITCH seinem forschen Titel in Bedingungslosigkeit und Härte nicht vollkommen gerecht, ist aber dreckig und abgedreht genug, um nicht nur das Premierenpublikum des Sundance Film Festivals zu begeistern. (Raffaela Schöbitz)

 

Bitch please!

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THIS IS YOUR DEATH

Regie: Giancarlo Esposito / USA 2017 / 104 Min.

Darsteller: James Franco, Famke Janssen, Josh Duhamel, Sarah Wayne Callies, Giancarlo Esposito, Caitlin FitzGerald

Produktion: Christopher D’Elia, Giancarlo Esposito, Lawreen E. Kayl, Michael Klein

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Der Regisseur und Schauspieler Giancarlo Esposito zeichnet mit seinem reflexiven Film THIS IS YOUR DEATH eine Sozialkritik, die widersprüchlicher nicht sein könnte.

 

Während dystopische Serien wie BLACK MIRROR äußerst intelligente Szenarien einer nahen Zukunft zeigen, in der die moralischen und ethischen Gesetze unserer Gesellschaft immer wieder auf dem Prüfstand stehen, entwirft Esposito mit THIS IS YOUR DEATH eine durch und durch amerikanisierte Version eines intelligenten Kommentars.

Er prangert die Morallosigkeit und Korruptheit seines Protagonisten, des TV-Show-Stars Adam Rogers (Josh Duhamel), nicht nur an, er tappt im Prinzip in dieselbe Falle, indem er all das zeigt und inszeniert, was er eigentlich für verabscheuungswürdig zu halten scheint.

 

Nach dem dramatischen Ausgang eines Bachelor-Finales äußert sich Rogers in der „Morning Show USA“ (in der James Franco überflüssigerweise den Nachrichtenmoderator mimt) äußerst abfällig über das gesamte (Fake-)Reality-Show-Geschäft. So weit, so gut! Ihm bleibt eine letzte Chance auf Rehabilitation, die er zunächst zögerlich, sehr bald aber umso leidenschaftlicher ergreift. Mit This Is Your Death entwirft Rogers ein Live-TV-Konzept, in dem Menschen für einen guten Zweck vor der Kamera Selbstmord begehen.

 

Tatsächlich hatte Esposito mit THIS IS YOUR DEATH alle Möglichkeiten, eine spannende und anspruchsvolle Gesellschaftskritik abzuliefern, doch jeder halbwegs reflektierte Zuschauer wird sich spätestens nach der sehr okayen ersten Hälfte des Films über die vorgeführte Doppelmoral ärgern, die ab da die Oberhand gewinnt.

 

Zwar spielen (bis auf Esposito, der sich selbst als weinerlichen Familienvater inszeniert) alle Schauspieler ihre Rollen durchaus überzeugend, wie etwa Famke Janssen als biestige, skrupellose TV-Sender-Chefin, und doch wird man das Gefühl nicht los, dass man lediglich die weichgespülte Version eines noch viel dreckigeren und kompromissloseren Business vor sich hat, als das durchaus originelle Grundkonzept des Films vermuten lässt.

(Raffaela Schöbitz)

 

Tod auf der Warteliste

 

 

 

 




WEITER

 

 

 

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SICILIAN GHOST STORY

 

Regie: Fabio Grassadonia, Antonio Piazza / Italien, Frankreich, Schweiz 2017 / 122 Min.

Darsteller: Julia Jedlikowska, Gaetano Fernandez

Produktion: Walter Bortolotti, Carlotta Calori, Francesca Cima, Massimo Cristaldi, Antoine de Clermont-Tonnerre, Nicola Giuliano, Elda Guidinetti, Jean-Pierre Guérin, Andres Pfäffli

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Die 2017er-Ausgabe vom Fantasy Filmfest wird wohl als die in die Geschichte eingehen, in der die Kinder das Sagen haben. Nein, Deutschlands beliebtestes Genrefestival versuchte nicht, an die weniger ruhmreichen Tage anzuschließen, als das Programm um familienfreundliche Filme erweitert werden sollte. Aber es ist doch auffällig, dass es dieses Mal vor allem die Streifen mit den jungen Protagonisten sind, die in Erinnerung bleiben – auch der hohen Qualität wegen. Siehe SICILIAN GHOST STORY. Die Geschichte selbst ist relativ simpel, beginnt damit, dass die 13-jährige Luna ihrem Mitschüler Guiseppe einen Brief übergibt. Verliebt ist sie schon länger, für einen Moment scheint es so, als wäre ihr Traum in Erfüllung gegangen: Zusammen verbringen sie einen wunderbaren Tag. Doch das Glück währt nicht lange, kurze Zeit drauf verschwindet er spurlos. Während der Rest des kleinen sizilianischen Dorfes so tut, als wäre nichts geschehen, selbst die Polizei die Hände in den Schoß legt, lässt Luna nichts unversucht, um Guiseppe wiederzufinden. Inspiration für den Film lieferte ein wahrer Fall, der sich in den 1990ern zugetragen hat. Fabio Grassadonia und Antonio Piazza verwandelten den Vorfall jedoch in etwas ganz anderes. Was genau das Ergebnis ist, lässt sich gar nicht so leicht kategorisieren. Romanze, Thriller, Drama, Horror, Mystery, Fantasy – all das lässt sich finden und gibt doch nicht wieder, was einen hier in zwei Stunden erwartet. Immer wieder verwischen Grenzen, zwischen Hier und Jetzt, Realität und Fantasie. Eine Reise, in der Poesie und Grausamkeit Hand in Hand schreiten, durch dunkle Wälder, in verwunschene Seen eintauchen. Fantastische Bilder, ein Sounddesign, das vom ersten Eulenschrei an fesselt. Und zwei junge Menschen, verträumt und wild, unbändig und unzähmbar in ihrem Wunsch, zusammen an einem anderen Ort zu sein. Das Publikum? Während da oben auf der Leinwand Licht auf Dunkel trifft, Trost auf Verderben, tut man es ihnen gleich – und sei es nur, um das eigene Herz nicht mehr spüren zu müssen, das unterwegs in Stücke gerissen wurde.

 

(Oliver Armknecht)

 

Das grausame Märchen der ersten großen Liebe

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THE STRANGE ONES

 

Regie: Christopher Radcliff, Lauren Wolkstein / USA 2017 / 81 Min.

Darsteller: Alex Pettyfer, James Freedson-Jackson, Emily Althaus, Gene Jones, Owen Campbell

Produktion: Sébastien Aubert, Shani Geva, Anne Carey

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Ein brennendes Haus, überall Blut – was ist hier bloß passiert? THE STRANGE ONES überzeugt von Sekunde null an mit einer einnehmenden Atmosphäre. Zwei Brüder befinden sich darin auf einem Campingtrip durch die ländlichen, verlassenen USA. Klar, die beiden hatten zuletzt keine einfache Zeit und wollen sich nun erholen. Steigen in einem einsamen Highway-Motel ab. Schwimmen im lauwarmen Pool. Kommen sich näher, als Brüder, als Menschen. Oder ist doch alles ganz anders? Als sein „Bruder“ sich am Abend mit der Hotelangestellten vergnügt hat und sich am Morgen danach außer Hörweite befindet, erklärt der etwa halb so alte Sam der jungen Frau, dass sie ganz schön naiv sei. Wieso vertraue sie einem Wildfremden wie seinem Bruder? Der könnte alles sein, ein Betrüger, Mörder. Außerdem sei er schwul. Sie ist perplex, wir Zuschauer sind perplex. Was geht hier wirklich vor? Es ist dieses Enigma, das uns teilnehmen lässt an der weiteren Reise, wenn die zwei nun überstürzt aufbrechen, bald aber verfolgt werden. In Fetzchen erhalten wir Hinweise auf die düstere Vergangenheit, greifen danach – und ins Leere. Zum Schluss werden die wahren Ereignisse zwar dramaturgisch gekonnt aufgelöst, dennoch bleibt das Publikum etwas enttäuscht zurück. Da war mehr drin. Womöglich lässt es sich damit erklären, dass das Ganze auf einem 14-minütigen Kurzfilm basiert, der zu lasch aufgeblasen wurde. Oder damit, dass sich das eigentlich ambitionierte Werk zu sehr auf einen erzählerischen Effekt verlässt. Wir leiden mit einer gepeinigten Seele mit, aber fühlen wir uns in jemanden ein, von dem wir nur ahnen, dass er eine gepeinigte Seele ist? Wir sind genauso unfähig, damit umzugehen, wie die Menschen, denen der junge Sam begegnet, wenn er einmal frei ist. Interessant wäre ein zweites Anschauen, ohne Fokus auf die tatsächlichen Ereignisse, sondern mit dem Blick für Stimmung und Bildwelten. Denn cinematografisch ist das wirklich sehr stark. Was hier passiert ist, das spielt wie so oft gar keine große Rolle. (Marc Vogel)

 

Ambitioniert

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BLACK HOLLOW CAGE

 

Regie: Sadrac González / Spanien 2017 / 105 Min.

Darsteller: Lowena McDonell, Julian Nicholson, Haydée Lysander, Marc Puiggener

Produktion: Javier Aguayo, Sadrac González

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Einsam und zurückgezogen leben Adam und seine Tochter Alice in einer Villa mitten im Wald. Die beschauliche Ruhe wird eines Tages jedoch gestört, als die Geschwister Erika und Paul vorbeischauen. Woher sie kommen, ist nicht klar, nur dass sie offensichtlich misshandelt wurden. Aber ist das bereits die ganze Wahrheit? Nicht, wenn es nach dem schwarzen Kasten geht, den Alice im Wald gefunden hat und der ihr kleine Nachrichten hinterlässt. Sonderbare Beiträge gibt es auf dem Fantasy Filmfest ja jedes Jahr so einige. Das war 2017 nicht anders. So richtig rätselhaft wurde es in BLACK HOLLOW CAGE, der sich am meisten um das Label „Mystery“ bemüht hat. Denn hier wird man lange so gar nicht schlau draus, was eigentlich gespielt wird. Und auch wenn so manches Ereignis im Laufe der Zeit eine Erklärung findet, viele grundsätzliche Fragen bleiben bis weit über den Abspann hinaus ohne Antwort. Bemerkenswert dabei ist, mit welch einfachen, geradezu eleganten Elementen der spanische Regisseur und Drehbuchautor Sadrac González da arbeitet. Wo andere sich derber Haudraufmittel bedienen müssen, um aus der Masse herauszustechen, sind es hier kleine Details. Ein Mädchen mit einem Roboterarm. Ein sprechender Hund, den das Mädchen für seine Mutter hält. Ein Haus mit einer sehr eigenwilligen Architektur. Und eben ein großer schwarzer Kasten, der einfach nur in der Gegend herumsteht. Dazu ertönen mysteriöse Klänge, die einem jeglichen Glauben an eine hiesige Welt nehmen. Eine Geschichte hat der Filmemacher bei seinem dritten Langwerk auch zu erzählen, doch die tritt hinter der gelungenen audiovisuellen Fassade zurück. Und hinter der eigenwilligen Erzählweise: Der Film wird chronologisch erzählt, gleichzeitig aber auch wieder nicht. Elemente, die an einer Stelle auftauchen, werden erst später eingeführt. Das ist spannend, aber auch potenziell frustrierend: Wer von einem Mysteryfilm erwartet, am Ende die Lösung Schwarz auf Weiß zu haben, der braucht sich die spanische Produktion nicht anzutun. Aber auch die Anhänger großer Action werden mit dem feinen, sehr ruhigen Genrefilm wohl eher nicht glücklich werden. (Oliver Armknecht)

 

Ich rätsle, also reise ich … oder nicht?

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HAVE A NICE DAY

(OT: HAO JI LE)

 

Regie: Jian Liu / China 2017 / 77 Min. 

Produktion: Jian Liu, Yang Cheng

 

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Für Animationsfans war das FFF 2017 leider eine herbe Enttäuschung, selbst No-Brainers wie MUTAFUKAZ oder REVENGEANCE waren weit und breit nicht zu sehen. Immerhin: HAVE A NICE DAY war nach diversen Festivalzwischenstopps auch hier mit von der Partie, als einziger seiner Art. Und der ist durchaus sehenswert, sofern man sich nicht an dem gemächlichen Tempo stört. Mit einer Schönheitsoperation fing es an: Eigentlich wollte sich die Freundin von Xiao Zheng etwas richtig Gutes gönnen, indem sie sich unters Messer legte. Doch das Ergebnis ist eine Katastrophe. Völlig verunstaltet ist sie, aufgeschwollen. Nur ein Besuch bei einem Spezialisten in Südkorea kann das Gesicht jetzt noch retten. Da dies aber sehr teuer ist, schnappt sich Xiao in seiner Verzweiflung die Tasche seines Bosses, in der eine Million Yuan stecken. Ist ja für einen guten Zweck. Sein Chef sieht das freilich ein klein wenig anders und setzt alles daran, seinen Besitz zurückzubekommen. Und er ist nicht der Einzige: Als sich herumspricht, dass da irgendwo ein beträchtliches Sümmchen im Umlauf ist, kommen von überall her Interessenten, welche die Tasche an sich nehmen wollen – egal mit welchen Mitteln. Für das Publikum sind diese Anhäufung von Absurditäten und das ständig wachsende Chaos recht lustig. In China selbst war man wohl weniger amused, wie wenig respektvoll das eigene Heimatland hier dargestellt wird. Die Stadt selbst ist ein heruntergekommener Müllhaufen – sofern man das durch den ständigen Smog überhaupt beurteilen kann. Die Leute, die herumlaufen, haben so gar kein Verständnis für Moral. Schlimmer noch: Sie sind auch noch ziemlich dämlich. Bei dem Versuch, sich gegenseitig das Geld abzuluchsen, geht ständig etwas schief. Und das bedeutet meistens: Exitus. Dass an manchen Stellen Insignien des guten alten Kommunismus offensichtlich lächerlich gemacht werden, dürfte den zuständigen Behörden auch nicht wirklich gefallen haben. Doch trotz dieser Groteske schafft es der Film, einen in das Geschehen hineinzuziehen und das Gefühl zu geben, an einem realen Ort zu sein. Auch wenn man sich nicht immer ganz sicher ist, ob man das denn nun so will oder nicht.

 

(Oliver Armknecht)

 

Das Reich der Mitte als krimineller Ort der Idiotie

 

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KUSO

 

Regie: Steven Ellison / USA 2017 / 105 Min.

Darsteller: Hannibal Buress, George Clinton, David Firth 

Produktion: Eddie Alcazar

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Es wäre vorbei, sie hätten überlebt, er könne es gar nicht glauben, dass sie es geschafft haben, singt da der schwarze Mann. Und lässt damit unklar: Meint er sich? Die anderen Figuren, welche das verheerende Erdbeben überlebt haben? Die Macher des Films, die in Eigenregie und in Eigenfinanzierung KUSO auf die Beine gestellt haben? Oder den Zuschauer, der das Ganze am Ende in Form verschenkter Lebenszeit ausbaden musste? Dabei will man das hier eigentlich lieben. Und am Anfang fällt das auch ziemlich leicht: Das Lied des schwarzen Mannes ist ebenso mitreißend wie gaga. Eine Sequenz verrückter Einfälle, die auch nicht mehr als das sein will. Musik spielt auch später immer mal wieder eine Rolle. Kein Wunder, handelt es sich hier doch um das Regiedebüt von Steven Ellison. Der ist so manchem unter seinem Künstlernamen Flying Lotus bekannt, unter dem er experimentelle Musik irgendwo zwischen Elektronik und Hip-Hop veröffentlicht und beachtliche Chartserfolge feiert. Mit seinem Film wird er das kaum. Ähnlich seinem französischen Kollegen Quentin Dupieux, der ebenfalls vom DJ-Pult zum Regiestuhl hüpfte, mag es der Amerikaner gern skurril, grotesk, surreal. Teilweise ist das faszinierend, manche Szenen sind so etwas wie visualisierte Drogentrips. Viel zu oft verwechselt Ellison Infantilität aber mit Provokation. Sehgewohnheiten infrage stellen, das ist eigentlich sehr willkommen. Wenn dies jedoch letztendlich nur bedeutet, anderthalb Stunden lang auf jede Geschmacksgrenze zu scheißen – wortwörtlich –, dann ist das doch ziemlich wenig. Ob sich gerade jemand auf dem Klo erleichtert, übergibt, Sperma verteilt oder man sich gegenseitig eitrige Pickel ableckt, es wird so ziemlich jede sich bietende Körperöffnung genutzt, um Flüssigkeiten auszutauschen. Das mag man großartig finden, wahnsinnig komisch. Oder eben schrecklich langweilig. Der Beitrag vom Fantasy Filmfest 2017, das ist so, als müsste man einem Kleinkind zuschauen, wie es ganz stolz Kacka in der ganzen Wohnung verteilt und dabei freudig lacht. Und wie das so ist, wenn Kinder was machen: Als Eltern des Sprösslings hat man an dem Ergebnis immer mehr Spaß als Unbeteiligte.

 

(Oliver Armknecht)

 

Schöne Scheiße

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M.F.A.

Regie: Natalia Leite / USA 2017 / 95 Min.

Darsteller: Francesca Eastwood, Clifton Collins Jr., Michael Welch u. a.

Produktion: Mike C. Manning, Leah McKendrick, Shintaro Shimosawa

Verleih: Meteor Film

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Kunststudentin Noelle (Francesca Eastwood) wird von einem Kommilitonen vergewaltigt und nimmt – weil weder die Uni-Psychologin etwas dagegen tut, noch ihr Peiniger etwas von den Vorwürfen wissen will – die Justiz selbst in die Hand und übt blutige Rache. Sie findet heraus, dass sie kein Einzelfall ist, offenbar werden männliche Sportler von der Universitätsleitung geschützt. Noelle reicht die Selbsthilfegruppe nicht, und sie ergeht sich fortan in Selbstjustiz, ob die Opfer das wollen oder nicht. Dabei werden ihre Kunstarbeiten immer besser, und ihr Professor sowie ihre Klasse sind von ihrem neuen, entfesselten künstlerischen Stil hellauf begeistert.

M.F.A. als reinen Rape-and-Revenge-Slasher zu bezeichnen ist zu einfach und auch falsch. Tatsächlich befasst sich der Film mit mehreren Themen und beleuchtet diverse Aspekte: von der Frage “Wo beginnt eine Vergewaltigung?” bis zu “Wie kann man präventiv dagegen vorgehen?” und “Inwieweit ist Selbstjustiz angebracht?”. Der Schutz, den die neuen Sporthoffnungen durch das System genießen, ist ebenso interessant wie wichtig. M.F.A. gibt auf filmerischer Ebene aber zunächst auf alles nur eine simple Antwort: Rache in Form von Mord.

Auf technischer wie inszenatorischer Seite agiert M.F.A. weit über Durchschnitt. Der Campus als eigene Welt ist nachvollziehbar und glaubwürdig, die Darsteller sind durch die Bank gut, und das Drehbuch zieht die Spannungsschraube sukzessive an. Schwierig und moralisch kompliziert wird M.F.A. dann jedoch dadurch, dass er seine Welt für das so komplexe Thema zu simpel einteilt: Die Männer (meist strohdoofe angehende Profisportler) sind schlecht, während die Damen der Schöpfung (sensibel und intelligent) das Gute symbolisieren. Es wäre schön, wenn es so einfach wäre, dabei ist es vor allem prekär, dass sich Noelles Kunst verbessert, sobald sie mit der Selbstjustiz beginnt. Dass Frauen ihr kreatives Zentrum finden, sobald sie sich im Blut ihrer Unterdrücker gesuhlt haben, darf gerne bezweifelt werden. Darüber hinaus ist M.F.A. immer dann besonders heuchlerisch, wenn die Kamera ausführlich und voyeuristisch Eastwoods Körper einfängt – mit Fokus auf ihre sekundären Geschlechtsmerkmale.

Letztlich bleibt ein gut inszenierter und stark gespielter Feministen-Slasher, der das Publikum spalten dürfte, weil er mehr Politik als Filmkunst ist. Aber genau das ist eben auch (Film-)Kunst und bei einem Thema wie Vergewaltigung, das leider immer aktuell ist, wichtig. (Manuel Magno)

 

Moralisch schwierig, kontrovers und wichtig