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21/11/2016

EINER VON UNS

Regie und Drehbuch: Stephan Richter / Österreich 2015 / 86 Min.

Darsteller: Jack Hofer, Simon Morzé, Christopher Schärf, Andreas Lust, Rainer Wöss, Dominic Marcus Singer, Markus Schleinzer, Birgit Linauer

Produktion: Arash T. Riahi & Karin C. Berger

Freigabe: FSK 12

Verleih: Little Dream Entertainment

Start: 24.11.2016

 

Am 5. August 2009 wird ein 14-Jähriger während eines nächtlichen Einbruchs in einen Supermarkt im österreichischen Krems an der Donau von einem Polizisten erschossen. Der Vorfall bringt den Beamten, der den Todesschuss zu verantworten hat, wegen fahrlässiger Tötung für acht Monate ins Gefängnis und führt in dem Land zu einer heftigen Diskussion über die Rechtmäßigkeit des Gebrauchs von Schusswaffen. Die Forschungsstelle für Österreichisches Deutsch, die u. a. seit 1999 das österreichische Wort des Jahres ernennt, kürt in der Folge den Satz „Wer alt genug zum Einbrechen ist, ist auch alt genug zum Sterben“, mit dem Kolumnist Michael Jeannée in der Kronen Zeitung den Vorfall kommentiert, zum Unspruch des Jahres 2009.

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Diese wahre Begebenheit macht Drehbuchautor und Regisseur Stephan Richter zum Aufhänger seines Debüts EINER VON UNS. Sein Film erzählt von verschiedenen Jugendlichen, deren Lebensmittelpunkt der Supermarkt in ihrer österreichischen Heimatkleinstadt ist. Sie kaufen und klauen hier und verbringen ihre Freizeit mit Sprayen und Skaten auf dem weitläufigen Parkplatz. Der Teenager Julian (Jack Hofer) freundet sich mit dem etwas älteren Marko (Simon Morzé) an, der gerade erst aus der Haft entlassen wurde und bereits wieder die Aufmerksamkeit und den Argwohn von Marktleiter Herrn Winkler (Markus Schleinzer) und Polizist Georg (Rainer Wöss) erregt, der seine Freizeit Bier trinkend an der Imbissbude vor dem Markt verbringt. In seinem Bestreben, zu den „coolen“ Jungs dazuzugehören, sucht Julian verstärkt die Nähe und Anerkennung Markos und seines Freundes Victor (Christopher Schärf) und wird auch im Supermarkt immer öfter auffällig.

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Das wirklich Clevere an EINER VON UNS ist die Art und Weise, wie er mit dem zugrundeliegenden Vorfall umgeht und ihn filmisch aufbereitet. Es geht Richter nicht primär um den Stein des Anstoßes der Diskussion, also den umstrittenen Schusswaffengebrauch. Und mit dem aus den Nachrichten bekannten Ausgang ist es natürlich auch nicht das gespannt erwartete Ende, das seinen Film so magnetisch macht. Vielmehr widmet sich der Autorenfilmer deutlich universelleren Themen wie dem Erwachsenwerden mit all seiner Unsicherheit, Orientierungslosigkeit und dem Wunsch dazuzugehören sowie unserer modernen, von Konsum beherrschten Gesellschaft. Vor allem Letzteres klingt immer wieder an in den Totalen der übervollen Supermarktregale, dem stetigen Piepen der Kassenscanner und den Einstellungen des vor weggeworfenen Lebensmitteln überquellenden Müllcontainers.

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Unter diesem Aspekt gelingt Richter etwas, das weit über das Abbilden einer öffentlich diskutierten Begebenheit hinausgeht. Anstatt lediglich aufzurollen, wie es zu einem solchen Vorfall kommen konnte, und das Ganze allein mit der (durchaus vorhandenen) Tristesse im Leben der Heranwachsenden zu erklären, geht sein Blick weitaus tiefer. Denn letztendlich wachsen die Jugendlichen in der Umgebung heran, die die Erwachsenen ihnen vorleben. Und das ist im Falle europäischer Zivilkultur nun einmal durchaus eine verschwenderische (oder bamstige, um im Filmton zu bleiben) und oftmals ignorante. Man achte nur mal beim nächsten Aufenthalt an der Kasse darauf, wie viel Rücksicht jede und jeder allein auf andere Anwesende nimmt, z. B. in Form von Platz auf dem Kassenlaufband, oder auf die Welt hinter dem eigenen Horizont: „Ja, bitte noch eine Plastiktüte für das Stück Butter, meine letzten 20 habe ich alle immer weggeworfen.“ Die verwöhnten westlichen Einkäufer scheren sich selten um Verpackungen oder den Wert einzelner Güter. Er und sie haben ja alles, auch wenn niemals irgendjemand die zur Verfügung stehenden 50 Billigkaffeepackungen verbrauchen kann. Doch die Wichtigkeit, die dem Konsum von vielen eingeräumt wird, lässt andere leichter glauben, er wäre tatsächlich wichtig.

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Im Gegensatz zu dieser Kritik klagt EINER VON UNS allerdings auch nicht an – er zeigt lediglich auf. Keine der Figuren in diesem Mikrokosmos ist eine gänzlich schuldige, jede befindet sich auch in irgendeiner Art Opferrolle. Und das regt zum Nachdenken über den Abspann hinaus an. Was sicherlich und nicht zuletzt auch der Wirkung der filmtechnischen Aspekte zu verdanken ist. Die unaufgeregte Inszenierung und die sorgfältig komponierten Bilder schaffen eine so realistische wie unangenehme Stimmung, und die Besetzung spielt mit Vielschichtigkeit und Lebendigkeit – besonders Christopher Schärf, der mehr als einmal an eine bodenständige Version von James Francos Alien aus SPRING BREAKERS erinnert, sticht mit seiner Kombination aus Bedrohlichkeit, innerer Zerrissenheit und Tragik heraus.

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Stephan Richter ist mit EINER VON UNS eine wirkungsvolle und atmosphärisch dichte Mischung aus Sozialstudie, Coming-of-Age-Drama und Gesellschaftskritik gelungen, die nicht nur komplex und spannend erzählt, was 2009 in Österreich passiert ist, sondern was überall und jederzeit passieren kann.

 

(Matthias Pasler)

 

Einer von uns allen