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24/07/2017

DUNKIRK

Regie: Christopher Nolan / USA, Großbritannien, Frankreich 2017 / 106 Min.

Darsteller: Tom Hardy, Cillian Murphy, Mark Rylance, Kenneth Branagh, Harry Styles, Tom Glynn-Carney, Barry Keoghan, Fionn Whitehead, Jack Lowden, Aneurin Barnard

Produktion: Christopher Nolan, Emma Thomas

Freigabe: FSK 12

Verleih: Warner

Start: 27.07.2017

 

In einer Zeit, in der Filme immer größer und bombastischer werden und selbst auf ein junges Publikum abgestimmte Blockbuster bei ihrer Laufzeit gerne mal die Zweieinhalb-Stunden-Marke hinter sich lassen, entscheidet sich einer der prägendsten und erfolgreichsten Regisseure unserer Zeit zum mutigen – aber nur vermeintlichen – Schritt zurück.

 

DUNKIRK erzählt von 400.000 im Frühsommer 1940 in der titelgebenden nordfranzösischen Stadt gestrandeten alliierten Soldaten. Von der deutschen Wehrmacht an Land umringt, gibt es für sie nur die Rettung über den Ärmelkanal nach England. Doch Großbritannien ist mit der Situation ebenso überfordert wie von Hitlers „Blitzkrieg“ überrascht. Zudem geht auch das Gerücht um, dass die rettenden Schiffe und die sie begleitenden Flugzeuge für die nächste Schlacht geschont werden sollen, für die um Großbritannien nämlich.

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So beginnt für die erschöpften und großteils verängstigten Soldaten am Strand von Dünkirchen das zermürbende Warten, das immer wieder durch Angriffe deutscher Sturzkampfbomber gekennzeichnet ist. Doch genauso zögerlich, wie Großbritannien Kriegsgerät durch die Rettungsaktion „gefährden“ will, sind die Angriffe der überlegenen Wehrmacht keine Vorboten der totalen Vernichtung. Vielmehr sind sie eine Machtdemonstration, die den zentralen Moment der Überlegenheit Nazideutschlands kennzeichnet, bevor im Sommer des nächsten Jahres mit dem Überfall auf die Sowjetunion der langsame und grausame Fall des „Dritten Reichs“ beginnen wird.

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Zwei der wenigen Piloten, die von England geschickt werden, sind Farrier (Tom Hardy) und Collins (Jack Lowden), die den Weg von Dünkirchen zur britischen Küste aus der Luft schützen sollen. Unter den gestrandeten Soldaten finden sich mit Tommy (Fionn Whitehead) und Gibson (Aneurin Barnard) zwei Freunde in der Not, denen ihre Kompanie ebenso wie ihre Waffen mittlerweile egal sind; alles, was sie wollen, ist überleben. Dasselbe Motiv bewegt Mr. Dawson (Mark Rylance), als er mit seinem kleinen Segelschiff und zusammen mit seinem Sohn Peter (Tom Glynn-Carney) und dessen Freund George (Barry Keoghan) über den Ärmelkanal schippert, um wenigstens ein paar der auf dem Land umzingelten Soldaten nach England zu holen.

WEITER


Anstatt diesem zentralen Moment des Zweiten Weltkriegs ein (weiteres) epochales filmisches Denkmal zu setzen, verwendet Christopher Nolan die Rettung der alliierten Soldaten von Dünkirchen als (film-)historischen Blick zurück und als eigenen, kreativen Schritt nach vorne.

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Denn Nolan hat sich bei DUNKIRK von Filmklassikern wie INTOLERANCE (1916), GIER NACH GELD (1926), aber auch dem Spannungsmeisterwerk LOHN DER ANGST (1953) inspirieren lassen. In seinem Film geht es nicht darum, jeder (politischen, sozialen oder ethischen) Facette eines historischen Ereignisses versöhnlich Raum zu geben, sondern darum, eine Geschichte spannend zu erzählen. Auch der seit Spielbergs Meisterwerk DER SOLDAT JAMES RYAN übliche hohe Blutzoll von Weltkriegsfilmen findet hier keine Notwendigkeit.

 

Nolan verlässt sich ganz darauf, seine Geschichte von DUNKIRK so kurzweilig und intensiv wie möglich zu halten. Die drei Ebenen (die Gestrandeten, die Piloten, die Besatzung des Segelbootes) werden gleichwertig ausgebreitet und ineinander verschachtelt erzählt, sodass der Zuschauer gleich mehreren Hauptfiguren folgen muss. Das gelingt aber dank des ausgeklügelten Drehbuchs (von Nolan selbst) und der an Klassikern angelegten Kinematografie des Schweizers Hoyte Van Hoytema (u. a. INTERSTELLAR und SO FINSTER DIE NACHT) fast schon spielerisch kinderleicht.

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Oder anders gesagt: Nolan erzählt eine Kriegsgeschichte nicht auf einer Makro-, sondern auf einer Mikroebene, bei der der Schauplatz von der französischen bis zur britischen Küste reicht und die Dutzende Haupt- und Nebenfiguren hat, als ein Kammerspiel, dem man – der Komplexität und Größe der Geschichte zum Trotz – zu jeder Sekunde folgen kann. DUNKIRK ist kein Kriegsepos, es ist ein geschickter Thriller, mehr mit Bildern als mit Worten erzählt, der sich erst langsam entfaltet, aber bei dem kein Bildkader und kein gesprochenes Wort überflüssig ist.

 

Ein Beispiel ist die Handlungsebene um den Piloten Farrier: Obwohl man über den Großteil des Films von ihm nur die Augen sieht und seine Stimme hört, baut man als Zuschauer eine Verbindung zu ihm auf und kann alle seine Handlungen nachvollziehen.

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Einzig der Score von Hans Zimmer, auf den sich der Regisseur zu sehr verlässt, hält mit dem kreativen Schritt voran, den Nolans Film vollzieht, nicht mit. Zwar ist der zeitliche Druck der verschachtelten Erzählung durch ein ständiges Ticken auf der Tonebene präsent, aber sonst ist die Musik in DUNKIRK der gewöhnliche (Achtung: Wortwitz!) Zimmer-Service.

 

Dennoch ist das Jammern auf sehr hohem Niveau. Nachdem Nolan mit MEMENTO sein frühes Meisterstück gelungen ist und er in seiner unzusammenhängenden Filmtrilogie von PRESTIGE, THE DARK KNIGHT (mit dem er das Superheldengenre innovativ erneuerte) und INCEPTION drei unantastbare moderne Klassiker schuf und er die ihm in Folge zugestandenen kreativen Freiheiten bei seinem abschließenden BATMAN-Film und vor allem bei INTERSTELLAR mit zu viel unausgereiftem Ballast gefüllt hat, ist er mit DUNKIRK wieder fast unverschämt genial. (Patrick Winkler)

 

 

Eine cineastische Meisterleistung!

HIER NOCH EIN AKTUELLES GEWINNSPIEL!