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27/10/2016

DR. STRANGE

Regie: Scott Derrickson / USA 2016 / 115 Min.

Darsteller: Benedict Cumberbatch, Chiwetel Ejiofor, Rachel McAdams, Tilda Swinton, Mads Mikkelsen

Produktion:

Freigabe: FSK 12

Verleih: Walt Disney

Cut: Nein

Start: 27.10.2016

 

Nach acht Jahren und 13 erfolgreichen Filmen, auf die Marvel Studios mittlerweile zurückblicken kann, scheinen die Fronten geklärt zu sein: Die Welt spaltet sich in „Fanboys“ und „Hater“, von denen Letztere das komplette Superhero-Genre als kunstvernichtendes, kulturindustriell-kapitalistisches Antichristentum verdammen, während sich Erstere drei- bis fünfmal pro Jahr kritiklos denselben Film aufs Neue quasi zwangsverköstigen lassen und sich darüber sogar noch freuen wie die Blagen – das Kinogeld wegnehmen sollte man ihnen! Zumindest ist das der Eindruck, folgt man den Diskussionen, die bei jedem neuen Marvel-Trailer in Kommentarspalten und sozialen Medien geführt werden. Tatsächlich kann man feststellen, dass das Marvel Cinematic Universe immer wieder aufs Neue beginnen muss, nie zu einem Ende kommen kann und mit einem jeden Film vor allem der nächste beworben wird. Erschwerend hinzu kommt, dass die Formel des Origin-Movies nicht viel Spielraum für Überraschungen lässt – ein Umstand, auf den die Marvel/Netflix-Serien mit einiger Finesse reagiert haben, der sich in einem Kinofilm mit durchschnittlicher Laufzeit jedoch schnell bemerkbar machen kann. Die eigentliche Frage könnte also lauten, ob und wie es DOCTOR STRANGE gelingt, diese Probleme zu umschiffen.

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Mit Dr. Stephen Strange steht also nun das nächste Mitglied der Marvel-Familie in den Startlöchern des jährlichen Blockbusterrennens, dessen Bekanntheitsgrad eher dem Status eines Drittligisten entspricht. Ist der „Sorcerer Supreme“ in den Comics seit den Sechzigern eine feste Größe, beschränken sich seine Ausflüge über Comicgrenzen hinaus im Wesentlichen auf einige Animated Features und einen zu Recht in Vergessenheit geratenen TV-Piloten aus den 1970ern, dem zu niemandes Überraschung keine Serie nachfolgte. Mit anderen Worten steht Marvel mit DOCTOR STRANGE nach GUARDIANS OF THE GALAXY und ANT-MAN zum dritten Mal vor der Herausforderung, eine Figur mit lang andauernder Publikationsgeschichte und kaum spürbarer Breitenwirkung für ein so gut wie ahnungsloses Publikum neu zu erfinden – hat ja zweimal gut geklappt. Setzte man bei den ersten beiden vor allem auf ansteckenden Humor, werden für Marvels Magier zwei deutlich schwerere Geschütze aufgefahren: eine A-List-Besetzung und Eye-Candy, dass einem die Augäpfel gegen die 3D-Brille ploppen.

Der Exzess beginnt in der Eröffnungsszene, in der die noch verhüllte Ancient One (Tilda Swinton) an den Häuserwänden einer sich wie ein Kaleidoskop faltenden Stadtkulisse ihrem abtrünnigen Schüler Kaecilius hinterherjagt. In den ersten fünf Minuten des Films nehmen Regisseur Scott Derrickson (SINISTER) und sein vermutlich schwer übermüdetes CGI-Team den Money Shot aus INCEPTION, vervielfältigen ihn und legen den von Christopher Nolan bewusst unterschlagenen 3D-Effekt noch obendrauf. Im Anschluss an dieses visuelle Statement wird sich jedoch erst einmal in einiger Ausführlichkeit dem Protagonisten gewidmet: dem talentierten Gehirnchirurgen Stephen Strange (Benedict Cumberbatch), der sich auf seine ruhige Hand und seinen diagnostischen Verstand ebenso viel einbildet wie auf seine makellose Heilungsquote, dessen steile Karriere jedoch nach einem schweren Autounfall ihr jähes Ende nimmt. Mit zitternden Händen und jeder Hoffnung auf die Schulmedizin beraubt, verschlägt es ihn nach Kamar-Taj ins tibetanische Gebirge. Dass ihn dort mehr erwartet als die Aussicht darauf, wieder operieren zu können, wird ihm klar, als The Ancient One ihn dort in die Geheimnisse des Multiversums und der Spiegelwelt einführt – nicht ohne Hintergedanken, denn die uralte Hüterin der magischen Geheimnisse des MCU hat mit dem arroganten Karrieremediziner mehr vor, als ihn nur wieder zu einem funktionierenden Mitglied der Gesellschaft zu machen. Aber dafür muss er zunächst sein überbordendes Ego in den Griff kriegen.

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Von da an wird DOCTOR STRANGE ziemlich bunt und überschlägt sich fast in seiner visuellen Pracht. Allerdings ist das auch bitter nötig, um erfolgreich davon ablenken zu können, dass der Plot im Rahmen seiner Möglichkeiten um Varianz bemüht ist, jedoch bis zum Ende zuverlässig vorhersehbar bleibt. Mitunter kann einen ob der sklavischen Abarbeitung von Campells „Heldenreise“, die das Drehbuch von Derrickson, Jon Spaihts (PROMETHEUS) und Robert Cargill (SINISTER) wie eine rote, vierspurige Straße durchquert, tatsächlich das Gefühl überkommen, in STAR WARS zu sitzen, was in gewisser Weise jedoch auch Tilda Swintons unfassbar lässiger Aktualisierung des späten Obi-Wan Kenobi geschuldet ist. Ist die Rolle des von sich selbst viel zu sehr, aber doch zu Recht überzeugten Dr. Strange dem SHERLOCK-Mimen Cumberbatch quasi passgenau auf Leib und Manieren geschrieben, verleiht die sonst eher im ernsten Fach anzutreffende Swinton der Ältesten einen Glanz, aber auch eine Abgeklärtheit, mit denen man ihr all ihre visuell spektakulären Zaubertricks bereitwillig abkauft. Was der Story an Seele fehlt, hauchen Cumberbatch und Swinton ihr eigenhändig wieder ein. Mit Chiwetel Ejiofor (12 YEARS A SLAVE), Rachel McAdams (TRUE DETECTIVE), Benedict Wong (DER MARSIANER), dem hier wortkargen Martial-Arts-Wunder Scott Adkins und schließlich Mads Mikkelsen (VALHALLA RISING) ist DOCTOR STRANGE für einen Marvel-Film fast schon zu hochkarätig besetzt, jedoch hat der von Mikkelsen verkörperte Villain Kaecilius dieselben Probleme wie in diesem Jahr schon Apocalypse bei den letzten X-MEN und Enchantress im SUICIDE SQUAD: Er ist erzählerisch unterbelichtet und standardmotiviert, bleibt als Bedrohung nur sehr vage und liefert am Ende nur narratives Kanonenfutter, bevor in einem der nächsten DOCTOR STRANGE-Filme mal wirklich was auf den Spiel steht.

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Und trotz alldem gelingt es Scott Derrickson, seinem Ensemble und der niemals zu vergessenden CGI-Abteilung, einen für zwei Stunden prächtig zu unterhalten. War das Quantenreich im Finale von ANT-MAN schon eine beeindruckende Spielerei, ist das dennoch nur ein kleiner Ausblick auf die 2001-auf-waffenfähigen-Steroiden-Dimensionen, in die DOCTOR STRANGE sein Publikum mitnimmt. Der jüngste Eintrag in das Marvel-Franchise hebt Raum und Zeit mit der Brechstange aus den Angeln und entfacht einen Bilderrausch, in dem es schlicht egal wird, dass die Niederlage des Bösewichts absehbar ist und sich der ehemals eitle Egoist als gemachter Held in den Dienst der Gemeinschaft stellen wird. Ja, wenn die angenommene Wirkung des Bildes den Mangel an – oder gar die Abwesenheit – erzählerischer Qualität verdecken soll, kann man das als Jahrmarktskino abtun. Wenn die Bilder einen jedoch so in den Sitz nieten, dass sich dafür das Verlassen des Hauses und der Zuschlag für die 3D-Brille lohnen, geht das komplett in Ordnung – notfalls haben die von der Malen-nach-Zahlen-Story Genervten hier die seltene Option, sich einfach PINK FLOYDs Dark Side of The Moon auf die Kopfhörer zu spielen und zwei Stunden ordentlich abzudriften.

 

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Also, was tun? Als Marvel-Evangelist kommt man natürlich um DOCTOR STRANGE kein bisschen herum, werden doch auch hier weitere Weichen für den unvermeidlich näher rückenden INFINITY WAR gestellt. Weniger voraussetzungsreich als zuletzt noch CIVIL WAR und auch eine halbe Stunde kürzer, ist Marvels Jüngster ziemlich genau das, was die effektdominierten Trailer versprechen: eine digitale Materialschlacht von der Sorte, die einem neuen Respekt vor den Möglichkeiten digitaler Filmtricks einjagt. Die makellose, mustergültige Ausführung der Origin-Story ist jedoch gleichzeitig auch ihre größte Schwäche – so gerne man dem immer spielfreudigen Cast zusieht und so gelungen das Spiel mit Publikumserwartungen in einzelnen Momenten ist, läuft hier alles streng nach Plan, bis hin zu den routiniert wirkenden Überraschungen. Vielleicht ist DOCTOR STRANGE all das, was Blockbuster/Franchise/Comicfilm-Hasser in ihm sehen wollen: volldigitaler Overkill mit eingestreuten One-Linern, der einer tausendmal erzählten Geschichte nichts Wesentliches hinzuzufügen weiß und ein hohes Investment seitens der Zuschauerschaft in die Marke Marvel voraussetzt, um nicht einschläfernd zu wirken. Das könnte man alles so stehen lassen, wäre DOCTOR STRANGE nicht so ungemein unterhaltsam, dass man ihm seine nicht zu leugnenden Schwächen im Gegenzug für einen wilden Ritt gerne verzeiht.

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Die Chemie zwischen Cumberbatch, Swinton und dem übrigen Cast, virtuose Kampfchoreografien wider die Gesetze der Schwerkraft, gut dosierte Punchlines, Multiversen, Spiegelwelten, Mikrokosmen und sich faltende Städte, das alles summiert sich zu einem ansehnlichen Debüt für den idealbesetzten „Sorcerer Supreme“, das seine magische Wirkung auf einer möglichst großen Leinwand entfachen will. Und auch wenn man ein weiteres Mal mit dem Gefühl aus dem Kino entlassen wird, den Vorfilm zu einem zukünftigen Film gesehen zu haben – Stichwort: „Doctor Strange will return“ –, ist es doch ein vergnüglicher, in sich stimmiger Ausblick auf die Zukunft des Marvel-Kinouniversums, der einen mit seinen viel gerühmten „trippy visuals“ aus der Realität und diese aus den Fugen reißt. Dass DOCTOR STRANGE der nächste Millionenseller in der Marvel-Riege wird, dürfte außer Frage stehen.

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Als zweiter Film der dritten Phase des Marvel Cinematic Universe eine neue Figur in einer für filmische Verhältnisse relativ weit vorangeschrittenen Storyworld zu etablieren, die sich einerseits selbst als tragfähig erweist, andererseits aber auch für das „große Ganze“ bedeutsame Aspekte in der Erzählwelt verankern muss, ist eine undankbare Aufgabe, die DOCTOR STRANGE trotz aller Schwächen mit großem Unterhaltungswert absolviert. Man kann dem Film den Exploitation-Vorwurf machen, wenn er sich der gewaltigen Bilder von INCEPTION bedient, ohne sich auch nur im Ansatz an dessen erzählerische Tiefe heranzutrauen. Man kann das aber auch lassen und sich daran erfreuen, wie Marvel Studios – wenn vielleicht auch nicht auf erzählerischem Grund – die Türen zu neuen Welten öffnet. Die Neuheit liegt hier übergewichtig auf visueller Ebene, der sich alles andere unterordnet. Insofern gilt für DOCTOR STRANGE dasselbe wie für alle anderen Zauberer: „It’s not a trick, it’s an illusion“. Ob man sich dieser mehr oder weniger kritiklos hingibt oder das alles für Humbug hält, bleibt eine individuelle Entscheidung. Marvel-Aficionados, die der MCU-Kinoserie bei Sonnenschein und Regen folgen, aber auch das Stammpublikum von visuell opulenter Science-Fiction/Fantasy machen hier nichts verkehrt. Wer mit alldem jedoch ungesehen nichts zu tun haben will, den wird der Doc erst recht nicht umstimmen können – zu berechtigt ist das „Immer dasselbe“-Argument. Am Ende des Tages muss man bereit sein, die Abgeklärtheit an der Kinokasse zu lassen, und sich dem routiniert abgewickelten, aber dennoch durchschaubaren Taschenspielertrick hingeben wollen. Andererseits geht niemand auf den Jahrmarkt, um dort große Kunst zu finden. (Peter Vignold)

 

Das Pink Floyd-Album unter den Marvel-Filmen