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09/03/2017

DIE LEBENDEN TOTEN ODER: MONSTERS OF REALITY

DieLebendenTotenButtgereit

 

Zombies verirren sich eher selten auf Theaterbühnen. Und noch merkwürdiger mutet es an, wenn sie dies für ein politisches Stück tun. Doch genau das passiert im Werk des Dänen Christian Lollike, der in DIE LEBENDEN TOTEN faulige Untote und politisch hochbrisanten Stoff aufeinanderprallen lässt. Denn die Zombies werden bei ihm zum Sinnbild verzweifelter Flüchtlinge, die sich aus den Tiefen des Mittelmeeres erheben, um sich nach Europa aufzumachen.

LebendenToten.Buttgereit.von Birgit.Hupfeld

Die gesamte Bühne ist eine liebevolle Hommage an den Horrorfilm und speziell George A. Romeros DAWN OF THE DEAD, der hier auch musikalisch zitiert wird. Schauplatz ist die Halle einer Shoppingmall, im Videostore finden sich Tapes diverser Zombie-Klassiker, und auf den Bildschirmen laufen Ausschnitte aus den TV-Formaten DAS GRUSELKABINETT und DER PHANTASTISCHE Film. Auch ein Kino findet sich hier, das natürlich Creepshow heißt und auf dessen Projektionsfläche passend zum Inhalt der jeweiligen Szene die großartigen Illustrationen von FuFu Frauenwahl zu bestaunen sind. Die Zombies selbst könnten romeroesker kaum sein, inklusive grauer Schminke (die in Romeros Film dann ja eher blau wirkte). Es sind eben Konsum-Zombies oder auch Angst-Zombies, die schnell zu Wutbürger-Zombies werden. Aber hier von oben herabzuschauen wird dem Zuschauer schwer gemacht – erkennt man nicht auch seine eigenen Ängste in den Äußerungen der psychisch labilen Wiedergänger? So bleibt einem manchmal auch das Lachen im Halse stecken, und gelacht werden darf viel. Da fliegt auch gerne mal ein angeknabberter Hoden durch den Raum. Doch immer wieder werden Dinge ausgesprochen, die so kaum zu ertragen wären, hätte man sie nicht in einer Zombie-Groteske verpackt.

lebenden-Toten.Buttgereit.B.Hupfeld

Eine außergewöhnliche Textgrundlage, die nach einer ebenso außergewöhnlichen Regie verlangte. Hier tritt „unser“ Jörg Buttgereit auf den Plan, der auf den Theaterbühnen des Ruhrgebiets bereits sehr fleißig war und nun DIE LEBENDEN TOTEN für das Schauspiel Essen inszenierte. In Buttgereits Version geht es nicht minder politisch zu als in Lollikes Text, doch die Handschrift eines echten Filmliebhabers ist von der ersten Sekunde an deutlich, sodass man sich direkt wohlfühlt und gerne den drei Darstellern (Alexey Ekimov, Axel Holst und Silvia Weiskopf) seine volle Aufmerksamkeit widmet.

LebendenToten.Buttgereit.Hupfeld.

Dabei ist es zugegebenermaßen nicht immer ganz leicht, dem Geschehen auf der Bühne zu folgen, denn es geht quer durch verschiedene Erzählebenen, und immer wieder finden Rollenwechsel statt. Ohne Pause geht es vom Flüchtling/Zombie Franc zum EU-Kommissar, von der Shoppingmall in den Politik-Talk und wieder zurück. Ungeachtet dessen gehen die Schauspieler hier aufs Ganze und verlangen sich wirklich das Letzte ab. Dazu gehört übrigens nicht nur, mit Wonne die eigenen Gedärme zu verspeisen. DIE LEBENDEN TOTEN hinterlässt in jedem Fall einen bleibenden Eindruck und wurde daher zu Recht unter nicht enden wollendem Beifall von einem übrigens angenehm heterogenen Publikum gefeiert. Konsequenterweise soll das Stück mindestens bis zum Ende des Sommers in Essen gespielt werden, feste Termine stehen bereits für den 11. und 22. März sowie den 8. und 16. April fest. (Andreas Frank)

 

Hier der Link zum Theater

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