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18/01/2017

Deadline präsentiert den Netzkino Film des Monats: IN MY SKIN

In My Skin

Auf www.netzkino.de und dem Netzkino Youtube Channel könnt ihr Spielfilme, Serien und TV-Filme in voller Länge anschauen. Gemeinsam präsentieren wir das radikalfeministische Manifest IN MY SKIN.

 

Über den Link gelangt ihr direkt zum Film:
IN MY SKIN auf netzkino.de anschauen

 

Regie: Marina de Van / Frankreich 2002 / 90 Min.
Darsteller: Marina de Van, Laurent Lucas, Léa Drucker, Thibault de Montalembert, Dominique Reymond, Bernard Alane u.a.
Produktion: Laurent Farenc, Stéphanie Carreras, Alain Rocca, Laurent Soregaroli

 

Das Langfilmdebüt von Marina de Van, die bis dato vor allem als Drehbuchautorin und Darstellerin in einigen von den besseren Filmen von François Ozon bekannt sein dürfte, beginnt einigermaßen abstrakt. Eine Reihe von Splitscreens etabliert das hypermodernistische, urbane Setting von IN MY SKIN – und beginnt gleichzeitig damit, dieses aufzubrechen. Mal entsprechen die einander gegenübergestellten Aufnahmen sich exakt, mal scheinen sie leicht verschoben, dann wieder zeigen sie völlig unterschiedliche Perspektiven; auch Negativaufnahmen erschüttern die Integrität des abgebildeten Raumes nachhaltig. IN MY SKIN, das wird in diesen ersten Einstellungen bereits sehr deutlich, interessiert sich für beides: für die glänzenden Oberflächen und die Abgründe, die darunter lauern mögen.

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Während die Credits noch laufen, begegnen wir bereits den Protagonisten von Marina de Vans Film, einem dem oberflächlichen Blick glücklich erscheinenden Paar, dessen Idylle jedoch nicht lange intakt bleibt. Als Esther – Regisseurin de Van selbst mit einer überaus intensiven Darstellung – mit ihrer Kollegin und Freundin Sandrine eine Party besucht und sich im Garten des Hauses an einer Metallstange verletzt, entwickelt sie eine sich immer radikaler äußernde Obsession für die klaffende, blutende Wunde an ihrem Bein. Während Vincent (Laurent Lucas aus Fabrice du Welz’ Meisterwerk CALVAIRE) bereits auf den ersten Vorfall schockiert und restriktiv reagiert (»Du wirst nicht mehr ohne mich auf Partys gehen!«), entdeckt die verwirrte Esther, dass ihr die neue Körperöffnung große Lust bereitet, und beginnt zunächst, ihre Wunde zu masturbieren, um sich alsbald auch selbst immer neue, zunehmend schlimmere Wunden zuzufügen. Die Entdeckung dieser neuen Lust stößt jedoch auch Sandrine zunehmend vor den Kopf, die zunehmend feindselige Verhaltensweisen gegen ihre nur scheinbare Verbündete Esther entwickelt.

Mit dem lustvollen Ausleben ihrer neu entdeckten, extremen Körperlichkeit fällt Esther nicht nur aus ihrer vorgesehenen Rolle – in der Beziehung zu Vincent – heraus, sondern lässt im Grunde den kompletten gesellschaftlichen Kodex hinter sich und wird zu einem wahrhaft autonomen, für den begrenzten Horizont der anderen Protagonisten nicht mehr fassbaren (sexuellen) Subjekt. Dies manifestiert sich zunächst auf der Ebene des Plot in einem endgültigen Kontrollverlust bei einem Arbeitsessen und spitzt sich am Ende zu, wenn sich Esther in einem schäbigen Hotelzimmer verbarrikadiert, wo sie ihren Körper immer heftiger verstümmelt. Dieses selbstzerstörerische Happening dokumentiert sie in zahlreichen Fotografien – pornografischen Bildern, in einer gewissen Hinsicht. Marina de Van greift, um diese quälenden Sequenzen zu visualisieren, erneut auf die Technik der Splitscreens zurück – und erneut gewinnt, von langen Schwarzblenden zerschnitten, der Raum die Oberhand, während Esther sich zunehmend dem Bildkader und somit der Repräsentation überhaupt entzieht.

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Hierin scheint sich auch das eigentliche Thema von IN MY SKIN zu manifestieren, der als Horrorfilm völlig unzutreffend charakterisiert wäre und der als Splatterfilm an eine allzu oft vergessene, grundsätzlich subversive Entwicklungslinie des Genres anknüpft. Am ehesten noch mit dem Body Horror eines David Cronenberg zusammenzudenken, ist Marina de Vans Debüt im Grunde ein radikalfeministisches Manifest. Esther befreit ihren gewaltsam kolonisierten Körper – über den Vincent, das macht der Film immer wieder subtil klar, wie über ein Besitzstück verfügt –, indem sie ihn nicht nur dem Zugriff Vincents entzieht, sondern auch der patriarchal geprägten Logik des sozialen Kodex. Sie erobert ihn zurück, indem sie ihn beschädigt, zerstört, verschwendet. Die Position, die IN MY SKIN zu diesen Akten einnimmt, bleibt durchaus ambivalent: Setzt sich dort die perfide Strategie des Systems fort, das subversive Energien gezielt in die Selbstzerstörung treibt? Oder ist wahre Freiheit nur die, die auch die Freiheit zur Selbstzerstörung mit einschließt? (Jochen Werner)

 

Radikalfeministisches Manifest




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