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25/04/2018

AVENGERS INFINITY WAR

Regie: Joe & Anthony Russo / 2018 / 149 Min.

Darsteller: Robert Downey Jr., Chris Hemsworth, Josh Brolin, Chris Evans, Zoe Saldana, Benedict Cumberbatch, Scarlett Johansson, Chris Pratt, Tom Holland, Chadwick Boseman, Peter Dinklage

Produktion: Kevin Feige, James Gunn, Jon Favreau, Victoria Alonso, Trinh Tran, Louis D’Esposito, Stan Lee

Freigabe: FSK 12

Verleih:

Start: 28.04.2018

 

Seit zehn Jahren wächst und wächst das Marvel Cinematic Universe scheinbar unaufhaltsam. Was 2008 mit dem damals noch auf Pump finanzierten IRON MAN seinen Anfang nahm, ist heute das erfolgreichste Filmfranchise aller Zeiten, dessen letzter Eintrag BLACK PANTHER im März als fünfter der 18 bisher unter dem MCU-Banner veröffentlichten Filme die Milliardenmarke an den Kinokassen geknackt hat. Mit AVENGERS: INFINITY WAR steht nur der 19. Film auf der Matte und wird, daran besteht kein Zweifel, die nächsten Kassenrekorde brechen. Einem derartigen Goldesel den Hahn abzudrehen grenzt an Verrücktheit, und doch läutet das neuste Zusammentreffen der Marvel-Superhelden auf nahezu unbarmherzige Weise das Endspiel ein.

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Bereits in der unmittelbar nach dem Ende von THOR: TAG DER ENTSCHEIDUNG einsetzenden Eröffnungsszene machen die Russo-Brüder Joe und Anthony mit einiger Entschlossenheit klar, dass in den folgenden zweieinhalb Stunden niemand sicher ist. Ist die größte Schwäche der in ihrem Ablauf routiniert vorhersehbaren Marvel Origin Movies wie ANT-MAN, DOCTOR STRANGE und zuletzt BLACK PANTHER, dass bei aller Gefahr am Ende des Tages doch niemand so richtig bedroht ist – man braucht sie ja noch für den nächsten Film –, schöpft INFINITY WAR diesbezüglich aus dem Vollen und wird langjährigen Fanboys & -girls einiges an Herzschmerz bereiten.

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Denn nachdem man ihn die letzten Jahre über immer nur mal kurz zu Gesicht gekriegt hat, hat Thanos (Josh Brolin) sich nun auf den Weg gemacht, um die sechs Infinity-Steine in seinen Besitz zu bringen, die ihm unendliche Macht verschaffen sollen. Aufmerksame Marvel-Gucker wissen, dass fünf davon bereits entscheidende Rollen in vergangenen Filmen gespielt haben und an verschiedenen Orten des Marvel-Universums gut gehütet werden – im Götterreich Asgard, einer Privatsammlung in den Tiefen des Universums oder in der Stirn des Androiden Vision. Als Thanos New York angreift, um den in einem Medaillon am Hals von Steven Strange (Benedict Cumberbatch) baumelnden Zeitstein in seinen Besitz zu bringen, ruft das die Avengers auf den Plan bzw. den aus Tony Stark (Robert Downey Jr.) und seinem „Praktikanten“ Peter Parker alias Spider-Man (Tom Holland) bestehenden traurigen Rest, den der Civil War übrig gelassen hat. Doch das Ausmaß der Bedrohung ist so gewaltig, dass Stark keine andere Wahl hat, als die zwischen ihn und Steve Rogers alias Captain America gerissene Kluft zu überwinden.

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Einmal in Gang, tobt der Infinity War jedoch an mehr als einer Front. Am anderen Ende des Universums prallt Thor buchstäblich auf die Guardians of the Galaxy, von denen vor allem Drax (Dave Bautista) und Gamora (Zoe Saldana) ihre eigene Rechnung mit Thanos offen haben. Denn Letztere musste bereits miterleben, wie der Mad Titan in ihrer Heimatwelt „das Gleichgewicht wiederhergestellt“, sprich: die halbe Bevölkerung ausgerottet hat, und mit diesem mehr als fragwürdigen Konzept von altruistischer Wohltat will er auch den Rest des Universums retten.

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Exakt hier ist der Punkt, an dem INFINITY WAR durch die Decke geht, wo andere Superheldenfilme häufig schwächeln: die Villains. Trotz löblicher Ausnahmen (Michael Keatons Vulture oder Michael B. Jordans Killmonger, anyone?) sind diese bislang häufig einigermaßen blass, austauschbar und auf ihre Funktion für die Story beschränkt geblieben. Josh Brolin und ein weiteres, herausragendes Skript der schon für die CAPTAIN AMERICA-Filme verantwortlichen Christopher Markus und Stephen McFeely hauchen dem CGI-Baddie Leben und komplexe Emotionen ein, die ihn aus der Dutzendware (JUSTICE LEAGUEs Steppenwolf, anyone?) herausheben. Tatsächlich erhält Thanos nicht nur vergleichsweise viel Screentime, er ist genau genommen der Protagonist des Films, der seine Ziele konsequent verfolgt, die Handlung vorantreibt und seine ganz eigenen Vorstellungen von einem Happy End hat.

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Ist ein Hype so gewaltig, wie es der um INFINITY WAR seit Jahren ist, geht das oft nicht gut aus. In diesem Fall ist jedoch Aufatmen angesagt. Was die Russos hier abgeliefert haben, ist großformatiges Popcornkino, das grundsätzlich eher in die düstere Kerbe von CIVIL WAR schlägt. Die Einsätze sind hoch, und es sind jede Menge Emotionen im Spiel, und auch der in AGE OF ULTRON oder GUARDIANS OF THE GALAXY VOL. 2 hier und da erzwungen wirkende Sitcom-Humor wirkt hier deutlich müheloser. Die Chemie der Grüppchenbildung geht optimal auf, ebenso wie die Russos mit schlafwandlerischer Bravour durch die unterschiedlichen Handlungsebenen navigieren. Bis zum großen Showdown in Wakanda reicht INFINITY WAR weit zurück in die MCU-Vergangenheit, zieht an lange vergessenen Fäden und liefert Pay-offs ab, die seit Jahren in der Luft lagen. Und wenn dann wirklich der Abspann beginnt, kann man mit Fug und Recht behaupten, dass hier kein Stein mehr auf dem anderen steht.

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Bereits im Vorfeld ließen sowohl die Russos als auch Produzent Kevin Feige mehrfach fallen, dass es sich bei INFINITY WAR und dem in genau einem Jahr folgenden Sequel um ein Finale handeln würde. Was man gerne als PR-Sprech abtun kann, scheint sich nun dennoch zumindest ein bisschen zu bewahrheiten, denn hier wird wirklich ordentlich ausgesiebt. Nun weiß man, dass im Comic niemand lange tot bleibt, und da schon Doktor Strange, der hier eine tragende Rolle übernimmt, in seinem eigenen Film an der Zeit gedreht hat, wird vielleicht irgendwann einmal – in ca. einem Jahr, wenn der vierte AVENGERS-Teil in die Kinos kommt – alles nicht mehr ganz so schlimm gewesen sein. Dennoch kriegt man zumindest ein bisschen den Eindruck, dass zumindest ein Teil der alten Garde auf dem Weg in den Ruhestand ist und es in der 2020 startenden Phase 4 des MCU jede Menge neuer Gesichter zu sehen geben wird. Immerhin sind mit der Übernahme von Fox durch Disney die X-Men, Deadpool und die Fantastic Four in der Obhut von Kevin Feige angekommen, sodass es auch in den nächsten Jahren nicht an großen Namen mangelt. Und streng genommen braucht es die nicht einmal, denn wir haben längst den Punkt erreicht, an dem DC Films mit seinem Flaggschiff JUSTICE LEAGUE einen der teuersten Flops der letzten Jahre produziert hat, während sich BLACK PANTHER aus dem Stand zum erfolgreichsten Superheldenfilm aller Zeiten katapultiert – zumindest wenn INFINITY WAR ihm nicht in den nächsten Wochen den Rang abläuft. (Peter Vignold)

Gewaltig!