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12/10/2017

AMERICAN ASSASSIN

Regie: Michael Cuesta / USA 2017 / 118 Min.

Darsteller: Dylan O’Brien, Michael Keaton, Sanaa Lathan, Taylor Kitsch u. v. m.

Produktion: Lorenzo di Bonaventura, Aidan Elliott, Pierre Ellul u. v. m.

Freigabe: FSK 16

Verleih: STUDIOCANAL

Start: 12.10.2017

 

Michael Cuestas AMERICAN ASSASSIN visiert das Ziel an, der Erste einer ganzen Reihe zu werden. Zentrum der Handlung soll Mitch Rapp (Dylan O’Brien) werden, ein CIA-Schläger und Heißsporn aus der Feder von Vince Flynn. Die 16 Bände umfassende Vorlage um die menschliche Tötungsmaschine (die Terroristen und Staatsfeinden gnadenlos den Lebenssaft abdreht) liegt irgendwo zwischen JACK REACHER und LONE SURVIVOR. Allein ihre unpolitische Haltung zeugt von Franchisepotenzial. Angeblich sind sowohl Bill Clinton als auch George W. Bush Fans der Buchserie.

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Rapp ist zudem ein zeitloser Held. Er verspottet Bürokraten, alle Religionen und natürlich Franzosen, ballert sich dabei über internationales Pflaster: Ibiza, Malta, Istanbul, Rumänien, Roanoke und Rom. Dennoch ist er der klassische Pulp-Held im Stile von Bond, Bourne und Mills: ein einsilbiger Streiter. Problemlos sprengt er sich durch die halbe Türkei, kommt aber an keinem Schreibtischtäter vorbei.

 

Eigentlich wollten Rapp und seine Verlobte in spe nur mit einem Cocktail im Spanienurlaub anstoßen, da schlagen islamistische Terroristen unter der Führung von Adnan Al-Mansur (Shahid Ahmed) mit Kalaschnikows am Strand zu. Leichen fallen zu Boden wie sonst nur Handtücher deutscher Touristen am Resort-Pool. Die Herzdame Katarina wird in den letzten Momenten, in ihrem jungfräulich weißen Bikini zentral positioniert, ebenfalls niedergestreckt. Als die Handlung von AMERICAN ASSASSIN 18 Monate später wieder einsetzt, hat sich Rapp in einen vollbärtigen, muskelbepackten Möchtegernkiller verwandelt. Alles mit dem Ziel, Al-Mansurs Terrorzelle zu infiltrieren, um Rache zu üben. Ob die Tarnbezeichnung für eine Ausbildung im Terrorcamp in Tripolis als „Urlaub“ ironisch gemeint ist, bleibt schleierhaft.

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Natürlich bleiben seine nächtlichen Chats mit ISIS den wachsamen Augen der US-Überwachungsmaschinerie nicht verborgen. Deputy Director Irene Kennedy (Sanaa Lathan) fällt die einzige logische Entscheidung, die einem verantwortungsvollen Regierungsangestellten in den Sinn kommen muss, wenn man auf einen traumatisierten und monomanischen Rebellen trifft: Sie betraut ihn mit einer gewalttätigen Aufgabe. Die filmische Darstellung vertraut Rapp weniger, legt Al-Mansurs Gesicht immer wieder um die Antlitze Fremder. In einer AR-Trainingsmission feuert Rapp immer wieder auf ein Hologramm seiner Nemesis, obwohl er weiß, dass er für jeden Schuss einen Stromschlag bekommen wird. Genau wie eine Laborratte, die in einem Psychoexperiment nicht lernen möchte.

Zuvor aber wird er dem ehemaligen Navy-SEAL-Ausbilder Stan Hurley (Michael Keaton) zugeteilt, einem Golfkriegsveteranen, der seine Zöglinge mit Gewehrfeuer weckt und Rapp nicht über den Weg traut, und das aus guten Gründen. Sein neuer Auszubildender, kurz vor der mentalen Explosion, erinnert ihn zu sehr an seinen gestörten Schüler (Taylor Kitsch). Der ist ein wahnsinniger Vorzeigeschurke und fädelt grade Plutonium-Deals in Polen ein. Ein Film mit mehr Tiefe hätte aus dem Umstand, dass ein wütender Amerikaner, der Islamisten töten will, herausfindet, dass sein wahrer Feind ein anderer, noch wütenderer Amerikaner ist, der selber von einem wütenden Mitbürger auf die Welt losgelassen wurde, einen bitteren Witz herausgeholt. AMERICAN ASSASSIN jedoch möchte seine Katharsis einfach halten.

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AMERICAN ASSASSIN kann leider nicht den Biss von Flynns extrem gut untermauerten Büchern transportieren. Ex-Präsident Bush sagte zu seinen Amtszeiten einst über die Reihe, sie sei etwas zu akkurat recherchiert. Genau wie in Tom Cruise’ JACK REACHER-Filmen lässt sich die schnelle, maschinelle Denke des Protagonisten nicht auf die Leinwand transportieren. Rapp wird auf die stolzierende, stille Verkörperung eines generischen Schlägers mit wuscheligem Haar und Dreitagebart reduziert. Ein wenig wie ein aufstrebender Postpunker, der in den falschen Tourbus gestiegen ist. Das Drehbuch gibt sich nicht einmal die Mühe, ihn mit einem inneren Seelenleben zu erfüllen. Für die Handlung wurde er an der spanischen Küste geboren, durch den Tod einer Person, die einzig auf „die Blonde“ herabgerechnet wurde.

Schnell wird diese leere Hülle mit all den Fertigkeiten angefüllt, die Rapp braucht, um die Tour de Force zu überstehen: Taschendiebstahl, Drag Racing, zig Sprachen, Parkour, Wachhundreinlegung und vieles mehr – kein Geheimdienst- oder Black-Ops-Experte, sondern ein Superheld in Jeans. Der Umstand lässt ihn unwirklich erscheinen, AMERICAN ASSASSIN aber haut ins Cello und legt schattenhafte Cinematografie darüber, verlangt, dass wir Rapp ernst nehmen. Die Kombination erinnert aber mehr an eine überzogene Komödie mit hohem Gewaltpotenzial. Sogar Oscar-Preisträger Keaton, hier scharf und tödlich wie eine Klaviersaite, verschluckt sich beinahe an dieser Prahlerei.

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Rapps Sidekicks Victor (Scott Adkins) und Annika (Shiva Negar) verleihen den zentralen Themen der Handlung über ausgleichende Gerechtigkeit gegen Rache, gemessen an Verhältnismäßigkeit und dauerfeuerndem Wahnsinn, nicht mehr Kohärenz. Annikas einzige Aufgabe scheint es so zu sein, hohe Hacken zu tragen und Rezeptionisten bessere Zimmer aus dem Kreuz zu leiern. Darüber hinaus scheinen alle ihren Emotionen verfallen zu sein, auch wenn sie dies abstreiten, und müssen zwanghaft lautstarke Erklärungen darüber abgeben, welcher Weg der logische ist, um ein weltenbummelnder Killer zu sein. Alternativ starren sie einander an, wenn ihrem Vorgehen nicht getraut wird, nur um sich postwendend für das Gegenteil zu entscheiden.

 

Die Action reduziert sich zumeist auf Faustkämpfe und ein paar zerstörte Kraftfahrzeuge. Dabei muss der Hut vor dem Make-up-Team gezogen werden, das bei den Verletzungen großartige Arbeit leistet. Cuesta scheint den Hauptteil seines Budgets für die große CGI-Sequenz in der Klimax aufgespart zu haben. Ein fairer Tausch, kann doch Kampfchoreograf Marcus Shakesheffhier richtig aufdrehen und plötzlich einen erfinderischen Schlagabtausch nach dem nächsten liefern.

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Trotz dieser qualitativen Wendung ist es bedauerlich, dass Rapp nicht zu dem Charakter wird, den die Buchvorlage bietet. Dabei könnte O’Brien in diese Rolle hineinwachsen. Zwar mag seine Stimme etwas zu ehrlich und hoch sein – vermutlich der Grund, warum er so wenig sagen darf –, dafür aber weiß er in den wenigen Momenten zu glänzen, in denen es ihm gestattet wird, Persönlichkeit zu zeigen. Gleiches gilt übrigens für Kitsch und Keaton, wenn sie ihre Pistolen einmal sinken lassen. Irgendwie wäre es ein besserer Film, wenn man diese drei Darsteller über ein paar Bieren ihre Kriegsgeschichten erzählen ließe, anstatt sich die Rüben einschlagen zu lassen. So bleibt ihr größter Feind der tödliche Machismo von AMERICAN ASSASSIN.

 

(Julius Zunker)

 

Gradlinige Agentenaction mit mangelnder Tiefe

 

Ein Interview mit dem Produzenten Lorenzo di Bonaventura könnt ihr hier lesen