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06/12/2017

5. HARD:LINE FestEVIL – 28.09.–01.10.2017 – Eine Rückschau

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 sdr

Nach etwas Aufbereitungszeit bekommt ihr noch als Wintergeschenk das Paket des 5. HARD:LINE-Festivals geboten, das vom 28.09.–01.10.2017 in Regensburg stattfand und das wir sehr gerne erneut als Medienpartner präsentierten. Und eins vorweg: Das Festival ist weiter gewachsen, man muss sagen, es ist richtig groß geworden! So viele internationale Gäste wie nie zuvor gaben sich die Klinke in die Hand, darüber hinaus war das 4-Tage-Event perfekt durchorganisiert. Die Gäste mussten sich einfach wohlfühlen, egal ob in den ausverkauften Hauptprogrammen oder bereits nachmittags in den Nebensparten.

Begonnen hatte alles 2010 mit der Filmreihe HARD:LINE, die einmal monatlich Grenzgänger des guten Geschmacks präsentierte, ab und an auch den einen oder anderen Klassiker wie VOODOO – SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES oder John Carpenters THE THING. Nun standen die treuen Gäste, die Zuschauer wie auch die Festivalmacher vor der entscheidenden Auflage des Festivals, die – wie es programmatisch im Begleitheft hieß – das Event endgültig auf der Festivallandkarte verzeichnet. Dennoch, und das ist das Entscheidende, sind die Macher immer noch so wild und ungestüm wie zur ersten Stunde. Das heißt, es erwartet die Zuschauer immer noch extremes Kino in all seinen Facetten – Survivalthriller, absurde Mockumentaries, bitterböse schwarze Komödien und natürlich waschechter Horror samt Splatter-Overkills.

 

Dem umtriebigen Kanadier Chad Archibald (Black Fawn Film Distribution) war das diesjährige Director’s Spotlight gewidmet, also seine drei jüngsten Filme THE DROWNSMAN (2014), BITE (2015) und als Deutschlandpremiere der brandaktuelle THE HERETICS. Gabriel Carrer, Archibalds Landsmann, präsentierte indes gar als exklusive Weltpremiere seinen jüngst abgedrehten DEATH ON SCENIC DRIVE.

v.l.n.r.: Stefan mit Ángel González, Jose-Hernandez, Chad Archibald, Gabriel-Carrer und Manager C.F.-Benne
v.l.n.r.-Stefan mit Ángel González, Jose-Hernandez, Chad Archibald, Gabriel-Carrer und Manager C.F.-Benne

Am ersten und zweiten Tag sah ich zunächst die angesprochene Deutschlandpremiere von THE HERETICS, Archibalds jüngstem und auch bisher bestem Werk, wobei die Vorgängerfilme schon sehr gut waren. Archibald stand – und hier muss man die vollendete Organisationsleistung des Festivals bereits durch und durch loben – nach jedem Film persönlich im Kino zu 30-minütigen Q&As zur Verfügung. Er war zusammen mit Darsteller Ry Barrett und seinem Manager CF Benner durchweg zum Greifen nah, war super drauf, hatte eben auch wirklich Bock auf das Publikum und das ganze Festival. Er verabschiedete sich am letzten Abend sichtlich gerührt, bevor er am Montag nach dem Festival sofort in den Flieger und ab nach Schweden zur dortigen Premiere seines HERETICS düsen musste. THE HERETICS erzählt eine atmosphärisch dichte Hexenhorror-Story, in der eine junge Frau zunächst im nächtlichen Vorort gekidnappt und raus ins abgelegene, wilde Walddickicht gekarrt wird. In der abgelegensten Waldhütte überhaupt – die Macher errichteten selbst die Bauten in den kanadischen Wäldern – darbt Gloria (Nina Kiri) vor sich hin. Sie muss die schwärzeste Nacht ihres Lebens überstehen, nach der eine finstere Teufelsbrut, von der sie besessen ist, bis zum Morgengrauen schließlich aus ihr herausbrechen kann. Wer schon einmal was von Chad Archibald gehört hat oder endlich mehr von ihm sehen möchte, den erwarten bei jedem seiner Filme eine überaus geradlinig erzählte, spannend montierte Story mit düsteren, atmosphärischen Bildern und – das Markenzeichen von ihm und seiner Firma Black Fawn Films – handgemachte Spezialeffekte und irres Creature-Design. Seine Filme wirken oftmals wie Back to the roots, weg vom CGI und hin zu zu spürbaren, haptischen Maskeneffekten, die wir ja immer so gerne in den 1980er-Horrorfilmen konsumiert haben.

V.l.n.r.: Ry-Barrett, Chad Archibald, CF Benner, Colin Harrington
V.l.n.r.: Ry-Barrett, Chad Archibald, CF Benner, Colin Harrington

Chad Archibald war aber „nur“ in Anführungsstrichen einer von mehreren. Gabriel Carrer konnte ich ebenfalls kurz ein paar Antworten entlocken. Der zurückhaltende und geradezu schüchterne Filmemacher drehte nach seinem zuvor recht großen THE DEMOLISHER (2015), bei dessen Produktion sich Carrer selbst aufarbeitete, wieder einen kleinen Film. DEATH ON SCENIC DRIVE, gespickt mit persönlicher Note, besitzt Anklänge an die Werke Nicolas Winding Refns und auch THE SHINING. Carrers jüngster Film beeindruckt vor allem im Kino mit toll durchkomponierten Bildern und einer ganz eigenen, Unwohlsein vermittelnden Atmosphäre. Es ist ein Film, den man im Normalfall nicht zu sehen bekommt, vielleicht sogar nicht mal auf DVD, doch DEATH ON SCENIC DRIVE besitzt seine ganz eigenen Qualitäten.

Am zweiten Festivaltag überzeugten mich dann Regisseur Ángel Gonzáles Martínez und dessen Produzent José Pastor mit dem stilistisch überwältigenden, mit 75 Minuten sehr kompakten COMPULSIÓN. Der in nur 10 Tagen gedrehte, dafür in filmischer Sprache (Kamera, Sounddesign) und Intensität astreine Survivalthriller ist mit seinem an die Nieren gehenden Spiel der teilweise völlig unbekannten Darsteller mehr als denkwürdig. Klar, Survivalthriller in vielen Richtungen gab es bereits, Vorreiter waren ja die Franzosen mit HAUTE TENSION, A L’INTERIEUR (INSIDE), MARTYRS usw. Und durchaus gibt sich Martínez auch im Q&A nach dem Film sowie auf mein Nachfragen deutlich von diesen Werken beeinflusst. Sein Film, der erste spanische Survivalthriller dieser Art, geht aber völlig eigene Wege. Gesprochen wird so gut wie gar nicht, die Bildsprache erinnert teilweise an die des Stummfilms. COMPULSIÓN hat mich von der ersten bis zur letzten Sekunde nicht mehr losgelassen. Martínez’ Werk möchte ich an dieser Stelle als überwältigende Sinneserfahrung beschreiben, vor allem bei der Sichtung im Kino, und weniger als typischen Genrefilm seiner Art. Der Film hebt sich deutlich davon ab und blieb über das gesamte Festival mein persönlicher Favorit.

THE NIGHT OF THE VIRGIN-Roberto San Sebastian l. und-Kevin-Iglesias
THE NIGHT OF THE VIRGIN-Roberto San Sebastian l. und-Kevin-Iglesias

Als Kontrastprogramm dazu gab es in der 23-Uhr-Schiene den Gore-Tempel THE NIGHT OF THE VIRGIN zu durchleben oder zu ertragen, wie man es auch nennen möchte. Der erste Kommentar nach dem partyähnlichen 2-Stunden-Marathon kam vom Kanadier Chad Archibald an die spanischen Kollegen Roberto San Sebastian samt Produzenten: „You sick fucks!“ – und genau mit dieser Art von Lob können die Spanier optimal leben: „Thank you, that’s a big compliment!“ Wer von euch Gorehounds also nach mehreren Jahren endlich mal wieder ein würdiges Pendant zu den frühen Peter-Jackson-Filmen à la BAD TASTE und DEAD ALIVE gesucht hat: Hier habt ihr es! Minutenlange Splatter-Einstellungen, literweise Kunstblut und ein spanischer Hauptdarsteller, der, gleichwohl in spanischen TV-Produktionen bekannt und beliebt, sich für sein Spielfilmdebüt mehr als die Seele aus seinem Leib spielt. Nicht nur hart und schockierend, sondern vor allem als schwarze Komödie funktioniert der Film sehr gut. THE NIGHT OF THE VIRGIN wird auch in der Mediabook-Auswertung via Pierrot le Fou (Uncut #10) von uns präsentiert. DEADLINE empfiehlt eben! Ich persönlich fände es allerdings schön, wenn hier irgendwann auch ein kürzerer Director’s Cut herauskommt, denn viele Zuschauer fanden Anfang, also Prolog, und auch die langen Minuten nach dem offensichtlichen Ende etwas zu viel, da passierte einfach zu wenig. 100 Minuten statt 120 … und wir hätten ein Meisterwerk für die Ewigkeit!

 

Nach seinem aktuellsten THE HERETICS vom Eröffnungsabend kam am dritten Festivaltag endlich Chad Archibalds BITE dran, dessen Weltpremiere in Montreal vor zwei Jahren mit sogenannten „Falling Ovations“ gesegnet war, wie Archibald mir persönlich erzählte. BITE ist ein mit viel Liebe zum Detail gestalteter, handwerklich geradezu perfekter Monster-/Mutationsfilm, der aber weit mehr bietet als gewöhnlichen Horror. Entscheidend ist dessen handwerkliche Umsetzung, die den Zuschauer immer stärker mit atmosphärischen Bildern in den Bann zieht und gekonnt die Faszination des Genres Horror, man möchte sagen, wiederaufleben lässt. Schon bald setzt bei Casey (Elma Begovic) der Verfalls- bzw. Mutationszustand ein. Eindringlich erinnert Archibald an einen anderen, den wohl größten Kanadier: David Cronenberg. Inmitten ihrer seelischen Einsamkeit – neben ihrer zukünftigen Familie wird sie später auch noch von ihren besten Freundinnen mies behandelt – wandelt sie sich zu einem amphibienähnlichen Monster mit glitschiger Haut, dunklen Krallen und greisen Haarfetzen über dem sonst faltigen und knotigen Äußeren. Die entscheidendste Evolution, die sie erfährt, ist die weg von der genötigten jungen Frau, die noch nicht bereit ist, Nachwuchs in die Welt zu setzen, hin zur animalischen Gebärmaschine. Erinnert hat mich BITE eher an Werke von Guillermo del Toro, und vor allem Cronenbergs THE FLY (1986) diente hier zweifellos als das große Vorbild. Denn in allem wird die Dramatik der Figuren neben die Drastik der handgemachten Maskeneffekte gesetzt – und stets mit großartiger Wirkung wie auch hier.

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Zwischen den Screenings verriet mir Chad Archibald bei einem Bier, dass er sich schon sehr auf seinen Besuch bei Sitges freue, wo ja del Toro als Juryvorsitzender agiert, dessen THE SHAPE OF WATER dieses Jahr den Goldenen Löwen in Venedig gewonnen hat. Die Erscheinung des Wassers ist dann auch in Archibalds drittjüngstem Film THE DROWNSMAN omnipräsent, der am vierten und letzten HARD:LINE-Tag gezeigt wurde und nach dessen Screening sich Archibald mit Hauptdarsteller Ry Barrett und seinen anderen Kollegen freundlich und gerührt vom deutschen Publikum und dem Orga-Team verabschiedete. Barrett schlüpft in THE DROWNSMAN in die künstliche Haut eines Wasserdämons, der seine frühere Liebe, die ihn einst selbst ertränkte, für alle Ewigkeit zu sich holen will. Auf dem Weg dorthin muss er sich aber erst durch eine Reihe von jungen Frauen schwimmen – Stück für Stück soll jede einzelne Seele seinem feucht-traurigen Fluch zum Opfer fallen. Auch hier ist Innovation nicht das Entscheidende. Oftmals fühlt man sich an Freddy Krueger, Jason Vorhees u. a. zurückerinnert. Aber ebenso effektiv und kurzweilig ist das in Szene gesetzt. Hier wird man nie Zeuge von miesen CGI-Effekten, stattdessen spielen die Macher gekonnt mit Licht und Schatten und natürlich mit hektoliterweise echtem tropfenden, dampfenden, fließenden, alles verschlingenden Wasser. THE DROWNSMAN ist hierzulande auch noch nicht auf DVD erschienen, doch wäre eine VÖ mehr als angeraten, ließe sich darüber hinaus auch recht gut vermarkten – ein pervers übersteuerter Gore-Tempel wie NIGHT OF THE VIRGIN erwartet den Zuschauer hier weniger, vielmehr ein zumindest für etwas Ältere jugendfreier, atmosphärisch packender Grusel, der in keiner Horrorfilmsammlung fehlen sollte.

Ebenso mit dem Erlebnis im Kino verhält es sich mit HOUNDS OF LOVE. Den Film hatte ich bereits auf dem Fantasy Filmfest in Berlin sehen dürfen, er war mir also nicht neu. Ich führe ihn hier mit den gesehenen Filmen im HARD:LINE-Programm der Vollständigkeit halber mit auf, aber nur, damit ihr mich recht versteht: Der Film HOUNDS OF LOVE ist wahrlich intensiv, superb von allen drei Hauptdarstellern getragen und eben ein Film, den man nicht alle paar Tage hintereinander sehen kann oder möchte. Er bleibt einem nach erster Sichtung erst einmal lange, geradezu stechend im Gedächtnis, blendet dabei allzu offensichtliche Gewaltdarstellung aus – bleibt aber in seiner gesamten Thematik, also eine bitterböse Kidnapper-Story, und dem drastischen Spiel immer noch schwer verdauliche Kost. HOUNDS OF LOVE verlor bei der Publikumsabstimmung von HARD:LINE nur knapp gegen den vegetarischen (!) Kannibalenschocker RAW, der, ebenso wie der Publikumsliebling, die philippinische Monster-RomCom SAVING SALLY, zum Ansehen verpflichtet, aber nur selten – wie hier beim HARD:LINE – bekommt man auch im Kino die Gelegenheit, solche kleinen Meisterwerke unter Gleichgesinnten im Lichtspielhaus zu bestaunen.

 

68 KILL empfahl ja bereits unser Chef Yazid beim Deutschlandfunk-Interview im Rahmen von Stephen Kings IT – CHAPTER ONE. Als Abschlussfilm des Festivals und nach der superben Liveperfomance der regionalen Band POINT BAKER vor der Kinoleinwand ließ ich mir den neuen Kracher von Trent Haaga nicht entgehen. Das dachte sich dann aber auch das halbe Stadtviertel, und noch vor Filmbeginn war der Saal brechend voll. Zur besten Programmzeit um 20:30 Uhr nun also der bereits im Vorfeld viel gelobte zweite Film von Haaga nach seinem eher durchschnittlichen CHOP von 2011. Haaga war bisher eher als Drehbuchautor und Autor bekannt, wobei er seit 1999 in über 60 Produktionen mitgewirkt hat. Mit 68 KILL könnte sich das sehr zum Positiven ändern. Chip, toll gespielt von Matthew Gray Gubler, ist ein Klempner – und eine Pussy. Und doch ist einem der Verlierer mit der gemäß Südstaatenklischee versifften Bude und der ultraheißen, gleichzeitig aber dominanten, obsessiv-sexsüchtigen Freundin sympathisch. Liza, noch toller gespielt von AnnaLynne McCord, will mit Chip aus dem Scheißleben raus. Dafür geht sie so weit, ein reiches Pärchen eiskalt zu killen und die 68.000 Dollar in bar mit in das neue Leben zu nehmen. Danach geht so einiges schief – auch zwischen Chip und Liza, und ob die obsessive Verknalltheit zwischen den beiden diese bizarre Mischung aus Roadmovie, Punkrock-Horror und Coming-of-Age-Actionkömodie übersteht, verrate ich an dieser Stelle mal noch nicht. Was ich euch verrate, ist, dass der Saal getobt hat, 68 KILL war und ist wohl die perfekte Wahl, um ein Filmfestival stimmungsvoll und unter Applaus zu beenden. Beim international wichtigen SXSW-Festival gewann Trent Haagas Film bereits den Publikumspreis. Für das gewachsene, immer noch mutige HARD:LINE-Festival war er eine unriskante, sichere Nummer zum Schluss, um dem Publikum kurzweiligen Spaß zu bieten.

COMPULSION-Regisseur Angel Gonzáles l. und Produzent Jose Pastor
COMPULSION-Regisseur Angel Gonzáles l. und Produzent Jose Pastor

Doch für die Institution HARD:LINE, die ja eben Abseitiges in den Vordergrund rücken möchte, stehen auch solche teilweise noch unbekannten, aber eben beeindruckenden Titel wie COMPULSIÓN, THE HERETICS, HOUNDS OF LOVE, SAVING SALLY oder SEXY DURGA. Letzterer steht wohl absolut stellvertretend für HARD:LINE, denn die drastische Horrorkomödie aus Indien polarisiert durch und durch – zugegebenermaßen auch mich.

Abschließend, und das möchte ich noch einmal betonen, hat mich die rundum gelungene Organisation des Festivals beeindruckt und mehr als zufriedengestellt. Bei einem kompakten Gesamtprogramm von 12 Filmen an 3 ½ Tagen in einem eigens dafür geblockten Kino wurden insgesamt 10 internationale Gäste eingeflogen, darunter eben vier Regisseure und die Beteiligten (Produzenten, Darsteller) von 6 beim Festival gezeigten Filmen. Die angekündigten Gäste waren auch tatsächlich die gesamten 3 bzw. 4 Tage vor Ort anwesend, also sowohl nach den jeweiligen Screenings für Q&As im Kino, aber auch dazwischen für einen lockeren Plausch bei einem Bierchen zu haben. Wo gibt’s das in dieser Form sonst, frage ich euch? Es gibt einige Festivals, die selten das halten (können oder wollen?), was sie während der Planung und in ihren Ankündigungen versprechen. Bei HARD:LINE werden keine falschen Prognosen abgegeben, das Team hält Wort – und soll bitte für alle Ewigkeit so weitermachen!

 

(Stefan Jung)

Abschlussabend HARD:LINE mit 68 KILL
Abschlussabend HARD:LINE mit 68 KILL