30/04/2016

INTERVIEW MIT PAUL BETTANY, EMILY VANCAMP UND REGISSEUR ANTHONY RUSSO ZU AVENGERS: CIVIL WAR

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Zu unserem ausschweifenden Review, hier!, hat unsere Antje Wessels die Darsteller Paul Bettany, Emily VanCamp und Regisseur Anthony Russo bei der Deutschlandpremiere ausführlich interviewt.

 

INTERVIEW MIT PAUL BETTANY

 THE FIRST AVENGER: CIVIL WAR

Paul, weißt du schon jetzt, wie es mit deiner Figur Vision im Marvel Cinematic Universe weitergehen wird?

 

Nein … Genauer gesagt: Ich weiß nur sehr wenig darüber, was mit Vision noch passieren wird. Und diese wenigen Dinge darf ich leider nicht mit der Welt teilen. Sonst würde ich meinen Job verlieren, und dann könnte ich nie wieder mit dir hier zusammensitzen und über diese Filme sprechen, was bedauerlich wäre. (lacht) Daher … Lassen wir es darauf beruhen, dass man uns Darsteller sicherheitshalber ziemlich im Dunkeln lässt.

 

Sieht dein Vertrag mit Marvel denn vor, dass du für weitere Filme zurückkehren musst?

 

Die Verträge mit Marvel können völlig variieren. Manche Darsteller unterzeichnen Verträge, die eine bestimmte Anzahl sogenannter Optionen vorsehen. Andere machen das nicht. Jeder von uns hat ganz unterschiedliche Verpflichtungen gegenüber Marvel. Und wann immer wir diese vollbracht haben, beginnt der heikle Prozess der Neuverhandlung.

 

Und in welches Lager fällst du?

 

Ich habe für eine bestimmte Summe an Optionen unterschrieben. Und weitere Details … Nun … Die sollten besser geheim bleiben … (grinst)

 

Interessant! Ist das eine neue Taktik seitens Marvel, um die Zukunft der Filme dem Publikum gegenüber zu verschleiern? Viele Marvel-Deals wurden ja durchaus publik gemacht, etwa dass Sebastian Stan einen Vertrag hat, der über neun Filme geht …

 

Nein, nein. Damit hat das nichts zu tun. Der Grund, dass manche meiner Kollegen und auch ich nicht bekannt geben wollen, wie viele potenzielle Filme noch in unserem Vertrag stehen, ist, dass uns das bei Nachverhandlungen zum Nachteil gereichen könnte. (lacht) Ich finde es einfach klüger, nicht darüber zu plaudern, was in meinem Vertrag steht. Ich habe mehr Macht in den Verhandlungen, wenn niemand weiß, wie viele Filme für mich bereitstehen oder eben nicht bereitstehen. Es ist also nicht so, dass nichts über die Anzahl meiner Optionen bekannt ist, weil ein Marvel-Sicherheitsmann mit regelmäßigen Abständen an meiner Tür klopft: „Sprich! Bloß! Nicht! Über! Deinen! Vertrag!“

 

Wusstest du, wer die Figur Vision ist, bevor du Teil des Marvel-Filmuniversums wurdest?

 

Nein, habe ich nicht. Das Erfolgsgeheimnis dieser Filme ist, dass sie von riesigen Fans gemacht werden. Wie von den Produzenten Kevin Feige und Jeremy Latcham oder von den ganzen Autoren und Regisseuren wie den Russo-Brüdern oder Joss Whedon. Sie alle sind seit Kindertagen comicvernarrt und leben das nun auf großer Bühne aus, was die Fans zu schätzen wissen. Ich als Engländer hingegen … In den 70ern hatten wir keine Comics, sondern nur massive Arbeitslosigkeit. Deswegen ist es sehr hilfreich, wenn all diese Yodas der Comiclehre um einen herumstehen. Denn wann immer du eine Frage hast, haben sie sofort eine Antwort parat.

 

Du hast mal gesagt …

 

(blickt plötzlich ganz erschrocken auf) Oh nein …

 

 

… dass du mit der Rolle des Vision gern erforschen willst, was die Begriffe Menschlichkeit und Liebe bedeuten. Bist du damit zufrieden, in welchem Rahmen dies in CIVIL WAR angerissen wird?

 

(erleichtert) Ach so. Puh! Dann ist ja alles gut. Manchmal kommen Journalisten und fangen eine Frage mit dem Satz an: „Sie haben mal gesagt …“, und dann kommt irgendwas, das ich angeblich vor 20 Jahren gesagt haben soll. Und ich denke mir dann immer nur: Fuck! Habe ich das echt vor 20 Jahren gesagt?! Woher soll ich das noch wissen?! Ey, ich habe vor 20 Jahren jede Menge gesagt. Vor allem: Wo sind meine Klamotten? (lacht) Das hier greift ja nur ein paar Wochen zurück …  Daran erinnere ich mich noch! Und: Ja, ich bin zufrieden damit. Vision entwickelt Gefühle für Scarlet Witch, was jedoch auch große Wut in ihm weckt. Das ist eine sehr menschliche Gefühlsregung, die ihn erstmals dazu bringt, einen Fehler zu begehen. Ein sehr spannender Aspekt an Vision, meiner Ansicht nach!

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Wärst du eigentlich auch Fan der Marvel-Filme, wenn du nicht zum Cast gehören würdest?

 

Dazu muss ich etwas ausholen: Ich habe sie bis vor Kurzem nicht gesehen. Und irgendwann habe ich ein Interview gegeben, in dem ich über die IRON MAN-Trilogie befragt wurde, in der ich ja nur als Stimme mitgewirkt habe. Ich meinte damals: „Ich habe die IRON MAN-Filme nicht gesehen“. Ich habe allerdings außerdem gesagt: „Doch ich schaue generell nur wenige meiner Filme“. Das hat der Interviewer aber rausgeschnitten, sodass es so aussah, als würde ich ganz arrogant auf die IRON MAN-Filme herabblicken. Mittlerweile habe ich die IRON MAN-Filme und auch die anderen Marvel-Produktionen nachgeholt, weil es diese ganze, reichhaltige Mythologie gibt, die zu den Filmen hinleitet, in denen ich nun auch als wandelnde Figur auftrete. Diesen Hinweg wollte ich dann doch erkunden, um meiner Arbeit gerecht zu werden. Und ich muss sagen: Jeder, der jemals einen Film gemacht hat – also einen richtigen Film –, der muss erkennen, wie schwer diese Filme zu machen sind. Die sind wirklich verdammt hart zu machen! Und jeder, der diese Masse an Handwerkskunst geringschätzt, weiß nicht, wovon er redet. Die besten Techniker der Welt machen diese Filme! Ich als jemand, der selbst schon einmal einen Film gedreht hat, stehe staunend daneben und habe keinen Schimmer, wie die das hinkriegen! Und darauf lassen sie es ja nicht beruhen! Die zwischenmenschlichen Beziehungen der Marvel-Figuren werden immer komplexer und immer reichhaltiger. Und wann immer ich mich frage: Braucht es wirklich noch einen Superheldenfilm?, macht Marvel einen Superheldenfilm, der noch komplexer und reichhaltiger ist als die vorherigen. Dieses Mal sogar einen, der solche Themen anspricht wie die Nachwirkungen einer eigenmächtig handelnden Gruppe von Wesen mit Superkräften. Welcher andere Superheldenfilm kann das schon von sich behaupten? Ich finde, es sind herausragende Filme! (lächelt selig)

Und wäre ich nicht im Cast? Nun, ich habe drei Kinder. Über kurz oder lang hätten die mich auf diese Filme hingewiesen, und dann wäre ich genauso von den erwähnten Leistungen beeindruckt, wie ich es jetzt bin. Ich will ja wirklich nicht mit dem Finger auf andere zeigen, aber es gibt Filme, die umjubelt werden, richtig laut umjubelt – und ich weiß ganz genau, dass diese um ein Vielfaches einfacher zu bewerkstelligen sind. Ich erinnere mich noch ganz genau, als ich mir GUARDIANS OF THE GALAXY angesehen habe. Holy Shit! Wirklich, ganz gleich, ob man ihn persönlich mag oder nicht, diese Kunstfertigkeit in diesem Film, die sichtbare Ambition, der Umstand, dass zahllose Handwerkskünstler auf der Höhe ihres Könnens unzählige Arbeitsstunden in diese Produktion gesteckt haben … Um diesen Film zu bewerkstelligen, mussten Spezialeffektfirmen aus aller Welt zusammenarbeiten. Die Inszenierung ist wundervoll! Marvel-Filme sind schlichtweg Filme, die man keineswegs unterschätzen sollte. Und sie steigern sich immer weiter, sie werden zu immer stärker erfüllenden Seherlebnissen. Keine Ahnung, wie die das hinkriegen. Aber sie kriegen es hin!

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Für einen flüchtigen Augenblick gab es nach dem Start von THE RETURN OF THE FIRST AVENGER in der Oscar-Community die Diskussion, ob dieser Film es schaffen könnte, das Stigma zu überwinden und von der Academy auch abseits der üblichen, kleineren Kategorien anerkannt zu werden. Dazu ist es bekanntlich nicht gekommen. Was muss deiner Meinung nach geschehen, damit Superheldenfilme bei den Oscars und anderen großen Preisen nicht weiter übersehen werden?

 

Ich glaube, die Verantwortlichen hinter diesen Filmen sind, ehrlich gesagt, überhaupt nicht daran interessiert, einen Oscar zu erhalten. Die machen Filme, die alle Zielgruppen ansprechen und auf der gesamten Welt Anklang finden. Ich mutmaße, dass deren Reaktion wäre: „Oh, ihr wollt mir einen Oscar geben? Joah, das geht schon in Ordnung. Ich stelle ihn irgendwo neben meinen milliardenschweren Berg aus Geld.“ (lacht) Ich denke wirklich nicht, dass sich irgendwer bei Marvel übergangen fühlt, weil er von der Academy ignoriert wird. Andererseits: Das Stigma kann schon ärgerlich sein. Die Kameraarbeit in STAR WARS: DAS ERWACHEN DER MACHT ist atemberaubend. Sie ist wirklich, wirklich großartig! Jeder, der schon einmal einen Film gedreht hat, muss anerkennen, wie umwerfend er aussieht. Gäbe es Preise für gut gemachte Filme, und ich meine richtig gut gemachte Filme, statt für Filme mit profundem Inhalt, hätte er alles in dem Bereich abräumen müssen. Doch es gibt keine Preise für richtig gut geleistete Handwerkskunst im Filmbereich. Tja … (zuckt mit den Schultern)

 

Wie unterscheidet sich die Zusammenarbeit mit Joss Whedon von jener mit den Russo-Brüdern?

 

Das ist schwer zu sagen. Die Filme, die ich mit ihnen gemacht habe, sind so grundverschieden. CIVIL WAR enthält so viel mehr personenspezifische Dramatik. Viele Szenen zeigen Leute, die in Konferenzräumen sitzen und debattieren. Das widerspricht so vehement den gängigen Actionfilm-Klischees. Es lag also allein schon in der Natur des Films begründet, dass es eine ganz andere Arbeitserfahrung wird als zuvor in AGE OF ULTRON. Hinzu kommt, dass es mir generell schwerfällt, Regisseure gegenüberzustellen und zu vergleichen. Das kann man alles schnell falsch verstehen. Also: Ich liebe Joss. Es war für mich eine tolle, aufregende Erfahrung, erstmals diese Art von Film zu drehen, und ich war sehr froh, dabei seiner Leitung zu unterstehen. Es war eine herrliche Zeit. Und die Russos? Die sind überaus relaxt und geben einem sehr viel Raum für Improvisation. Es gibt da diese eine Szene, in der Vision durch eine Wand in ein Zimmer hineinschwebt und auch wieder herausschweben sollte. Ich habe aber gefragt, weshalb er den Raum nicht durch die Tür verlässt, weil er versucht, sich anzupassen. Und die Russos haben auf meinen Vorschlag hin einfach nur genickt. Sie sind so relaxt! (lächelt) Und die andere tolle Sache ist: In diesem Film sind so viele Superhelden – und zwei Regisseure! Das heißt, wir konnten sie gegeneinander ausspielen: „Joe, bist du dir sicher, dass ich das so machen soll? Denn Anthony meinte vorhin zu mir, dass das totale Scheiße sei!“ Das war unser erklärtes Ziel: Sie dazu zu bringen, dass sie sich bekämpfen, um sie sie dann zu bezwingen! (grinst schelmisch)

 

Haben diese Versuche denn geklappt?

 

Nein! (schaut enttäuscht) Die Russos halten eng zusammen. Und sind sehr misstrauisch …

 

Könntest du dir vorstellen, selbst mal bei einem Marvel-Film Regie zu führen?

 

(macht große Augen) Uff! Ehrlich gesagt: Ja, ich würde gerne einmal selber bei einem Marvel-Film Regie führen. Denn das Leben sollte sich darum drehen, viele neue Erfahrungen zu machen, und das wäre definitiv eine völlig neue Erfahrung für mich. Allerdings würde ich vorher noch sehr viele kleinere Filme inszenieren wollen, bevor ich mich an so etwas herantraue. Ich kann dir nicht einmal ansatzweise erklären, wie winzig klein die Puzzleteile sind, die es bei solchen Projekten zusammenzusetzen gilt! Ich liebe es, mit Schauspielern zusammenzuarbeiten, sie vor Landschaften in Szene zu setzen und sie zusammenzubringen. Und ich liebe es, ihnen bei ihrer Arbeit zuzuschauen, mit ihnen zu interagieren, um ein Verständnis für ihre Rollen zu entwickeln. Ich liebe es, mit dem Kameramann auszutüfteln, wie wir diese großartigen Leistungen am besten einfangen. Aber die Vorstellung, das vollbringen zu müssen, was Joss Whedon und die Russos geschafft haben … Ich erinnere mich noch bildhaft an diese Szene: Die Russos erklären mir detailliert, dass ich in einem Kampf bin, auf dem Boden knie, spüre, dass jemand auf mich zufliegt, meinen Kopf drehe und … (kniet sich hin, dreht den Kopf und blickt dezent aggressiv) Und ich mache das (wiederholt den Vorgang), und sie rufen: „Cut!“ (guckt erstaunt) Woher wussten die Russos, dass die genau das brauchten?! Woher wissen die, wie ich in der Szene so zu stehen habe und wo ich hingucken muss, damit es im fertigen Film Sinn ergibt?! Das sind so winzig kleine Aspekte, die es zu beachten gilt, und davon gibt es unzählige. Ich bin absolut ratlos, wie sie das hingekriegt haben!

 

 INTERVIEW MIT EMILY VANCAMP

THE FIRST AVENGER: CIVIL WAR

 

Emily, hast du je damit gerechnet, Teil des Marvel Cinematic Universe zu werden?

 

Nein, überhaupt nicht. Ich bin in einer sehr kleinen kanadischen Stadt aufgewachsen, und da war es eigentlich schon völlig absurd, nur daran zu denken, mit der Schauspielerei sein Geld zu verdienen. Mir wurde zwar schon als Kind beigebracht, dass ich große Träume hegen soll. Trotzdem war meine Heimatstadt so klein, dass mir der Gedanke an eine Schauspielkarriere einfach unrealistisch erschien. Dann bin aber mit elf Jahren nach Montréal gegangen, um dort Ballett zu lernen. Damit wurde meine Welt immerhin etwas größer. Daraufhin habe ich Schauspielunterricht genommen und bin dem völlig verfallen, weshalb ich den Übergang gewagt habe. Ich denke, wenn sich die Dinge so fügen, dann muss man einfach das tun, wonach man strebt! Ich glaube, ich hatte mit meinem Werdegang eine richtige Glückssträhne, und nun bin ich in diesem gigantischen Film dabei! Das erstaunt mich immer wieder, und ich genieße es sehr, dabei sein zu dürfen.

 

Und wann bist du das erste Mal mit Marvel-Comics in Berührung gekommen?

 

Ich war als Kind nicht sonderlich an Comics interessiert. Einfach weil mich und meine Schwestern andere Dinge beschäftigt haben. Mit den Comics bin ich daher erst in Kontakt getreten, als ich erfahren habe, dass ich diese Rolle bekomme. Dann habe ich mich aber richtig hineingesteigert und auf einen Schlag unzählige Hefte verschlungen, um ein Gefühl für Sharon zu bekommen; dafür, wie sie tickt, wie ihr Verhältnis zu Steve Rogers ist und welche unterschiedlichen Storylines und Alternativversionen es von ihr gibt. Es war ein kleiner Schock für mich, zu sehen, wie groß dieses Universum ist. Ich glaube, alles darüber zu wissen ist nahezu unmöglich. Man bräuchte ein Leben lang Zeit, um all diese Comics zu lesen – aber das macht sie auch so faszinierend.

 

Anthony Mackie hat der Presse vor einer Weile mitgeteilt, dass er aufgrund der immens hohen Spoiler-Sicherheitsvorkehrungen seitens Marvel gar nicht wusste, dass Falcon am Ende von AVENGERS: AGE OF ULTRON zu den Avengers hinzustößt. Das habe er erst erfahren, als bei der Weltpremiere die entsprechende Szene über die Leinwand flimmerte. Hast du schon ähnliche Überraschungen erlebt?

 

Nein, daran kann ich mich nicht erinnern. Die größte Überraschung war für mich bislang der Anruf, bei dem ich erfuhr, dass ich bei THE RETURN OF THE FIRST AVENGER mitspielen darf. Das hat mich völlig umgehauen, weil ich damit gar nicht mehr gerechnet habe. Ich hatte zuvor ein Vorsprechen mit den Russos, die ich schon damals richtig klasse fand. Im Anschluss daran habe ich bereits mit der Recherche für meine Figur angefangen. Es folgte auch ein Screen Test mit Chris Evans. Die Testaufnahmen verliefen richtig gut, generell schien alles super zu laufen. Doch dann sind ein paar Wochen vergangen, in denen ich nichts mehr von den Russos und Marvel gehört habe. Daher dachte ich, ich sei wohl aus dem Rennen. Umso mehr bin ich durchgedreht vor Freude, als dieser Anruf kam. Erst recht, weil ich zwar als Kind kein Comicfan war, aber sehr wohl großer Fan der Filme bin. Wie könnte man es auch nicht sein? Man muss kein Comickenner sein, um zu erkennen, wie toll diese Filme sind. Deshalb war es wunderbar, zu wissen, dass ich an ihnen mitwirken darf.

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Wann hast du erfahren, dass du auch bei THE FIRST AVENGER: CIVIL WAR dabei bist?

 

Ich glaube, das war während des Drehs zur letzten REVENGE-Staffel, was bereits ein paar Jahre zurückliegt. Es war traumhaft! Gerade weil sich die Serie schon in der vierten Staffel befand, die zwar wunderbar war, aber auch sehr schlauchend. Dann jeden Tag mit dem Wissen an den Set zu kommen, dass etwas anderes, Großartiges auf einen wartet, machte es so viel einfacher, die Season zu beenden.

 

Angesichts des hohen Zeitaufwands, der mit Network-Serien einhergeht: Würdest du noch mal eine machen?

 

Ich habe ja schon zwei andere Serien vor REVENGE gemacht. Unterm Strich war ich zwölf Jahre am Stück im Network-Fernsehen. Das war aus vielerlei Gründen eine Spitzenzeit. Ich habe währenddessen so viel gelernt. Wenn man beim Fernsehen arbeitet, bleibt man unentwegt in Übung. Genau deswegen ist Fernsehen super für einen Schauspieler, wenn man sein Handwerk lernen will. Aber ich habe auch viele Dinge aufgrund der Fernsehrollen versäumt. Wegen dieser Rollen habe ich neun Monate pro Jahr für ein einziges Projekt aufgebracht, sodass ich nur hier und da Rollen in ganz kleinen Passionsprojekten reinquetschen konnte. Für mehr war einfach keine Zeit da. Jetzt, in diesem Moment, will ich nicht sagen, dass ich nie wieder Fernsehen machen will. Einige der besten Rollen winken einem aktuell im Fernsehen. Aber ich würde nicht mehr so schnell bei einer 22-Episoden-pro-Staffel-Serie mitmachen wollen. Einfach weil ich mir mehr Zeit für andere Projekte lassen möchte. Das hatte ich so lange nicht mehr. Manchmal ist es einfach spannend, nicht zu wissen, was als Nächstes kommt. Das ist auch etwas Angst einflößend. Ich war es gewohnt, dass Dreh nach Dreh nach Dreh für mich schon eingeplant ist. Nun etwas mehr Unklarheit zu haben macht mir zwar Angst, aber es ist eine befreiende Form von Angst.




WEITER

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Sowohl in REVENGE als auch im Marvel-Filmuniversum spielst du starke Frauen. Was ist für dich besonders spannend an solchen Rollen?

 

Ich liebe nun einmal Frauen, die austeilen können. (lacht) Und ich mag es sehr, sie zu spielen. Vor allem haben all diese Rollen mehrere Facetten. So etwas macht Frauen, eigentlich jeden, ungleich interessanter. Vor allem in REVENGE war das gut zu erkennen: Meine Figur war sehr tough, aber dahinter verbarg sich viel Verletzlichkeit und eine große Furcht. Über den Verlauf der Serie hat man diese Figur richtig gut kennengelernt, und so etwas inspiriert mich. Ich finde es aufregend, die Schwächen einer Figur auszuloten. Man sollte nie vergessen, dass es viele Arten von toughen Frauen gibt. Das fängt bei der ungeheuer fähigen Singlemutter an und hört bei der Frau auf, die eine grauenvolle Kindheit hatte und die sich trotzdem dem Leben stellt. So eine Rolle habe ich in THE GIRL IN THE BOOK übernommen. Sie ist auf ihre ganz eigene Weise stark, aber zugleich sehr makelbehaftet und verletzlich. Und das ist mir viel wert. Es ist eine Sache, knallhart drauf sein zu können. Aber all das ist bedeutungslos, wenn man auch nicht die Tiefen kennenlernt, die dieser Figur innewohnen.

 

Was sagst du dazu, dass bei Marvel nun nach und nach mehr starke Frauenfiguren auftauchen und nun auch ein Solofilm einer Marvel-Superheldin ansteht?

 

Ich finde das klasse! Ich denke, davon sollte es noch mehr geben. Das hätte meine volle Unterstützung. Zumal die männlichen Kollegen ja auch richtig stark herausgefordert werden. Man muss sich nur mal die mitreißenden, mehrdimensionalen Performances von Robert Downey junior oder Chris Evans in CIVIL WAR anschauen! Das gefällt mir so an Marvel: dass sie ihre Schauspieler so ernst nehmen und sie auf so große, talentierte Kollegen zurückgreifen. Denn sie brauchen Leute vor der Kamera, die richtig gute Darbietungen liefern können. Ich hätte zum Beispiel niemals gedacht, dass ich so sehr mit Tony Stark mitfühlen könnte, wie ich es in THE FIRST AVENGER: CIVIL WAR getan habe. Aber man bekommt in diesem Film eine Ahnung davon, welche Schuldgefühle er hat und was sein Handeln antreibt. Man lernt ihn von einer völlig neuen Seite kennen. Das trifft auf viele Rollen zu, wieso sollte es in Zukunft nicht auch vermehrt auf Frauenrollen zutreffen?

 

Was denkst du über deine Kampfsequenzen? Sind die eher eine Bürde oder ein Genuss beim Drehen?

 

Ich liebe es, Kampfsequenzen zu drehen, und ich will unbedingt mehr davon machen. Ich liebe es, einer Figur eine Persönlichkeit zu verleihen und ihr Innerstes zum Leben zu erwecken. Trotzdem bin ich auch richtig verrückt danach, physische Arbeit zu leisten. Ich habe ja mit Ballett und Tanz angefangen, und das begleitet mich bis heute: Ich liebe es, Actionchoreografien einzustudieren, und gehe richtig begeistert an das Training heran, weil ich mich darüber freue, sehr körperlich arbeiten zu dürfen.

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Du bist Kanadierin. Was ist für dich typisch kanadisch?

 

Abgesehen von unserer Aussprache von „out“ und „about“ sowie von „sorry“, was mir bisher beinahe an jedem Set das Genick gebrochen hat, bedeutet Kanada für mich ein Gefühl von Nostalgie. Ich denke bei Kanada an meine Familie und daran, dass wir Kanadier ein ganz eigener Menschenschlag sind. Mittlerweile kriegen viele meiner Verwandten Nachwuchs, weshalb ich wieder öfter nach Kanada komme, um meine Familie zu besuchen. Und das Lustige daran: Früher habe ich immer nur von dort weggewollt, aber jetzt verliebe ich mich in den Gedanken, mich dort niederzulassen. Ich liebe Kanada einfach, und bin daher richtig froh, dass ich neulich einen kanadischen Film drehen konnte. Das hat eine perfekte Zeit für mich abgerundet: Erst habe ich REVENGE beendet, was sehr traurig war, allerdings war es auch ein sehr erfüllendes Gefühl, weil wir es geschafft haben, ein zufriedenstellendes Ende zu drehen. Dann kam CIVIL WAR, der einfach riesig ist und bei dem die Dreharbeiten unglaublich toll waren. Aber ich habe dadurch auch die Sehnsucht bekommen, wieder eine intime Geschichte zu drehen. Ich liebe es einfach, Independentfilme zu drehen, und da kam PAYS von Chloé Robichaud genau richtig. Es war super, heimzukehren, und es war zugleich eine große Herausforderung, denn der Film wurde auf Französisch gedreht – und ich hatte vor dem Dreh schon lange kein Französisch mehr gesprochen. Darum hätte ich die Rolle beinahe abgelehnt, aber nach einem komplett auf Französisch abgehaltenen Telefonat, bei dem mir die Regisseurin sagte, dass ich die Sprache noch immer beherrsche, war für mich klar, dass ich zusagen muss. Ich hatte gewaltige Angst, aber gerade daher musste ich die Rolle annehmen. Denn für mich bedeutet dieses Gefühl der Angst, dass eine Herausforderung bevorsteht – und genau so etwas suche ich.

 

Kannst du uns ein wenig davon verraten, wie die Arbeitsteilung bei den Russo-Brüdern aussieht?

 

Es ist total interessant, ihnen beim Arbeiten zuzugucken. Sie sind total im Einklang und verstehen sich blind. Sie wissen genau, was sie tun, und sie wissen ebenso genau, was sie wollen. Es gibt bei ihnen keine geregelte Arbeitsteilung. Was immer getan werden muss, wird von dem gemacht, der gerade zur Verfügung steht. Einer von ihnen spricht mit den Darstellern und der andere mit der Effektcrew, aber es kann jeden Moment auch umgekehrt sein. Gerade bei einem Film wie CIVIL WAR, der von einer enormen Größenordnung ist, ist es super, dass es zwei Regisseure gibt. Die Russos sind ungeheuer gute Regisseure. Ich hatte mich vor THE RETURN OF THE FIRST AVENGER gefragt, wie die Erfahrung als Schauspielerin bei solchen Projekten ist. Ich hatte die Befürchtung, dass man vielleicht völlig allein gelassen wird, weil es so viele technische Fragen zu klären gibt, die die Regie komplett einvernehmen. Doch das ist keineswegs so. Die Russos sind definitiv Regisseure, die von Technik genauso viel verstehen wie von der Arbeit mit Darstellern. Sie sind sehr an ihren Figuren interessiert, und ich finde, das merkt man den Filmen an. Sie sind mehr als bloße Spektakel, bei denen eine unglaubliche Actionsequenz die nächste jagt. Man bekommt auch Charaktertiefe und eine fesselnde Story serviert.

 

Wie ist die Zusammenarbeit mit Captain-America-Darsteller Chris Evans?

 

Er ist wunderbar. Vom allerersten Moment an haben wir uns super verstanden. Er ist ein echter Bostoner Typ und wie für die Rolle geschaffen. Chris ist sehr professionell und immer eins a vorbereitet, aber zugleich ein sehr guter, liebenswerter und humorvoller Kerl. Mit ihm zu drehen ist stets ein großes Vergnügen. Gerade bei so männerlastigen Filmen wie THE FIRST AVENGER: CIVIL WAR ist jemand wie Chris Gold wert. Bei so viel Männer-Power ist es sehr erfreulich, wenn eine Netter-Kerl-Energie versprüht wird.

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Wie hast du die Drehtage in Leipzig erlebt?

 

Ich hatte leider nur zwei Drehtage in Leipzig. Es war aber eine sehr schöne Zeit: Mein Freund ist mit rübergekommen, und wir haben in den Drehpausen viel unternehmen können. Ich habe die Gelegenheit auch genutzt, um Berlin bei idealem Sommerwetter kennenzulernen und bei einer Radtour zu erkunden.

 

ACHTUNG SPOILER!!! 

In den Comics tötet deine Figur ja Captain America …

 

Ja, in einer der vielen Kontinuitäten, die es in den Comics so gibt …

 

Genau. Als du dein Skript erhalten hast und dir beim Lesen klar wurde, dass sich der Film nicht an diese Version von Agent 13 hält, warst du da erleichtert oder enttäuscht?

 

Ich war definitiv nicht enttäuscht! Denn ich wüsste nicht, woher Sharon in diesem Film die Motivation dazu holen sollte, Cap zu töten. Aber dieses Stück Comic-Fachwissen war für uns Schauspieler definitiv ein Gesprächsthema! Ich erinnere mich noch ganz genau, wie Chris eines Tages am Set zu mir sagte: „Hey, jemand meinte zu mir, dass irgendwann irgendwer Cap tötet …“ Und ich meinte ganz eingeschüchtert: „Äh … (lacht) Also … Ich bin es ganz bestimmt nicht! Nein, echt nicht … Sharon würde das nieeeeemals tun.“ (lacht) Aber dann habe ich Chris reinen Wein eingeschenkt und gebeichtet, dass in einer der Comicwelten es Sharon ist, die Captain America tötet. Und Chris sah mich mit diesem verschreckten Blick an, der ganz klar verraten hat, dass er sich gerade überlegt, wie er dafür sorgen kann, dass ich rausgeschmissen werde und in den nächsten Filmen nicht mehr wiederkomme. (lacht) Aber es ist so: Hinter diesen Filmen stecken einige echt geniale Geschichtenerzähler, und wenn man an den Marvel-Filmen mitwirkt, muss man das Vertrauen haben, dass diese Masterminds wissen, was sie tun, und die Geschichten in schlüssige, aufregende Richtungen steuern. Und ich habe dieses Vertrauen, ich bin zuversichtlich, dass die Verantwortlichen dafür sorgen, dass meine Figur stets das tut, was für sie richtig ist. Meine Aufgabe ist es, die Rolle, so wie sie geschrieben ist, so gut zu spielen, wie es mir möglich ist. Und was die Zukunft von Sharons und Caps Beziehung zueinander angeht? Nun, die Autoren stecken in die Filmversionen der Rollen Aspekte von allen möglichen der vielen, tollen Comic-Varianten. Wie ich das sehe, haben die Leute von Marvel bisher keinen schlechten Film gemacht. Die Fans lieben das Marvel Cinematic Universe; wer wäre ich also, auf die Verantwortlichen zuzugehen und zu sagen: „Hört mal, Jungs, das und das hat sich zu ändern, und ich will exakt diese Version meiner Rolle spielen!“? So jemand bin ich nicht.

 

INTERVIEW MIT ANTHONY RUSSO

THE FIRST AVENGER: CIVIL WAR
Anthony Russo mit Daniel Brühl

 

Du und dein Bruder Joe führen in THE FIRST AVENGER: CIVIL WAR eine neue Version von Spider-Man ein – die erste, die Teil des Marvel Cinematic Universe ist. Dem gingen zähe Verhandlungen mit Sony Pictures voraus, und das Studio wird nun zusammen mit Marvel eine neue Reihe an Filmen über diese Figur verwirklichen. Gab es daher Einflussnahme darauf, wie du Spider-Man einsetzt?

 

Nein, wir haben selbst darüber bestimmt. Wir haben entschieden, wie wir Spider-Man anlegen, und wir waren es auch, die ihn gecastet haben. Denn es stand von Anfang an fest, dass der neue Spider-Man in unserem Film eingeführt wird, während sein Solofilm lange nur als vage Idee existierte. Es gab noch keine Story, geschweige denn ein Drehbuch. Als wir vorgeschlagen haben, Spider-Man in den Film einzubauen, hatten wir ein exaktes Bild vor Augen, und genau diese Interpretation der Figur haben wir besetzt und verwirklicht. Wir wollten einen sehr jungen Spider-Man, denn wir fanden immer, dass es das Jugendliche an ihm ist, das ihn in der Welt der Superhelden herausstechen lässt. Deshalb haben wir auch genau danach gesucht. Wir wollten ihn auch behutsam modernisieren, so wie wir es mit Captain America gemacht haben. Unsere sehr spezifische Idee hinter THE RETURN OF THE FIRST AVENGER und CIVIL WAR ist, dass wir Cap in einen modernen Kontext sowie in ein etwas realistischeres Setting versetzen möchten. Denn was Captain America wiederum für uns besonders macht, ist, dass er weder fliegen kann noch zu einem Riesen wird, wie der Hulk, oder aus einer anderen Welt kommt, wie etwa Thor. Er ist eigentlich nur ein Mann – bloß einer, der bis an die Grenzen des Möglichen gelangt. Daher wollten wir die ihm gebührende Filmsprache von THE RETURN OF THE FIRST AVENGER an sehr geerdet halten und so sehr ans Cinéma vérité anlehnen, wie es im Superheldenkino möglich ist. Und wenn wir Spider-Man in einem CAPTAIN AMERICA-Film einführen, so müssen wir versuchen, diese Ästhetik bestmöglich auch auf ihn anzuwenden. Wir wollten ihn modernisieren, statt ihn im New York der 50er existieren zu lassen, mit einer altmodischen Beziehung zu seiner Tante. Wir wollten, dass er wie ein Kind aus dem heutigen Queens wirkt, mit einem interessanten, zeitgemäßen Verhältnis zu seiner Tante. Das war der Kontext, in den das Casting eingebettet war. Die Leute von Marvel haben gewiss darüber hinausgedacht und bereits überlegt, wie sie die Figur nach ihrem Auftritt in unserem Film gebrauchen können. Was aber meinen Bruder Joe und mich anbelangt, so hatten wir nur im Blick, jemanden zu finden, der perfekt zu dem passt, was wir für unseren Film wollten, und dass es jemand wird, den Marvel danach weiter gebrauchen kann. Es war ein sehr aufwendiger Castingprozess, und wir haben mit einigen Kandidaten jeweils zwei Screentests gemacht – einen mit Robert Downey junior und einen mit Chris Evans. Und dann mussten wir das auch noch streng geheim halten. Denn obwohl Marvel und Sony eine Einigung erzielt hatten, was die Nutzungsrechte dieser Figur angeht, so mussten während unseres Castings noch sehr viele Einzelheiten geklärt werden. Daher war das eine sehr sensible Angelegenheit, und Sony hatte große Angst davor, dass Informationen nach außen dringen.

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Wie läuft der Arbeitsprozess zwischen dir und Studiochef Kevin Feige ab – gibt er vorab eine Übersicht, was alles in deinen Filmen geschehen muss, um das Filmuniversum in eine von ihm bestimmte Richtung zu lenken?

 

Die serielle Erzählweise des Marvel Cinematic Universe ist einer der Aspekte, die an diesem Franchise so großen Spaß machen, weshalb es natürlich Verbindungen zwischen den einzelnen Filmen gibt. Aber was uns als Filmemachern ebenfalls so sehr an Marvel gefällt, ist etwas, das uns im ersten Moment bewusst wurde, in dem wir mit ihnen darüber gesprochen haben, dass wir die „Winter Soldier“-Storyline als Grundlage für THE RETURN OF THE FIRST AVENGER nehmen wollten. Marvel behandelt jeden Film einzeln, sie geben ihnen allen ihren individuellen Raum, um zu atmen. Sie wollen, dass jeder Film so gut wird, wie er nur kann, und darum vermeiden sie es, dir zu viel aufzubürden. Bei THE RETURN OF THE FIRST AVENGER etwa gab es nur einen Storyaspekt, den Studiochef Kevin Feige berücksichtigt sehen wollte: Er hatte die Idee, dass in diesem Film S.H.I.E.L.D. zugrunde gehen sollte. Das Wie und Warum hat er den Autoren und uns Regisseuren überlassen. Er überlässt es stets den Filmemachern, zu entscheiden, welche Geschichte sie erzählen wollen.

 

Gab es auch bei THE FIRST AVENGER: CIVIL WAR einen Wunsch seitens Kevin Feige?

 

Bei CIVIL WAR gab es überhaupt keine Agenda seitens Marvel. Mein Bruder und ich haben uns monatelang mit den Autoren Christopher Markus und Stephen McFeely zusammengesetzt, um herauszufinden, welches Abenteuer wir als Nächstes mit Captain America erleben wollen. Wir haben mit Kevin und dem weiteren Marvel-Team über die Möglichkeiten und unsere Ansätze gesprochen, und das war ein sehr organischer Prozess. Wichtig ist ihnen, dass man zurückblickt und schaut, worauf man aufbaut, und die bisherigen Filme achtet. Was aber die Richtung angeht, die man noch einschlagen wird – da möchte Marvel, dass man sie überrascht. Denn sie wissen, dass die Langlebigkeit ihres Franchises davon abhängt, das Vorhersehbare hinter sich zu lassen, um neue Tonfälle und Ideen anzusteuern. Das wissen sie zu schätzen, und daher lassen sie einem große Freiheit, wie man seinen Film gestaltet. Im Schnitt sind es ein oder zwei Ideen, von denen sie sich wünschen, dass du auf sie eingehst.

 

In dieser Hinsicht ist es spannend, darauf einzugehen, was während der Planungsphase von CIVIL WAR hinter den Kulissen geschehen ist: Es kam zu Spannungen zwischen der Gruppe rund um Marvel-Entertainment-CEO Ike Perlmutter und Marvel-Studios-Präsident Kevin Feige. Unter anderem über das Budget des Films und darüber, ob Tony Stark/Iron Man überhaupt im Film vorkommen soll. Die Branchenportale waren voll davon, letztlich hat Konzernmutter Disney entschieden, dass die Marvel Studios nicht weiter direkt Perlmutter unterstellt sind. Manche Seiten beschrieben es so, dass Feige „Marvel Studios von Perlmutters Einfluss befreit hat“. Welchen Einfluss hatte diese ganze Situation auf deine Arbeit?

 

Das Ganze ist eine sehr spannende Hinter-den-Kulissen-Geschichte. Im Grunde lief es wie folgt ab: Wir haben Kevin erläutert, was uns mit CIVIL WAR vorschwebt. Kevin mochte unseren Pitch. Doch es gab Widerrede von Ikes Seite des Unternehmens, die unserer Vorstellung des Filmes nicht zustimmen wollte. Und, ja, das führte zu einem Konflikt innerhalb von Marvel, den schlussendlich Disney lösen musste. Daher war dieses Thema für uns durchaus eine Zeit lang ein Hindernis, weil es unseren Entwicklungsprozess erschwert hat. Aber du musst wissen, dass Kevin das stets sehr gut zu handhaben wusste. Er war praktisch der Mittelsmann zwischen uns und der New Yorker Marvel-Crew rund um Ike. Deswegen musste er sich deutlich mehr mit dieser Sache herumschlagen, während wir nur selten damit zu tun hatten. Aber nun ist der Prozess wesentlich einfacher geworden, denn Kevin muss nicht weiter Ikes Segen einholen.

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Joss Whedon war nach seinem zweiten AVENGERS-Film, freundlich gesagt, völlig erschöpft. Ihr habt nun bereits zwei CAPTAIN AMERICA-Filme inszeniert und dreht bald beide Teile von AVENGERS: INFINITY WAR. Wie stellt ihr sicher, dass ihr von dieser Maschinerie nicht niedergewalzt werdet?

 

Es ist sehr, sehr schwer, das stimmt. Aber das Gute ist: Es gibt ja zwei von uns. Außerdem haben wir eine riesige Passion für das Material. Wir fühlen uns als Geschichtenerzähler wohl, da wo wir sind. Die Arbeit für Marvel gehört zu den spaßigsten unserer Karriere. Es ist die Leidenschaft für das, was wir kreieren können, die uns antreibt, und wir sind wahnsinnig glücklich, dass wir THE FIRST AVENGER: CIVIL WAR drehen durften. Wir sind stolz auf den Film, und wir wollen das mit AVENGERS: INFINITY WAR fortsetzen. Wir wollen die Geschichte wieder in unerwartete Gefilde steuern, die das Publikum und uns selbst überraschen. Wir möchten austesten, was man mit diesen Filmen alles machen kann. Das ist unser erklärtes Ziel, und wir haben Zuversicht, dass wir dazu in der richtigen Verfassung sind.

 

Stimmen die Berichte, dass beide Teile von AVENGERS: INFINITY WAR in einem Rutsch gedreht werden?

 

Ja, es wird ein einzelner, langer Dreh. Wobei das etwas missverständlich ist, weil es suggeriert, dass es ein langer Film ist, den wir in zwei Hälften herausbringen. Dem ist nicht so. Es sind zwei unterschiedliche Filme, und der Grund dafür, dass wir diese beiden Filme am Stück drehen, ist, dass es sehr kompliziert ist, dieses Cast zu koordinieren. Bei diesen Filmen ist es so, dass du die gesamte Produktion um die Verfügbarkeit deiner Darsteller herumplanst. Das ist ein sehr vertrackter Prozess. Aber das ist der Deal, den du machst, um diese Filme zu verwirklichen zu können. Es ist nicht der ideale Weg, um Filme zu machen, aber man gewöhnt sich dran. Man muss etwas Extraarbeit leisten, doch das ist nur gerecht, denn dafür bekommst du dieses unglaubliche Cast. In INFINITY WAR haben wir diesen Auflauf an Filmstars, und für Marvel ist es viel ökonomischer, wenn wir für beide Teile zusammen einen langen Drehtermin blocken, an dem die Darsteller zur Verfügung stehen sollten.

 

INTERVIEWS GEFÜHRT VON ANTJE WESSELS